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Die Kinder von Finkenrode

Wilhelm Raabe: Die Kinder von Finkenrode - Kapitel 22
Quellenangabe
typefiction
authorWilhelm Raabe
titleDie Kinder von Finkenrode
publisherVerlagsanstalt Hermann Klemm
seriesSämtliche Werke
volumeZweite Serie Band 2
printrunDreizehntes bis Siebzehntes Tausend
year
correctorreuters@abc.de
secondcorrectorgerd.bouillon@t-online.de
senderwww.gaga.net
created20080920
modified20181018
projectid3ae87358
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21

Den christlichen Gebräuchen war ihr Recht geschehen; jetzt berührte Margarethe dreimal mit der Stirn des jüngeren Lebrechts einen der mit grünen Tannenzweigen umwundenen Holzpfeiler des Kirchleins, um den Neugetauften dadurch nach Volkes Glauben zu sichern gegen die finstern Mächte, die störend eingreifen können in das Leben, – und der junge Pfarrer sah sinnend-lächelnd von der letzten Altarstufe ihrem Beginnen zu. – Unter den Klängen der Orgel verließen wir dann die dämmerige Kirche und zogen, an den Grabhügeln des Friedhofes vorüber, dem gastlichen Pfarrhause wieder zu. Hier brach der bis jetzt zusammengehaltene Jubel fröhlich los; man wünschte sich gegenseitig alles mögliche Glück, und alle Geigen, von denen uns der Himmel vollhing, fingen an, durcheinander zu spielen. Das weinende Käthchen hatte beide Hände des jungen Pfarrers von Rulingen gefaßt und preßte sie in höchster Bewegung. Wenig fehlte, so hätte sie ihn umarmt und ihm einen Kuß gegeben! Der Forstmeister machte ein Getöse für Sechs, Konrad und die Mutter des Pfarrhauses hatten sich ebenfalls allerlei mitzuteilen; – Cäcilie wiegte das Kind im Arme und trug es still und glücklich in dem lustigen Aufruhr umher. Ich drückte die Hand auf das Herz und gab so wenig Lebenszeichen als möglich von mir, bis ich aus meinem Winkel mit in den Strudel gezogen wurde, in welchem ich mich dann natürlich am tollsten gebärdete. Der Jugendfreund war es, der sich meiner bemächtigte und nach abgelegtem geistlichen Habit mit mir in allen Ecken seines Vaterhauses, in welchen noch eine Kindheitserinnerung schlummerte, umherkroch.

O süßes, seliges Heimatsgefühl, was kann dem, welcher dich verloren hat, Ersatz für dich geben? –

Der winterliche Abendhimmel leuchtete in die Fenster des Pfarrhauses zu Rulingen und ließ die Eisblumen auf den Scheiben in roter Glut glitzern und glänzen, als die Pferde wieder draußen vor der Tür den knirschenden Schnee schlugen und wiehernd das fröhliche Menschenvolk abermals hinausriefen zur Fahrt in den verzauberten Wald, in das Försterhaus zum Himmelreich, wo das feierliche Taufmahl bereitstehen sollte. Alles, was das Pfarrhaus an Leben besaß, rüstete sich. Die Weiber krochen in ihre Mäntel und Tücher und Pelzmuffen, und der Säugling glich bald mehr einem Kleiderbündel, als sonst etwas. Es waren zwei Schlitten da, und viel lustige Zerwürfnisse gab es beim Einsteigen. Endlich saß ein jeder auf dem ihm vom Schicksale bestimmten Platze: Cäcilie, der Pfarrer von Rulingen und der Forstmeister in dem vordersten Gefährt, – die Frau Pastorin Rohwold, das Käthchen mit ihrem Kinde, Konrad, die Margarethe und ich in dem zweiten, größeren, welcher dem Försterhause gehörte.

»Alles fertig? Alles drin?« rief der Forstmeister herüber. Ein jeder blickte sich nach irgend etwas Vergessenem um, fand aber nichts, und ein heiteres »Alles in Ordnung!« schallte dem Riesen entgegen.

»Vorwärts, Christoffel!« schrie der Forstmeister. Die Peitschen Christophs und Konrads knallten; die Glöckchen läuteten, die Dorfkinder riefen Vivat, die Bauern in den Haustüren zogen lächelnd die Mützen ab, die Hunde umsprangen bellend die fort galoppierenden Pferde – vorwärts! vorwärts! Schon im Dorfe probierte der Forstmeister sein aufgetautes Jagdhorn, beim Herausfahren aus demselben aber stieß er schmetternd hinein. Vorwärts! vorwärts! Wer kann wider das Verhängnis?

