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Die Kinder von Finkenrode

Wilhelm Raabe: Die Kinder von Finkenrode - Kapitel 2
Quellenangabe
typefiction
authorWilhelm Raabe
titleDie Kinder von Finkenrode
publisherVerlagsanstalt Hermann Klemm
seriesSämtliche Werke
volumeZweite Serie Band 2
printrunDreizehntes bis Siebzehntes Tausend
year
correctorreuters@abc.de
secondcorrectorgerd.bouillon@t-online.de
senderwww.gaga.net
created20080920
modified20181018
projectid3ae87358
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1

Ich saß in dem Redaktionszimmer des Kamäleons, den Kopf auf beide Fäuste stützend, vor mir die statistischen Nachrichten über die Sterbefälle der vorigen Woche, welche die Geburten bei weitem überwogen. Es war der neunundzwanzigste November, und gestern hatte ich meinen neunundzwanzigsten Geburtstag gefeiert; genug, um in der Stimmung zu sein, sich eine Kugel durch den Kopf zu jagen, oder an seinem eigenen Halstuch sich aufzuhängen!

Weitenwebers Feder kritzelte mir gegenüber, und die Wolken seiner Zigarre kräuselten anmutig aus dem Haufen von Büchern, Zeitungen, Briefen und so weiter, und so weiter, welche seine liebenswürdige Persönlichkeit meinen Blicken entzogen, empor, und vermehrten langsam aber sicher den Wolkenschleier über unsern Häuptern und die ehrwürdige graue Patina der Decke und der Wände.

»Weitenweber!«

Ein unverständliches Geknurr antwortete dem Anruf, und ich fing unter dem fortdauernden Geknarr der Feder meines Freundes nur zwei Worte des Gedankenniederschlags, der sich auf dem duldwilligen Papier nach und nach absetzte, auf – »süßer Wahnsinn« – und dann die ärgerliche Mahnung – »laß mich wenigstens noch fünf Minuten in Ruhe!«

Ich richtete in Ermangelung eines Besseren die Augen nach der Decke und gähnte aus Herzensgrunde; dann warf ich einen matten Blick auf meine Umgebung und gähnte zum zweiten Mal. Es hatte sich seit vorgestern nichts in dem Redaktionszimmer des Kamäleons verändert.

Der menschenfeindliche Dreifuß, der jedesmal bockte und umschlug, wie ein störriger, widerspenstiger Esel, wenn ihm jemand seine Persönlichkeit unvorsichtigerweise anvertraute; das Brettergerüst mit all den modernden Jahrgängen des Journals, die merkwürdige Tür mit den Namen aller früheren Redakteure und Mitarbeiter des Blattes, das eiserne Lineal, die halbverkleisterten Tintenfässer, aus denen schon soviel Witz und Dummheit, Geist und Blödsinn, Humor und Trivialität hervorgezogen worden war; im Winkel Weitenwebers gespenstige weißgraue Kopfbedeckung über seinem weißgrauen unheimlichen Überrock, aus dessen Tasche mit dem Taschentuch auch das glänzende Futter herausgezogen war, – der Kalender an der Wand, auf dem Andreaskreuze über jede nutzlos verbrachte Woche gezogen waren – ah – ich schloß die Augen und gähnte zum drittenmal, hätte mir dabei aber fast die Kinnladen ausgerenkt, weshalb ich aufsprang und nach einigen Gängen durch das Gemach am Fenster stehen blieb.

Die schwere Regenluft drückte die aus den Schornsteinen aufsteigenwollenden Rauchwolken hinab in die Gassen, verdichtete so nach Möglichkeit den Nebel, welcher den ganzen Tag über auf der Stadt gelegen hatte, und verjagte auch grade nicht den aufsteigenden Wunsch, das Atemholen so bald als möglich aufzugeben. Der ununterbrochene Strom der Bevölkerung, welcher da draußen vorüberfloß, sah womöglich noch schmutziger, verwahrloster aus, als sonst. Wehmütig betrachtete ich meinen Freund Weitenweber, der in diesem Augenblick mit der Fahne seiner Feder sinnig einen Galgen an die beschweißte Fensterscheibe neben seinem Platze malte und einen armen Sünder von Druckenlassenden mit lang ausgestreckter Zunge daran aufknüpfte, nachdem er ihn auf seinem Konzeptpapier vielleicht eines noch qualvolleren Todes hatte verscheiden lassen. Ich ging zu meinem Sessel zurück und nahm meine vorige Stellung wieder ein, als plötzlich die Tür aufgerissen wurde und der kleine Hinkelmann den Kopf ins Zimmer steckte.

»So, da steckst du, Bösenberg! Hier ist ein Brief für dich – fang! Guten Abend, Weitenweber!«

»Hat der Mensch schon wieder eine weiße Weste an!« brummte Weitenweber, sein Haupt ruckartig über seinem Bücherhaufen emporschnellend.

