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Die Kinder von Finkenrode

Wilhelm Raabe: Die Kinder von Finkenrode - Kapitel 17
Quellenangabe
typefiction
authorWilhelm Raabe
titleDie Kinder von Finkenrode
publisherVerlagsanstalt Hermann Klemm
seriesSämtliche Werke
volumeZweite Serie Band 2
printrunDreizehntes bis Siebzehntes Tausend
year
correctorreuters@abc.de
secondcorrectorgerd.bouillon@t-online.de
senderwww.gaga.net
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16

»Es ist gut, daß du kommst, Max« sagte der Oheim Fasterling, als ich gegen Mittag des ersten Weihnachtstages bei ihm eintrat, um mich nach seinem Befinden zu erkundigen und ein wenig in den Winkeln und Ecken umherzustöbern. »Es ist gut, daß du kommst, Max – was ist mit dem Mädchen vorgegangen?! Sieh sie dir einmal an, mein Junge. Sidonie, Kopf in die Höh!«

Das Köpfchen meiner Base erhob sich von dem Nähzeuge, mit welchem sie beschäftigt zu sein schien, die Äuglein blieben verhangen von den seinen seidenen Wimpern.

Es war in der Tat etwas mit ihr vorgegangen!

»Waddel,« sagte ich, »Waddel, was hat Fräulein Sidonie Fasterling angefangen?«

Der Köter gähnte und reckte sich; eine wundervolle Röte flog über Sidoniens Gesicht, und der kleine Fuß begann ungeduldig den Takt des Sturmgalopps auf dem gestickten Fußbänkchen zu schlagen. Ich trat meiner Cousine so nahe als möglich, beugte mich herab zu ihr und flüsterte ihr zu:

»Sie haben einen Menschen sehr glücklich gemacht, liebe Sidonie!«

»Zwei!« hauchte sie und stach sich in den Finger.

»Ah!« seufzte ich, während sie mit einem köstlichen Lächeln den kleinen Blutstropfen, welcher aus der weißen Fingerspitze hervorquoll, aussog.

»Es war ein so hübsches Püppchen!« fuhr ich lauter gegen den Alten gewandt fort.

»Ich will mich hängen lassen, wenn« – brach dieser los, konnte aber seine Phrase nicht zu Ende bringen, denn schon war sein Töchterlein aufgesprungen, hatte ihn in die Arme geschlossen und herzte und küßte ihn, daß ihm fast der Atem verging. Dann sprang sie plötzlich auf und davon und ließ uns allein zurück.

»Aber sage mir, Max« –

Ich machte ein Gesicht, wie ein Geräderter, legte den Finger auf den Mund, griff mit der andern Hand nach dem Hut – »Bst! Bst! Bst!« – und schritt auf den Fußspitzen aus dem Zimmer, der Cousine nach.

»Ich will katholisch werden, wenn« – schrie der Hauptmann, als ich die Tür schloß.

In dem dunkeln Gange draußen rauschte und raschelte leise ein seidenes Kleid; eine kleine heiße Hand faßte die meinige.

»Wir wollen ihn schon kriegen, Sidonie!« flüsterte ich.

»Heute abend bei Cäcilie« – raunte mir das Bäschen zu, und in demselben Augenblick fuhr mir Waddel mit einem furchtbaren Gekläff zwischen die Beine und erfüllte das ganze Haus Fasterling mit dem niederträchtigsten Geheul – der Alte steckte sein ehrlich-verblüfftes Gesicht durch die geöffnete Tür.

»Es ist nichts, Herr Hauptmann!« rief ich lachend. »Ich sagte nur der Cousine Lebewohl!«

»Ich wollte, der Teufel« –

»Holte alle Komödianten und nähme alle Literaten mit – danke schön!«

Sidonie hatte den Papa gefaßt und zog ihn wieder ins Zimmer zurück; ich aber faßte den blaffenden Köter im Genick, trug ihn, wie sehr er sich auch sträubte, die Treppe hinunter und warf ihn auf der Hausflur in ein mit Schneewasser gefülltes Gefäß, aus welchem er schnaufend und niesend wieder heraussprang. Ich glaube nicht, daß die Cousine diesmal etwas gegen eine solche Züchtigung ihres Lieblings einzuwenden hatte. Knurrend verkroch sich das Scheusal; ich aber verließ das Haus Fasterling, um der Kinderstube des Doktor Gundermann einen Besuch abzustatten.

