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Die Kinder von Finkenrode

Wilhelm Raabe: Die Kinder von Finkenrode - Kapitel 19
Quellenangabe
typefiction
authorWilhelm Raabe
titleDie Kinder von Finkenrode
publisherVerlagsanstalt Hermann Klemm
seriesSämtliche Werke
volumeZweite Serie Band 2
printrunDreizehntes bis Siebzehntes Tausend
year
correctorreuters@abc.de
secondcorrectorgerd.bouillon@t-online.de
senderwww.gaga.net
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18

Die Verwunderung des Schauspielers, Weitenweber in den Pantoffeln und dem Schlafrocke meines Oheims bei mir anzutreffen, wurde sehr gemäßigt durch die qualvolle Notwendigkeit, in welcher sich der Unglückliche befand, sein auseinanderfallendes Ich zusammenzuhalten. Ich wußte den Jammer seines Seelenzustandes zu würdigen und bedauerte ihn aufrichtig während des Eiertanzes der anmutigsten Reden und Redensarten, den er mit Weitenweber aufzuführen hatte. Wir frühstückten in der Gesellschaft Gundermanns, den ich herbeorderte, und welcher seine Lanzette in der Tasche mitbrachte, um den armen Alexander nötigenfalls auf der Stelle zur Ader lassen zu können. Als ich nach Wallingers Befinden fragte, schüttelte der Doktor hippokratisch den Kopf und trank sein Glas mit einer Grimasse aus; Weitenweber schob das seinige zurück, kreuzte die Arme über die Brust –

»Wallinger?! . . . Also geht es mit ihm zu Ende? Nun, Gott gesegne ihm seine Ruh!«

»O weißt du mehr von ihm, als ich dir geschrieben habe, Weltenweber? Sprich – sage uns, was du von ihm weißt!« rief ich.

Der Redakteur des Kamäleons zuckte die Achseln: »Es ist die alte Geschichte, man wandelt nicht ungestraft unter Palmen. Gräfin Kunigunde – war ein schönes Mädel, und Günther Wallinger war ein schwacher Narr, gleich uns allen vom Weibe Geborenen. Weshalb mußte auch das Schicksal ihn dem alten Musikmaniak, dem Baron Wallberg, dem Beethovenianer, in den Weg führen? Was hatte der Geiger zu suchen unter den seidenen Roben, den Juwelen und Orden und Uniformen? Tautropfen und Diamanten funkeln alle beide und sind doch etwas gar Verschiedenes. Welcher Jude gibt euch etwas für einen frühlingsfrischen grünen Zweig, im Tau blitzend, wie ihr ihn mitbringt aus euren Kindheits- und Heimatswäldern? – Imitation des diamants, messieurs! Imitation des diamants! Hier ist Gold, hier ist Ruhm und Ehre! – Holla! Mietze! Aufgewacht!«

Der Schauspieler fuhr erschrocken in die Höhe und warf eine Weinflasche um, deren Inhalt Gundermann über die Weste bekam.

»Ich wollte, der Alte hätte nachgegeben, daß du endlich diese Zerstreutheit los würdest!« rief der Arzt ärgerlich. Was soll ich nun meiner Frau sagen? Der Fleck kann doch unmöglich bei einem Patienten entstanden sein!«

Alexander schlug sich seufzend vor die Stirn; Gundermann lachte, Weitenweber grinste.

»Bei meinem Herzen« – begann der Schauspieler, aber brummend fiel ihm der Kamäleonsredakteur ins Wort:

»Bei meinem Herzen? Dummes Zeug! In alten Zeiten schwur in unserm Volk nur das Weib mit der Hand auf der Brust; der Mann schwur bei den Waffen.«

»Bei meiner Kunst denn!« rief der Schauspieler.

»Pah, der Schwur kann dir nicht gestattet werden, Mietze!« lachte der Arzt.

»Nun denn, zum Henker, bei mir selbst; ich wollte« –

»Obgleich ich weiß, was du wolltest, Alexander, so ist doch eine Verpfändung deines sonst ganz respektabeln Ichs eine sehr bedenkliche Sache. Sehr wenig Sicherheit, Alexander!«

Der Schauspieler glotzte stier im Kreise umher, ließ stumm die Stirn in beide Hände fallen, stützte die Ellenbogen auf den Tisch und bekümmerte sich nicht mehr um uns. Gundermann und ich weiheten Weitenweber in die Finkenrodener sozialen Verhältnisse ein, ungeachtet daß der Elende bei den interessantesten Tatsachen auf das unverschämteste gähnte, sich reckte und dehnte. Indem stapfte etwas langsam die Treppe herauf, und jemand klopfte mit dem Stockknopf an die Tür.

»Der Herr Hauptmann Fasterling?!« rief ich staunend und zweifelnd. Mietze war, wie von einem elektrischen Schlage getroffen, in die Höhe gefahren. Der Doktor hielt sich ein klein wenig an der Stuhllehne; Weitenweber erhob sich langsam und würdevoll.

