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Die Kinder von Finkenrode

Wilhelm Raabe: Die Kinder von Finkenrode - Kapitel 8
Quellenangabe
typefiction
authorWilhelm Raabe
titleDie Kinder von Finkenrode
publisherVerlagsanstalt Hermann Klemm
seriesSämtliche Werke
volumeZweite Serie Band 2
printrunDreizehntes bis Siebzehntes Tausend
year
correctorreuters@abc.de
secondcorrectorgerd.bouillon@t-online.de
senderwww.gaga.net
created20080920
modified20181018
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7

»Hast du sie gesehen? Was hat sie gesagt? was hat er gesagt?« schrie der Schauspieler und Spiritusfabrikant Alexander Mietze, fünf Minuten nach meiner Rückkehr in mein Zimmer im goldenen Weinfaß stürzend.

Ich nahm ein möglichst ernstes Gesicht an, warf einen langen, prüfenden Blick auf meinen Freund, schritt langsam um ihn herum, ihn von allen Seiten, von Kopf bis zu den Füßen musternd, und sagte dann mit einer Grabesstimme:

»Ich begreife nicht, wie sie bei der Nennung deines verehrten Namens durch mich hat gähnen können!«

»Sei kein Narr, Max!«

»Durchaus nicht. Er hat mich ersucht, bei der nächsten Gelegenheit einen Zank mit dir anzufangen und dir auf die sanfteste Weise von der Welt eine Kugel in deinen liebesiechen Busen zu plazieren.«

»Du bist verrückt!«

»Keineswegs, o du dämonischer Jüngling – totus mundus exercet histrioniam, du und ich wissen etwas davon: glaube mir, Alexander Mietze, Fräulein Sidonie Fasterling – beiläufig gesagt, ein allerliebstes Kind – ich schwärme für die Farbe ihrer Haare! – Fräulein Sidonie Fasterling schlägt uns alle! Ich wollte, Weitenweber wäre hier, – es wäre ein Gaudium, die beiden zusammenzubringen; aber der Vortreffliche sitzt jetzt ruhig im Künstlerklub, die Beruhigungsmütze der Selbstsucht über die Ohren gezogen, teilnahmslos für alle zarteren Klänge des Lebens, ein langbeiniges, mageres Bild verhärteter, grausamlicher Kritik, ein graugekleidetes Noli me tangere« –

»Was geht mich Weitenweber an! – ah Sidonie! So rede doch – du hast sie gesehen, hast mit ihr gesprochen« –

»Ich habe einmal gesehen, wie ein Schauspieler im rührendsten Pathos auf eine Versenkung geriet, welche ihn urplötzlich, unvermutet, blitzschnell, unter allgemeinem Jubel unsern Blicken entzog, hüte dich, daß« –

»Es ist mit dir heute nichts, anzufangen, Bösenberg! Komm mit hinunter, ich will dich der Finkenrodener Gesellschaft männlichen Geschlechts vorstellen – du kannst dein Notizbuch bereichern. Gundermann hat schon nach dir gefragt.«

»Bravo! Bravo! Das ist vortrefflich:

Andiam, andiam mio bene
A ristorar le pene
D'un innocente amor
« –

»Du bist von je ein Narr gewesen und wirst auch wohl einer bleiben bis an dein seliges Ende.«

»Holla, denk an den Auftrag deines Schwiegervaters in spe!«

»Bah!« . . .

Im Erdgeschoß des goldenen Weinfasses befinden sich zwei ziemlich geräumige Gemächer, welche aneinander grenzen und durch eine Tür verbunden sind. Die Fenster des einen Zimmers schauen auf die Straße, die des andern auf den Hofraum des Gasthauses. Hier versammelt sich allabendlich eine Gesellschaft, welche dem Besucher der Konditoreien und Kaffeehäuser großer Städte viel des Neuen und Merkwürdigen zu bieten hat.