Mit wunderbarem Behagen stürze ich mich immer in den Lärm und Aufruhr dieses lustigen Hauses. Kinder überall! Unter den Tischen und auf den Tischen, in den Fensterbänken, auf den Treppen, auf den Armen, vor dem Hause, in dem Hause, überall Kinder! Durch die fliegenden Schneebälle der Gasse gelange ich mit Lebensgefahr zu der belagerten Haustür. Ein Klirren! Ein weiblicher Schrei – die Stimme der Mutter. Plötzlich tiefe Stille auf den wilden Lärm! Nach allen Seiten hin stäubt die Bubenschar auseinander – über den Markt, durch die Gassen, in die Häuser, die Treppen hinauf, auf die höchsten Bodenräume. Ich treffe die Frau Doktorin mitten im Zimmer stehend; der eingedrungene Schneeball zerschmilzt in der Wärme auf dem Fußboden zwischen den Splittern der Fensterscheibe; ein kleiner Taugenichts sieht schluchzend in der Ecke.

»Hurra, Frau Doktorin, ich bin's nicht gewesen!«

»Das ist ein Volk!« ruft die Frau halb ärgerlich, halb lachend. »Wartet, Ihr Bösewichte! Karl, lauf nach dem Glaser – seien Sie willkommen, liebster Freund!«

Ich bekomme einen herzlichen Druck von der runden warmen Hand, die eben noch so kräftig als Strafinstrument gedient hatte. »Ach, wie leid tut es mir, daß mein Mann nicht zu Haus ist; ist's nicht abscheulich, daß er nicht einmal an solchen Festtagen Ruhe hat? Er mußte schon vor Tage fortreiten. Und diese Kälte, die durch das Fenster zieht! O die bösen Kinder!«

»Prächtige Buben und Mädel!« rufe ich begeistert aus; die Mutter wirft einen stolzen, lächelnden Blick über das Gewimmel, welches sich um den armen Sünder in der Ecke und den geplünderten Weihnachtsbaum drängt.

»Jesus, was ist das nun wieder?!«

Ein furchtbares Geschrei ertönt draußen, und ein dicker zwölfjähriger Bursche stürzt herein, in einem Zustande, welcher einer Mutter wohl einen kleinen Schreck einjagen kann. Bis an den Hals überzogen von einer träufelnden Schmutzkruste, die Arme weit abhaltend vom Leibe, die Finger auseinanderspreizend, steht er da, mit den schwarzen, schlammbedeckten Pfoten von Zeit zu Zeit die strömenden Tränen abwischend.

»Gott, o Gott, Otto, was ist das? Himmel, wo hast du gesteckt?«

Die Brüder und Schwestern, die Mutter und der Redakteur des Kamäleons haben einen vorsichtigen Kreis um das kleine, triefende Ungeheuer geschlossen.

»Wo hast du gesteckt, Otto? So sprich doch, Schlingel!«

»In – in–n, i–in den – Graben – gefal–len! I – i – ich wollte hi–inter den Gar–ten« –

»Abscheulicher Junge! Marie! Marie!«

»Frau Doktorin?!« ruft die Magd ins Zimmer.

»Hilf mir doch einmal den Taugenichts ausziehen – o Gott, und der Fußboden – warte! Bitte, bitte, Herr Bösenberg – – Franziska, Kind, gib mir die Küchenschürze her; man weiß gar nicht, wie und wo man den kleinen Schmutzfinken angreifen soll – Himmel, und gestern erst ist die Stube gescheuert!«

»Ich will ihn in die Küche bringen, Frau Doktorin, und dann ins Bett,« sagte die Magd.

»Ja, das ist das Beste. Anna, geh mal auf des Vaters Stube, vielleicht steht noch eine von den Flaschen mit dem gelben Siegel auf seinem Schreibtische, die hole herunter. Wir wollen dem Jungen ein Glas Wein geben, und wenn er nicht binnen zehn Minuten schwitzt, soll er eine Tracht Prügel haben, wie er sie lange nicht bekommen hat.«

Der unglückliche Sünder wird fortgeschleppt, und die ganze Kinderschar bis auf die Kleinsten begleitet ihn, um in der Küche der Operation der Reinigung beizuwohnen. Das Geheul des Jungen tönt gedämpft in der Ferne fort, bis es sich in den oberen Räumen verliert. Ein Augenblick der Ruhe tritt ein.

