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Die Kinder von Finkenrode

Wilhelm Raabe: Die Kinder von Finkenrode - Kapitel 6
Quellenangabe
typefiction
authorWilhelm Raabe
titleDie Kinder von Finkenrode
publisherVerlagsanstalt Hermann Klemm
seriesSämtliche Werke
volumeZweite Serie Band 2
printrunDreizehntes bis Siebzehntes Tausend
year
correctorreuters@abc.de
secondcorrectorgerd.bouillon@t-online.de
senderwww.gaga.net
created20080920
modified20181018
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5

Anders erwacht man im Schatten des Theatergebäudes zu ***; anders im goldenen Weinfaß zu Finkenrode. Dort verschlingen sich in die süßen Morgenträume die Trommel- und Hornklänge aus fünf nahen und fernen Kasernen, leise den Schläfer auf das aphoristische Allerlei der Töne in den Gassen, das nun bald folgen wird, vorbereitend. Dort hat der gräßlichste Lärm, all das Getöse der erwachenden, großen Stadt keinen andern Einfluß auf den spät zu Bett gehenden Menschen, als daß er sich auf die andere Seite dreht und weiter schläft: hier –

stand ich plötzlich mitten im Gemache, entsetzt, taumelnd, schlaftrunken – – –

»Kikeriki, kikeriki!« dicht unter meinem Fenster, auf einem hochgetürmten Holzhaufen – ein Finkenrodener Hahn!

Ich hatte Mühe, den Schreck über diese harmlose Lebenskundgebung zu überwinden und meine Lebensgeister zu sammeln; es gelang mir aber doch. Ich gähnte, nieste, streckte zwei geballte Fäuste so weit als möglich nach Frankreich und Rußland hin aus und warf einen verschlafenen Blick in die Außenwelt.

Zwischen den Vorhängen hindurch schimmerte ein weiß, grau und blau gemischter Tag und lud ein zu Betrachtungen über den Spruch: Die Zeiten ändern sich, und wir ändern uns mit ihnen. Manche Zigarre verflüchtigte sich in blauen Rauch an diesem Morgen über dem Gedanken, was ich heute mit mir in Finkenrode anfangen könnte. Mehr und mehr brach eine klare Wintersonne sich Bahn durch die Wolken, mehr und mehr gewann der Gedanke, dem alten Hauptmann Fasterling nach der Kirche einen Besuch abzustatten, konkretere Gestalt.

»Fräulein Fasterling ist ein sehr hübsches, lustiges, junges Mädchen!« sagte Tolle, der Wirt, der sich nach meiner Nachtruhe erkundigte.

»Der alte Herr hat eine Tochter?«

»Jawohl, das wissen Sie nicht? Ah, richtig, er verheiratete sich erst nach dem Tode Ihres Herrn Vaters – seine Frau ist aber bald gestorben; er hat nur das einzige Kind – Fräulein Sidonie Fasterling.«

»Fräulein Sidonie Fasterling! beschlossen! – ich werde den alten Burschen aufsuchen – ich meine den Hauptmann.«

»Es ist ein braver, alter Herr! Hat sich gestern abend im Klub auch schon nach Ihnen erkundigt – der Klub wird hier im goldenen Weinfaß gehalten. Fidele Gesellschaft! Werden auch eintreten müssen, wenn Sie hier bleiben . . .«

»Sidonie Fasterling!« sagte ich, als sich die Tür hinter dem wackern Manne der Gastfreundschaft gegen bar geschlossen hatte. – Die Finkenrodener und Finkenrodenerinnen schritten jetzt unter meinen Fenstern vorüber zur Kirche, und ich warf wohlwollende Blicke herab auf sie während der Vorbereitungen zur Toilette. Alle diese ehrenfesten Bürger, diese alten Mütterchen, diese vorsichtig einhertrippelnden jungen Mädchen, diese geputzten Kinderscharen mit den schwarzen Gesangbüchern, den weißen Sonntagstaschentüchern waren so ganz verschieden von den Andächtigen größerer Städte, waren mir so bekannt – über das ganze Städtlein legte sich ein Duft sonntäglicher Heimlichkeit!

