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Die Kinder von Finkenrode

Wilhelm Raabe: Die Kinder von Finkenrode - Kapitel 9
Quellenangabe
typefiction
authorWilhelm Raabe
titleDie Kinder von Finkenrode
publisherVerlagsanstalt Hermann Klemm
seriesSämtliche Werke
volumeZweite Serie Band 2
printrunDreizehntes bis Siebzehntes Tausend
year
correctorreuters@abc.de
secondcorrectorgerd.bouillon@t-online.de
senderwww.gaga.net
created20080920
modified20181018
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8

Mehr als acht Tage sind seit meiner Ankunft in Finkenrode verflossen. Auf den Dächern liegt Schnee, Schnee liegt in den Gassen, und weiß verschleiert schauen auf allen Seiten die Berge nach der alten Stadt hinüber; – es schneit, und die Abenddämmerung schleicht sich mehr und mehr in das Gemach ein, in welchem ich sitze. Es ist das Studierzimmer meines Oheims, und es liegt und steht darin fast alles noch ganz so, wie der Tote es verlassen hat. Vor mir auf dem Tisch liegt der zuletzt von ihm aus dem Fach herabgenommene Band des Sophokles neben dem großen eisernen Tintenfasse, zwischen den abgeschriebenen Federn und den Papierblättern mit gelehrten Notizen. Die Pfeife des Alten lehnt in der Fensterbrüstung, der Krückstock neben der Tür. Das hohe weite Zimmer ist ringsumher mit Büchergestellen, die Wände entlang, umgeben, bis an die Decke vollgepfropft mit Tausenden von Bänden, von allen möglichen Formaten. Die Fenster sind halberblindet und ohne Vorhänge; über dem Sofa hängt das Bildnis einer schönen Frau, welche ein Kind auf dem Arm trägt – ihr weißes Gewand schimmert noch matt durch die Dämmerung. Die Fenster des Gemaches gehen auf einen verwilderten Garten hinaus, und man hat sonst von ihnen aus eine weite Aussicht über den Fluß, der jetzt seine Eisschollen zum Schwindelmachen fort und fort hinter- und nebeneinander hertreibt, – bis tief in die Berge hinein. Heute aber läßt das wirbelnde Schneegestöber kaum die nächsten Gegenstände erkennen. – Die kahlen Zweige der Bäume werden vom Sturm hin und her gerissen – und nur eine Krähenschar, welche sich in der Luft umhertreibt, scheint sich in diesem Wetter wohl und behaglich zu fühlen. –

Außer mir – wenn ich die unzähligen Ratten und Mäuse beiseite lasse – gibt es noch zwei lebende Wesen in den weiten Räumen des Hauses Bösenberg. Ein uraltes, gebücktes, verschrumpftes Weiblein ist plötzlich aufgetaucht aus einem finstern Winkel des Hauses, wie die Hexe im Märchen. Sie hat bei meinem Einzuge in die Hallen meiner Vorfahren einen Knicks gemacht, hat mir die Hand gegeben und gesagt: sie sei die Renate, und habe meinen Vater auf dem Arm getragen, meinen Oheim und mich auch, sie habe meiner Mutter zu ihrem Brautkranz das Myrtenstöckel aufgezogen, und habe die selige Frau Agathe zu Grabe tragen sehen, und das Kindlein Frieda, und den Herrn Oheim zuletzt. Dann hat sie mir verkündet, ich müsse heiraten, und wir sind ganz gute Freunde geworden, obgleich ich mich eigentlich vor der Alten fürchte. Noch unheimlicher aber als die Jungfer Renate ist der zweite Bewohner des Hauses! Es ist ein bejahrter, struppiger Rabe, welcher mir gleich in der ersten Nacht, die ich in dem Hause meines Oheims zubrachte, einen tollen Schreck einjagte, indem er gegen Mitternacht im Zimmer umherschritt, geisterhafte Töne hervorbrachte, dann auf den Bettrand sprang, an der Decke zerrte, und schnarrend im klassischsten Latein sagte:

»Gedenke zu lieben! Gedenke geliebt zu werden!«

Ich hatte das Tier noch nicht zu Gesicht bekommen, da es den Tag über, verscheucht durch den ungewohnten Lärm, in irgendeinem finstern Unterschlupf gebrütet haben mußte, und fing an, das Hereinragen der Geisterwelt in die unsrige für ein Faktum zu halten. – Mit einem Satz sprang ich aus dem Bett – zündete Licht an und beleuchtete den Spuk.