»Willkommen! Willkommen, teuerster alter Freund und Gönner!« rief ich dem Vater der holden Sidonie entgegen. »Alexander, einen Stuhl dem Hauptmann! Herr Hauptmann, hier – mein Freund Weitenweber! Weitenweber – der Herr Hauptmann Fasterling! Ich hoffe, die Herren werden gute Freunde werden.«

»Hoffe ich auch!« sagte Weitenweber, und Gundermann nickte selig dazu. Der Hauptmann aber machte eine steife Verbeugung und warf unbehagliche Blicke nach der Tür, welche sich hinter ihm geschlossen hatte, und nach dem Schauspieler, der ihm gegenüber verlegen mit der Serviette spielte.

»Ich – ich dachte, ich würde dich allein treffen, Max!« sagte er. »Ich störe die Herren gewiß – –«

Im nächsten Augenblick war dem alten Herrn des Oheims Lehnstuhl untergeschoben und er darauf niedergedrückt. Den spanischen Rohrstock stellte Gundermann in den Winkel, des weißen Filzhutes bemächtigte sich Weitenweber; auf einen Wink von mir stürzte Mietze Hals über Kopf hinab in den Keller und erschien in derselben Minute wieder beladen mit mehr Flaschen, als meinem Weinvorrate gut war.

»Aber, aber, meine Herren!« rief der Hauptmann. »Ich komme –«

»Der Herr Hauptmann ist gekommen!« rief Gundermann. »Meine Herren – der Hauptmann Fasterling lebe hoch – ho – o – och!«

Wir fielen natürlich im Chor ein, und der Herr Hauptmann setzte dankend das Glas an die Lippen. Er kostete, hob die Augen zur Decke, kostete wieder, dann bog er sich seitwärts zu mir hinüber und flüsterte geheimnisvoll: »Der Alte hatte doch einen feinen Geschmack – wahrhaftig – Max – existiert noch mehr von der Sorte?«

Ich nickte energisch, warf dem Schauspieler einen bedeutungsvollen Blick zu und rief: »Herr Hauptmann, lassen wir den Oheim Albrecht Bösenberg leben!«

»Von ganzem Herzen!« sagte der alte Soldat anklingend. »Möge er da oben sich behaglicher fühlen, als er sich hier unten fühlte!«

»Amen!« sagte ich, und wir alle fünf leerten feierlich die Gläser.

»Aber nun, um mein unangenehmes, schweres Geschäft so schnell als möglich abzumachen, Max – ich kam – komme – ich kam, um dich zu – bitten – dem – Herrn – Herrn Schauspieler – Mietze – Mietze doch mitzuteilen, daß ich – ich ihm – meine Sidonie – nun und nimmermehr – geben kann! – Gottlob – Ah!«

Der Schauspieler war leichenblaß geworden, Gundermann trommelte auf dem Tische; nur Weitenweber blickte sehr nüchtern und gleichgültig drein.

»Aber, Herr Hauptmann –«

»Lieber Sohn, es geht wirklich nicht – wir passen nicht zueinander – –«

»Aber Alexander und Sidonie –«

»Nein! Nein! Nein! Es geht nicht! Es kann nicht gehen! Drei Nächte habe ich schon die Augen nicht zugetan – bitte, bitte, liebster, bester Herr Mietze, bestehen Sie nicht darauf!«

»Sie machen mich und Ihr Kind unglücklich auf Lebenszeit!« schrie der Schauspieler, die Hände ringend.

»Lieber, junger Freund –«

»Sie sind schuld daran, wenn ich mich wieder in das wüsteste Leben stürze; Sie sind schuld daran, wenn Sidonie eine alte Jungfer wird – sie hat mir geschworen, nie einen andern zu lieben, als mich –«

»Pah!« sagte Weitenweber, eine Wolke Zigarrendampfes nach dem verzweifelnden ersten Liebhaber hinblasend. »Ich stehe ganz auf der Seite des Herrn Hauptmannes; gib dich zufrieden, Alexander!«

»Sie stehen auf meiner Seite – o danke, danke!« rief der Hauptmann. »Sagen auch Sie doch Ihrem Freunde, daß ich ihn liebe, daß ich ihn achte, daß ich ihn ehre, aber daß ich ihm in Ewigkeit meine Tochter nicht geben kann.«

»Hörst du, Mietze?« sagte Weitenweber gähnend, »der Herr Hauptmann Fasterling liebt – achtet und ehrt dich, kann dir aber in Ewigkeit seine Tochter nicht geben.« Italienisch setzte er hinzu: »Machen wir also den alten Kater betrunken, muccino! Ich will einen solchen elenden, erbärmlichen Komödianten, wie du, nicht wieder auf den Brettern und in den Blättern haben!«

Der Schauspieler blickte verblüfft zweifelnd herüber, der Doktor Gundermann ebenfalls, der Hauptmann sah verlegen von einem zum andern.

»Es sei!« rief ich. »Alexander, nimm Vernunft an, gib dem Hauptmann die Hand und leiste Verzicht auf die schöne Sidonie!«

»Nimmer! Nimmer!« schrie der arme gequälte Mietze. »O Gott, sind das Menschen? – Väter? –«

»Nein!« sagte Weitenweber trocken.

»Nein!« sagte ich.

»Leider!« seufzte der Doktor Gundermann.