Eben war ich beschäftigt, der Schleife meiner weißen Krawatte den modernsten, elegantesten Ausdruck zu geben, als mich abermals ein Klopfen an der Tür störte.

»Herein!«

Auf der Schwelle erschien ein wohlgewachsenes Individuum, genial, luftig angetan, einen breitrandigen braunen Filzhut schwingend.

»Bösenberg! Hurra! Kennt Ihr mich nicht mehr?«

»Bei Gott – Mietze, der Mime! Alexander Mietze!«

»Derselbe! Ewig derselbe!«

Der braune Filzhut flog in den Winkel; wir hatten einander in die Arme gefaßt, und genossen im Zweitritt uns drehend die Freude des Wiedersehens. –

Es gibt eine Art Leute, welche von frühester Jugend eine solche Gleichgültigkeit gegen jede Autorität zeigen, daß sie die leisesten Anforderungen in dieser Beziehung täuschen. Die gütige Mutter Natur rüstet sie daher auch in der Regel mit einer größeren Fähigkeit aus, Püffe, Stöße, Ohrfeigen, Ermahnungen, Verweise, Hunger, Einsamkeit und andere Hilfsmittel der Erziehung zu ertragen, als andere Geschöpfe derselben Gattung. Sie wachsen heran, sich selbst ein Rätsel; ihren Eltern, Lehrern, Tanten, Oheimen und Nachbarn aber ein stetes Thema schlagender und beißender Erörterungen. Die Redensarten: du bringst es dein Lebtag zu nichts! – an dir ist Hopfen und Malz verloren! – Junge, ich haue dich, daß du den Himmel für einen Dudelsack ansehen sollst! – nimm dich in acht, du endest gewiß noch mal am Galgen, ins Zuchthaus kommst du gewiß! – ich werde dich aus der Klasse schicken, ein räudiges Schaf steckt die ganze Herde an! – du bist ein Nagel zu meinem Sarge! und so weiter, und so weiter, bekommen sie so oft zu hören, daß dieselben zuletzt wirkungslos an dem verstockten, brütenden Phlegma des Sünders abgleiten. Gewöhnlich offene, ehrliche Naturen, behalten diese Unglücklichen selten das klare, lebensfreudige Auge, mit dem sie anfangs in die Welt hineinsahen. Entweder werden sie so niedergedrückt, daß sie stumpfsinnig aus dem Knabenalter hervorgehen und annähernd das werden, was man unter einem guten Beamten und Staatsmann versteht: langsam, geduckt nach oben, selbstherrisch, tyrannisch-stänkerig nach unten hin; oder aber sie verwildern und finden nimmer im Leben den rechten Weg. Sie gehen zugrunde an innerer Haltlosigkeit.

Ich freute mich wirklich sehr, den tollen Alexander zu erblicken; er war mein Jugendgespiele, ein wilder, ehrlicher Bursch, den sein heller eigenwilliger Kopf oben erhalten hatte; ein schlechter Schauspieler, aber dessenungeachtet ein wackerer Künstler, begeistert für alles Schöne und Gute. Unsere Lebenswege hatten sich öfters gekreuzt, nachdem uns das Schicksal aus Finkenrode vertrieben hatte. Eine kurze Zeit studierten wir zusammen die Rechte und Unrechte; aber eines schönen Morgens war Alexander verschwunden – ohne daß ein Gläubiger ihm nachschrie. Er war mit einer Schauspielertruppe durchgegangen. Seine wohlhabenden Eltern stellten ewige Versuche an, ihn auf den gewöhnlichen Lebensweg zurückzuführen; aber vergebens. Sie ließen ihn und wandten sich ihren übrigen Kindern zu.