»Χαιρε Ἀγαϑη!« sagte der schwarze Bursche.

Agathe hieß die Gemahlin meines Onkels, meine Tante – und tief bewegt starrte ich den Raben an, welcher auf diese seltsame Weise, mitten in der Nacht, mir von den Geheimnissen des Hauses Bösenberg sprach.

»Gruß dir, Agathe!« wiederholte ich leise und fröstelnd; aber der Mensch ist ein schwaches Geschöpf; trotz meiner Rührung trieb ich den sprechenden Vogel zum Tempel hinaus, und seitdem geht er schnarrend um mich herum und wirft mir giftige Seitenblicke zu. –

Ich bin ein Mensch der Bewegung, der frischen Luft, des hellen Lichtes, einerlei, ob das letztere durch Sonnenschein oder Gasflammen hervorgebracht ist. Ein unbehagliches Gefühl prickelnder Unruhe beschleicht mich von Tag zu Tag mehr in den stillen, dumpfigen Räumen meiner jetzigen Wohnung. An diesem Abend mehr als gewöhnlich, denn es peinigt mich auch noch der Wind draußen und in den Schornsteinen. Nichts ist mir widerlicher als dieses unbestimmte Getön, welches zuletzt nicht nur in den Kaminen und Schornsteinen heult und summt, sondern auch in meine Hirnschale eindringt und sie mit allerhand wüsten, unbegreiflichen, unbeschreiblichen Klängen und Bildern füllt, die mich nach Herzenslust quälen und ängstigen, und mich endlich hinaustreiben ins Freie, oder in ein öffentliches Lokal unter eine große Menschenmenge, wo das Geistervolk mich losläßt. Ich sprang auf und schritt hin und her, um mein Blut ein wenig in Bewegung zu bringen; ich versuchte das Trinklied aus Lucrezia Borgia zu pfeifen, aber ich gab es bald auf vor der Vorstellung, wie oft wohl der tote Oheim auf diesen selben Tannenbrettern hin und her geschritten sein mochte und mit welchen finstern Gedanken im Herzen. Ich trat leiser auf, wie ich glaube. Gleich einem unberufenen Eindringling erschien ich mir in diesen Räumen, die mein waren, mit denen ich schalten und walten konnte, wie es mir beliebte.

Ich konnte ein Feuer anzünden im Hofe, wie der Lizentiat Pedro Perez und der Barbier Niclas, und mir von der alten Renate alle die gelehrten Tröster aus den Bücherfächern um mich her zureichen lassen, und sie zum Fenster hinaus in die Flammen werfen. Ich konnte diese dunkeln Scheiben putzen lassen, ich konnte mit dem Krückstock des Oheims dem Raben Jakob den Schädel einschlagen; ich konnte – ja, was konnte ich nicht alles, wenn ich nur gewagt hätte, irgend etwas auf andere Weise, als mit der größten Scheu und Vorsicht zu berühren! Da war das Gemach, in welchem mein Vater das Licht der Welt erblickte, da war der dunkle Alkoven, in welchem ich als kleiner, boshafter Schlingel oft genug eingesperrt gesessen und geheult hatte; da waren die leeren Ställe, die weiten, öden Scheuern, in welchen wir unsere tollen Spiele getrieben hatten – – wer kann gegen solche Erinnerungen etwas unternehmen ohne die tiefste Pietät?! . . .

Ich ließ mich abermals in den Lehnstuhl des Oheims nieder, bis mir die Dunkelheit zuletzt unerträglich wurde und ich nach Licht rief.

Der schlürfende Schritt der Renate auf dem Gange draußen, wie sie langsam gegen die Tür herankam, war mir unheimlich; unheimlich war mir das Bild gegenüber, das noch schwach durch die Dämmerung erschien.

»Gottlob!« rief ich unwillkürlich, als die Alte die Tür öffnete und der Schein der Lampe in das dunkele Gemach fiel.