»Mein Herzblut würde ich vergießen –«

»Dummes Zeug! Leiste Verzicht auf die niedliche Hand des Fräuleins unter der Bedingung, daß der Hauptmann uns hier Gesellschaft leistet, solange es uns beliebt.«

»Folge ihm!« sagte ich leise zu dem Schauspieler und setzte ihm den Stiefelabsatz auf die Fußspitze. »Wir packen ihn – mein Wort darauf!«

Zögernd reichte der arme Alexander seine feuchte Hand über den Tisch. »Es sei!« stöhnte er aus tiefster Brust, und mit einem Anflug von Reue und Wehmut ergriff der Hauptmann die Hand des Verstoßenen und drückte sie krampfhaft und sagte, ohne zu wissen, was er sagte:

»Beruhigen Sie sich, fassen Sie sich, liebster junger Freund! Wir gaben auch die Hoffnung auf nach dem Lübecker Sturm, und wir waren doch nachher in Frankreich!«

Der Schauspieler legte die Hand über die Augen und sich zurück über die Stuhllehne.

»Und nun die leeren Flaschen vom Tisch und die vollen darauf!« rief Weitenweber, dessen Augen unheimlich zu leuchten anfingen. »Herr Hauptmann, auf das Wohl des holden Töchterleins; möge ihr der Himmel einen besseren Ehemann bescheren als den Schauspieler Mietze!«

»Amen!« seufzte Alexander; der Hauptmann aber trank betrübt, ohne anzuklingen, sein Glas leer. »Ich wollte, ich hätte Sie nicht hier getroffen, Alexander!« sagte er.

»Bah, alter Herr,« lachte Weitenweber, »es läßt sich nichts leichter abschütteln als ein Gewissensbiß! – Auf das Wohl der Armee, der alten wie der jungen!«

Der Alte stieß zwar sein Glas an das des Redakteurs des Kamäleons; aber der edle Wein des Oheims Albrecht schien ihm wenig oder gar nicht zu behagen. Hin und her rutschte er auf seinem Stuhle. »Wir könnten so gute Freunde sein, Alexander. Ich kannte Ihren wackeren seligen Vater so gut! Ach, weshalb mußte Ihnen auch das dumme Mädchen begegnen?«

Alexander legte den Kopf in die Arme auf den Tisch und rührte sich nicht; Gundermann griff leise in der Rocktasche nach seiner Lanzette; Weitenweber aber ward von Minute zu Minute lebendiger und entwickelte ein Unterhaltungstalent sondergleichen. Ich hatte unablässig die Gläser zu füllen, und nur das des Schauspielers blieb unberührt stehen. Auch der Alte, um sich zu betäuben, wurde immer redseliger, und seine Stimme schwoll öfters zu einem Donner an, welcher die alte Renate ein besorgtes Gesicht in die Tür stecken ließ. Garnisongeschichten wechselten mit Kriegsgeschichten ab, und Weitenweber, durch einen behende hie und da eingeworfenen Zweifel, erhöhte den Durst des wackern pensionierten Kriegers bedeutend – ich fuhr bereits die zweite Flaschenbatterie auf.

»Ich liebe sie! Ich liebe sie!« schluchzte Mietze.

»Halt's Maul – credo, quia absurdum est!« flüsterte ihm Weitenweber zu. »Weiter, Hauptmann, lassen Sie sich nicht stören. Was wollten Sie sagen?«

»Ich sehe Sie schon lange an, Herr Weitenweber,« sagte der Alte. »Es kommt mir immer vor, als habe ich Sie bereits einmal gesehen, aber ich kann nicht sagen, wie und wo.«

»Mit meinem Vater soll ich Ähnlichkeit haben. Der war ein wilder Bube, erstach zu Halle einen Schuft, der ein armes Mädchen unglücklich gemacht hatte, im Duell; ging unter fremdem Namen in die weite Welt und ritt als freiwilliger Jäger mit – nach Paris, alter Herr.«

»Wie nannte er sich, wie nannte er sich damals?«

»Lindenschmidt – Franz Lindenschmidt.«

»Hurra! Hurra! Er ist es! Er ist es! Ihre Hand, Freund! Das war ein wackerer Kerl, Ihr Vater! O sagen Sie mir, was macht er? Wo steckt er? Wie lebt er? O, wir kennen uns sehr gut.«

Weitenweber goß den Rest seines Glases auf den Boden, daß es schallte: »Er ist tot – zwanzig Jahre.« Der Hauptmann legte grüßend die rechte Hand an die Schläfe. »Das ist das Leiden,« sagte er, kopfschüttelnd den grauen Schnurrbart streichend, »das ist das Leiden; wenn man nach einem von ihnen fragt, da ist er auf und davon gegangen – ah, wir müssen alle Ordre parieren und auf das Signalhorn achten. Haben sie ihn auch begraben, wie es einem ehrlichen Soldaten ziemt?«

Weitenweber zuckte lächelnd die Achseln: »O ja! Sie nahmen ihn nach dem Kriege wieder in Gnaden an und setzten ihn, damit er nicht verhungere, hoch oben auf einen luftigen Berggipfel in ein Telegraphenhäuslein und hatten auch nichts dagegen, daß er meine Mutter heirate.«

»Da mußte er freilich stillsitzen lernen,« sagte der Hauptmann. »Es ging wohl schwer an?«

»O nein,« sagte Weitenweber und stützte den Kopf auf die Hand, »es gefiel ihm sehr; er hatte ja aus seinem Turmfenster die Aussicht in die weite Welt; er hatte seinen kleinen Garten an nebeligen Tagen; er hatte meine Mutter« –

»Donnerwetter, ich hätte selbst bei ihm sitzen mögen!« rief der Hauptmann, auf den Tisch schlagend, daß die Gläser klirrten.

