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Die Kinder von Finkenrode

Wilhelm Raabe: Die Kinder von Finkenrode - Kapitel 3
Quellenangabe
typefiction
authorWilhelm Raabe
titleDie Kinder von Finkenrode
publisherVerlagsanstalt Hermann Klemm
seriesSämtliche Werke
volumeZweite Serie Band 2
printrunDreizehntes bis Siebzehntes Tausend
year
correctorreuters@abc.de
secondcorrectorgerd.bouillon@t-online.de
senderwww.gaga.net
created20080920
modified20181018
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2

Der Mond glitt rund und voll, aber verschleiert, wie eine schöne Frau auf der Umkehr – durch den geheimnisvollen Duft der Novembernacht und verbarg sich nur selten und, wie es schien, sehr ungern, hinter irgendeiner der schwarzen Wolken, die, fernern Regen drohend, hier und da am Himmelsgewölbe herumlungerten. Seit zwölf Uhr mittags befand ich mich auf der Reise nach Finkenrode. Die Gegend, durch welche der Eisenbahnzug flog, war flach, berg- und hügellos, am Tage vielleicht eintönig, reizlos, langweilig; die Nacht, der Mondenschein, der aus den Niederungen aufsteigende Nebel aber verliehen ihr einen Zauber, welchen die malerischste Landschaft zu dieser Zelt vielleicht nicht geboten hätte. Die schwarzen Föhrenwälder, bald näher heranziehend, bald in der Ferne zurücktretend, die weit in die Ebene hineinfunkelnden Wasserflächen der großen Havelseen, die Lichter in den vorbeifliegenden einsamen Häusern, Dörfern und größeren Ortschaften glitten vorüber, wie in einer Zauberlaterne, und alles paßte gänzlich zu der Stimmung, in welche ich seit Dunkelwerden hineingeraten war. Ich hatte mich in die Kissen meiner Wagenecke zurückgelehnt und blickte halbgeschlossenen Auges in die Nacht hinaus. Meine Mitreisenden taten und sagten nichts, mich in meinen Gedankenspielen zu stören. Die Jungfrau mir gegenüber hatte den grünen Schleier über ihr schönes Gesicht fallen lassen und das Haupt gesenkt, wie eine schlafende Blume – um ein fadenscheiniges Gleichnis wieder hervorzusuchen; der alte dicke Herr, welcher sich auf den Weg gemacht hatte, um einen Taugenichts von Sohn in einer fernen Provinzialstadt seine väterliche Autorität fühlen zu lassen, schlief wirklich, stieß drohende Töne aus und machte bedenkliche Handbewegungen, welche dem schuldenmachenden Sprößling wahrlich nichts Gutes bedeuteten. Das Kind neben mir, welches sein Köpfchen an die Brust der Mutter gelehnt hatte und von dieser sorgsam gehalten wurde, damit es nicht von der Bank gleite, schlief ebenfalls. Die Laterne an der Decks des Wagens warf ihr rötlich trübes Licht über den kleinen Raum, – die Maschine stöhnte, der Zug klapperte und ächzte, rasselte und klirrte – die Nachtlandschaft blieb, wie viele Meilen auch vorbeiflogen, stets dieselbe. Ich dachte an meine hungrige, früh verwaiste Jugend, an die kleine stille Stadt meiner ersten Kindheitsjahre, welche mir aus der Tiefe der Erinnerung entgegendämmerte, wie die Türme der versunkenen Julin dem Schiffer auf dem Haff, und der ich jetzt nach so langen Jahren wieder entgegenfuhr. Ich dachte an die Genossen, die ich hinter mir zurückgelassen hatte; ich dachte an die tote Mutter – für die ich meine Liebe allein, für die ich meinen Schmerz allein gehabt hatte! Das Kind neben mir schlug plötzlich die Augen auf, richtete sich empor und warf verwunderte, schlaftrunkene Blicke auf die ungewohnte Umgebung.

»Wachst du, Helene?« fragte die Mutter. »Nun sind wir bald zu Hause!«

Die Jungfrau hob den Schleier ein wenig und legte die Hand an die Stirn; der alte Herr erwähnte schnarchend das Wort »Diskonto«.