»Das ist ein schlimm Wetter draußen,« sagte Renate, die Lampe auf den Tisch stellend. »Grad solch ein Wetter war es, als die selige Frau heimging – drei Tag, nachdem das Kindlein begraben war.«

Ich warf wieder unwillkürlich einen Blick auf das Bild an der Wand.

»Lebe wohl, Agathe!« krächzte der Rabe auf griechisch und hüpfte hinter der Alten hervor.

»Der Herr hat ihn den fremden Spruch gelehrt! Er ist zu Ehren der seligen Frau, sagen sie.«

»Komm zu mir, Jakob! Nun, schwarzer Kerl?«

»Gedenke zu lieben!« sagte der Rabe auf lateinisch so gehässig als möglich und ging langsam mit der Alten nach der Tür zurück. Ich war wieder allein und versuchte in der vor mir aufgeschlagenen Antigone des Atheners zu lesen, aber vergebens. Zwischen den Blättern des Buches rieselten noch die verlorenen Körner aus der Schnupftabaksdose meines Oheims. Ich warf den zerlesenen Band auf den Stoß der neuesten Nummern des Kamäleons, welche mir Weitenweber unter Kreuzband zugesandt hatte. Verstimmt an Leib und Seele ergriff ich die Feder, um einen Brief an den langen Redakteur, welchen ich begonnen hatte, fortzusetzen. Und in der Erzählung meiner Finkenrodener Erlebnisse bis zum vergangenen Tage gelangt, nahm ich den Faden meiner Erzählung wieder auf, wie folgt:

– »Sidonie saß in ihrem Schmollwinkel und sagte nichts. ›Geh, wohin du willst, ich werde meine Pfeifen reinigen,‹ ließ sich der Hauptmann Fasterling vernehmen. Der Spiritus domesticus guckte in die Tür und ließ den Seifengeruch einer großen Wäsche hinein. Ein Duft grenzenloser Langweiligkeit schwebte über der Stadt Finkenrode im allgemeinen und dem Haus Fasterling im besonderen, und ich nahm meinen Hut, machte meine zwei Verbeugungen und ging, – Visiten zu machen, Weitenweber! Vor der Tür des Hauptmanns stehend, überlegte ich – und segelte mit dem Winde. Dieser trieb mich quer über den Marktplatz auf ein sehr anständiges Gebäude zu, vor welchem natürlich auch zwei entlaubte, kümmerliche Akazienbäume stehen. Hier wohnte der Syndikus Mümmler, der Vater des schönsten Mädchens in Finkenrode; denn »schön« kann ich mein Bäschen Sidonie nicht nennen, was Mietze auch darüber sagen mag! –

Ich drückte die Haustür auf mit dem Wunsche, daß sich das Bäslein der letztgenannten jungen Dame ein wenig rümpfen möge, daß sich die hübschen, dunkeln Augenbraunen ein klein wenig zusammenziehen möchten. Meine Narrenkappe gegen alle Professorenbaretts der Welt, nachgeguckt hatte sie mir wenigstens nach dem Privatissimum, welches ich ihr über Schauspielkunst und Spiritusfabrikation im allgemeinen und speziellen gehalten hatte, ehe der Herr Vater von seinem Spaziergang zurückkam.

»Der Herr Syndikus zu Haus, Jungfrau?« fragte ich das weibliche Wesen, welches mir auf der feuchtdampfenden Hausflur entgegentrat.

Die Nymphe trug einen Haarbesen in der rechten, eine Kleiderbürste und ein mir unbekanntes Geschirr, halb Topf halb Napf, in der linken Hand. Sie starrte mich einige Augenblicke verwundert an, murmelte etwas, lehnte den Besen an die Wand, setzte die Amphora zu meinen Füßen nieder und klapperte, die Bürste in der Hand behaltend, die Treppe in zwei niedergetretenen Pantoffeln künstlich genug hinauf. Nichts hielt mich ab, ihr zu folgen, und ich tat dieses in der festen Voraussicht, zu – stören!

Achtzehn Treppenstufen zählte ich im Hinaufsteigen, die neunzehnte führte mich auf einen Vorplatz, bedeckt mit zusammengestellten Tischen, aufgehäuften Stühlen, zusammengerollten Teppichen, abgenommenen Bildern und dergleichen mehr, in dem Augenblick, wo die Dienerin durch eine Tür verschwand, hinter welcher ein unbestimmtes Leben durch ein unbestimmtes Tonallerlei sich kund gab, welches aber verstummte, eine halbe Sekunde, nachdem ich Minchen oder Lottchen aus den Augen verloren hatte. Ich wurde gemeldet!