Die Fliegenden Blätter, die Augsburger Allgemeine, die Leipziger illustrierte Zeitung, der Halbmond und das Kamäleon sind hier zu finden. Vier Dominospiele, zwei Schachbretter mit etwas desolaten Figuren, und das, was die Stadt Finkerode an ältern und jüngern »Herren« aufzuweisen hat, bilden die Basis dieses gemütlichen Institutes. Die älteren Leute haben das vordere Zimmer im Besitz, die jüngere Generation haust in dem hinteren Raume – begeistert für den Fortschritt, für juristische Fragen, lokale Stänkereien, Remonteangelegenheiten, Bier, Grog und das weibliche Geschlecht. Sind die Zeitungen und illustrierten Blätter gelesen und zerlesen, so werden sie von den Materiellen der Gesellschaft zu Fidibus, von den Spiritualisten zu Gedächtnisfetzen zerschnitten. Im Rat der Alten präsidiert der Landrat Tendler, im Zimmer der goldenen Jugend der Landphysikus Dr. Gundermann.

Als ich mit dem Schauspieler in diese heiligen Hallen, über deren Eingangstür das Wort »Abonniert!« den Ungeweiheten, den Exoteren abschreckte, eintrat, war die Gesellschaft noch sehr schwach vertreten, welches mir um so lieber war, da ich um so ungestörter dem alten ehrlichen Burschen, dem Gundermann, mein Behagen an unserm Wiedertreffen kundgeben konnte; wir wurden bald genug durch die allgemach erscheinenden Klubmitglieder gestört.

»Trinke so bald als möglich Rum mit Tee bei mir,« sagte der Doktor. »Meine Frau und meine Jungen erwarten dich sehnlichst. Erscheinst du aber in Frack und weißer Weste, wird man dich höflichst ersuchen, dich selbst wieder zur Tür hinauszuwerfen.«

Jetzt wurde ich den meisten Mitgliedern der Gesellschaft vorgestellt; brauche aber die einzelnen Individuen, die in diesen Memoiren nur dies eine Mal auftreten, nicht weiter zu schildern, da sie ein jeder wohl aus eigener Erfahrung kennt. Die Menschheit ist sehr eintönig bei aller Mannigfaltigkeit. Der Pastor Primarius Wachtel wird nie beim Whistspiel à la Voltaire lächeln; der Supernumerar Hänseler mag noch so viel vor seinem Spiegel das Pelhamsche Gesicht studieren, er wird es doch niemals zustande bringen; und die echte Dummheit ist lange nicht so selten, als die echte Blasiertheit. –

Jetzt erschien der Hauptmann Fasterling in der Tür, und mit ihm trat eine riesige Gestalt ein, welcher ein Jagdhund von der Größe eines Kalbes dicht auf den Fersen folgte.

»Holla, – ist das nicht der Forstmeister von Altenbach?« fragte ich Mietze, welcher neben mir stand. Dieser war aber allzusehr in die Betrachtung des Hauptmanns versunken, als daß er meine Fragen hätte beantworten können. Aber schon schaute sich der gigantische Waldmensch überall um.

»Wo ist er? Wo ist der Schwerenöter? Bösenberg! Max, mein Junge, kennet Ihr mich nicht mehr?«

Im nächsten Augenblick war ich von den eisernen Fäusten des gewaltigen Mannes gepackt und in eine urdeutsche Umarmung gezogen, welche ich herzlich erwiderte, obgleich sie mit verschiedenen Unannehmlichkeiten verknüpft war. Wie hätte ich den Forstmeister von Altenbach vergessen können!

»Also wirklich wieder in den alten Bau eingefallen? Dachte schon, Ihr wäret in dem großen, langweiligen Neste auch solch ein Windbeutel und Firlefanz geworden – siehst aber ja noch ganz anständig und menschlich aus. Na, freut mich wirklich, Euch wieder zu sehen, alter Bursch – hahaha, möget auch wohl von Zeit zu Zeit gern einmal an das lustige Försterhaus im Himmelreich gedacht haben! He? Hätten mich auch da sitzen lassen können, hätt' ihnen gern den Forstmeister geschenkt.«

»Es ist mir eine große Freude, Sie so wohl und munter wieder zu sehen, Herr von Altenbach. Ich würde Ihnen in den nächsten Tagen meine Aufwartung gemacht haben« –

