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Die Kinder von Finkenrode

Wilhelm Raabe: Die Kinder von Finkenrode - Kapitel 21
Quellenangabe
typefiction
authorWilhelm Raabe
titleDie Kinder von Finkenrode
publisherVerlagsanstalt Hermann Klemm
seriesSämtliche Werke
volumeZweite Serie Band 2
printrunDreizehntes bis Siebzehntes Tausend
year
correctorreuters@abc.de
secondcorrectorgerd.bouillon@t-online.de
senderwww.gaga.net
created20080920
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20

Hinein! hinein in den blitzenden, leuchtenden Wintermorgen! Es klingeln die Glöckchen des Pferdegeschirrs, es blicken die Leute von Finkenrode aus den Fenstern uns nach. Das Lachen des Forstmeisters schallt herzerfrischend über den Markt, als Christoph dem Hauptmann Fasterling und der holden Sidonie einen Morgengruß zuklatscht. Der Schauspieler Mietze begegnet uns in einem kleinen Trab, er ruft Hurra und winkt mit dem Hut – die nächste Ecke entzieht ihn unsern Blicken; zwanzig Hunde umklaffen uns; die Kinder in den Haustüren und an den Fenstern jubeln. Vorwärts! vorwärts! hinein in den bereiften Wald! – Noch einmal erblicken wir, wenn wir uns umsehen, die beiden Türme der Martinskirche – und dann ist die alte kleine Stadt hinter uns versunken – versunken das Haus Bösenberg mit seinem Moderduft, versunken alles, was das Herz quält und drückt und ängstet! Ein morgenfrisches Wehen geht durch die Wipfel der Bäume und schlägt klingend die überreiften Zweige aneinander; – mögen die Toten ihre Toten begraben, mag Weitenweber den Sarg für den toten Musikanten zimmern lassen – lustig hinein in die lebendige, lustige Welt, dem Himmelreich zu!

Der Forstmeister und Cäcilie haben den Rücksitz eingenommen, ich habe meinen Platz ihnen gegenüber gefunden.

»Aufgeschaut, aufgeschaut, Fräulein Gevatterin!« rief der Forstmeister. »Ist das ein Gesicht für eine Gevatterfahrt?« Und der Alte griff nach dem Waldhorn, welches er mit sich führte, nahm für einen Augenblick die kurze Jägerpfeife aus dem Munde und blies einen hellen Jagdgruß in den Wald hinein.

Trara! trara! Das Echo gab aus allen Bergtälern den fröhlichen Schall zurück; Cäcilie hob ein wenig den grünen Schleier, welcher ihr schönes Gesicht bis jetzt verdeckt hatte. Sie atmete tief und schwer auf und strich mit der Hand über die bleiche Stirn.

»O wie schön!« sagte sie. »Ist der Wald nicht wie verzaubert? O horcht und seht!«

»Mußte dich ja wecken aus deinem Traume, Kindlein!« rief der alte Forstmann fröhlich. »Hurra, fort mit allen bösen Gedanken – laß sie da unten in ihrem Krähwinkel treiben, was sie wollen und mögen – wir sind alle Gott einen Tod schuldig! So ist's recht – zieh den Vorhang ganz auf – 's ist was Schönes um den Morgenwind – schau, da geht ein Fuchs, Trararara, trara! – Wie freu' ich mich auf das Käthchen, auf den Jungen, auf den Konrad, auf den Pastor, auf alles – Hurra – Trararara!«

Ein mutwilliger Tannenzweig schüttelte seine Schneelast in diesem Augenblick auf uns herunter und hing leuchtende Funken an unsere Gevattersträuße, zu denen die Frau Agnes ihre schönsten Blumen hergegeben hat. Immer tiefer, tiefer hinein in den Wald! Wie der Schall des Waldhorns sich in den Bergen und Wäldern verliert, so verliert sich allgemach der beängstigende Nachhall der vergangenen Nacht.