Einen prüfenden Blick warf ich über die mich umgebenden Gegenstände, und hätte für mein Leben gern die Schublade eines kleinen Nähtischchens von Mahagoniholz, das Eigentum der schönen Verena Mümmler, aufgezogen, wenn ich es bei der Kürze der Zeit gewagt hätte. Gingest du mit den Weibern um, Weitenweber, würde ich dir dies letztere keineswegs gemeldet haben; nie wieder würde mich ein irdischer Engel seinen kleinen und kleinsten Geheimnissen allein gegenüber lassen; – wie eine Klapperschlange hatte ich mich durch mein eigenes Klappern verraten! –

Ich stand und schob die Hände in die Taschen, um der Versuchung desto besser zu widerstehen, da erschien der Herr Syndikus in der Tür, im grünen Schlafrock mit roten Quasten; mit dem liebenswürdigsten und lächelndsten Gesicht sich den Magen verderbend an der Verlegenheit und dem Ärger über den Besuch zur ungelegenen Zeit.

»Ah, mein bester Herr Bösenberg, wie haben wir Sie schon erwartet! Bitte, bitte, treten Sie ein!«

Ich murmelte etwas und schritt mit dem Beamten durch zwei ausgeräumte Zimmer, in ein noch ziemlich bewohnbares, aus welchem soeben ein Flattern unbestimmter Gewänder verschwand, jedoch nicht ohne daß die eilig geschlossene Tür einen weißen Zipfel festklemmte. Als höflicher Mann sprang ich natürlich sogleich vor, um Hilfe zu bringen, doch blitzschnell verschwand das Phänomen, ehe ich den Raum des Gemaches durchmessen hatte.

Lächelnd wandte ich mich nun an den Hausherrn, welcher etwas nach schlechtem Knaster roch, streckte ihm beide Hände entgegen und sagte: »In der Tat, Herr Syndikus, ich freue mich sehr, Ihre werte Bekanntschaft zu machen; ebenso die Ihrer Damen! Darf ich fragen, wie sich dieselben befinden? Ich habe doch nicht gestört?«

»O durchaus nicht! – im Gegenteil – sehr angenehm!« stammelte der Syndikus und wies auf das Sofa, auf welchem ein abgegriffener Band der Werke der Luise Mühlbach neben einem feuchten Taschentuch lag. Mit einem Blick auf die Brustbilder der Hausfrau und des Hausherrn, die mir gegenüberhingen und wie die zu Protokoll gegebene Nüchternheit aus ihren Rahmen gafften, setzte ich mich.

»Sie sind schon länger in unserer Stadt?« fragte der Syndikus, der das ganz genau angeben konnte.

»Einige Tage. Geschäfte aller Art, wie Sie sich vorstellen können, haben mich verhindert, Ihnen früher meinen Besuch abzustatten.«

»Bedeutende Erbschaft, he?« lächelte der Gute, jagte die Daumen hintereinander her und warf schüchterne Blicke nach der Tür, hinter welcher die weiblichen Mitglieder seiner Familie verschwunden waren. Seiner Meinung nach war in den zwanzig Jahren meiner Abwesenheit nicht viel Neues in Finkenrode geschehen. Wir schwiegen uns bereits eine geraume Weile an, als in sorgsamer Morgentoilette die Herrin des Hauses und die schöne Verena wie ein Komet und ein Stern am Horizonte unserer Unterhaltung aufgingen, worauf das letzte Viertel von Lebendigkeit von dem Mondgesicht des Syndikus verschwand. Was nun gesprochen wurde, hielt sich in den strengsten Grenzen sinnigen Anstandes und interessiert dich nicht, Weitenweber. Die schöne Verena erfreut sich jener stupiden Apathie, die man, sie von der Ferne betrachtend, klassische Ruhe nennt. Das Interessanteste war mein Abmarsch, bei welchem der Herr Syndikus Mümmler über einen nassen Scheuerlappen stolperte und jammervoll die Treppe hinabgestürzt wäre, wenn ihm nicht die deutsche Literatur eine rettende Hand geboten hätte.