»Aufwartung gemacht haben! 's ist doch zum Tollwerden mit den Redensarten!«

»Was macht denn die Hedwig, – Fräulein Hedwig, wollt' ich sagen« –

»Fräulein Hedwig – Fräulein Rohrdommel, wollt ich sagen,« äffte mir der Alte nach – »die Hedwig ist kreuzfidel! Hätt' auch nicht gedacht, daß die noch einmal einen Pfaffen freien würde; aber es ist geschehen und läßt sich nicht mehr ändern. Des Menschen Wille ist sein Himmelreich – deshalb eine Flasche vom Alten, Luise! He, Hauptmann, ob wir den Jungen da wohl noch unter den Tisch trinken könnten? Was macht die Gicht, Alter?«

»Als wir in Frankreich waren, Kamerad, da wußten wir weniger davon als heute. Weißt du wohl noch, wie ich auf dem Vorposten bei Laon der französischen Pastorenköchin den deutschen Walzer beibringen wollte, während der gelehrte, kleine lustige Teufel – hieß er nicht Heidenreich? – ihren Herrn ein Kapitel aus dem alten griechischen Tröster, dem Homerus, den er stets im Tornister mitschleppte, übersetzen ließ? Der alte Sünder von Pfaffe warf seltsame Seitenblicke nach seiner Haushälterin und mir. Mit dem Griechischen war es bei ihm auch nicht weit her, wie es schien.«

»Ja, ja, das waren noch Zeiten!« rief der Jäger mit einem Seufzer und zog einen Stuhl an den Tisch. »Na, und nun sag du mal, Max Bösenberg, was treibst du denn eigentlich in der Welt? Von eurem Wesen hab' ich, aufrichtig gesagt, nicht den geringsten Begriff – wird euch denn alles das, was ihr schmiert, auch bezahlt? Die Forstleute lesen doch eure Bücher nicht, und die Zeitungen kriege ich nur, wenn der Krämer etwas darin eingewickelt hat.«

»Liebster Alter,« sagte ich, »'s ist ein traurig Leben! Sagen Sie, welches Tier halten Sie auf Gottes Erdboden für das geplagteste, elendeste, unglückseligste?«

»Donnerwetter, das wäre zu überlegen!«

Verschiedene Tierarten wurden von allen Seiten namhaft gemacht; aber die Existenz einer jeden hatte ihre guten Seiten, welche der Forstmann jedesmal kopfschüttelnd herausfand. Endlich schlug er mit der geballten Faust gewaltig auf den Tisch, daß die Gläser klirrten und dem Landrat Tendler sich die Perücke verschob. »Ich hab's! Teufel, ich hab's! Der Maulwurf ist das jammerhafteste Geschöpf – blind – keine frische Luft – niedrigste Jagd, und zuletzt gehängt, vergiftet, oder von einem Vagabunden mit einem Knüppel totgeschlagen! – Da hört doch alles auf! Der Maulwurf ist die elendigste Kreatur, die Gott in seinem Zorn erschaffen hat.«

»Nun, ich gestehe zu, daß der Maulwurf ein gar trübseliger Bursch ist; aber hören Sie, alter Waldmann, ein Journalist ist ein noch viel trübseligerer; denn der Maulwurf kennt keine bessere Existenz, als die seinige; der Zeitungsschreiber aber weiß, daß es bessere gibt, oder hat wenigstens eine dumpfe Ahnung von ihrem Vorhandensein. Wie der Maulwurf, lebt auch der Zeitungsschreiber im Dunkeln, wie dem Maulwurf gehen ihm auf der Jagd nach Würmern, Engerlingen, Schnecken, alle Gedanken an den blauen, ewigen Himmel über ihm, alle Gedanken an Weltmeere und Sonnen- und Sternenmeere verloren; wie der Maulwurf weiß er nichts von frischer Luft, und wenn er sich ja einmal ans Licht heraufwühlt, lauert ja, wie der Herr Forstmeister richtig bemerkt, der Mann mit dem Knüppel! Schnappt mal frische Luft bei Redensarten wie – heute sind Seine Durchlaucht der Fürst von Thoren im Hôtel royal abgestiegen – oder, die Cholera macht von Osten her wieder einmal bedenkliche Fortschritte – oder, die deutsche Politik – oder, wir haben über ein neues Ballett zu berichten, welches – oder, die Angelegenheiten Schleswig-Holsteins, – Luise, Luise, eine Flasche Domdechant! Meine Herren! Patrioten, Sonderpatrioten, Freisinnige, Konservative, auf Ihr Wohl! Herr Hauptmann, auf Ihr Wohl! Herr Freund aus dem Walde, Ihr Wohl! Und nun lassen Sie uns ein vernünftiges Wort sprechen: der Herr von Hamster dort macht schon lange ein sehr grimmiges Gesicht. Auf Ihr Wohl, Herr Baron!«

