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Die Kinder von Finkenrode

Wilhelm Raabe: Die Kinder von Finkenrode - Kapitel 18
Quellenangabe
typefiction
authorWilhelm Raabe
titleDie Kinder von Finkenrode
publisherVerlagsanstalt Hermann Klemm
seriesSämtliche Werke
volumeZweite Serie Band 2
printrunDreizehntes bis Siebzehntes Tausend
year
correctorreuters@abc.de
secondcorrectorgerd.bouillon@t-online.de
senderwww.gaga.net
created20080920
modified20181018
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17

Natürlich stand ich so früh als möglich am andern Morgen im Zimmer des Hauptmanns Fasterling regungslos in der Ecke und folgte dem, gleich einem Perpendikel hin und her laufenden wackern, alten Krieger mit den Augen:

Hier geht er hin! Da geht er hin! . . . . . .

»Alexander, der Komödiant, hat mir viel Böses erwiesen; der Herr bezahle ihn nach seinen Werken!« sagte ich, frei nach den Worten des Apostels Paulus.

»Und du bist schuld daran!« schrie der Hauptmann, vor mir anhaltend, und packte mich bei den Schultern.

»Ich, bester Oheim?«

»Ja, du! Das will ein Politikus sein, einer von jenen Ränkeschmieden, von jenen schlauen Füchsen – und kann nicht einmal einem jungen Weibe den Kopf zurechtsetzen, kann nicht einmal seinem alten Oheim – geh! Ich habe mich in dir wirklich getäuscht! Da waren wir doch andere Kerle!«

In des alten Kriegers Zimmer befindet sich auf einem Stehpult eine stets aufgeschlagene Bilderbibel. Ich faßte sanft die Hand des wackern Alten und führte ihn, auf den Fußspitzen gehend, vor das heilige Buch, welches von allem so gut Bescheid zu geben weiß, blätterte einen Augenblick darin und las dann laut und feierlich vor:

»Und wenn die Männer Gold und Silber und viel köstliche Dinge zusammengebracht haben und werden alsdann eines Weibes gewahr, hübsch von Gestalt und Schönheit, so verlassen sie das alles und wenden alle ihre Gedanken auf das Weib, gaffen sie mit aufgesperrtem Maul an und dichten und trachten mehr nach ihr, denn nach Gold und Silber und allen anderen köstlichen Dingen.«

Und weiter:

»Wohlan, glaubet Ihr mir nicht? Ist nicht der König groß in seiner Macht? Freilich scheuen sich alle Lande, Hand an ihn zu legen.

Dennoch sah ich ihn und die Apemen, die Tochter des Bertasi, des trefflichen Mannes, des Königs Geliebte, sitze zu der Rechten, des Königs.

Die nahm die Kron dem König vom Haupt und setzete sie ihr selbst auf und schlug den König mit der linken Hand.

Gleichwohl gaffete sie der König mit offenem Munde an: Lachet sie, so lachet er auch; siehet sie ihn sauer an, so schmeichelt er ihr, bis sie wieder zufriedengestellt wird.

Liebe Männer, sind denn nicht die Weiber zum mächtigsten, weil sie das tun?«

»Fügen Sie sich drein, Oheim! Wer kann gegen die Weiber? Machen Sie gute Miene zum bösen Spiel; Sie müssen ja doch!«

»So? Muß ich?! So!? . . . Alle sechstausend Schock blutige Teufel! O, ich kenne euch, steckt man euch alle in ein Faß und rollt euch den Berg hinunter, so liegt doch immer ein Taugenichts obenauf!«

Ich machte eine Verbeugung; das Gleichnis des alten Kriegsknechtes gefiel mir ungemein.