Jetzt war die Familie zerstreut. Die Eltern waren gestorben, die Kinder verheiratet hier und da – »und ich sitze jetzt hier in diesem Neste und bemühe mich, ein anständiger Mensch zu werden; ich will eine Spiritusfabrik gründen!« schloß lachend der Schauspieler die Erzählung seiner Schicksale. »Soyons amis, Cinna – wir werden einander vielleicht nötig haben!«

Ich reichte ihm gravitätisch die Rechte:

»Zwei Vagabunden, zwei Seefahrer, ans Land gestiegen, aus den Wogen der süßen Liederlichkeit, welche Arm in Arm miteinander wandeln, um das Gleichgewicht auf dem festen Boden der Solidität nicht zu verlieren! Bravo! – es sei!«

»Du siehst so feierlich aus, Max, so aufgedonnert. Willst du einen Besuch machen? Greife vertrauensvoll in den reichen Schatz meiner Finkenrodener Erfahrungen, ich« –

»Kennst du Fräulein Sidonie Fasterling?«

Der Schauspieler hatte sich bis jetzt behaglich auf zwei Stühlen geschaukelt, bei Nennung dieses Namens sprang er auf, die Zigarre entfiel seinem Munde, er hob sie auf, (die Röte, welche sein Gesicht überflog, konnte nicht bloß von dem Bücken kommen!) stotterte einige bejahende Worte –

»Geschossen?« fragte ich mit einem Kunstausdruck, den Narren von der Seite ansehend.

Er hatte beide Hände in die Hosentaschen geschoben, die Beine auseinander gespreizt und starrte mich an, mit einem Gesicht halb verblüfft, halb grinsend, daß ich in ein lautes Gelächter ausbrach.

»Also deshalb willst du deine Spiritusfabrik gründen. Der alte Knasterbart hält wohl nichts vom Theater?«

Der Schauspieler legte mir beide Hände auf die Schultern.

»Freund, Bruder – sieh sie dir an! Sag mir deine Meinung – aber offenes Spiel – Max, was ist mir das Leben ohne sie! Max, sie spielt mit mir, wie die Katze mit der Maus, und der Alte will nicht! Max, vielleicht hat dich der Himmel meinetwegen nach Finkenrode geführt – sieh dir das Mädel an, Max, – sag mir deine Meinung – Sidonie! o Sidonie!«

Hätte Meister Alexander das Schauspiel liebeglühender Ratlosigkeit und Zerfahrenheit auf den Brettern aufführen können, wie er es mir im Zimmer Nummer sechs im goldenen Weinfaß aufführte, er wäre in der Tat ein großer Mann gewesen. Ich hatte ein Gefühl kitzelnden Behagens bei seinen phantastischen Sprüngen, welches sich sehr schwer beschreiben läßt. Und dabei sah ich den Kapriolen wenigstens ebenso gleichmütig zu, wie Sancho Pansa denen seines verliebten Herrn zwischen den Felsen der Sierra Morena. Wie Sancho Pansa sagte ich mir auch: »Aus der Hölle ist keine Rückkehr,« sieh es dir von weitem an, Max; geh nicht zu nah dem Feuer – Weitenweber mag recht haben, und Hinkelmann kann sich irren! – –

Ruhig und bedächtig vollendete ich meine Toilette, während der Schauspieler und Spiritusfabrikant unaufhörlich mich mit seinen uralten Dummheiten, welche er jedoch für sehr neu und außergewöhnlich interessant hielt, bestürmte.

»Streiche mich heraus!« schrie er. »Schildere mich dem Hauptmann als einen Ausbund aller Tugenden und Vollkommenheiten, wann und wo du Gelegenheit dazu hast! Er wünscht mich über alle Berge; er würde mich nach Sibirien auf den Zobelfang schicken, wenn er die Macht dazu hätte – ah, und Sidonie! Max, schau dir Sidonie an – aber als ehrlicher Freund – o Sidonie, Sidonie Fasterling!«

»Gehen wir?« fragte ich und nahm den Hut. Wir schritten die Treppe hinunter und hinaus in die Gasse. Arm in Arm durchwandelten wir die Stadt Finkenrode bis an die Ecke des Marktplatzes. Hier ließ mich Alexander plötzlich los und blieb stehen.