»Ach, was für eine Not man mit den Kindern hat!« sagt die Frau Doktorin.

»Ja, Sie sind eine glückliche Mutter!«

Die hübsche Frau lächelt und wendet sich nach einer ziemlich großen, verhangenen Wiege um.

»Sollten Sie es für möglich halten, daß sie bei einem solchen Lärm ruhig weiter schlafen? Das sind kleine Herzchen.«

Ich betrachte andächtig die roten, fetten, quatschligen Zwillinge und lasse mir allerlei über ihre Geschichte, ihre Tugenden und Vorzüge von der Mutter erzählen; als wiederum eins der kleinen Mädchen hereinstürzt:

»Der Papa! Der Papa!«

Wir hören das Trappeln des Pferdes auf der Hausflur und begrüßen den Arzt, wie er sein Roß in den Stall führt. Sechs Kinder ziehen ihn dann in das Zimmer, wo unterdessen der Glasermeister mit seinem Handwerksgerät angekommen ist. Das Bulletin des Morgens wird dem heimgekehrten Medikus erzählt. Gattin, Redakteur des Kamäleons, Kinder, alle wissen irgendein Moment hervorzuheben, welches den andern entgangen ist. Endlich wird es wieder still, die Kleinen sind fortgeschickt, und die Großen verhandeln gemütlich den Prozeß Alexander und Sidonie contra Friedrich Wilhelm Fasterling, Hauptmann außer Dienst und boshaftiger, hartherziger Schwiegerpapa in spe. Da steckt Marie, die Magd, wiederum ein erschrecktes Gesicht in die Tür:

»Ach Gott, Herr Doktor! Frau Doktorin!«

»Nun, was ist?«

Die Frau ist bereits wieder in die Höhe gesprungen.

»Frau Doktorin – Julius« –

»So sprich doch, sprich, was ist mit ihm?«

»Unter der Zeit, daß wir Otto zu Bett gebracht haben, ist er allein in der Küche zurückgeblieben und hat die Flasche mit dem gelben Siegel ausgetrunken! Er sitzt neben dem Herde – ich glaube, es ist ihm zu Kopfe gestiegen!«

»Der Bengel ist betrunken?!« ruft der Arzt. Die Frau schlägt die Hände über dem Kopf zusammen.

»Alle Wetter, der fängt früh an!« lacht Gundermann und eilt hinaus; ich halte mir die Seiten. – Wir hören des Doktors Stimme draußen, dann erscheint er in der Tür, seinen hoffnungsvollen Erstgeborenen am Kragen haltend.

Der Junge sieht wunderbar genug aus; er kann sich kaum auf den Füßen halten und wirft aus großen schwimmenden Augen verstörte Blicke umher.

»Seht ihn euch an! Seht ihn euch an!« ruft der Doktor ihn schüttelnd. »Prügle ich ihn jetzt, so wäre das eine vergebliche Kraftverschwendung. Da ist nichts weiter zu machen, als daß wir ihn ausschlafen lassen. Nun, Gott beschere ihm einen tüchtigen Katzenjammer!«

Damit hebt der Arzt den jungen Trunkenbold in die Arme und trägt ihn auf das Sofa, wo er, wunderliche Töne ausstoßend, seinen Rausch verschlafen wird.

»Wie die Alten sungen, so zwitschern auch die Jungen!« sagt die Frau Doktorin mit einem schlauen Augenzwinkern und guckt sich vorsichtig um, ob auch niemand lausche. Wir sind aber allein; der Glasermeister ist fort, Marie, die Magd, ebenfalls.

»Du, Max,« sagt Gundermann lachend, »das ist ein Hieb für uns! Gib mir einen Kuß, Frau!«

Ich blicke das herrliche Weibchen von der Seite an und bringe eine reuig-wehmütige Miene zustande.

»Es wird ihm doch nichts schaden?« fragt die Frau Doktorin.

»Eh, da müßte der Junge doch ganz aus der Art geschlagen sein.« – – –

Habe ich nun meine Weihnachtsgrüße und Glückwünsche angebracht, so kann ich gehen. Man will mich zwar zu Tische dabehalten; aber ich schlage es murrköpfig aus und gelange durch die von festtäglichen Gesichtern wimmelnden Gassen zu meinem ungemütlichen, feuchtdunkeln Hause zurück, wo ich mich, in Gesellschaft von Jakob dem Raben, nach Belieben mit meinen Herzensgedanken und der Furcht vor einem Briefe Weitenwebers in den Ofenwinkel verkriechen kann, nachdem ich mir den Magen an den trostlosen Meisterstücken der Kochkunst der alten Renate verdorben habe.