»Wenn nur in dem Umkreis von zwei bis drei Meilen die andern Telegraphen nicht gewesen wären!« fuhr Weitenweber fort.

»Wieso?« fragte der Hauptmann.

»Bah, die Kerle streckten ihre langen Arme aus und gestikulierten, und mein Vater verstand unglücklicherweise die Zeichen, welche er da über seinen Berggipfel weiterbefördern mußte. Aus allen Himmelsgegenden erzählte man sich die schnurriosesten Geschichten hin und her, her und hin. Die Leute da unten in den friedlichen Städten und Dörfern, die Leute in den Werkstätten und Schreibstuben und auf den Feldern und grünen Wiesen hatten gar keine Idee davon, wie es eigentlich in der Welt zuging, ließen sich wahrhaftig nicht träumen, was für Teufeleien da oben über ihren Kirchen und Kinderstuben in der stillen blauen Himmelsluft durcheinanderzuckten. Meinem Vater wurde das Haar greis in vier Wochen – es ist ein anderes, Hauptmann Fasterling, es ist ein anderes, im Freiheitssturm von Hunderttausenden derselben Zunge fortgerissen zu werden zum Kampf für das Höchste, und ein anderes ist es, einsam auf solch einem stillen Berggipfel für die ›Gebote des heiligen Glaubens, die Gebote der Liebe, der Gerechtigkeit und des Friedens‹ die Arme des Telegraphen zu richten.«

Der Hauptmann saß stumm, starr, mit weit offenen Augen und Munde. Mietze hatte sich aus seinem Stupor aufgerichtet, und Gundermann fühlte sich selbst den Puls.

»Weiter, weiter, Weitenweber!« rief ich.

»Es ist nichts weiter davon zu sagen! Eines Tages renkten sich die Telegraphen auf den umliegenden Höhen fast die Arme aus, der meines Papas ließ die Fittiche hängen, wie ein flügellahmer Vogel. Die Familie Weitenweber zog wieder hinunter in die Täler, zu den Leuten, die nichts davon wissen, was über ihnen vorgeht. Die Mutter trug mich auf dem Arm, und der Vater lenkte das alte Roß, welches die wenigen Habseligkeiten auf einem Wägelchen nach sich schleppte.«

»Gottlob! Gottlob!« rief der Hauptmann aus tiefster Brust aufatmend und drei Gläser Wein in einer Sekunde hinabstürzend.

»Die Korrespondenz des heiligen Bundes aber geriet dadurch bedeutend in Unordnung,« fuhr Weitenweber fort – »in der nächsten Stadt wurde mein Vater verhaftet« –

»Blücher und Bomben!« schrie der Hauptmann.

»Und auf die Festung gesetzt, wo er nach fünf Jahren gestorben ist! Ein ehrliches Soldatengrab in einer Festung, Hauptmann!« . . . . . . . . .

Der Hauptmann schritt, die Hände auf dem Rücken, hin und her im Zimmer, daß der Boden zitterte, und murmelte undeutliche Worte.

Weitenweber trat mit einem vollen Glase zu ihm heran und legte ihm die Hand auf die Schulter: »Was ist Euch, Mann? Die Falten von der Stirn! Was? Ist das alte Geschlecht der Freiheitskämpfer so nervenschwach? Was? – Stehen wir Kinder von heute fester vor den Konsequenzen der Weltentwickelung? Hier – auf das Wohl aller freien Seelen!«

Der Hauptmann wischte mit dem Taschentuch den Schweiß von der Stirn, nahm das Glas und hielt es hoch empor:

»Auf dein Wohl, Franz Lindenschmidt!«

Erschöpft sank er auf seinen Stuhl zurück; ich aber stieg abermals in die Katakomben des Hauses Bösenberg und schickte zugleich einen Boten nach dem Hause des Hauptmanns mit der Meldung, daß der Wackere fürs erste nicht heimkehren werde. Ein gewaltiges Gelächter erscholl um den Frühstückstisch, als ich wieder eintrat. Selbst Alexander Mietze lächelte, wie man in seiner Gemütsstimmung lächeln kann: der Doktor Gundermann erzählte, da er wie Scheheresade »nicht schlief«, der Gesellschaft eine sehr merkwürdige Geschichte.

»Wahrhaftig, die Zukunft lag in dem rosenfarbigsten Lichte vor mir, wenn auch öfters gespensterhafte Schatten mit geisterhaft langen Rechnungen darin herum schwebten und heulten, wenn auch die Gegenwart etwas nebelig und dunkel war. Gute Aussichten! – Was kann man mehr verlangen? Hole der Teufel meine Gläubiger, die vor einem künftigen Wirklichen Geheimen Ober-Medizinalrat so wenig Respekt hatten, daß sie – – – na, wir wollen nicht weiter davon sprechen!