»Er ist eingeschlafen wie ein Kind!« sagte Cäcilie; ich aber warf eine Rosenknospe dem blauweißen, wolkenlosen Januarhimmel zu:

»Die Welt lacht doch noch! . . . . . Guten Morgen, Günther Wallinger!« Jetzt fuhren wir vorsichtiger, langsamer einen ziemlich steilen Abhang hinunter in einen finstren Tannenwald.

»Im Sommer könntet Ihr da unten rechts den Hurlebach und das Geklapper der Papenmühle hören; jetzt aber müssen wir selbst Lärm machen! Ist es nicht, als ob jeder Ton in der Welt auf Nimmerwiederfinden sich versteckt habe?« rief der Forstmeister. »Hallo, Christoffel, nicht einschlafen! . . . Trara – trarara! Was für seltsame Gesichter der Zeitungsschreiber schneidet! Wartet nur, Max, bei den drei Lilien halten wir an und lassen die Pferde verschnaufen.«

Hatte der Alte, was das Gesichterschneiden anbetraf, wohl recht? – Es sang und klang mir in den Ohren, es schwirrte mir vor den Augen; es war mir wohl, es war mir weh zumute.

»Das Horn, das Horn! Geben Sie mir einmal das Horn, Forstmeister!« rief ich – setzte das Instrument an den Mund, und in den tollsten Tönen und Tonversuchen jubelte ich meine Gefühle in die Welt hinein, machte ich meinem gepreßten Herzen Luft. –

Der Wind spielte mit ihren schwarzen Locken, und sie lächelte in ihrer wehmütigen Trauer, und die Sonne lächelte auch über die wunderlichen Menschenkinder und funkelte durch die blitzenden Zweige über uns. Die Pferde wieherten und griffen lustig aus, daß der von den Hufen emporgeschleuderte Schnee über die Wolfsdecke des Schlittens flog; die Glöckchen klingelten, knallend schwang Christoffel die Peitsche.

»Galopp! Galopp!« rief der Forstmeister jauchzend.

»Galopp! Galopp!« rief auch ich:

»Ein wilder Sturm
Faßt mich und hebt mich,
Trägt mich empor
Über Menschenschicksale
Und Menschenweh!
Völker und Könige
Kämpfen da unten
Auf der kleinen Erde
Ihre kleinen Leiden!«

»Er wird verrückt, rein verrückt!« schrie der Forstmeister. »Halten Sie ihn am Rockschoß, Cäcilie! Er wird sogleich aus dem Schlitten springen!«

»Aber ich, dem die Götter
Die herrlichste Krone,
Die Krone der Liebe,
Auf die träumende Stirn drückten:
Über den Wolken,
Über den Wettern
Streck' ich die Hand aus,
Und aller Kampf,
Und aller Schmerz,
Und aller Zwiespalt
Im Himmel und auf Erden,
Über mir, unter mir
Wird Harmonie,
Wird seliger Frieden,
Wird schönste Ruhe –«

»So was ist mir in meinem Leben noch nicht vorgekommen, und ich habe doch manche liebe Stunde, bei Tag und Nacht, auf dem Anstand zugebracht!« lachte der Forstmeister. »Christoffel, was sagst du, hast du jemals so was gehört?«

»Wenn's der Herr Forstmeister erlauben, so muß ich sagen, daß es sehre schöne war – mit Erlaubnis zu sagen, das geht noch übern Pastor, das geht auch noch übern Supern'denten.«

»Hurra, die drei Lilien! Da wird der Wald licht!« rief der Forstmeister. »Gebt acht, Max Bösenberg, jetzt werde ich Euch ein ander Liedlein singen. Schreie mit, Stoffel, du hast einen gar nicht übeln Brummbaß!«

Mit rauher Stimme begannen die beiden alten Knaben ihren Lobgesang, jeden Vers mit dem andern durch eine kunstvolle Hornpassage verbindend:

Ich weiß im Wald ein kleines Haus,
Weitab vom Pfad gelegen;
Da schaut ein Mägdlein schmuck heraus:
»Gruß dir auf deinen Wegen!«

Im kleinen Haus das Mägdelein
Hat Augen hell und klare,
Ihre Lippen rosig und küßlich sein,
Und golden glänzen die Haare.