»Heute abend bei Cäcilie!« Ach, es gibt Tage, welche dem Wartenden bedeutend länger vorkommen, als jener »längste« im Kalender. Ein solcher war dieser erste Weihnachtstag; obgleich ich an ihm, in einem schlauen Versteck, meines Oheims Vorrat an altem, trockenem, vortrefflich abgelagertem holländischen Tabak ausfindig machte:

                    We are such stuff
As dreams are made on, and our life
Is rounded with a – – smoke.

Unaufhaltsam ging meine moralische Häutung vor sich; der Panzer der Chrysalide krachte mehr und mehr und bekam Risse überall; noch aber fror das halbbefreite Wesen und fühlte sich selig-unbehaglich, daß es fast nicht auszuhalten war.

Ein schneidender Wind machte sich wieder auf am Nachmittag, der Schnee begann wieder unter den Fußtritten, Hufen und Rädern zu knirschen, und der Schneemann auf dem Markte zu Finkenrode gewann eine bedeutende Festigkeit; sehr lange Eiszapfen bildeten sich vor meinem Fenster. Ich versuchte mancherlei; schrieb Briefe, ordnete Papiere, verbrannte Papiere und war überhaupt in der Stimmung einer Schnecke, die sich in einem Napf voll Zucker auflöst und langsam auseinander, fließt; ich hätte recht gut mein Testament machen können. Jedesmal, wenn ich im Auf- und Abschreiten zu dem Fenster zurückkam, hauchte ich eine kleine Öffnung in die Eisdecke, welche die Scheiben überzog, und warf einen Blick in die winterliche Gegend draußen, und wenn ich nach einigen Augenblicken die Eiskristalle wieder angeschossen und die Aussicht verdeckt fand, so knüpfte ich daran die anmutigsten Betrachtungen über mein vergangenes, gegenwärtiges und künftiges Dasein und seufzte tief und schwer. Um vier Uhr aber stieß ich plötzlich mit dem Fuß an ein auf dem Boden liegendes Buch, daß es weithin in das Zimmer flog und sich öffnete. Mechanisch hob ich es auf und wollte es eben in den Winkel werfen, als meine Augen auf einer Stelle der aufgeschlagenen Seite hafteten, welche mich fesselte und zwang, das Blatt zu überfliegen:

»Eine unschuldige, eine recht zärtliche Braut ist in der Tat eine Kreatur aus einer andern Welt, die man nicht ohne Erstaunen betrachten kann.«

Der größte Teil des Folgenden war bereits zu Fidibussen verwendet worden, und es war auch nichts daran verloren: das Buch war das Leben der schwedischen Gräfin von G., von Christian Fürchtegott Gellert.

»Die man nicht ohne Erstaunen betrachten kann« – sprach ich nochmals vor mich hin und klappte den alten Tröster leise zu. – »Eine Kreatur aus einer andern Welt!« . . . . . . . .

Auf einmal war die Dämmerung ins Land geschlichen, ohne daß ich es gemerkt hatte; ich hatte mich, wie es den Menschenkindern so oft geht, in das, woran ich mein Herz gehängt hatte, wonach ich mich quälte und sehnte, hineingeträumt: ich befand mich in dem kleinen Häuschen vor dem Burgtor von Finkenrode und – lobte und pries mit großer Beredsamkeit den Festtagskuchen der Frau Agnes.

»Sind das nicht böse Kinder?« fragte Cäcilie, auf den Schauspieler und die kleine Sidonie zeigend, welche halb im Schatten verborgen, Hand in Hand, nebeneinander saßen. »Der arme Papa – wie sie ihn betrügen! Und er ist doch so gut!«

»Der Papa ist ja selbst schuld daran!« sagte Sidonie. »Wir wollen ihn aber schon auf den rechten Weg führen.«

»Ja, Kinder, macht, daß ihr bald mit eurer Sach' ins Licht tretet,« meinte die Tante Agnes. »Es ist ein böses Ding um solch ein heimlich Wesen und tut nicht gut.«

»O, nicht?« fragte der Schauspieler, und Sidonie schaute demütig, schlau, lächelnd den Fußboden an.