Zu Hause! Jeder aufblitzende Lichtstrahl aus einem Hüttenfenster auf der nebeligen Heide erfüllte mich mit einem Gefühl der Verödung, der Vereinsamung. Zu Hause! Wo ist mein Haus? Wo ist meine Heimat? . . . Mein Blick verlor sich in dem dichter gewordenen Nebel draußen. Der Zug flog in diesem Augenblick über ein altes Schlachtfeld, wo vor langen Jahren um Langvergessenes Tausende und aber Tausende geblutet hatten. Es schien mir, als ob die wogenden, wallenden Dunstmassen sich in kämpfende Männer und Rosse verwandelten, zum Kampfe um ein zerfließendes Nichts. Im wilden, geisterhaften Getümmel drängte sich ein Chaos phantastischer Gestalten auf beiden Seiten des dahinschießenden Dampfrosses, zerschellte an den Rädern, ballte sich von neuem, wirbelte von neuem gespensterhaft durcheinander.

Auch ich kam ja aus einer Schlacht, wilder als je eine mit Waffen von Stahl und Eisen gekämpft wurde. Wie manchen hatte ich an meiner Seite fallen sehen, wie manchen hatte ich auf dem Schild mit heraustragen helfen aus dem Getümmel

– at socii multo gemitu lacrimisque
Impositum scuto referunt –

Ich wickelte mich, fröstelnd, dichter in meinen Mantel. Da ertönte das schrille Pfeifen der Maschine – wir hatten die berühmte Festungsstadt *** erreicht; über die unendlichen Brücken, an den hohen Bollwerken, den Mauern und Brustwehren hin donnerte der Zug – ein neues Pfeifen der Maschine! Meine Mitreisenden rüsteten sich zum Aussteigen, indem sie sich aus ihren Fußsäcken und Decken loswanden, ihre Reisetaschen und Körbe zusammensuchten.

Der Zug hielt; die unbehagliche Lebendigkeit eines solchen Anhaltepunktes in der Nacht drang auf uns ein.

»Der wird sich wundern!« sagte der alte Herr grimmig. »Glückliche Reise, Herr!«

»Der Papa! der Papa!« rief jubelnd das Kind.

»Der Papa!« wiederholte freudig die Mutter.

Die Jungfrau ließ den gehobenen Schleier wieder sinken und schlüpfte zuerst aus dem Wagen. Der alte Herr folgte ihr schwerfällig und mühsam; dann gab ich dem harrenden Vater die kleine Helene in die Arme, die Mutter warf mir einen dankenden Blick zu und wünschte mir ebenfalls glückliche Reise; – neue Gesichter drängten sich ein – Lärm und Getöse der Abfahrt – – – ich zog den Hut wieder über die Augen, ohne mir die Mühe zu geben, meine neuen Reisegefährten zu betrachten, und verschlief glücklich einen großen Teil der folgenden Stunden. Als ich wieder erwachte, fand ich mich allein im Wagen, und die Landschaft hatte nun einen vollständig anderen Charakter angenommen. Die Wälder waren auf beiden Seiten der Bahn so nahe gerückt, daß die kahlen Zweige der Bäume den vorüberfliegenden Zug fast zu streifen schienen. Das Terrain war hügelig, bergig geworden: die weite Ebene lag hinter mir, in dieser Ebene die große Stadt, welche ich verlassen hatte, und in dieser Stadt mein teurer Freund Weitenweber, der in diesem Augenblick höchst wahrscheinlich im Opernhause saß, das Kinn auf seinen Stab gestützt, vollständig unfähig, einen Walzer von einer Symphonie zu unterscheiden; sehr befähigt aber, über beides eine »eingehende und durchdachte« Kritik abzugeben. Ein Duft wie feuchte, frisch abgezogene Zeitungsbogen kitzelte meine Nase – abermaliges schrillendes Pfeifen der Maschine –

»Station Sauingen!« schrie der Schaffner, die Wagentür aufreißend.

Hier mußte ich die Eisenbahn verlassen, um vermittelst anderer Beförderungsmittel über die Berge im Westen Finkenrode zu erreichen. Halb erfroren, mit eingeschlafenem linken Bein stand ich in der Geisterstunde vor dem ziemlich primitiven Bahngebäude, der einzige Reisende, der an diesem Ort den Zug verließ. Eine schwächlich glimmende Laterne, an einer langen Stange schwankend, half mir nur wenig, mich zu orientieren: hochaufgeschichtete Berge von Tannenbrettern versperrten nach allen Seiten hin die Aussicht, das wilde Volk der Eingeborenen schlief den Schlaf gemütlicher Unkultur.