Im Vorbeigehen rief ich nun ein fröhliches »Guten Morgen!« in eine wimmelnd-lebendige Kinderstube und bekam einen deutschen Händedruck von der Frau Doktorin Luise Gundermann. Behaglich erfrischt schritt ich weiter mit der festen Überzeugung, die lustigste Wirtschaft zu Finkenrode gesehen zu haben, und probierte noch manche Sofaecke während der folgenden Stunden. Sinnig naiv trat ich unter das Völklein von Finkenrode und ließ es die Revue passieren: Liebenswürdige, Eitle, Empfindliche, Sentimentale, Muntere, Mürrische, Gutherzige, Spitzfindige, Enthusiasten, Gleichgültige, Steckenpferdereiter. Allen gewährte ich den erhebenden Anblick einer tadellosen Krawatte, und so weiter. Gelangen doch, teuerster Freund, bei solchen Gelegenheiten die fünf praedicabilia der scholastischen Logik vollständig wieder zu ihrem Recht, wie folgt:

genus – der schwarze Frack,

species – die weiße Halsbinde,

differentia – die weiße Weste,

proprium – die weißen Handschuh,

accidens – das Geschöpf Gottes, welches in den vorigen steckt, und dessen Beschaffenheit ziemlich gleichgültig ist, wenn nur die vier ersten Punkte gehörig im Stande sind.

Gegen zwei Uhr belehrte mich ein nicht zu bezwingendes Gähnen, daß meine Lebensgeister erschöpft seien. Ich hatte mancherlei erfahren und wenig gesagt! Der letzte Besuch führte mich vor die Stadt zu der Oberpfarre, wo ich dem Pastor Primarius Wachtel und seiner Familie meine Aufwartung zu machen hatte.

Die Oberpfarre liegt so idyllisch, wie nur jemals ein Pastorenhaus in einem Gedicht gelegen hat, auf einer kleinen Anhöhe, rings umgeben von einer ziemlich hohen Mauer, über welche gewaltige, heute freilich entblätterte Nußbäume und Lindenbäume ragen und durch welche ein weites Einfahrtstor führt. Zum letztenmal an diesem vielbewegten Morgen zog ich die Manschetten hervor, zupfte ich die Krawatte zurecht. Das Geklapper zweier Dreschflegel erschallte im anmutigen, herzerfrischenden Takt aus einer niederen Tenne, und hunderte von Spatzen erhoben sich zwitschernd von dem Düngerhaufen, als ich in den Hof eintrat. Hühner, Gänse, Enten und zwei Fräulein Wachtel nahmen nach verschiedenen Seiten hin die Flucht. Letztere retteten sich in das Haus, den Alarmruf aufgescheuchter Weiblichkeit ausstoßend. Hinter den untern Fenstern des Gebäudes erschienen einige Gesichter, und ich erreichte ungehindert die Tür des geistlichen und gastlichen Hauses.

Glänzend, rot, und rundbackig, wohltuend beleibt, trat mir der ehrwürdige Herr, die lange Pfeife in der Hand, entgegen, begrüßte mich mit möglichster Offenheit und Herzlichkeit und schritt mir krebsartig rückwärts voran, hinein ins Zimmer.

Du weißt, Weitenweber, daß es uns vom Kamäleon wie so mancher anderen Redaktion geht: Man schreit uns aus als eine bissige, stänkerhafte, Leib und Seele verschachernde Judenbande. Obgleich nun unser Freund vom Halbmond recht gut weiß, daß der Herr Theobul Weitenweber durchaus nicht die Ehre hat, dem Volke Gottes anzugehören, so macht er es doch den Pastor Primarius Wachtel glauben, und der Pastor Primarius Wachtel glaubt es auch. Wir waren noch mit den herkömmlichen Worten und Werken der Höflichkeit beschäftigt, als sich auf einmal der Oberpfarrer krampfhaft auf einem Stuhl niederließ, um einige umfangreiche Zeitungsblätter meinen Augen zu verdecken; – der wackere, vortreffliche Mann!