Wir sprachen nun vernünftige Worte: über den zu erwartenden Winter, über die Ernte, über ein- und doppelschürige Wiesen, über die Auswanderung, über den Kometen, und so weiter, und so weiter, als in dem Zimmer der jüngern Welt ein nicht enden wollendes Gelächter unsere Aufmerksamkeit erregte. Der Doktor Gundermann erschien lachend in unserer Mitte.

»Nun, was gibt's da, Doktor?«

»Ah – ah – ah!« lachte Gundermann, »wir suchen wieder einmal das Ideal – finden es aber nicht.«

»Das Ideal in Finkenrode, oha?!« sagte ich leise zu Mietze. »Sollte das hier zu finden sein?«

Der Schauspieler zuckte die Achseln: »Wer weiß!«

»Ist Wallinger da?« erschallte es um uns her, und außer einigen zu sehr vertieften Spielern und phlegmatischen Trinkern sprang alles auf und eilte in das Nebenzimmer.

»Du wirst da eine merkwürdige Bekanntschaft machen, Bösenberg,« sagte der Schauspieler, dem ich auf dem Fuße folgte.

Aus einem dichten Tabaksqualm traten wir in einen dichteren, in welchem die Blüte deutscher Jugend saß und über einen kleinen, gedrückten Mann lachte, welcher in einem Winkel am Tisch kauerte und den Finkenrodenern ein Drama aufführte, welches weder Finkenrode, noch die weite Welt der Mittelmäßigkeit jemals begreifen konnte. Günther Wallinger! O du schöner wunderbarer Schmetterling, entflohen den Händen roher, mutwilliger Schulknaben, schaue herab aus deinen seligen, blauen Höhen auf dieses welkende, verflatternde Erinnerungsblatt, das ich dir widme, und lächle gütig, Günther Wallinger!

.   .   .   .   .   .   .   .   .   .   .

Was erweckte gleich im ersten Augenblicke so mächtig mein Interesse an diesem kleinen Mann, welcher den Finkenrodenern so vielen Spaß machte? Es wäre schwer zu sagen!

Aus einem hagern, gelblichen, pergamentartigen Gesicht leuchteten zwei dunkle, ängstliche Augen ruhelos umher. Eine etwas gekrümmte, dünne Nase neigte sich zu einem festgeschlossenen, feinen, fast lippenlosen Munde herab, um welchen ein unbeschreiblicher Zug, halb Weinen, halb Lachen, spielte. Greises, lockiges Haar hing dem sonderbaren Alten wirr um die Schläfen, doch war es von der hohen Stirn weit zurückgestrichen; der lange, magere Hals war von keiner Binde gedrückt, der gekrümmte Oberkörper war in körperlicher Erschöpfung vorgebeugt. Bekleidet war der kleine Mann mit einem alten, verjährten, blauen Frack, dessen Spitzen fast die Erde berührten; mit schwarzen schlottrigen Beinkleidern und einer abgeschabten, schwarzen Atlasweste. Zwischen seinen Knieen stand in diesem Augenblick sein schadhafter alter Regenschirm und neben ihm sein zerdrückter Hut. Die Hände des Männleins steckten in zerrissenen, weißen, waschledernen Handschuhen, aus denen die magern Fingerspitzen wehmütig hervorsahen.