Mein Jäger jung, mein Jäger fein,
Tut nicht vorüber fahren,
Ich fang' Euch mit den Augen mein,
Bind' Euch mit meinen Haaren« . . .

»Hurra! Halali! Da sind wir! Grüß Euch Gott, Frau Wirtin zu den drei Lilien! 's ist ein schmuck Zeichen mitten im Schnee. Brr! brr! ein gesund Wetter!«

Gern hätte ich das Lied von der Maid und dem Jäger zu Ende gehört, aber der Forstmeister und sein Christoph hatten jetzt Wichtigeres zu schaffen. Dampfend und schnaubend hielten die Pferde vor der lustigen Schenke im Torenwinkel bei den drei Lilien an, und das junge Wirtspaar sprang vor die Tür, uns zu begrüßen. Mit Erlaubnis des schmunzelnden Ehemannes bekam der Forstmeister wirklich einen tüchtigen Schmatz von den Lippen der jungen Hausfrau, die in der Tat rot und küßlich waren, wenn auch die Haare nicht mit dem Lied stimmten, indem sie ein klein wenig heller als das hellste Blond schimmerten.

»Sie kommen grad noch zur rechten Zeit. Horch, da läuten sie in Rulingen zum erstenmal in die Kirch!« sagte der junge Wirt, und leise, leise drang der Glockenton durch den Wald zu uns herüber.

»Wetter, dann müssen wir doch einmal den Pferden etwas bieten, Christoph!« rief der Forstmeister. »Das wäre ja eine saubere Geschichte, wenn sie die Taufe ohne uns abmachen müßten! Herrgott, und der Junge soll doch Leberecht heißen, wie ich – Stoffel, Stoffel, aufgesessen – – aufgepaßt! Da ist noch ein Glas, Herr Wirt – ganze Batterie, vorwärts Marrrsch! Trarara! trarara! trarara!«

Der Wirt zu den drei Lilien schwang grüßend die weiße Zipfelmütze, die Frau Wirtin hielt kichernd und errötend die Schürze vor das Gesicht, als ihr der lustige Forstmeister noch etwas zuflüsterte, wovon ich nur die Worte verstand: »Käthchen Rösener – gutes Exemplum – komme – aber nur wenn's ein Mädel ist – Hab' der Buben jetzt genug!«

Weiter, weiter, den Klängen der Dorfglocke entgegen, die bei jeder Biegung des Weges ferner oder näher erklingen! Es wird allmählich sehr kalt, und Cäcilie läßt fröstelnd den Schleier wieder herabsinken.

»Bald sind wir erlöst, arme Cäcilie; sie werden's hoffentlich recht hübsch warm und behaglich im Pfarrhause haben.«

»Ich freue mich recht!« ruft Cäcilie, und der Forstmeister wickelt sich fester in seine Pelze. Auch ihm frieren, wie weiland dem edlen Herrn von Münchhausen, die Melodien fest im Waldhorn, und nur Stoffel läßt noch frisch seine Peitsche knallen und grinst mich über die Schulter Cäciliens wohltuend gesund und dumm an.

Jetzt überfuhren wir den gefrornen Hurlebach.