»Nein, es tut nicht gut!« dachte ich leise und seufzte laut. Weshalb sprach denn auch keiner? Weshalb mochte keiner sich rühren? An der Wand der tote Herzog auf den Gewehrläufen seiner schwarzen Soldaten war nicht stiller, als wir um den Teetisch der Frau Agnes Willbrand. Ach –

Mädchen am Ofen
Sitzet und spinnet:
Dichter im Winkel
Sitzet und sinnet –

Dämmerung draußen,
Dämmerung drin:
O wie voll ist mein Herz!
O wie schwer ist mein Sinn!

Spule surrt,
Rädchen schnurrt –
Dämmerungsgedanken!
Mädchentraum,
Dichtertraum
Wachsen und ranken –

    Amor, ach Amor,
    Schnell tritt herein,
    Bring uns Licht! Bring uns Licht!
    Danken's dir fein! . . . . . . . . . . . .

»Wer klopft da?«

»Ich!«

»Wer, – ich?« Wir waren alle im plötzlichen Schrecken aufgesprungen. –

»Ich, Martin! Martin Nadra, wenn Sie die Güte haben wollen und es allergehorsamst erlauben.«

Ich ging, dem Vagabunden zu öffnen, und nach einigen Augenblicken stand er, die Pelzmütze in der Hand, in unserer Mitte.

»Es ist aus mit ihm! Es hat ihn gepackt, und er macht es keine acht Tage mehr, sagt die Mutter Janna. Er verlangt nach dem schönen Fräulein.«

»Wer? Um Gottes willen, von wem sprecht Ihr, Martin?«

»Von ihm« – der Zigeuner wies auf die Stirn – »von dem Musikanten! Die Großmutter sitzt bei ihm; aber er will das schöne Fräulein sehen, und da bin ich gekommen.«

»Mich will er sehen?« rief Cäcilie. »Aber was ist ihm denn begegnet; er war doch gestern abend heiterer, als ich ihn je gesehen habe?«

Der Zigeuner zuckte die Achseln. »Das schöne Fräulein muß sich warm einwickeln; 's ist Totenwetter draußen – 's reißt Bäume und Schweineställe um. Die Großmutter hat ihm einen Trank gekocht; aber's wird ihm nichts helfen derweilen.«

Während wir uns noch mit Fragen und Ausrufen des Bedauerns um den Unglücksboten drängten, hatte sich Cäcilie schon in ihren Mantel gehüllt, bereit, mit dem Zigeuner in die Nacht hinauszueilen, um dem unglücklichen alten Freund Hülfe und Trost zu bringen. Sie war bleich und sprach kein Wort; um ihre Lippen zuckte es.

»Cäcilie – darf ich Sie begleiten?« fragte ich leise.

»O bitte, bitte, tun Sie das!« rief die Frau Agnes, Cäcilie nickte, und eine Minute später stand ich mit ihr und dem Zigeuner draußen in der stürmischen Winternacht, und schweigend durchkreuzten wir das Städtlein, bis wir zu dem entgegengesetzten Ende gelangten, wo sich die ärmlichsten Häuser und Hütten, dicht neben dem jetzt tief verschneieten Kirchhof gesammelt haben. Mit Mühe kämpften wir uns zu der Tür des Hauses Nadra, welche uns von der Frau Lena geöffnet wurde, durch.

»Ach, der gnädige Herr und das schöne Fräulein! Das ist ein Segen, daß Sie kommen.«

»Was macht er? Was macht er, Lena?« fragte mit bewegter Stimme Cäcilie, den Schleier zurückschlagend.

Die Frau schüttelte den Kopf. »Wir fürchten uns! . . . Die Mutter allein ist bei ihm.«

Wir traten nun tiefer in das Haus und in die tollste Vagabunden-Wirtschaft, die ich jemals gesehen habe. Ein Gewimmel von Menschen und Tieren erfüllte die untern Räume mit einem verworrenen Getöse. Ein Säugling schrie hinter einer Tür, und eine Mädchenstimme sang ein halbwildes Wiegenlied. Eine schwarze Katze strich schnurrend um unsere Füße und schlich hinter uns her die halsbrechende Treppe, welche zu der armseligen Wohnung des Musikanten führte, hinauf. Die Lampe in der Hand des voranschreitenden Zigeuners machte das Häßliche nur noch häßlicher, das Phantastische noch phantastischer.