»Gebrauchst du mich, Weitenweber?«

»Geh zum Teufel!« schnauzte der Gefragte und lachend verschwand der kleine, elegante, fette Doktor, und Weitenweber rezitierte einen Vers aus dem Aristophanes, welchen ich hier nicht wiederholen werde, bei den blauen Augen Athenens – erstens weil er zu unanständig ist für die keuschen Ohren jetziger Zeit, und zweitens, weil sich das Griechische des Publikums allzusehr – gegeben hat. – Zweifelnd wog ich das mir zugeworfene Schreiben in der Hand. Ein Mahnbrief war es nicht; viele Postzeichen, welche ich, der zunehmenden Dämmerung wegen, nicht mehr erkennen konnte, bedeckten es. Weitenweber zog die Glocke; – Floh, das Faktotum der Redaktion, erschien – die Gasflammen leuchteten auf – ich erbrach das ziemlich umfangreiche Siegel . . .

»Weitenweber! Um Gottes willen – Wei – ten – we – ber!«

»So hole doch der Henker die ganze Wirtschaft!« schrie der lange Redakteur und warf die Feder fort. »Ich wollte, Ihr hättet alle Flügel der Morgenröte genommen und – nun was soll's? Schnell, schnell, wenn, ich bitten darf; ich habe nicht Lust, noch länger in diesem verdammten dumpfigen Loche zu sitzen.«

»Höre, höre – schlafe ich, träume ich, oder wache ich –« –

»Ein türkischer Sultan läßt sich, um dies zu erfahren, von seiner schönsten Odaliske in das Ohr beißen – Floh, im Galopp nach der Kreuzgasse zu der kleinen Ballettänzerin – aha, wie heißt sie doch?«

»Höre, höre, Weitenweber!« rief ich, und die Stimme, mit welcher ich meinem Freunde das folgende Schreiben vorlas, zitterte gewaltig; die Buchstaben tanzten mir zu sehr vor den Augen!

»Wohlgeborener Herr! Hoffentlich wird dieser Brief Sie treffen. Es ist der dritte, den ich an Sie abschicke. Den ersten sandte ich nach Wien, den zweiten nach München – beide haben Sie nicht erreicht. Eine traurige Pflicht habe ich zu erfüllen, indem ich das selige Abscheiden Ihres Herrn Onkels, Herrn Albrecht Maximilian Bösenbergs weiland, hierdurch vermelde. Am 15. Oktober ward derselbe tot in seinem Bette gefunden, und ist die Nachlassenschaft desselben unter gerichtlichen Schutz und Siegel gestellt. Ihre Anwesenheit hiesigen Orts, als einziger bekannter lebender Verwandter und Haupterbe, wird unerläßlich notwendig sein. Ich bitte so schnell als möglich, mit allen Legitimationen versehen, an hiesiger Gerichtsstelle zu erscheinen. Das Vermögen an Mobilien und Immobilien ist ziemlich bedeutend.«

»Der ich mich Ihnen hochachtungsvoll und ganz ergebenst empfehle

Friedrich Rettig, Notar.

Finkenrode, am 20. November 18–«

Weitenweber grinste zwei Minuten stillschweigend nach mir herüber; dann sagte er:

»Du scheinst den Verlust deines Oheims mit Gleichmut zu ertragen. Das Vermögen an Mobilien und Immobilien ist ziemlich bedeutend – gratuliere.«

»Was das erstere anbetrifft, so ließe sich ein Langes und Breites darüber sagen. Ich kann mich kaum noch des alten Herrn erinnern; er hat durchaus nicht in mein Leben eingegriffen –« bah, Familiengeschichten!«

»Und was gedenkst du nun zu tun?«

»Ich muß reisen.«

Die Feder Weinwebers nahm ihr Gekritzel wieder auf, ich aber schlug die Arme übereinander und verlor mich in ein Gewirr alter Erinnerungen, Traditionen, das mich weit genug weg führte aus dem dunkeln Redaktionszimmer des Kamäleons, in welches eben der Druckerjunge nach Manuskript glotzte. Ich konnte den toten alten Herrn, welchen sie dort in der Ferne in das Grab gelegt hatten, nicht aus den Gedanken loswerden, wenn ich mir gleich durchaus keine Vorstellung von seinem Sein und Wesen, seiner Persönlichkeit machen konnte.

Meine Mutter sprach selten von dem Bruder meines Vaters. Ein Brief, den sie kurz vor ihrem Tode an ihn absandte, kam unerbrochen zurück. Sie warf ihn mit ihrer müden, magern, zitternden Hand selbst ins Feuer, ehe sie ihr treues, liebes Auge für immer schloß – es ist schon lange her – und eine Träne fiel mit in die Glut, welche die verworrenen, zitterhaften Buchstaben verzehrte.

Nie erfuhr ich, was für ein verklungen Gefühl durch diesen Brief wieder aufgeweckt werden sollte!