»Rulingen!« rief der Forstmeister von Altenbach, und stieß noch einmal mit aller Kraft seiner Lungen in das Horn. Dicht vor uns läuteten die Dorfglocken – der Wald lag hinter uns, vor uns das Dorf, und lustig klingelten wir den Abhang hinunter, hinein in den einsamen, vergessenen Waldort und das Verhängnis! Da hielten wir vor dem kleinen, mir so wohl bekannten Pfarrhaus, dicht neben der winzigen Kirche und dem Kirchhof. – Da waren wir in den Armen der Freunde! – Der Forstmeister hob das Käthchen samt dem Täufling zu seinem Schnurrbart empor; Cäcilie wurde von einer freundlichen alten Frau, der Mutter meines Jugendfreundes Arnold Rohwolds, des Pfarrers zu Rulingen, zwischen Lachen und Weinen in Empfang genommen, mich hatte der rotköpfige Konrad gepackt – wir befanden uns in der warmen festtäglichen Studierstube des Pfarrers, ohne zu wissen, wie wir dahin gekommen waren. Da war der schreiende Täufling in seinem rosenroten Kleidchen, und die Margarethe aus dem Himmelreich, und Sultan, Karo und Wächter, die drei Hunde aus dem Jägerhaus! Aber wo war denn der Herr Pfarrer?

In den fröhlichen Lärm, welcher die Studierstube desselben erfüllte, klang jetzt feierlich die Orgel und der Gesang der Gemeinde aus der nahen Kirche herüber; die Stimmen der Fragenden und Antwortenden sänftigten sich – jeder gab seine Freude, sein Wohlbehagen leiser kund, und nur die Hauptperson der Feierlichkeit hatte das Recht, so viel Lärm als möglich zu machen, und ließ sich dieses Recht auch nicht nehmen. Die Mutter Rohwold kam und ging auf den Zehen mit der Kaffeekanne, und die Leute aus Finkenrode verloren allmählich das Frösteln aus den Gliedern. Salve festa dies! stand nicht bloß an der Stubentür mit Kreide geschrieben; es leuchtete noch viel heller und glänzender aus den Augen aller Anwesenden. Was hatten wir uns alles zu sagen; bis endlich die Frauenzimmer mit dem Säugling zu geheimeren Verhandlungen abzogen und uns Männer allein ließen. Der rote Konrad lief wie im Rausch umher, unfähig, drei zusammenhängende Worte zu sprechen; der Forstmeister von Altenbach hatte bereits wieder seine Pfeife und seinen Tabaksbeutel hervorgesucht und sammelte stillvergnügt immer dichtere Wolken um sich her; ich suchte alle meine Jugenderinnerungen zusammen und verließ heimlich durch die Hintertür das Pfarrhaus zu Rulingen. Durch den verschneieten Garten mit den vielen Hasenspuren um alle Büsche und Kohlstrünke gelangte ich zu dem Kirchhofe des Dorfes und über ihn weg zu einem kleinen Seitentürchen der Kirche selbst. Ich kannte diese Pforte sehr gut und wußte noch, zu welchem dunkeln Winkelchen sie führte. Vorsichtig trat ich ein und fand mich im nächsten Augenblick, ein Glied der andächtig horchenden Gemeinde, auf jenem Bänkchen, von welchem aus man die Kirche ihrer Länge nach bis zur Kanzel hin übersieht. Einige Frauen, die Kinder des Dorfes mit dem Schulmeister und ein halbes Dutzend ältere Männer bildeten die Versammlung, und über ihre Köpfe weg faßte ich meinen Jugendfreund auf seiner kleinen Kanzel fest ins Auge. Das war noch derselbe treue, stille, sinnig-träumerische Mensch, wie er sich schon im Knaben vorgebildet hatte, eine jener Naturen, welche die geringste rauhe Berührung von außen immer tiefer in sich selbst zurücktreibt, welche, wie man zu sagen pflegt, eine Vorsehung für sich allein haben. Das sind die Naturen, die Tage, Wochen gebrauchen, um das geringste außergewöhnliche Ereignis in sich zurechtzulegen, es ihrem Wesen einzuordnen, denen entweder alles Ruhe und seligster Friede, oder aber alles Unruhe und vernichtendster Zweifel ist. Wir, die wir aus dem Getriebe des Lebens kommen, wir, umhergeworfen zwischen Freude und Leid, Qual und Glück, wir, die wir in jedem Augenblick mit Schwert und Schild jeden Schritt auf unserm Lebenswege decken müssen, wir begreifen diese Menschen selten. Schöne Rätsel oder Objekte des Spottes und Hohns sind sie uns, und doch ist es sehr zweifelhaft, wer im Kampf um die Humanität schwerer in die Wagschale fällt – wir oder sie! –