»Nun lauf allein!« flüsterte er. »Der Alte könnte am Fenster Wache halten und uns zusammen erblicken, das würde seine Achtung für dich, sein Vertrauen in dich um fünfzig Prozent verringern.«

»Du scheinst dich hier in ein allerliebstes Licht gestellt zu haben!«

Alexander zuckte die Achseln und ließ einen bedeutsamen Blick an allen umliegenden Häusern hinaufgleiten. »Man stellt sich nicht, man wird gestellt. In acht Tagen wirst du ebenfalls ein Liedchen davon singen. Gott befohlen, mein Sohn, geh und betrage dich als ein wackerer Freund. O, wie beneide ich dich! du wirst sie sehen – sie wird dich anlächeln, wird dir mit ihrem listigen Purpurmäulchen mehr als eine anmutige Impertinenz sagen, daß du zwischen Ärger und Wonne, ein Bild dummblickender Verblüfftheit stecken bleibst – geh, sag ihr – nein, nein, sag ihr nicht! – o Himmel und Hölle, ich wollte –«

»Nun, was wolltest du?«

»Du stecktest in meiner Haut!« rief der Schauspieler und entfernte sich mit eilenden Schritten.

Langsam wandelte ich allein weiter durch die sonntägliches Kalbsbratendüfte von Finkenrode, über den Markt auf das Haus des Hauptmanns los, und gucke vorsichtig unter dem Hutrande vor nach den Fenstern, ohne jedoch hinter ihnen den gesuchten Mädchenkopf ausfindig zu machen. Niemand rührte sich in den weiten Räumen des Hauses, in welchem mir alles so fremd und doch auch so bekannt war. Ein Gefühl heimatlichen Geborgenseins überkam mich, als ich die alten schwarzen Eichenstufen der Treppe hinaufschritt. Durch einen langen dunkeln Korridor gelangte ich, ohne daß mir jemand entgegengetreten wäre, zu einer Tür, über welcher das stattliche Geweih eines Sechzehnenders prangte, dem Gemach des wackern alten Kriegers. Ich glaubte eine heisere Stimme darin zu vernehmen und klopfte leise an. Niemand öffnete, niemand antwortete. Ich klopfte abermals, und wiederum vergebens; ich legte die Hand auf den Drücker – die Tür ging auf.

Da saß inmitten des weiten Gemaches mit den vielen Büchsen, Hirschfängern und andern Waffen, den Bildern Blüchers und Gneisenaus an den Wänden, den vielen Pfeifen in den Winkeln – der weißhaarige, gute, alte Hauptmann Fasterling, in seinem gewaltigen Lehnstuhl, vor dem mit den Resten eines anständigen Frühstücks bedeckten Tische. Trotz der halbgeleerten Weinflasche sah der Hauptmann aber keineswegs dem Bilde der Zufriedenheit gleich. Er hatte den Kopf zwischen beide Hände genommen und hielt sich, wie es schien, krampfhaft die Ohren zu; die Hausmütze hatte er über die Augen gezogen und die erloschene Pfeife lehnte am Tischrande. Zu seiner Linken stand ein grün lackierter Spucknapf, und zu seiner Rechten saß ein unbeschreiblich abscheuliches Geschöpf; wie ich später zu meinem Leid erfuhr, der Liebling und Zögling Sidoniens, der – gute Hund Waddel, dem ich aber in diesem Augenblicke keine weitere Aufmerksamkeit zuwenden konnte, weil mein Blick sich sogleich auf eine andere Gestalt heftete, welche, die Hände auf dem Rücken, an der Wand, unter dem Bilde der Schlacht bei Leipzig lehnte und abwechselnd in die lächelnde Betrachtung des guten, alten, gequälten Soldaten und ihrer Fußspitzen versunken schien. Sidonie Fasterling! . . .