Über einer verrauchten Tür hing in einem Käfig eine kleine Eule, welche vor dem Lichtschein ihr Gefieder sträubte und heisere, unheimliche Töne ausstieß, während ein anderer Vogel durch die Gitterstäbe eines zweiten Bauers verwundert auf uns herabschaute.

»Hier!« sagte der Zigeuner, und Cäcilie legte unwillkürlich ihren Arm in den meinigen, als die Tür sich öffnete. Ein schwüler Dunst schlug uns entgegen, und die Lunge hatte Mühe, sich an diese verdorbene Atmosphäre zu gewöhnen. Das Gemach war so niedrig, daß ein aufrechtstehender Mann fast die Decke berührte; auf dem kleinen Ofen zischte und sprudelte ein Gefäß, übelriechende Dämpfe versendend. Janna, die alte Zigeunerin, erhob sich bei unserm Eintritt von einem Schemel neben dem Lager des Kranken.

»Es schläft – das arme Männlein,« sagte sie.

»Mein Gott, mein Gott!« murmelte Cäcilie, und ich fühlte, wie ihre Hand auf meinem Arme zitterte.

»Was hat denn der Doktor Gundermann gesagt, Janna?« fragte ich.

Die Alte machte eine Schulterbewegung: »Die Herren sind gar klug, aber sie sagen nichts. Er hat einen Trank verschrieben; aber Janna weiß, daß er nichts helfen wird. Arm Männle wird nicht wieder gesund werden, wird sterben und weggehen. Hat bald Ruhe – da!«

Und die Alte streckte die Hand aus nach dem niedrigen Fenster, unter welchem der weiße Kirchhof der Stadt Finkenrode lag.

»Still, er erwacht!«

»Als das Reich noch stand,« fuhr die Zigeunerin fort, »wußte mein Friedel einen Spruch, das Auge der Sterbenden licht zu machen; aber sie haben ihn ja gehängt. Das ist lange her! Darf nicht einmal mehr den Kindern das Herzgespann besprechen.«

»Sehen Sie, sehen Siel« rief Cäcilie. »Er schlägt die Augen auf! Wallinger, alter Freund, wie geht es Ihnen? Was für törichte Dinge fangen Sie an!«

»Anna! Anna!« schrie der Alte wild und herzzerreißend, beide Arme nach der Fragerin ausstreckend. »Anna! Anna, bist du es, Anna? Liebe, liebe Anna! Verzeih! Verzeih! Hast dich so um mich gegrämt, hast dich zu Tod gehärmt um mich – – weh, weh, du kannst nicht Anna sein, du bist ja längst gestorben. Sprich, wer bist du? – – Bist du die Schönheit, die ich zu suchen auszog? Anna, liebe, liebe Anna – – was quälst du mich so – Hab' ich noch nicht genug gelitten zur Sühne? Wo hab' ich dich suchen müssen, Anna, in der weiten Welt! Deine Hand – gib mir deine gute, treue, liebe Hand, Anna!«

Zitternd überließ Cäcilie dem Unseligen die Hand, welche dieser krampfhaft ergriff und an seine Brust drückte und sie mit heißen Küssen bedeckte.

»Ich wußte, daß ich dich finden müsse, Anna, wie sie mich auch verspotteten und verhöhnten! Ich wußte ja, daß sich nicht die Ewigkeit zwischen uns legen konnte – nun ist alles, alles gut – o Süße, nicht wahr, nun ist alles gut?«

»Alles! Alles!« schluchzte Cäcilie laut weinend, und der Alte lächelte und legte den Finger auf den Mund. »Jetzt ist niemand mehr da, der über mich lacht; wir sind allein in der Welt – alle sind tot und wir beide auch. Wer lacht über die Toten? Still, still! Hörst du das Wiegenlied – wie süß läßt sich's dabei schlummern. Sing es weiter, Anna, sing das Wiegenlied, welches du auch deinem Schwesterchen sangst, – mein Kopf ist so weh, so wirr. Hab's auch der andern gelehrt, die ich liebte, weil sie dir ähnlich sah – dort unten in dem kleinen Häusel am Tor« – – –

»Singen Sie ihm etwas, Cäcilie!« flüsterte ich. »Sehen Sie ihn an!« . . .