Meine Bücher zu rezensieren, hat Weitenweber der Gütige stets von sich gewiesen, um meine Freundschaft zu behalten: meine feine Nase für einzelne Lebensgenüsse hat er dagegen öfters lobend erwähnt, wenn auch nicht Schwarz auf Weiß. Nach einigen Augenblicken ratlosen Umherstarrens, nach einigem Stolpern über allerhand Unebenheiten und Gefährlichkeiten des Bodens, hatte mich die tiefinnige Sehnsucht nach irgendeinem heißen Getränke vor einen hölzernen Verschlag geführt, hinter welchem ein schlaftrunkenes, menschenähnliches, weibliches Individuum sich meine Fragen mehrere Male wiederholen ließ, ehe es sich soweit ermuntert hatte, um Rede und Antwort geben zu können.

»Finkenrode? Vier Stunden von hier! Spät in der Nacht – werden kein Fuhrwerk mehr bekommen – täten besser, hier zu bleiben! Wirtshaus im Ort – goldener Hahn. – Fünf Groschen der Grog! . . . Nach Finkenrode morgen früh um sieben Uhr die Post!« . . .

Ein schäbiger, gelber, zweifelhafter Köter, der mich schon beim Eintritt einer genauen Untersuchung gewürdigt hatte, fing jetzt an, sich auf sehr verdächtige Weise mit dem, auf meinen Reisesack gewirkten, auf rotem Kissen ruhenden Spitz zu beschäftigen. Er beschnüffelte ihn mit ausgestreckter Schnauze, verächtlich drehte er sich, als ihn ein Tritt belehrte, das Eigentum deutscher Literatur zu respektieren. Heulend flog die Bestie mit eingeklemmtem Schwanz in den fernsten Winkel, und ich – ich – ich stand plötzlich im tiefsten Dunkel!

»Für ein Glas Grog lassen wir unsere Hunde nicht treten – machen der Herr, daß Sie fortkommen! Es ist spät in der Nacht!« kreischte die Stimme des Weibes aus der urplötzlich und urhämisch hervorgebrachten Dunkelheit.

»Aber, meine Beste, der Köter« –

»Komm, Fido, mein Herzchen, wir gehen zu Bett!«

»Aber so zünden Sie wenigstens doch das Licht wieder an, daß ich das Beschwerdebuch finden kann!«

»Der Herr können sich morgen beschweren. Der letzte Zug ist längst abgefahren. Die Restauration hat das Recht, schon längst geschlossen zu sein. Hinter Ihnen ist die Tür!«

Was war gegen die diabolische Rachgier des Ewig-Weiblichen zu machen? Ich rief alle Stoik Weitenwebers zu Hülfe, suchte ein Schwefelholz hervor, rekognoszierte während seines Aufflammens das ungastliche Terrain und fand mich wieder draußen in der kalten Novembernacht, in dem Augenblicke, als das letzte Stückchen der Mondscheibe hinter den Horizont hinabsank. Hinter mir fiel die Tür klirrend ins Schloß, und der Riegel schob sich kreischend vor. Das Triumphgeheul des höllischen Köters schallte noch einige Zeit hinter den eichenen Bohlen, dann ward es still drinnen – still war es draußen! Keine Menschenseele rührte oder zeigte sich auf der Station Sauingen; der Lichtschein aus dem fernen ersten Wächterhäuschen der Bahn war das einzige freundliche Zeichen in der jetzt so dunkeln Nacht. Ein unheimlich kalter Wind pfiff von den Bergen herüber, und ärgerlich raffte ich meine Lebensgeister zusammen, schulterte meinen Reisesack und verließ den freundlichen Bahnhof, den dunklen Schattenmassen zuwandelnd, welche der Flecken Sauingen sein konnten.