Malt euch ein kleines Persönchen, nicht zu rundlich und nicht zu schlank; kätzleinhaft zierlich und geschmeidig, welches die Spitzen zweier wunderbar kleiner Füßchen in roten Cendrillonpantöffelchen beliebäugelte. Sie war gleich einem schönen Tage in ein graues Morgengewand gekleidet, und aus dem weißen feinen Busenstreif wuchs auf einem zierlichen Halse ein Köpfchen, welches aschblonde Locken, ein wenig verwildert, aber desto reizender umgaben. Ein dunkelblaues, kleines Tuch war etwas verwegen flatterhaft um den hübschen Hals geschlungen und schien zu sagen: ich brauche nicht zu bleiben, aber ich bleibe. Die Äuglein, welche, wie gesagt, halb den Papa Fasterling, halb die Füßchen beleuchteten, spielten aus dem Grauen ins Blaue. Um Nase und Mund gaukelten in diesem Augenblick so viele Geisterchen – trotzige, schmeichelnde, spottende, daß ihre Erscheinung im normalen Verhältnisse schwer daraus zu definieren war. Bedeutend hervorragend durch Größe und Umfang konnten sie keinenfalls sein, und häßlich – häßlich noch weniger.

»Und es ist doch nicht dein Ernst, Papa!« sagte Fräulein Sidonie Fasterling. In diesem Augenblick knarrte die Tür, der Alte sah auf, das Töchterlein wandte sich halb nach mir um –

»Ich bitte um Entschuldigung,« sagte ich mit einer tiefen Verbeugung. »Als wir in Frankreich waren, Herr Hauptmann – nein, ich bitte abermals um Entschuldigung – kurz und gut, ich heiße Max Bösenberg – wir sind vor Jahren gute Freunde gewesen!«

Der Alte war aufgesprungen und blickte mir starr ins Gesicht; jetzt schrie er: »Was! der Max? – der Taugenichts? Max Bösenberg! Blücher und Bomben! Komm her, mein Junge!«

Der Lehnstuhl flog zurück, die Weinflasche auf dem Tische fiel um und goß ihren Inhalt auf den Fußboden – der Hauptmann ließ mir eine Umarmung angedeihen, welche mir fast die Seele aus dem Leibe trieb. Lächelnd und verwundert schaute Sidonie unserm Gebaren zu; während der gute Hund Waddel sich zwischen unsern Beinen umhertrieb und Versuche machte, sich an meinen Frackschößen zu schaukeln.

Jetzt drückte mich der Hauptmann so weit als möglich von sich ab, ohne mich jedoch loszulassen, und unterwarf mich einer strengen Musterung von Kopf bis zu den Füßen, wobei er, gottlob, ein zufriedenes »hm! hm!« hören ließ, bis ihm auf einmal etwas einfiel, welches eine komische Reaktion in ihm hervorbrachte.

Er stieß mich von sich ab, schob beide Hände in die Taschen seines langen Hausrockes und rief:

»Aber du bist ja ein Wühler geworden! Donnerwetter – ein Demokrat, einer von der gottlosen Satansbande, ein Zeitungsschreiber! Ach, du lieber Gott, als wir in Frankreich waren, haben wir das nicht um Euch verdient!«

»Teuerster Herr Hauptmann!« . . .