›Otto Gundermann, praktischer Arzt und Geburtshelfer, Sprechstunden: Morgens 9–11 Uhr, nachmittags 4–7 Uhr‹ hatte ich auf ein Porzellantäfelchen malen lassen, welches an der Haustür lockend der leidenden Menschheit zuwinkte und sie aufforderte, bei Tage vertrauungsvoll drei Treppen hinauf zu wandeln zu meiner Wohnung, und bei Nacht, ohne Scheu, zu stören, den nebenbei befestigten Glockenstrang zu ziehen. Himmel, Hölle und Hygieia, tat es wohl einer?! – – Ach, du lieber Gott, ich hatte viel Zeit über – statt im Doktortrab Patienten zu besuchen, bummelte ich langsamen Schrittes, die Hände in den Hosentaschen, durch die Gassen, oder sonnte mich auf irgendeiner beliebigen Bank draußen im Tiergarten; statt Pulsschläge zu zählen, zählte ich die Ziegel auf den Dächern. –

Ich schlief den Schlaf des Gerechten. Eins! tönten die Glocken über die Stadt – da – plötzlich – ungeahndet – krampfhaft setzt sich meine Nachtglocke dicht über meinem Haupte in Bewegung. Man zieht nicht, man reißt daran; es ist, als habe sich ein Selbstmörder den Draht um den Hals gelegt und zapple nun ein verfehltes Leben daran aus – klinglingling kling – kling klinglingling. – Ich bin mit einem Satz aus den Federn: ›Wo brennt es? Wo brennt es denn?‹ – Dann mich besinnend: ›Alle Wetter, das ist ja ein Patient!‹ An das Fenster stürzen, es aufreißen und den Kopf in die kalte, regnichte Februarnacht hinausstrecken, ist die Sache eines Augenblickes. – ›Ich komme gleich! Ich hab's gehört! Warten Sie eine Minute!‹ – Der Läutende aber läßt sich nicht stören, sondern verdoppelt nur seine Anstrengungen. ›Ich hab's gehört! Hören Sie doch nur auf – ich komme schon!‹ schreie ich, die Unaussprechlichen in der Hand.

›Gu – u – undermann! – Gu – u – undermann!‹ brüllte es jetzt von unten herauf. ›Herrr–aus – herr–unter kommen!‹

Meine schönsten Hoffnungen sind vernichtet, ich erkenne die Stimme. ›Teufel, das ist Ottermann! Himmel, was hat der Kerl? Fängt der Mensch schon wieder an zu läuten!‹ – Ich lege mich so weit als möglich aus dem Fenster und schreie hinunter: ›Ottermann, sind Sie es? So lassen Sie doch den heillosen Lärm, die Nachbarn werden ja wach!‹

›Rrrrrunterkommen, Hip–hippo–popo–potamus! – augenblicklichst – sehrrr eilig!‹

›Der Mensch ist betrunken,‹ sage ich mir und krieche allmählich in die Kleider. ›Gehen Sie nach Hause, Auditor, und nehmen Sie Brausepulver.‹

›Gu–undermann – Hinkelmann krank! sehr krank! Schnell – rrraus, Gunder–mann!‹

›Alle Wetter, Hinkelmann krank?!‹ rufe ich oben betroffen. ›Was ist das? – Ich komme – lassen Sie das wahnsinnige Sturmgeläut, Ottermann!‹

Rasch beendige ich meine Toilette und eile die Treppen hinunter, wobei mir aus mehreren Türen die ärgerlichen Bemerkungen der Leute nachschallen, welche der Jurist aus ihren besten Träumen geweckt hat. Das Schlüsselloch ist endlich gefunden, der Riegel weggeschoben, ich trete hinaus in die unbehagliche Nacht. Es regnet, und wässerige Schneeflocken schlagen mir ins Gesicht; eine Straßenlaterne wirft ein ungenügendes Licht umher, aber von dem Juristen ist nirgends eine Spur zu sehen.

›Ottermann, Ottermann! Wo stecken Sie? Treiben Sie keinen Unsinn, Ottermann!‹

Ein zweifelhafter Laut, halb Seufzer, halb Grunzen, ertönt dicht neben mir. Der Rechtsgelehrte sitzt regungslos an die Hausmauer gelehnt da, den Griff des abgerissenen Glockenzuges in der Hand. Ich habe den Burschen auf dem Halse!

›Ah–u–uf! Seid Ihr da – Schatz? Famoooos!‹

›Sind Sie noch fähig anzugeben, woher Sie kommen, Ottermann?‹ fragte ich ärgerlich.

Paterrr est qu–quem nuptiae de–monstrant!

›Unsinn! Woher Sie kommen, will ich wissen!‹

›Vortrefflicher Rhein–wein–punsch in der Rrrrose –‹ Mir geht ein Licht auf. ›Gerettet!‹ rufe ich. Ich fasse den Rechtskundigen unter die Arme, und es gelingt mir, ihn auf die Beine zu bringen. Zu irgendeiner vernünftigen Antwort auf meine Fragen nach dem kranken Hinkelmann ist er jedoch unfähig; dagegen bemüht er sich unablässig, nach der Melodie: Das Schiff streicht durch die Wellen usw. den schönen Vers zu singen:

Der Tugend Pfad ist anfangs steil,
Läßt nichts als Mühe blicken.