»Ist es nicht seltsam,« begann ich, »daß ich, der Zeitungsschreiber, mich von Ihnen, geehrtester Herr, belehren lassen müßte, wenn ich mich in Hinsicht auf die neuesten Weltbegebenheiten au fait setzen wollte? Ich habe es mir während meines Aufenthaltes auf dem Lande zum Prinzip gemacht, nie eine frische Zeitung in die Hand zu nehmen. Der Geruch der Druckerschwärze und des feuchten Papiers fällt mir zu beängstigend auf die Brust, affiziert allzu sehr meine Nerven.«

Der Pfarrherr machte sich so breit als möglich auf dem Halbmonde, breitete seine Rockflügel aus, und ein Lächeln erschien auf seinen Lippen, durch welches er einen Blick von mir nach dem Blatte, auf welchem er saß, parieren wollte.

»Ah!« rief ich, auf die Vignette des uns so freundlich zugetanen Blattes, welches zwischen den Schenkeln Seiner Hochehrwürden verräterisch und heimtückisch vorlugte, zeigend – »ah, wie ich sehe, halten auch Sie, Herr Pastor, den Halbmond! Sehr tüchtiges Blatt – viel Gesinnung – sehr respektables Blatt, bis auf die Halluzination meines geehrten Freundes, des Redakteurs, mich und den Doktor Weitenweber für Israeliten zu halten. – Ehe ich es vergesse, Herr Pastor, was macht die Schweinezucht in dieser Gegend? Der Herr, welcher die statistische Kolumne unsrer Zeitung besorgt, hat mich beauftragt, ihm eingehende Notizen darüber zukommen zu lassen. Auch wir widmen uns mit Eifer und Freude diesen materiellen Fragen der Zeit.«

»Da ist meine Frau!« rief aufatmend der Pfarrherr, wie ein begnadigter Verdammter, der in dem Pechsee des achten Gesanges der Danteschen Hölle gesteckt hat. Widerstrebend ließ ich mein Opfer fahren und erhob mich mit einer demütigen Verbeugung, während welcher der Oberprediger schleunigst den Halbmond beiseite schaffte.

»Eine große Ehre und Freude ist es mir, Sie bei uns zu sehen,« sagte die eintretende Seelenhirtin, welche noch recht gut in einem Schäferstück Bouchers oder Watteaus hätte figurieren können. »Meine Töchter werden sogleich erscheinen, Herr Bösenberg!«

Die Seelenhirtin macht Anspruch darauf, selbst eine schöne Seele zu sein, und ich legte daher das dieser Voraussetzung entsprechende Gesicht an –

»Meine Töchter!« sagte der Pfarrherr.

Bei den Charitinnen, da waren sie! Ida, Adeline und Selinde Wachtel! Bei der Mutter der Grazien, Eurynome, – bei dem Papa Jupiter, Weitenweber, – wir sprachen wieder nichts von Bedeutung!«

Ich legte die Feder nieder, starrte einige Minuten in die Flamme meiner Lampe, legte den Kopf in beide Hände und sagte leise:

»Cäcilie Willbrand!«

Welche wunderbare, psychologische Rätsel kann uns doch in jedem Augenblick die Sphinx, welche in unserm Innern kauert, aufgeben!

Da standen meine Schriftzüge auf dem Briefpapier; – Wort auf Wort war aus der Feder geflossen, ohne daß ich aufgeblickt hätte. Satz an Satz, Torheit an Torheit hatte ich aufgereiht; wer aber hätte aus diesem Wirrwarr herausgelesen, daß der eben erwähnte Name oder vielmehr Gedanke: Cäcilie Willbrand – sich um jeden sich formenden Buchstaben geschlungen hatte?

Und doch war es so!

Sidonie Fasterling hatte mir die Trägerin des Namens bereits wieder wachgerufen in der Erinnerung; aus den Fenstern der Oberpfarre erblickt man, jenseits des Weges, inmitten von Bäumen und Gebüsch, ein niedriges Dach, aus dem ein feiner, blauer Rauch emporkräuselte, als ich am Fenster des geistlichen Hauses saß. Dort wohnte Cäcilie Willbrand, meine Jugendgespielin, mit ihrer alten Mutter. – Ich klopfte an ihre Tür – sie öffnete sich – ich sah Cäcilie wieder nach zwanzigjähriger Vergessenheit. Träumerisch war ich in mein düsteres Haus zurückgekehrt, und jetzt – schloß ich meinen Brief an Weitenweber, ohne den Namen Cäcilie Willbrand niedergeschrieben zu haben.