Gott zum Gruß, Arnold Rohwold! Rede weiter – weiter! Zwar ist ärmlich das Brettergerüst, von dem du sprichst, armen und einfältigen Herzens sind deine Zuhörer – Kinder und Weiblein – deutsche Bauern. Was schadet das? Dein Auge ist klar und leuchtend. Schön ist's, zu den Armen und Einfältigen zu sprechen! Schön ist's, die Palmen von Bethlehem und Ägypten in den kalten germanischen Winter rauschen und säuseln zu lassen: in dem kalten germanischen Winter, der um die kleine Dorfkirche liegt, zu demselben Volk zu sprechen, welches zuerst die frohe Botschaft und das – Kreuz Christi auf sich nahm – Deo devota, patiens et submissa natio Germanorum!

Welch eine Reihe stiller Sonntage meiner Jugendzeit, hingebracht in diesem Walddorf, zog langsam vor meiner Seele vorüber, während der Freund auf der Kanzel den alten und jungen Kindern die Flucht nach Ägypten erzählte. Damals saßen wir selbst beide unter jenen Kindern auf den ersten Bänken und sahen ehrfurchtsvoll hinauf zu dem Greise mit den weißen Locken, dem wir einige Stunden später im kleinen Pfarrhaus auf den Knieen saßen. Sinnend dachte ich an den stillen, ungestörten Lebensgang, welcher meinem Jugendfreund im Gegensatz zu dem meinigen beschieden war. Während ich hinausgeschleudert wurde in die Welt, haftete er an der Scholle und träumte sich – man kann es sagen – allgemach hinein in die Gelehrsamkeit seines Vaters. Wenn er ein Examen zu machen hatte, so legte ihm die Mutter jedesmal als glückbringendes Zeichen ein vierblättrig Kleeblatt in jedes Buch, und getrost ging er, um wie Gold aus jeder Probe hervorzukommen. Der alte Rohwold erlebte noch die Freude, das einzige Kind von seiner eigenen Kanzel predigen zu hören. Er war alt und schwach geworden, und der Sohn ward dem Vater Gehilfe im Amt, und als der letztere starb, ward Arnold Rohwold an seiner Stelle Prediger in dem abgelegenen, von der Welt und dem Konsistorium fast vergessenen Dorfe Rulingen, und die Mutter konnte weiter schalten in ihrer schwarzen Witwentracht, in dem kleinen Pfarrhause mit der Aussicht auf den Kirchhof und den Grabhügel des heimgegangenen Gatten. In dem kleinen Pfarrhause stand noch jedes Gerät an demselben Platze, an welchem es vor zwanzig Jahren gestanden hatte, an welchen es vor vierzig Jahren zum erstenmal niedergesetzt war; die Kirchhofslinde trieb jedes Jahr im Wechsel der Zeit ihre Blüten und welken Blätter in die offenen Fenster des Pfarrhauses, und die Schmetterlinge flatterten jeden Frühling über den offenen Büchern und Papieren des jungen Pfarrers, wie sie den toten Vater umflattert hatten.