Man hatte ein dampfendes Glas Punsch vor den Kleinen hingestellt, und er sog den daraus aufsteigenden heißen Duft von Zeit zu Zeit ein, ohne jedoch je das Glas selbst mit den Lippen zu berühren.

»Wallinger, ich stelle Ihnen hier den Redakteur Bösenberg vor,« sagte Gundermann, – »machen Sie ihn sich zum Freunde, er ist ein großer Kritiker. Sie, als Künstler, müssen wissen, was die Freundschaft eines Kritikers wert ist.«

Der Alte machte eine stumme, demütige Verbeugung und sah mich scheu lächelnd an.

»Es freut mich sehr, Ihre Bekanntschaft zu machen, Herr Wallinger,« sagte ich. »Sind Sie Maler oder Musiker?«

»Weiß nicht!« sagte der Alte, und seine Augen schweiften nach der Tür hinüber, durch welche eben der Wirt eintrat.

»Musiker ist er!« riefen verschiedene der Umstehenden.

»Ein großer Geiger! Ihr braucht nicht nach dem Winkel zu gucken, Wallinger, – sie sitzt nicht darin!«

»Wer denn? Was ist denn das?« fragte ich den Landphysikus.

»Gib nur Achtung, – die verwünschte Prinzessin!«

Ich schaute wieder auf den Alten, der mir immer interessanter wurde. –

»Ist er krank?« fragte ich den Hauptmann Fasterling.

Dieser wies verstohlen auf die Stirn und flüsterte:

»War ihm in seiner Jugend nicht anzusehen, daß einmal ein solch Ding aus ihm werden würde. Armer Teufel!«

»Wer ist er denn?«

»Mein Gott, 's ist einer hier aus dem Ort; aber er ist lange fortgewesen, – niemand weiß wo; und was er getrieben hat, weiß auch keiner. Auf einmal war er wieder da, und niemand konnte sagen, woher er kam. Sie müssen ihn wohl schlecht genug da draußen in der Welt behandelt haben, – allmählich zeigte es sich, daß er verrückt war; aber er ist unschädlich und harmlos, und man läßt ihn gewähren. Sonst streicht er bei unserm Stadtmusikus die Geige, und wenn er seine guten Stunden hat, kann er auch ganz vernünftig reden. Er hat die Sidonie das Klavierspielen lehren wollen; aber ich glaube nicht, daß das Mädel viel gelernt hat – der Cäcilie Willbrand aber hat er es beigebracht, das soll eine Pracht sein! Die Cäcilie ist auch seine beste Freundin!«

Die witzige Jugend und das humoristische Alter von Finkenrode prüften nun die Schärfe ihres Geistes an dem armen Verrückten, und es gab nur wenige, welche diesem Treiben mißbilligend zusahen.

»Papa Wallinger,« lachte einer, »endlich wird es aber Zeit, daß Ihr die Prinzessin findet; sie nimmt Euch sonst nicht mehr, wenn Ihr noch lange mit ihrer Entzauberung zögert.«

»Sollte sie nicht in dem Winkel am Ratskeller sitzen, Wallinger?« fragte ein anderer.

Ein Dritter ließ vernehmen: »Meine Herren, ich glaube, der schlaue Alte hat die Schöne schon längst entdeckt und erlöst, und hält sie nun in seiner Dachkammer eingesperrt« –

»Nein! nein! nein!« schrie mit einer gellenden, erschreckten Stimme der Irrsinnige. Er sprang auf, durchbrach, an allen Gliedern zitternd, den Kreis der um ihn her gaffenden, schwatzenden und horchenden Honoratioren der Stadt Finkenrode und stürzte zur Tür hinaus.

Ein allgemeines Gelächter folgte ihm. »Schade!« sagte der eine. »Wer spielt noch eine Partie Billard?«

Zwei Stunden später war ich so ziemlich in alle sozialen Verhältnisse der Vaterstadt eingeweiht. Es war ein nützlich angewandter Abend.

 
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