»O ihr führenden Mächte des Himmels« – sandte ich mein Stoßgebet empor – »ich verlange gar nicht, daß ihr einen Engel herabsendet, mich unter Dach und Fach zu bringen; führt mir nur einen Nachtwächter dieser Planetenstelle in den Weg, irgendeinen Sauinger Lovelace, Don Juan oder sonstigen Taugenichts! Ihr seligen Mächte des Himmels, was habt ihr von dem kurzen Spaße, einen Literaten erfrieren zu lassen! Zeigt mir den Hahnen, und ich will euch das schönste Exemplar dieser Tiergattung opfern, welches ich auf dem Geflügelhofe meines verewigten Oheims finden werde!«

Mehr rutschend als gehend gelangte ich durch eine sehr abschüssige, aber ziemlich breite Gasse auf einen freien Platz – den Markt von Sauingen, und hier sandten mir die Götter das, was ich von ihnen erfleht hatte, eben als es, wie in einem Theaterstücke der Frau Birch-Pfeiffer, zwölf Uhr schlug. Eine verquollene Stimme jodelte einen Gesangbuchsvers rauh in die Nacht hinein, und eine kleine Laterne, die ein schwarzer zottiger Hund – ich hasse die Hunde! – im Maul trug, beleuchtete einen Raum von acht Quadratfuß um einen bepelzten, schiefbeinigen Kerl, dessen Anblick mir in diesem Augenblick sechshundertsechsunddreißigtausendmal erfreulicher war, als Fräulein Adeline Spreitelioni, in all ihrer reizenden Nacktheit, im Ballett: die Meernixe auf dem Trocknen. Eilends trabte ich auf den treuen Wächter des Orts zu, und legte ihm mein Gesuch um Geleit nach dem goldenen Hahn vor. Er beschaute mich von der Spitze des Hutes bis zu den Überschuhen, examinierte meinen Regenschirm in der Linken, und meine Reisetasche in der Rechten, und ließ nach einigen bedächtigen Zügen aus seiner kurzen schwarzen Pfeife die tröstende Antwort erschallen:

»Erst muß ich den Herrn Bürgermeister und den Herrn Kämmerer ansingen.«

Ich hatte schon genug von der Starrsinnigkeit der Sauinger erfahren, um nicht die Ohren hängen zu lassen, wie Horazens unsterblicher Esel auf der heiligen Straße, und mich in mein Schicksal zu ergeben.

Wir sangen den Herrn Bürgermeister an und ermahnten ihn und seine Gemahlin, das Feuer und Licht zu bewahren; dann begaben wir uns vor die Wohnung des Herrn Kämmerers, und die Hände in den Taschen, den Reisesack zwischen den Füßen, lauschte ich den ossianischen Tönen des Wächters der Nacht, der mein Schicksal in den Händen hatte.

O ihr romanlesenden zarten Seelen – Frauen und Jungfrauen Sauingens, hat in dieser Nacht, während ihr euch auf weichem Flaum, in den süßesten Träumen wiegtet, nicht ein schriller, schneidender Wehlaut diese Träume gestört?

Was hättet ihr begonnen, wenn ihr gewußt hättet, daß der »so rühmlich bekannte« Verfasser der »Heiratsgedanken«, der Dichter der »frommen Liebeslieder« und so weiter, und so weiter, unter euern züchtig verhangenen Kammerfenstern zähneklappernd sein Schicksal verwünschte? Hand aufs Herz, Bürgerinnen im Reich des Schönen und Sentimentalen, wäret ihr liegen geblieben, oder wäret ihr aufgesprungen, die Mama zu wecken, Tee zu kochen, dem knurrenden Papa die Kellerschlüssel zu stehlen, – Kränze zu winden aus den blühendsten Ranken eurer Fenstergärten? Antwortet, deutsche Mädchen – die strengste Diskretion wird zugesichert!

Ach, du lieber Gott, kein holdes verschlafenes Gesicht lugte hinter den Vorhängen vor, kein chemisches Zündhölzchen leuchtete zum eilfertigen Lampenanzünden auf – sie waren schläfrig und schliefen – wie es im Evangelium Sankt Matthäus von den törichten Jungfrauen heißt, – und – ein neues Geschick schoß in der Gestalt eines schwarzen fauchenden Katers über den Marktplatz von Sauingen an uns vorüber und zog mich mit hinein in einen neuen Strudel der Ereignisse. Im Galopp sprang natürlich und naturgeschichtlich begründet unser Laternenträger, der nachtwächterliche Phylar, hinter dem Kater her. Gleich einer lobenden Phrase Weitenwebers riß der fromme Gesang des Wächters ab, um in ein gewaltiges Donnerwetter überzugehen, und ohne auf mich weiter Rücksicht zu nehmen, stürzte der Spießträger seinem Köter und seiner Laterne nach, und mit einem Segenswunsch auf alle Hunde und Katzen Sauingens setzte auch ich mich in Bewegung, so schnell es meine erstarrten Glieder erlaubten, um nicht den letzten Hoffnungsfaden, der mich ins Bett geleiten konnte, zu verlieren. Über halb gefrorene Düngerhaufen, durch halb gefrorene Pfützen ging die Jagd, bis mir endlich ein Wehgeheul in der Ferne verkündete, daß der pflichtvergessene Flüchtling von seinem erzürnten Herrn ereilt war. Atemlos vereinigte ich mich wieder mit beiden.