Immerzu, immerzu! Hinein in den Sonnenuntergang! Wir fahren alle desselbigen Weges: die ruhige Matrone, die glücklichen Eltern mit dem schlummernden Säugling – alte und junge Herzen, zwischen Erinnerung und Hoffnung gewiegt – immerzu! immerzu!

Schattenhaft glitt durch den Nebel der erste Schlitten vor uns her.

O Cäcilie! Cäcilie! –

Weiter! weiter! Hinein in den verschleierten weißen Wald! Tiefer hinein in die Dämmerung, in die Nacht! Wer kann wider das Geschick! Vorwärts! vorwärts! Wer kann es wenden, wenn der Himmel einfällt? Was hilft es, den Kopf zwischen die Schultern zu ziehen und in ohnmächtiger Abwehr die Arme und Hände der Vernichtung entgegenzustrecken? –

Cäcilie! Cäcilie!

Mit halbgeschlossenen Augen lehnte ich mich auf meinem Sitze zurück, und der Abendstern funkelte am verbleichenden Himmel gerade über mir. Das Kindlein im Arm der Mutter mir gegenüber fing leise an zu weinen, und ebenso leise summte ihm das Käthchen ein beruhigendes Wiegenlied.

»Die Cäcilie ist ein gutes, liebes Mädchen,« sagte die Matrone. »Ich liebe sie sehr, ich liebe sie wie eine Tochter!« Sie nickte der Zurückwinkenden zu, und die alte Margarethe nickte ebenfalls und lächelte: »Der Herr Pfarrer –«

Sie schwieg und nickte wieder und lächelte wieder –

Eine vernichtende Angst kam plötzlich über mich; im geistigen und körperlichen Schmerz griff ich plötzlich nach der Brust und schaute wirr auf aus meinen Träumen: bereits tief im Walde erschallte das Horn des Forstmeisters, während wir eben die ersten Bäume erreichten –

Cäcilie! Cäcilie! liebe, liebe Cäcilie!

»Wer hat meine Nelken
All mir gepflückt?
Wer hat meine Lilien
All mir geknickt?

Hühnchen im Garten
Die Blüten mir bricht,
Schaukle ich mein Kindchen
Und kümmert's uns nicht!«

sang Käthchen Rösener, und Konrad trieb die Pferde an –

»Vorwärts! Vorwärts!«

Die Pferde schnoben und sprangen wiehernd und schnaufend fort. »Dort hab' ich im vorigen Herbst den Vierzehnender angeschossen!« sagte Konrad, nach einer kleinen Halde links im Walde deutend. »Käthchen fand ihn am andern Tage am Neckenspiegel.«

»Erzähle das nur gar nicht!« rief Käthchen, »die Tränen kommen mir noch in die Augen; es war solch ein schönes Tier! Wie mußt' es sich die Nacht durch gequält haben!«

»Hoho, das will eine Jägersfrau sein?« lachte der wilde Förster. »Hoho! Hussa, ho!«

»Da hast du's! Da wacht er wieder! Und eben war er so hübsch eingeschlafen!« rief Käthchen.

»Laß ihn wachen – es schadet nichts, wenn er in seine Heimat mit offenen Augen und offenem Munde einfährt. Hei, hei, Bürschlein, Jägerskind, ist's nicht schön im Walde? Da, da, da, horch, Käthchen, horch, Max! Hussa! Hallo, ho ho!«

Immer dichter und dunkler war der Wald geworden, der letzte rote Schimmer war vom Abendhimmel verschwunden; aber der hinter uns aufsteigende Mond versilberte bereits die bereiften Spitzen der Bäume. Fern erklang das Waldhorn des Forstmeisters, und ein anderes Horn antwortete noch ferner.

»Das Himmelreich! das Himmelreich!« jubelte Konrad. »O liebes, kleines Käthchen – o mein Herzensbube, nimm einmal die Zügel, Max!«

Der Rotkopf hatte Weib und Kind in seiner Herzensfreude in den Arm genommen –

»Zu Haus! Zu Hause, Konrad!« schluchzte Käthchen. »Zu Haus – in der Heimat – im Himmelreich, kleiner Lebrecht, klein, lieb, lieb Kindel!«

Ein Licht blitzte zwischen den Stämmen – der Lampenschein aus den Fenstern des Försterhauses im Himmelreich.

Zu Hause! – – – – – – – – – –

 
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