»Da sitzt nun das Mädchen und spricht kein Wort, und was sie denkt, was sie simuliert – – –«

»Femme qui pense à coup sûr pense à mal.«

»Bleib mir vom Leibe mit deinem verd . . . Französisch!« schrie der Hauptmann, mit dem Fuße aufstampfend. »Und der Hasenfuß ist mir den ganzen Morgen um das Haus geschlichen, wie ein Kater –«

Welchem der Bratengeruch auf die Nerven gefallen ist. Kenne das, teuerster Oheim.«

»Teuerster Oheim!« äffte mir der Alte nach. »Hat sich was zu – teuerster Oheim!«

»Armer, unglücklicher Oheim!«

»Da hast du recht! 's ist ein Trost, daß du es einsiehst. Teufel, welcher böse Geist mußte den Burschen auch wieder hierher führen? Warum mußte jener unglückselige Fall sein?«

Ich sah über das Bild der Apemene, welche durchaus seine Ähnlichkeit mit Cäcilie hatte, nach dem Hauptmann:

»In das Gäns- und Hühnerhaus
Geht der Fuchs zum Raube aus.«

»Da hat das Unheil seinen Anfang genommen. Ich witterte gleich Unrat und ließ es sie auch merken.«

»Gar grimmig ist das Tigertier,
Wenn du es siehst, so flieh dafür,«

sprach ich, und trotz seinem Jammer und Elend kratzte sich der Hauptmann lächelnd hinter dem Ohr, und ich konnte den glücklichen Augenblick benutzen.

»Lieber Herr Hauptmann, was haben Sie eigentlich gegen den armen Mietze? Er ist wohlhabend, seine soziale Stellung kann eine glänzende genannt werden, er liebt Ihre Tochter, meine holde Base (werden Sie nicht wütend!), und sie liebt ihn. (Was hat Ihnen denn Ihr Pfeifenrohr getan?) Er ist zwar ein schlechter Schauspieler (der Hauptmann nickte wie ein Besessener), aber die Komödie, ›Ehe‹ genannt, wird er schon gut genug durchführen. Sie werden selbst noch einmal Beifall klatschen, Herr Oheim; und, Herr Oheim, im Vertrauen – was meinen Sie – Ihre Enkel können Sie ja allesamt in ein Kadettenhaus stecken, das machen Sie aus, ehe Sie Ihr väterliches Jawort geben!«

Der Hauptmann schob lächelnd die Hausmütze vom rechten zum linken Ohr; mehr und mehr sanken die Flammen seiner Aufgeregtheit vor meinen vernünftigen Vorstellungen zusammen. Fräulein Sidonie erblickte ich im Laufe dieses Morgens nicht: wohl aber die Hausmagd Justine, welche mich auf der Hausflur vertraulich anhielt.

»Ist es denn wahr, Herr Doktor? Ist es denn möglich?«

»Jawohl, Justine, Ihr könnt es weiter erzählen.«

»O Gott, o Gott, diese Freude! – Daß ich das noch erlebe!«

Seufzend stapfte ich hinaus auf den Markt von Finkenrode, durch dessen noch unberührte frische Schneedecke, querüber, ich eine unregelmäßig im Zickzack laufende Spur zog, welche von meiner Seelenstimmung sattsam Kunde gab und Fräulein Minna Schrubbert das Recht verlieh, hinter ihren knospenlosen Rosenstöcken die spitzigsten Bemerkungen über mich zu machen. Den kranken Wallinger fand ich noch immer bewußtlos; Cäcilie war mit ihrer Mutter bereits bei grauendem Morgen in der Vagabundenhütte gewesen.

Das war ein trüber, schwarzverhangener zweiter Weihnachtstag! –

Müde, verwacht und zugleich fieberhaft aufgeregt kehrte ich in mein Haus zurück, wo ich die alte Renate inmitten des in der Christnacht herausgewühlten Spielzeuges der armen kleinen Frieda sitzend fand – still weinend.

Ich sank in den Lehnstuhl meines Oheims und sah traurig zu, wie sie alle die toten Freuden in ihre Schürze raffte und hinaustrug. Die alte Weihnachtstanne verlor ihre letzten gelben Nadeln, als sie hinausgeschleppt wurde, und der Stern von Knittersilber löste sich ab und blieb allein auf dem Fußboden zurück. Ich hob ihn auf und betrachtete ihn seufzend: – ich sehnte mich nach dem Redaktionsbureau des Kamäleons – ich sehnte mich nach Weitenweber! . . . . . .