Von Gasse zu Gasse, von Eckstein zu Eckstein gelangen wir mit Mühe und Not auf den Dönhofsplatz. Hier gelingt es mir, einen Nachtwächter aufzutreiben, welcher den Auditor auf der andern Seite unterstützt und mir die Fortschaffung des Menschen erleichtert.

›Gottlob, es ist noch Licht in der Rose! Hier hinein, Nachtwächter – danke Ihnen für Ihre Hilfe!‹

›Hat nichts zu sagen, Herr!‹ lacht dieser. ›Wenn Sie mich mal wieder brauchen, stehe gern zu Diensten, nachts zwischen zwei und vier hier an dem Meilenzeiger!‹

Es war in jenen schönen vergangenen Tagen (hier fuhr der Kreisphysikus seufzend durch seinen etwas mangelhaften Haarwuchs) allnächtlich ein tolles, fideles Treiben in dieser Rose, und die Gattung der Rosenkäfer, welche sich jeden Abend mit einbrechender Dämmerung hier versammelte, suchte ihresgleichen in der Hervorbringung unsäglichen Blödsinnes jeglicher Art. Hier versammelte sich alles, was die Stadt en gros und en détail an Geist, Witz und Albernheit besaß. Der Austausch der Ideen war riesenhaft – kolossal, gigantisch, apokalyptisch! Die Wärme des niedrigen Zimmers, der undurchdringliche Tabaksqualm betäubten den Juristen bei unserm Eintritt dermaßen, daß er kaum noch den nächsten Stuhl erreichte, wo er niedersinkend stammelte: »Daaa – da – sitzt errr!« und den Kopf auf beide Arme legte, wie Alexander Mietze dort mir gegenüber.

Ja, da saß er, der unglückselige Hinkelmann, Doktor der Philosophie, sehr jugendlicher Literat damals und – so weiter! Der einzige Nüchterne zwischen den geistig und körperlich in diesem Augenblick verloren gegangenen Genossen. Verschiedene waren bereits von den Stühlen gerutscht, verschiedene hielten sich nur noch mit Mühe darauf, kein einziger konnte noch ein vernünftiges Wort hervorbringen.

›Guten Abend, Gundermann!‹ sagte Hinkelmann mit kläglicher Miene, mir die Hand über den Tisch reichend.

›Guten Morgen, Hinkelmann! Wo sitzt es denn?‹ fragte ich lachend.

›Was sitzt? Wo sitzt?‹

›Nun, ich meine, du seiest am Rande des Grabes angelangt; Ottermann sagte – –‹

Ein Krachen unterbrach mich; der Jurist hatte ebenfalls das Gleichgewicht verloren und verschwand unter dem Tisch. ›Luise heißt sie!‹ schrie er dabei mit der Stimme eines Ertrinkenden, Hinkelmann legte die Hand auf das Herz und machte ein Gesicht wie ein Kalb, das der Schlächterhund anbellt. Ich fiel auf den Stuhl, welchen der Rechtskundige soeben geräumt hatte. ›Ah! oh! ah! oh! o! o! o! Luise heißt sie?! Also, sie haben es herausgekriegt? Hinkelmann, Hinkelmann! Will sie dich denn?‹

›Laß uns hinaus in die freie Luft, in die heilige, reine Nacht! Ich ersticke!‹ schrie Hinkelmann, und wir verließen Arm in Arm die Rose und wandelten langsam durch die Gassen. Hinkelmann beichtete vollständig; er zeigte mir ihre Fenster und nannte mir ihre Hausnummer; – sie hieß wirklich Luise! – Luise Reimer –«

»Donnerwetter, das ist ja Ihre Frau, Doktor?!« fiel hier der Hauptmann dem Erzählenden ins Wort.

»Ganz richtig!« sagte gemütlich der Arzt. »Sie wollte ihn ja nicht!«

»Aber, aber –«

»Nun, Herr Hauptmann?«

»Aber war denn Ihr Freund damit zufrieden?«

Gundermann zuckte die Achseln: »Ach, wer will wohl solche Kleinigkeiten übel nehmen? Sie ist einen Kopf größer als der kleine Journalist – das paßt nicht, Herr Hauptmann: das Weib soll dem Mann bis ans Kinn reichen.«

»Hat er Sie denn nicht gefordert – auf Tod und Leben?«

»Bewahre! Er hat zwei Jahre später lustig auf meiner Hochzeit getanzt.«

»Nun nehme mich aber einer hin!« sagte der Hauptmann, und ein klein, klein wenig war es nötig, daß einer von uns dieser Aufforderung nachkam. Die Augen des alten Herrn glänzten ziemlich verdächtig, seine Heiterkeit stieg von Minute zu Minute. Wie oft hatte Weitenweber aber auch die Gläser gefüllt! Jede Bemerkung, jede Anekdote des wackern Kriegers wurde mit einem feierlichen Hoch beschlossen. Wir tranken auf das Wohl des Oberpredigers Wachtel und auf das Wohl des Landrats von Tendler; wir weiheten dem alten Wallinger ein volles Glas und ein ebenso volles dem Forstmeister von Altenbach. Wir vergaßen auch die Damen nicht: ganz Finkenrode bekam seinen Teil. Wir begrüßten nicht nur die Lebenden, wir ließen auch die Toten leben und waren eben bei den Ungeborenen angelangt, als Alexander Mietze, Ex-Komödiant, und Friedrich Wilhelm Fasterling, Hauptmann außer Diensten, über den Tisch einander ewige Freundschaft schworen.