Ich dachte an das alles und an noch viel mehr. Ich dachte auch an Cäcilie – und Weitenweber glitt durch meinen Traum, und die Predigt nahm ihren Fortgang: Im Schatten der Riesensphinx saß die Mutter mit dem durstigen Kindlein an der Brust, und der Vater lehnte an dem Eselein, und die Pyramiden und die Obelisken schauten stolz herüber; die Priester sangen in dem Tempel der Sonne, und Griechen und Römer und Ägypter und alle Völker des Erdkreises drängten sich in Pracht und Herrlichkeit in den Gassen und auf den Plätzen von Heliopolis. Schöne Götterbilder wurden in den Werkstätten großer Künstler gemeißelt; in den Säulenhallen redeten die Weisen; die Tuba erschallte auf den waffenblitzenden Triremen, welche den Nil herauffuhren, die Grenze zu schützen gegen die Äthioper. Wer achtete auf die kleine Gruppe neben der geheimnisvollen Sphinx? Wer vernahm das Schlummerlied, welches die Mutter dem Kindlein auf ihrem Schoß sang, nachdem es sich sattgetrunken hatte? . . . . . . . . . . .

Ich fuhr empor! – Unter dem Klange der Orgel war der Taufzug in das Kirchlein getreten, und der junge Weltbürger sang lustig im Chor der Gemeinde von Rulingen mit. Fein geschmückt lag er in den Armen Cäciliens. Der gewaltige Forstmeister schritt in seiner Staatsuniform feierlich hinterher, die Frau Pastorin Rohwold führend. Ihnen folgte Konrad mit seinem glücklichen Weiblein, deren Arm ich in dem nächsten Augenblick in den meinigen genommen hatte.

»Wo steckst du denn?« flüsterte der Rotkopf. »Wir haben dich überall gesucht und mancherlei Vermutungen über dem Verschwinden angestellt.«

»Bst!« sagte ich, den Finger auf den Mund legend. »Ich habe eine Vorfeier gehalten. Seien Sie gütig, Käthchen, und verzeihen Sie mir!«

»O ich bin so glücklich!« sagte die kleine Frau. »Ist er nicht prächtig? O, ich hoffe, er wird gut werden – er wird wie sein Vater werden!«

»Aber Ihr hübsches Haar soll er bekommen, Frau Käthchen, und fröhlich wie Sie soll er werden, und Ihre Augen hat er schon!«

»Ach schweigen Sie doch, wie können Sie so in der Kirche sprechen!« rief Käthchen glückselig lächelnd. »Da kommt Arnold – ich wollte sagen, der Herr Pastor.«

In pontificalibus trat Arnold, der Pastor, jetzt wirklich unter uns, und er sah auch in der Nähe recht ehrwürdig und hübsch in seinem schwarzen Predigergewande aus. Eine herzliche stumme Begrüßung fand statt, und dann schritten wir sogleich zu dem großen Werke, welches uns um den lichterglänzenden, aufgeputzten Altar der kleinen Dorfkirche versammelt hatte. – – – – – – –

»So gehe denn zu Freud und Leid hinein in das Leben, du liebes Kind,« – beschloß der junge Pfarrer von Rulingen seine Taufrede – »und laß dich nicht irren auf deinem Pfad! Nimm die Blumen und Früchte, welche dir zu beiden Seiten in die Hände wachsen; aber das Auge schlage auf zu dem ewigen Blau über dir, daß dein Herz nicht eng und dunkel werde in Erdenlust und Erdenschmerz. Laß dich nicht irren, du liebes kleines Kind! Gehe deinen Weg und schürze fröhlich dein Gewand, sammle jubelnd alle bunten Schätze, welche du auf deinem Pfade findest, hinein, und Gottes schöne Engel – Liebe und Freundschaft – mögen dir zur Seite gehen und dir sammeln helfen, bis der Abend, die Nacht hereindämmert, dein Auge trübe, dein Schritt langsam wird. Und wenn der Abend, die dunkle Nacht hereingebrochen ist, der Vater ruft, dann laß still und willig dein gesammelt bunt Spielzeug zur Erde fallen, von der es genommen, falte die Hände und sprich dein Nachtgebet und träume dich sanft hinüber in den großen Auferstehungsmorgen mit seinen unbekannten Sonnen, seinen unbekannten Lerchen und Nachtigallen, all seiner unbekannten Herrlichkeit und Seligkeit – – Amen!«

 
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