————————

Es waren einmal zwei Menschenkinder, die hatten einander sehr lieb. Sie hatten auch miteinander gespielt und waren zusammen aufgewachsen, und als sie einmal an einem wunderschönen Maiabend in die untergehende Sonne sahen, versprachen sie sich zu heiraten, wie es auch kommen möge. Ach, sie wußten nicht, daß schon vor hundert Jahren ein Lied gesungen ist, welches anhebt:

Das Kraut Jelängerjelieber
An manchem Ende blüht,
Bringt oft ein heimlich Fieber,
Wer sich nicht dafür hüt't. –

Wie manche traurige Minute, wie manche Stunde des Sehnens, wie mancher lange Tag, wie manches lange, lange Jahr reiheten sich an jene seligen Augenblicke, wo sie durch die Tränen in ihren Augen in die goldene Glut im Westen blickten, nachdem sie all das bunte Spielzeug ihrer Herzen ausgeschüttet hatten! Armer Friedrich Willbrand, arme Agnes Bremer!

Die kleine Stadt Finkenrode, in welcher jeder den andern kennt, kannte auch bald diese Liebe und lächelte und schwatzte darüber nach Gewohnheit und Recht. Die beiden Liebenden waren in der Stadt geboren und aufgewachsen, Agnes war nicht über die nächsten Berge, Fritz nicht über fünf Meilen im Umkreis hinausgekommen; die Stadt Finkenrode hatte das Recht, auf Agnes und Fritz zu achten und beide jede Woche mehreremal vor die Wohlfahrts-Ausschüsse ihrer Kaffee- und Teegesellschaften zu fordern. Die Herren und Damen von den verschiedenen Gerichtsbehörden kannten »die alte Liebe«; die Herren und Damen von der Steuer, der Kirche und der Forstverwaltung kannten sie; die Herren und Damen vom löblichen Kaufmannsstande gaben sie am liebsten jeder Zuckertüte, jedem Hering zu. O die alte, alte Liebe!

Es waren zwei arme, schüchterne Kinder, und die geringste harte Berührung von außen zwang sie, sich in die tiefste Dämmerung und Einsamkeit zurückzuziehen. Sie bauten sich allmählich ihre eigene Welt auf, welche mit der wirklichen wenig gemein hatte. Sie hatten ja Zeit dazu in den langen Jahren voll Ringens und Kämpfens, aber auch voll ungetrübter Seligkeit und wehmütigen, süßen Sehnens! Ihre Eltern waren tot, allgemach zogen die Verlobten sich auch von ihren Bekannten und Gespielen zurück. Abend auf Abend saßen sie zusammen, die Hände ineinandergelegt; aus dem so fröhlich aufklingenden »Bald« ihrer Unterhaltung war schon lange das trübe »Einst« geworden, und das rührend resignierte »Es war einmal« der Kindermärchen glitt auch bereits in die halben Worte, welche sie einander zuflüsterten.

Und die Jahre kamen und gingen; – da hielt einmal an einem ersten Advent der Stadtpastor Wendehals eine lange, einschläfernde Predigt, welche seine andächtige Gemeinde auch richtig in den süßesten Schlummer eingewiegt hatte. Plötzlich aber fuhren alle Köpfe in die Höhe, alle Augen und Ohren öffneten sich. Der ehrwürdige Herr hatte seine Rede geschlossen, räusperte sich aber von neuem und sprach weiter:

»Ferner sind gewillet, in den Stand der heiligen Ehe zu treten, der Bürger und Gerichtsschreiber Friedrich Otto Willbrand, ehelicher Sohn des weiland Bürgers und Steueraufsehers August Friedrich Willbrand, und Jungfrau Agnes Maria Bremer, eheliche Tochter des weiland Bürgers und Armenschullehrers Traugott Werner Bremer hieselbst!

Der Herr erhebe sein Angesicht über uns und gebe uns seinen Frieden – Amen!«

Ein Rauschen, ein Flüstern, ein verwirrtes Getöse verschlang den Friedenswunsch des geistlichen Herrn.