»Na, nun will ich Sie für ein Trinkgeld nach dem Hahnen bringen,« sagte der Wächter, mit einem letzten Fußtritt in die Seite des Köters. »Kommen Sie mit, der Herr Pastor haben einen zu festen Schlaf und hören mein Singen doch nicht. Geben Sie her, ich will Ihren Sack tragen – warte Satan!«

Heulend verbarg sich der Hund vor der gehobenen Stange zwischen meinen Beinen.

»Edler Mann,« sagte ich, »Personifizierung aller milden Gefühle hiesigen Orts; ich überlasse mich ganz Ihrem gütigen Ermessen. Retten Sie mich, und Kinder und Kindeskinder werden einst mit Tränen in den Augen den Namen des Nachtwächters von Sauingen aussprechen! Wie heißen Sie, edelmütiger Freund?«

»Märtens, Sie zu dienen – Michel Märtens. Nehmen Sie sich in acht, hier hat neulich Mannenhubers Frau das Bein gebrochen! So, hier um die Ecke – da ist der Hahnen!«

»Der Hahnen!« exklamierte ich, die Hände zusammenschlagend. »Also er existiert wirklich, es ist kein Trugbild? Michael Märtens, mein Erretter, sollte es wohl eine Glocke an diesem Aufenthalt gastlicher Menschen geben?«

»Eene Glocke? . . . Ne! – Warten Sie, ich will anklopfen; sie haben ein bißchen festen Schlaf, Herr!«

Nun beleuchtete der laternentragende Pudel ein Sauinger Anklopfen.

Der Wächter lehnte seine Hellebarde an die Wand, lehnte sich mit dem Rücken an die verschlossene Tür des Hahnen und begann sie auf eine Weise mit dem Ellbogen und den eisenbeschlagenen Stiefelabsätzen zu bearbeiten, welche ihm in einer polizierteren Stadt nicht nur alle lebendigen, sondern auch alle längst begrabenen und vermoderten Schützer der öffentlichen Ruhe auf den Hals geführt hätte. Der Erfolg dieses Getöses tat aber dar, daß es wohl begründet und vollständig an Ort und Stelle war. Märtens hatte recht: sie hatten einen festen Schlaf! Niemand rührte sich, niemand antwortete, niemand erwachte!

Stumm lag der Hahn da, wie eine Parodie auf jenes Tier, welches der Wachsamkeit beigegeben wird, wenn die Maler sie symbolisch darstellen wollen; jenes Tier, welches die lebendigste Nation jetziger Ära zum Symbolum genommen hat.

Der linke Stiefelabsatz des Sauinger Speerschüttlers war bereits erlahmt, beide Ellbogen hatten lange ihre ohrenerschütternde Tätigkeit eingestellt, nur das rechte Pedal des wackern Mannes arbeitete noch tätig fort, da – endlich – endlich – wurden Zeichen erwachenden Lebens im Hause laut!

Schlürfende Schritte näherten sich, ein Schlüssel knarrte im Schloß, Lichtschein fiel heraus auf die Hauptstraße von Sauingen, den laternentragenden Köter, den Nachtwächter Michel Märtens und den vagabundum litterarium Max Bösenberg. Mit der Schnelligkeit, der krampfhaften Hast der Verzweiflung klemmte ich den Fuß zwischen die enge Spalte der Tür, warf meinen Reisesack dazwischen, um das schleunige Zuschlagen zu verhindern, welches mir meine aufgeregte Phantasie gräßlich vormalte – – – ah, ah, ah, nach einer Stunde lag ich zähneklappernd, mit leerem Magen, in einem ungeheizten Zimmer, einem feuchtkalten Bette des Gasthofs zum »goldenen Hahnen«, welchen ich hierdurch allen in dieser Gegend Reisenden, allen nach Sauingen Verschlagenen bestens empfohlen haben will. Meine Gefühle waren ungefähr die eines in einer Eisscholle eingefrorenen Frosches.

 
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