Noch einmal lief ich am Nachmittage in der Stadt und vor der Stadt umher; ich besuchte noch einmal den Musikanten, und mit einbrechender Dämmerung stieg ich langsam im dichten Abendnebel den Schillingsberg hinauf. Die Luft war wieder ruhig geworden, kein lebendes Wesen war ringsum zu erblicken – es war so still rings umher, daß ich die Uhr in meiner Westentasche picken hörte. Tief aufatmend erreichte ich den Gipfel des Berges und wollte mich eben wenden, um hinunter zu schauen auf die Stadt und das Lichtlein Cäciliens zu suchen, – als mein Blick seitwärts nach dem Rade des Willegis hinstreifte. Eine dunkle Gestalt saß geisterhaft darauf und schien mich aufmerksam zu beobachten. Unwillkürlich trat ich näher, tat aber einen gewaltigen Satz, als die Gestalt sich lang erhob und gähnend fragte:

»Hast du ein Feuerzeug bei Dir, Bösenberg?«

»Weitenweber?!« schrie ich und war im nächsten Augenblick dicht vor dem unheimlichen Wesen. »Weitenweber?! du?!«

»Leider!« erschallte die Antwort, und die Frage nach einem Schwefelhölzchen ward wiederholt. Ich setzte die Zigarre des Menschen in Brand – »Guten Abend, Bösenberg!« sagte er und schüttelte mir mit einer Gleichgültigkeit die Hand, als ob wir uns von Ewigkeit an, jeden Abend um sechs Uhr, an diesem Grenzsteine des Erzbistums Mainz getroffen hätten.

»Aber so sag mir doch, wie kommst du hierher? – wie viele Wochen hast du schon auf diesem Flecke gesessen? – Mann, Mann, bist du es denn wirklich?«

»Willst du meinen Fußstapfen durch den Schnee zurückfolgen? Sehr angenehmer Weg von der Redaktion des Kamäleons bis an diesen Stein!«

»Mensch! Mensch!«

»Lustige Weihnachten hier in den Bergen, he? Habe in einem verschneieten Walddorfe drüben, in einem Bauerhause, gesessen; wackeres Blut, hier herum, vortrefflicher Appetit! Also das da unten ist Finkenrode?«

»Das ist Finkenrode!« sagte ich mit einem Seufzer.

Weitenweber warf seine Reisetasche wieder auf den Rücken und schritt stumm der Stadt zu, in dem Nebel hinunter. Ich folgte ihm dicht auf den Fersen und – wunderte mich über die Sehnsucht, welche ich vor einer Stunde noch nach meinem Freunde gehabt hatte. Als wir vor dem grünen Häuschen, in welchem die Lampe jetzt wirklich mild und friedlich schimmerte, vorbeikamen, wünschte ich ihn still innerlich dahin, woher er gekommen war, und von wo, seiner Aussage nach, die Spur durch den Schnee auslief.

»Hier rechts um die Ecke, Weitenweber! – Dort die Türme der Martinskirche. Wie wird Mietze sich über deine Ankunft wundern! Hier – stolpere nicht! – da ist das Haus Bösenberg!«

Ja, da war das Haus Bösenberg und mein Freund Weitenweber darin in dem Lehnstuhle meines Oheims, in den Pantoffeln meines Oheims und die Pfeife meines Oheims im Munde: Jakob der Rabe freudekrächzend zu seinen Füßen, und ich – ich aus dem Winkel sie beide anstarrend.

»Prächtige alte Höhle!« sagte Weitenweber. »Famoser alter Bursche, dieser Oheim Albrecht! Ah, ausgezeichnet!« Mit unsäglichem Wohlbehagen sog er den leisen Moderduft des Gemaches ein.

