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Die Kinder von Finkenrode

Wilhelm Raabe: Die Kinder von Finkenrode - Kapitel 5
Quellenangabe
typefiction
authorWilhelm Raabe
titleDie Kinder von Finkenrode
publisherVerlagsanstalt Hermann Klemm
seriesSämtliche Werke
volumeZweite Serie Band 2
printrunDreizehntes bis Siebzehntes Tausend
year
correctorreuters@abc.de
secondcorrectorgerd.bouillon@t-online.de
senderwww.gaga.net
created20080920
modified20181018
projectid3ae87358
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4

Von dem Eckzimmer des Gasthofs zum goldenen Weinfaß begann ich, nach einigen Stunden der geistigen und körperlichen Sammlung, mein Finkenrodener Leben durch Beobachtung der Bullergasse und des sie durchwandelnden Volkes. Ich suchte mir einzubilden, bekannte Gestalten und Gesichter vorübergleiten zu sehen; kannte in Wahrheit aber nur den in gemütlicher Apathie seine Pfeife schmauchenden Mohr, welcher vor dem gegenüberliegenden Tabaksladen Wache hielt. Wir pflegten zum großen Ärger des Besitzers des Gewölbes aus Blaseröhren nach dem schwarzen Kerl zu schießen, und hinter der Straßentür stand ein tüchtiger Rohrstock, mit welchem bewaffnet der alte Steinbrecht von Zeit zu Zeit hervorzustürmen pflegte, was jedesmal ein tobendes Auseinanderstieben unsererseits zur Folge hatte.

Noch immer schienen die holden Finkenrodenerinnen die Blumenzucht zu lieben! Jedes Fenster hatte seinen grünenden blühenden Schmuck hinter den spiegelhellen Scheiben, den weißen, roten und gelben Vorhängen. Sie verwahrten aber auch immer noch ihre Kellerlöcher durch vorgestopften Dünger gegen den Winterfrost, die braven Hausherren und Hausfrauen von Finkenrode! Ich fühlte mich so behaglich, so gemütlich in meinem Eckfenster, daß ich selbst gegen einen Weinreisenden, welcher das goldene Weinfaß mit unendlichem Getöse erfüllte, eine menschliche, wohlwollende Regung in mir verspürte. Wieviel mehr mußte dies der Fall sein in Hinsicht auf den dicken Wirt Tolle, der meinen Vater noch gekannt hatte, und mir dieselbe Weinsorte brachte, die jener einst jeder andern vorzog! – Über die Persönlichkeit meines abgeschiedenen Oheims, über sein Leben und Treiben erfuhr ich nicht viel; Tolle zuckte bei meinen Fragen darüber nur die Achseln und rieb sich die Nasenspitze; als aber die Rede auf die Vermögensverhältnisse des Seligen kam, wußte er mehr zu erzählen. Er warf mir blinzelnde Blicke zu, schnappte behaglich nach Luft und gebärdete sich wie einer, welcher der Erde Güter wohl zu schätzen und zu taxieren weiß. Der Oheim Bösenberg hatte die Manie gehabt, alles Land, was er irgend erreichen konnte, zusammenzukaufen – es war ein eigentümliches Gefühl für einen Taugenichts von Literaten, der bisher nur in der leeren Luft seine Purzelbäume geschossen hatte, auf einmal auf diese Weise solch soliden Grund und Boden unter die Füße zu bekommen.

Um vier Uhr nachmittags machte ich mich auf den Weg, um dem Notar Rettig meine Ankunft anzuzeigen. Der Regen hatte ein wenig nachgelassen, und ich fühlte mich innerlich und äußerlich erwärmt genug, um mich in die Strudel des sozialen Lebens der Stadt Finkenrode zu stürzen; kürze aber diesen Abschnitt meiner Memoiren soviel als möglich, weil voraussichtlich der folgende gewaltig genug anschwellen wird von der Masse der eindringenden Ereignisse, und weil den schönen, aber ungeduldigen Leserinnen gegenüber eine Erörterung und Besprechung der juristischen Seite meiner Erbschaftsangelegenheit nicht an Ort und Stelle wäre. Nachdem mir das Glück und die Ehre zuteil geworden war, die Bekanntschaft der Familie Rettig zu machen, verfügte ich mich mit dem Notar in das Geschäfts- und Studierzimmer des letzteren, aus welchem ich gegen Abend mit etwas Anlage zum Kinnbackenkrampf wieder hervorschritt. Am Montage sollte ich Besitz nehmen von der Hinterlassenschaft meines seligen Oheims.

Es war fast Nacht geworden, als ich wieder auf die Straße hinaustrat. Leichtfüßig schlüpfte ich durch die dunkeln Gassen von Finkenrode, die mir noch bekannter waren, als ich gedacht hatte, dem Hause Bösenberg zu. Eine gute Weile gaffte ich nach den schwarzen Massen des Gebäudes hinüber, in welchem kein freundliches Licht die Anwesenheit menschlichen Lebens andeutete. Ich fühlte mich beklommen, ein Gefühl der Furcht beschlich mich: schöne Leserin, es war gottlob nicht der Trieb nach Besitz, der meine Pulse schneller klopfen machte.

»Wir werden gewiß Frost bekommen,« sagte der Wirt, der mich auf mein Zimmer geleitete, aus welchem ich an diesem Abend nicht mehr hervorkroch. Stundenlang schritt ich, die Hände auf dem Rücken, auf und ab, und die bekannten, tiefen, vollen Glocken der Martinikirche klangen wehmütig mahnend in meine Gedanken hinein. Ich schlief einen sehr unruhigen Schlaf während der ersten Nacht, welche ich in meiner Vaterstadt Finkenrode zubrachte, hatte jedoch am andern Morgen durchaus kein deutliches Bild von dem, was alles an mein Kopfkissen herangetreten war. Alles ein verworrenes, unklares, schattenhaftes Gemisch von Tönen und Gestalten, bald fremd, bald bekannt! –

 
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