»Wenn du nicht binnen fünf Minuten sein Schwiegersohn bist – verachte ich dich!« flüsterte Weitenweber dem Spiritusfabrikanten zu.

Noch eine Geschichte begann der Hauptmann mit den Worten: »Als wir in Frankreich waren« – brachte sie aber nicht zu Ende; Alexander trank Brüderschaft mit ihm! . . .

»Mein lieber alter Junge –«

»Teuerster, teuerster Papa –«

»Wo steckt denn – die Sidonie? Es – wäre – an der Zeit, daß sie den – Kaffee – fer–tig hätte!«

»Soll ich es ihr sagen? Soll ich sie herbringen?« rief der Schauspieler mit leuchtenden Augen.

»Hole sie, hol' das Mädel, mein lieber Sohn!« nickte der Hauptmann, und Alexander stürzte ohne Hut fort, die Treppe hinunter und aus dem Hause. Der Hauptmann winkte ihm mit dem Ausdruck unsäglicher seligster Befriedigung nach: die halbgeschlossenen Augen, der in dem Lehnstuhl des Oheims Albrecht zurückgelegte Kopf, die beiden Daumen, die sich vor dem Magen langsam umeinander drehten, alles ließ ein glückliches Gelingen des Experimentes hoffen. Gundermann lachte leise vor sich hin, ich rieb mir die Hände, und Weitenweber legte die langen Beine über drei Stühle, schob die Daumen in die Armlöcher der Weste und – gähnte, als habe er die Absicht, vor Sonnenuntergang die Kinnbacken nicht wieder zusammenzuklappen. Es war so still im Hause geworden, daß man den Schnee leise an den Fenstern niederrieseln hören konnte. Jetzt bellte ein Hund draußen auf der Straße – die Glocke der Haustür klang – das Hundegekläff war im Hause – es kam die Treppe herauf – an der Tür kratzte und winselte etwas – der Hauptmann wandte langsam, schwerfällig wiegend das Haupt, lächelnd, wie man in seinem Zustande lächelt. Die Tür öffnete sich – Waddel stürzte ins Zimmer und sprang, außer sich vor Vergnügen, an den Knien seines Herrn empor und hinter ihm –

Der Hauptmann stand mit einem Male schwankend auf den Füßen, nach der Stuhllehne hinter sich in die Luft greifend.

»Wa – as – da ist ja . . . tausend Schwadronen – Sidonie!« –

Sie sah reizend aus! Einige mutwillige Schneeflocken hatten sich in ihren Locken gefangen; rosiger, glühender als die glühendste Rose, wand sie sich aus dem Arm Alexanders los. Sie hing an dem Halse des Alten –

»Papa, lieber, lieber, alter Papa – Dank! Dank! O wie glücklich hast du mich – uns gemacht! Dank! Dank!«

Der Schauspieler hatte sich der geballten Faust des Hauptmanns bemächtigt –

»Bin ich denn betrunken!« schrie dieser, mit beiden Händen nach dem Kopf greifend. »Himmel und Hölle – o, die Verräter! O, das Satansnest! – Sidonie –«

»Papa, lieber Papa – du hast es ja gesagt! Wir haben dein Wort –«

»Ja, wir haben dein Wort, Papa!« rief der Schauspieler.

»Nichts habt ihr – o Gott, das ist ja zum Verrücktwerden – o ich Narr, ich alter Narr! Laßt mich frei, Gesindel – mein Lebtag finde ich meine fünf Sinne nicht mehr zusammen!«

Atemlos sank der Hauptmann in des Oheims Albrecht Lehnstuhl zurück, vor welchem Sidonie, durch ihre Tränen lächelnd, niederkniete, dem Alten das Kinn streichelnd. »O Papa, ich will von nun an auch immer so artig sein – vergib uns, Papa!«

»Vergib uns, Papa!« rief Alexander, ebenfalls neben seinem Schatz auf die Knie niederfallend. »O, wir wollen so artig – so artig sein!«

»Was habt ihr beiden Narren eigentlich hier zu stehen und zu gaffen?« schrie Weitenweber plötzlich den Doktor Gundermann und mich an. »Packt euch gefälligst und nehmt mich mit! – Herr Hauptmann,« flüsterte er dann dem alten Krieger ins Ohr, »geben Sie nach, sperren Sie sich nicht – am hellen lichten Tage hat er sie auf Ihren Befehl durch ganz Finkenrode geführt!«

»Es ist wahr! Es ist wahr! O, der heillose Satan!« jammerte der Hauptmann, und wir ließen die – Familie allein in dem wüsten Studierzimmer des Oheims Bösenberg. Jakob der Rabe saß draußen dicht an der Schwelle, als ob er schon lange dem, was drinnen vorging, gehorcht habe. Ich schickte die Renate mit der Meldung des Vorgefallenen nach der Frau Agnes, Gundermann trabte fort, seiner Gemahlin und dem Forstmeister von Altenbach Nachricht zu geben; ich lief, die Stadtmusik herbeizuholen; Weitenweber aber zündete eine frische Zigarre an und schritt als Schildwacht in dem Hausflur storchartig auf und ab. – – –

Das Volk versammelte sich: Mit Trompeten, Pauken und Posaunen zog ich heran durch das wirbelnde Schneegestöber; der riesige Forstmeister stapfte aufgeregt daher, um die Ecke der Marktstraße trabte eiligst der Kreisphysikus und die Frau Luise, gefolgt von ihrer Kinderschar. Die Frau Agnes kam; es kam Cäcilie – – – Ah! . . .