Ich erkundigte mich nach allen möglichen Leuten und Verhältnissen, die mir interessant waren; aber der Gute war für alle solche Fragen taub. Der Rabe saß ihm auf dem Knie und rief unaufhörlich sein heiseres: Χαῖρε, Χαῖρε!

»Wackeres Tier! Liebes Tier! Ausgezeichnetes Tier!« sagte Weitenweber. »Jungfrau Renate, ich empfehle mich Ihrem geneigten Wohlwollen und wünsche diese Nacht in der Gespensterkammer zu schlafen.«

Die Jungfrau Renate war schon den ganzen Abend scheu-zutraulich um den seltsamen Gast geschlichen; jetzt schlurfte sie hüstelnd näher.

»Ist der Herr vielleicht auch ein Verwandter des seligen Herrn? Wenn ich ihn da sitzen sehe in dem Lehnstuhl und in dem Schlafrock und den Pantoffeln – so möcht' ich schier es denken – nehme es der Herr nicht übel!«

»Ich nehme nichts übel,« sagte Weitenweber, erhob sich und schritt langsam und langbeinig durch das Zimmer, auf Schritt und Tritt verfolgt von dem Raben. »Gibt es kein Bild des seligen Herrn im Hause, Renate?«

Renate schüttelte den Kopf. »Das da ist die selige Frau und die kleine tote Frieda.«

»Ah!« seufzte Weitenweber und ging mit der Lampe zu dem Bilde.

»Sei gegrüßt, Agathe!« sagte der Rabe; ich aber hielt es nicht länger aus.

»Um Gottes willen, Weitenweber, bedenke, es ist spät in der Nacht! Renate, ist des Herrn Schlafgemach bereit? – Das ist ja zum Tollwerden!«

»Geh zu Bett, Kind,« sagte Weitenweber. »Ich werde mit deiner Erlaubnis noch ein wenig hier sitzen bleiben. Geh, Max, geh zu Bett!«

»Das werde ich auch,« sagte ich fröstelnd und gähnend. »Das ganze Haus steht zu deiner Verfügung, Weitenweber. Ich freue mich ungemein, daß du da bist.«

»Das ist eine Lüge! Geh, und zieh dir die Decke über den Kopf!«

»Gute Nacht, Weitenweber!«

Die kalte knöcherne Pfote meines Freundes legte sich in die meinige; ich ließ ihn allein mit der alten Renate und dem Raben Jakob. Einen unruhigen Schlaf schlief ich in dieser Nacht, und jedesmal, wenn ich aus einem wirren, wüsten Traume schreckhaft auffuhr, hörte ich den Schritt des Chef-Redakteurs des Kamäleons im Nebenzimmer. Gegen Morgen wollte sie natürlich versinken in einen gewaltigen, rauschenden, wirbelnden Strom; in Todesangst bemühte ich mich, ihr die Hand zu reichen, war aber, wie gewöhnlich, fest gewurzelt und konnte mich nicht rühren und regen. Schwarz, pechschwarz wie Tinte war das Wasser des Stromes, und Weitenweber saß an seinem Rande, mir gegenüber, höhnisch grinsend, und angelte und zog allerlei greuliches Zeug heraus: vertrocknete Ballettänzerinnen, antiquierte Schauspieler und Schauspielerinnen, Sänger und Sängerinnen. Ein Korb mit Regenwürmern und schlechten Witzen stand neben ihm. Sie sank – sank, und alles um mich her wurde ein wüstes Chaos von Stimmen und Gestalten – Sidonie Fasterling tauchte auf aus dem schwarzen Strom, eine weiße lächelnde Najade, bekränzt mit Wasserpflanzen. Sie machte mir mit der niedlichsten der Hände eine lange Nase zu – eine Leiche trieb dann natürlich zu meinen Füßen an den Uferrand – – Cäcilie! schrie ich verzweifelnd und erwachte. Es war heller Tag, Weitenweber stand vor meinem Lager und Mietze neben ihm.

»Sidonie!« »Cäcilie!« fistulierte der erstere, und setzte im tiefen Baß hinzu: »Großer Gott, welche Narren!«

 
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