»Hat sich was zu ›teuerster Hauptmann!‹ – das ganze junge Volk taugt nichts! Da – das ist meine Tochter, die Sidonie! (ich machte wiederum eine tiefe Verbeugung) – du kennst sie wohl noch nicht, Max? Guck sie dir an, sie sieht aus, als könnte sie von einer Fliege aufgefressen werden, und sie ist schlimmer als ein ganzes Hornissennest. Aber ihr seid alle so; keine Achtung vor dem Alter! – alles besser wissen! alles besser verstehen! abscheuliches Volk! . . . Na, gebt euch die Pfoten! Sidonie, das ist der kleine Max Bösenberg (er ist freilich lang genug geworden), behandle ihn zwanzigmal besser, als deinen alten Vater, und du wirst ihm das Leben darum doch sauer genug machen.«

Ich streckte die Hand mit dem Ausdruck schüchterner Bescheidenheit der holden Sidoni entgegen. »Darf ich hoffen, mein Fräulein, daß Sie einen unglückseligen Zeitungsschreiber nicht ganz für das verabscheuungswürdige Geschöpf, welches Ihr Herr Vater aus ihm zu machen beliebt, halten?«

Eine kleine, weiche, runde Hand legte sich leise in die meinige: »Darf ich hoffen, mein Herr, daß Sie mich nicht ganz für ein so boshaftes Wesen halten, als mein Herr Vater aus mir zu machen beliebt?«

»Dummes Zeug!« schrie der Alte. »Da fangen die Komplimente schon an! Achtung – du hier nennst sie Base, oder Bäschen, oder Cousine – nein, nicht Cousine, das ist ein französisches Wort! du, Sidonie, kannst den Taugenichts da Vetter nennen! Verstanden? – Rührt euch!«

Bittend, fragend sah ich zu dem Bäschen, welches in einem tiefen Knicks zurücksank, hinüber. Ich wollte etwas sagen, blieb aber in dem ersten Worte stecken, aus Verwunderung über die Verwandlung des Gesichtchens der Cousine, über dessen liebenswürdige Schelmerei und Spitzbüberei plötzlich ein Duft schmachtender, nebelhafter Schwärmerei sich senkte. Wo waren auf einmal all die Geisterchen des Mutwillens geblieben, welche um diesen rosigen Mund gespielt und getanzt hatten! Jetzt hätte ich die Gestaltung des Näschens einer genauen Kritisierung unterwerfen können, wenn mich nicht die Schwierigkeit der Beschreibung einer Nase überhaupt daran hinderte! O Alexander Mietze, jetzt begriff ich deine oft wiederholten Worte: »Sieh sie dir an! sieh sie dir an!«

Wahrhaftig, das schöne Kind konnte einem wahrscheinlich manch ein Rätsel aufgeben! . . .

Nun schlug sie die Augen zur Zimmerdecke auf, strich nach beiden Seiten das Kleid zurück, machte einen zweiten, womöglich noch tiefern Knicks und sagte mit einem sentimentalen Seufzer:

»Wir werden hoffentlich das Vergnügen und die Ehre haben, daß der – Herr – Vetter heute unser Mittagsmahl teilt?!«

»Ich – ich« – ich stand verblüfft, albern genug da.

»Ich bitte, mich zu entschuldigen, ich muß in die Küche – Herr Vetter – auf Wiedersehen!« . . . Ein neuer Knicks; sie war verschwunden. Ich glaube, ich habe während der letzten fünf Minuten den Hut zwischen den Händen gedreht, wie ein Kandidat der Theologie, der einer Oberkonsistorialrätin einen Besuch macht!

Jetzt faßte mich der Hauptmann wiederum in die Arme. »Hast du's gesehen? Hast du's gesehen?« Er ahmte das Mienenspiel, die Stimme seines Töchterleins, so gut es gehen wollte, nach: »Ich bitte, mich zu entschuldigen, ich muß in die Küche – o, die Komödiantin – hunderttausend solcher Gesichter hat das Mädchen! O, der Teufel hole alle diese Fratzenschneider!«

Ich hätte beinahe laut aufgelacht. Kaum vierundzwanzig Stunden in Finkenrode, steckte ich schon mitten in der schönsten Intrigue.