»Ah, wer hätte das gedacht?!« – – –

In dem kleinen Häuschen der Oberpfarre gegenüber wohnte vor langen Jahren eine alte kinderlose Dame mit einer ebenso bejahrten Magd. Sie war die Witwe eines bei Ligny gefallenen Majors und galt für sehr reich in der Stadt Finkenrode. Selten kam sie über die grüne Umzäunung ihres kleinen Reiches hinaus; nur an den Sonn- und Festtagen besuchte sie regelmäßig die Kirche, nach welchem Ereignis man jedesmal einen, vermittelst einer alten Zahnbürste sehr blank geputzten Taler in der Armenbüchse fand, stets das einzige Exemplar in derselben, welches daher auch in der ganzen Stadt Finkenrode »der Taler der Frau Majorin« hieß und dazu diente, die Meinungen und Vermutungen über die Reichtümer der guten alten Dame ins Fabelhafteste hinaufzuschrauben. Der einzige, welcher darüber Genaueres wissen konnte, schwieg. Es war ein greiser, stelzbeiniger Feldwebel, welcher in dem Regimente des Majors gedient und ebenfalls in Finkenrode sein letztes Quartier aufgeschlagen hatte. Dieser war auch der einzige Besucher der Frau Majorin; dieser und die alte Magd trugen ihr die Neuigkeiten der Außenwelt zu; und Eichhorn, der Feldwebel, war es, der eines Morgens, in seiner besten Uniform, mit seinen drei Medaillen vor der Brust und einer Träne an den grauen Augenwimpern, auf dem Stadtgerichte von Finkenrode erschien und das Testament der alten Dame hier niederlegte. Die alte Dame selbst aber lag in ihrer kleinen, stillen, reinlichen Kammer, in welche der Weinstock so hübsch hineinrankte, in ihrem schwarzen seidenen Kleide, auf ihrem Lager lang ausgestreckt zur ewigen Ruhe. Eine Rose hielt sie zwischen den gefalteten Händen, und ein friedliches Lächeln spielte um ihren geschlossenen Mund.

In gebührender Form, nach römischem Recht, wurde das Testament an einem dazu festgesetzten Tage feierlich geöffnet, und der Invalide Eichhorn stand dabei, beide Hände auf seinen Stock gestützt, und nickte zu jedem Satze der Vorlesung beifällig mit dem Kopfe; während der Richter daran dachte, was für eine erstaunliche Neuigkeit er seiner Gemahlin nach Haus bringen werde. Fritz Willbrand und Agnes Bremer, mit denen die alte Dame nie ein Wort gesprochen hatte, – waren zu Universalerben des kleinen Vermögens und des grünen Gartenhäuschens am Rande von Finkenrode eingesetzt und knieten schon nach einer Stunde mit herzlichen Dankestränen an dem Grabhügel der Frau Majorin auf dem Stadtkirchhofe. Nach einem fünfzehnjährigen Brautstand winkte ihnen das Schicksal zu dem Bescherungstisch einer stillen, glücklichen Ehe, die sie ein Jahr nach dem Tode der alten Dame eingingen. Eichhorn, der Feldwebel, spielte gebührenderweise den Brautvater, mit einem Blumenstrauß auf der Brust über dem eisernen Kreuz. Aus einem Hausfreunde der Frau Majorin ward er ein Hausfreund der Familie Willbrand und ein Pate der kleinen Cäcilie, welche im nächsten Jahr geboren wurde in dem grünen Gartenhäuschen vor dem Burgtore der Stadt Finkenrode, und welche eine schöne bunte Tüte voll Zuckerwaren einem kleinen kecken Burschen, der verwundert in ihre Wiege lugte und Max Bösenberg genannt wurde, mitbrachte, – – –

Mitternacht! – Was würde Weitenweber zu der Stimmung gesagt haben, in welcher ich mich befand?!

Mit erneueter Macht hatte der Wind sein wüstes Treiben draußen aufgenommen. Die losen Scheiben in den Fenstern klirrten – die Vorhänge schüttelten Wolken von Staub aus ihren Falten. Die Tür hinter mir sprang auf einmal aus dem Schloß; ich ging fröstelnd, mit scheuen Schritten, sie wieder zu schließen. Ich warf neues Holz in den Ofen und wühlte die Kohlen zu hellerer Flamme auf –

Cäcilie Willbrand.

 
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