Weitenweber war den Leuten von Finkenrode schon bekannter, als er sich vorstellte, hatte übrigens auch in diesen Augenblicken durchaus nicht das Recht, Interesse zu erregen. Seit Menschengedenken hatte solch ein lustiges Getümmel das Haus Bösenberg nicht erfüllt. Renate schlug mehr als zwanzig Mal die Hände über dem Kopfe zusammen. Das wirrte und schwirrte durcheinander und lauschte die Treppe hinauf, welche Jakob der Rabe langsam verdrießlich herunterhüpfte. Alle Wände, Ecken und Winkel sangen und klangen!

»Wie weit sind sie da oben, Weitenweber?« Weitenweber, welcher von einer dunkeln Ecke aus Cäcilien nicht aus dem Auge ließ, wußte nichts davon. Die ganze Gesellschaft schritt auf den Fußspitzen die Treppe hinauf, und nur die Musik blieb in der Hausflur zurück und wartete auf das Signal zum Losspektakeln. Mit leisem Finger klopfte Cäcilie an die Tür des Studierzimmers, diese öffnete sich – ein allgemeines jubelndes Hoch brach los, die Hörner und Posaunen erschallten drunten, der Paukenschläger bearbeitete aus Leibeskräften seine Felle. »Hurra! Hurra! Hurra! Es lebe das Brautpaar! Es lebe das Haus Fasterling! Hurra!«

Sidonie war in den Armen der Weiber. Alexander nahm die Glückwünsche der Männer in Empfang. »Hurra, hast du nachgegeben, alter Schwede? Haben sie dich gefangen, alter Fuchs?« schrie der Forstmeister, den Hauptmann bei den Schultern fassend. Alle waren außer sich, und nur Weitenweber mit einem Gesicht, wie ein Sack voll Katzen, stand hoch und lang in der Mitte des Getümmels und wandte einen Handschuh, den Cäcilie hatte fallen lassen, mit der Fußspitze hin und her. Ich wollte mich eben des Schatzes bemächtigen, als sich plötzlich der lange Redakteur zusammenklappte, den Handschuh ächzend aufhob und ihn, mit einem höhnischen Seitenblick auf mich, in die – Tasche schob.

Von neuem ertoste der Jubel der Gratulierenden; der Hauptmann Fasterling gab mir einen Rippenstoß und kratzte sich bedeutend hinter dem Ohr, als ich ihm bemerkte: »Teuerster Herr Hauptmann, solch eine Geschichte ist Ihnen doch nicht passiert, als Sie in Frankreich waren.«

»Ihr seid Schurken allesamt, inwendig und auswendig! Na, Gott führe es zum Besten!«

»Amen! Aus vollem Herzen!« rief ich und küßte meiner holden Cousine die Hand. »Haben wir es nicht gut gemacht, Sidonie?«

Die Kleine schaute errötend lächelnd auf ihren Vater und ihren Verlobten. »Zu Gegendiensten bereit!« sagte sie mir leise ins Ohr; der Hauptmann Fasterling aber stieg auf einen Stuhl und lud die anwesende Versammlung zu einem solennen Verlobungsmahl am Abend ein. Er war vollkommen nüchtern! –

Ich saß mit Weitenweber wieder allein in dem Studierzimmer meines Oheims, auf dessen Fußboden die vielen nassen, großen und kleinen, unförmlichen und zierlichen Fußstapfen allein noch Kunde gaben von dem fröhlichen Wesen, welches vor einigen Minuten hier geherrscht hatte. Die geleerten Flaschen standen noch in den Winkeln umher, der Stuhl, von welchem herab der Hauptmann seine Rede gehalten hatte, lag umgeworfen in der Mitte des Zimmers – der frische Hauch des Lebens, der durch das Haus Bösenberg geweht war, hatte viel Moderduft von dannen getrieben; ich streckte und reckte mich, ich atmete behaglich aus tiefster Brust auf.

»Weitenweber!«

»Rede, verständiger Jüngling Telemachos!«

»Wie gefallen dir Finkenrode und seine Bewohner?«

»Eine alte Jungfer, die in ihrem Kleiderschrank ein Nest von sechs jungen Kätzlein und ihre Lieblingskatze mitten dazwischen findet, kann sich nicht seltsameren Gefühlen hingeben, als ich.«

»Gib jetzt meinen Handschuh heraus, Weitenweber.«

»Nä« sagte näselnd der Chef-Redakteur des Kamäleons. –

 
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