»Sagen Sie einmal, teuerster Herr Hauptmann, was sollte denn eigentlich Ihr Ernst nicht sein? Fräulein Sidonie sprach davon, als ich die Tür öffnete.«

»Ach, es gehört auch zu meinem Jammer, das Mädchen bringt mich noch vor der Zeit in die Grube. Da stirbt mir die Mutter – Gott habe sie selig – und läßt mir den kleinen Schreihals zurück – kurze Zeit, nachdem Ihr Finkenrode verlassen hattet. Mit dir konnte ich wohl fertig werden – so ein Junge ist ein ganz ander Ding, als solch ein Mädel! Bei Gott, ich kann nichts dafür, daß nichts anderes aus ihr geworden ist. Ich hätte sie in eine – na, wie nennt ihr es, in eine – Kadettinnenanstalt, nein, in eine Pension schicken können, aber da hätten sie höchstwahrscheinlich nichts Besseres aus ihr gemacht; und nun ist in der nächsten Zeit ihr neunzehnter Geburtstag, dafür hat sie einen neuen Unsinn ausgeheckt – lebendige Bilder nennt sie es, dazu soll ich mein Haus hergeben! Darauf käme es mir nun nicht an – aber da ist noch ein anderer Landstreicher, bitte um Entschuldigung, Max, heimgekehrt nach Finkenrode, ein Schauspieler Mietze, – sein Vater war ein wackerer, braver Mann, welcher – ich meine den Komödianten – Max, Max, vielleicht hat dich der Himmel mir zur Hilfe gesandt!«

Ich drückte dem Alten warm die Hand und versicherte ihn meiner vollkommensten Ergebenheit.

»Was meinst du, wenn du ihn fordertest und ihm eine Kugel in den Arm jagtest, oder in das Bein? Tot zu schießen brauchst du ihn nicht! Überlege es dir, mit mir geht der Bursche nicht los; ich bin ihm zu alt, – man kennt die Phrasen.«

»Lassen Sie mich erst genauere Einsicht in die Sachlage gewinnen, Herr Hauptmann! Sie sollen noch eine sehr gute Meinung von der deutschen Journalistik bekommen. Wir haben schlimmere Geschichten zu einem glücklichen Ende geführt.«

Ein gewaltiges Getöse – Lachen, Geschrei, Gebell draußen, jagte uns in die Höhe.

»Was haben sie nun wieder! Was heult der Schuft, der Waddel?« rief der Oheim.

»Meine Gans! Meine Gans! Meine schöne Gans!« ließ sich die schrille Stimme der alten Haushälterin Justine draußen vernehmen, und Sidoniens Gelächter läutete ein silberhelles Tedeum zu den Jammerlauten der Alten.

»Da geht er! Dort über den Markt!« schrie der Hauptmann. Er riß das Fenster auf: »Waddel! Waddel! Will Er hier!«

Im langsamen Trab setzte Waddel quer über den Marktplatz der guten Stadt Finkenrode, den geraubten Braten im Maule tragend. Minchen, die junge Hausmagd, mit dem Besen in der Hand, keuchte hinter ihm her; an allen Fenstern der den Platz umgebenden Häuser erschienen Köpfe, aus allen Haustüren stürzten Leute, den Räuber zu verfolgen; aber erst der Herr Kalkulator Hoppe, der des Weges gravitätisch langsam daher kam, hatte Taktik genug aus den Kommentaren des Julius Cäsar gesogen, um den Flüchtling abfangen zu können. Den goldbeknopften Rohrstock schwingend, warf er sich dem Räuber in den Weg, führte einen wohlgezielten Schlag, ergriff die schwachdampfende Gans und überreichte sie der atemlos herbeigeeilten Köchin, welche sie in ihrer blauen Schürze nach Hause trug,

»Nun weißt du, Max, was Sidonie ›nach der Küche sehen‹ nennt!« sagte der Hauptmann, das Fenster schließend. »Ich will uns noch eine Flasche Wein aus dem Keller holen, fürs erste bekommen wir nichts zu essen,«

 
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