Die Flut der Leute, die in einer Zeitungsredaktion zu schaffen haben, kam und ging wie gewöhnlich: ich antwortete auf Fragen, lachte, wenn der Redende, darauf zu bestehen schien, war grob, zart, Protektor, Supplikant, höflich, unhöflich, anmutig und langweilig, wie die Umstände und die Persönlichkeiten, welche ich vor mir hatte, es forderten; erwachte aber erst aus meiner Betäubung, als Weitenweber seinen Hut aufstülpte, seinen Grauweißen stöhnend anzog, eine neue Zigarre an der Gasflamme über seinem Schreibpult anzündete und, die Hände in den Taschen, sich vor mich hinstellte.

»Ich bilde mir ein, daß ich dich morgen hier nicht sehen werde – he, wir geben den Schwindel wohl ganz auf – was? Satte Leute können wir hier nicht gebrauchen. – Guten Abend.«

Ich war allein. Aus der Druckerei erschallte das mir so wohlbekannte Geräusch der arbeitenden Pressen. Jetzt hatte ich Zeit, meinen Träumereien nachzuhängen, aber die Lust dazu war vorüber.

»Ja, ich werde morgen reisen!« rief ich aufspringend. »Armer Teufel von Oheim, was werde ich in deiner dunkeln, menschenfeindlichen Höhle finden – in dem unbekannten Hause, in der unbekannten Vaterstadt? Also ein reicher Mann bin ich? . . . aha . . . doch ein äußerst wohltuendes Gefühl! Wenn ich Weitenweber mitnähme? – Alle Wetter, das würde ein Jubel werden, wenn der Vortreffliche seine Tätigkeit einmal einstellte! Hurra, Weitenweber muß mit! – Schraube die Lampe aus und mach, daß du nach Hause kommst, Floh! Da hast du einen Taler, wende ihn gut an!«

Der Junge fuhr aus dem sanften Schlummer, in welchen er auf seiner Bank versunken war, auf, ich wiederholte ihm meinen Befehl – die Redaktion des Kamäleons versank in tiefe dunkle Nacht. Ein feiner kalter Regen empfing mich draußen; ich warf mich daher in die nächste Droschke, um so schnell als möglich nach Hause zu gelangen. Der größte Teil der Nacht ging mit den Vorbereitungen zur Reise hin, und erst um Mitternacht suchte ich Weitenweber im Künstlerverein auf, um ihm meinen Plan vorzulegen. Die Mehrzahl der Klubmitglieder hatte sich bereits nach Hause begeben, und nur ein halbes Dutzend der Unverwüstlichen hockte noch in einem Winkel zusammen und redete Calderon; Weitenweber ausgenommen, der dazu schweigend die gräßlichsten Gesichter schnitt. Als ich eintrat, kam neues Leben in die Gesellschaft.

»Holla, da ist der Glückliche!« rief eine Stimme.

»Ein Lebehoch, dem aus jenen seligen Sphären verklärt auf seinen höchst seligen Erben herabschauenden Onkel!« deklamierte pathetisch der Schauspieler Waller.

»Setze dich, mein Sohn,« sagte Weitenweber und überließ mir großmütig einen der vier Stühle, die er gewöhnlich gebraucht, um sich eine bequeme Lage im gesellschaftlichen Leben zu verschaffen. »Kannst du nicht schlafen, armes Kindlein? Nervös aufgeregt, he?«

»Laß mich ein Wort mit dir sprechen, Weitenweber.«

»Sprich – du erlösest mich wenigstens von Calderon und dem standhaften Prinzen.«

»Geh mit mir nach Finkenrode, Weitenweber!«

Weitenweber hielt sein Weinglas gegen das Licht und machte eine Miene, als habe er eine darin schwimmende Kellerassel entdeckt.

»Danke, mein Sohn. Da müßte ich doch ein gewaltiger Esel sein; sie werden dir die Hölle schon heiß genug machen . . . Übrigens fürchte ich mich auch allzusehr vor einer Stadt von sechstausend Einwohnern.«

»Bah!«

»Ich sorge um dich, Bösenberg! Du wirst genug dumme Streiche in dem Neste machen, wenn du mich nicht zur Seite hast. Ich habe noch nie bei einem Menschen ein so kolossales Talent dazu gefunden, als bei Dir. Höre – was ich dir versprechen will. Ich will kommen, wenn dir der Dreck bis an den Hals gestiegen ist. Du kannst mir von Zeit zu Zeit schreiben – aber kurz, wenn ich bitten darf. Gott befohlen, mach, daß du nach Hause kommst; du hast eine Neigung zum Ehestand, zum Hausvatertum, trotz deiner bodenlosen Liederlichkeit, trotz der kleinen Aurelie in der Kreuzgasse – geh ab und nimm eine Wiege mit!«

Die andern lachten; ich dachte das Meinige, hielt es aber doch für das beste, dem ersten Teil der unverschämten Mahnungen des Kamäleonredakteurs nachzukommen. Ich schlief wirklich diese Nacht nicht viel.

 
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