»Ich glaube zu verstehen, was er meint,« flüsterte Cäcilie, »ich glaube die zu kennen, welche er das traurige Wiegenlied gelehrt hat.« Mit leiser unterbrochener, tief erregter Stimme begann sie:

»Schaukeln und Gaukeln –
Halb wachender Traum!
Schläfst du, mein Kindlein?
Ich weiß es kaum.

Halt zu dein Äuglein,
Draußen geht der Wind;
Spiel fort dein Träumlein,
Mein herzliebes Kind!

Draußen geht der Wind,
Reißt die Blätter vom Baum,
Reißt die Blüten vom Zweig –
Spiel fort deinen Traum!

Spiel fort deinen Traum,
Blinzäugelein!
Schaukelnd und gaukelnd
Sitz' ich und wein'!«

Wallinger, mit der Linken die Hand der Singenden haltend, bewegte die Rechte, taktschlagend, in der Luft hin und her, wie der Dirigent eines Konzertes. Als der Gesang endete, fiel auch die Hand kraftlos auf die Decke zurück.

»Laßt ihn schlafen, Kinder!« sagte die alte Zigeunerin. »'s ist ihm am besten so. Geht, geht, Kinder – geht auch zu Bett – 's ist nicht gut für euch, lang in die Nacht hier zu sitzen, hab' an manchem Totenbett gewacht, will arm Männlein hüten und hegen wie meinen Augapfel« . . .

»Anna, Anna!« murmelte der Kranke, unruhig sich hin und her werfend. »Ach, Anna, es waren doch schöne Zeiten! Weißt du noch? – das kleine Stäbchen – hoch über den Dächern? Es liegt den ganzen Tag im Sonnenschein, und das Orangensträuchlein in dem Fenster bringt Blüten und goldgelbe Früchte. Morgen früh wecke ich dich wieder mit meiner Geige – gib acht, Anna, ehe die Vögel wach sind . . . Anna!«

Mit dem Namen der toten Geliebten auf den Lippen sank jetzt der arme, alte Wallinger in einen festen Schlaf; besorgt blickte ich auf die bleiche Cäcilie: ich selbst vermochte kaum noch in der schwülen Luft des Krankenzimmers Atem zu holen.

»Was wollen die schönen Herrschaften noch warten?« sagte die Zigeunerin. »Nehmen Sie die Stille mit, junger Herr, es ist hier kein Platz für sie.«

»Cäcilie, liebe Cäcilie, sollen wir gehen? Bitte, lassen Sie uns gehen.«

Die Angeredete antwortete nicht; aber sie hüllte sich mechanisch wieder in ihren Mantel. Mechanisch ließ sie sich fortführen aus dem Aufenthalt des Todes. Auf dem Vorplatze erwartete uns Martin, welchem ich meinen Geldbeutel gab, und der uns die Treppe hinunter wieder mit der Laterne vorausging. Mit unendlichem Wohlbehagen atmete ich den Sturmwind draußen vor dem Hause ein und schüttelte einen tiefen Schauer aus den Gliedern. Cäcilie hatte das Taschentuch auf den Mund gepreßt und weinte leise an meiner Seite.

Armer, armer Wallinger!

Aus den dunkelsten Gäßchen hatten wir uns bereits hervorgewunden, als uns plötzlich, indem wir um eine gewisse Ecke bogen, ein heller Lichtschein entgegenleuchtete und eine gegen mich prallende Gestalt mich fast über den Haufen geworfen hätte.

»Der Oheim Fasterling!« rief ich verwunde«.

»Ja, der Oheim Fasterling!« donnerte der Alte, seine Laterne hoch erhebend, und meine Begleiterin und mich beleuchtend. »Wartet, ihr Verräter! O Cäcilie, das hätt' ich nicht von Ihnen gedacht – oh – oh!«

»Mein Gott – da ist ja auch Sidonie!« rief Cäcilie: »ah, und auch Herr Alexander!« –

Wie oft geschieht es nicht im menschlichen Leben, daß in demselben Augenblick, wo wir in den tiefsten Schmerz versunken sind, wo wir in idealer Verzückung uns in den siebenten Himmel erheben wollen, die Trivialität, der Spott, oder – der Humor anklopft, und uns erniedrigt, verstößt, oder ins Gleichgewicht bringt, soviel an ihnen liegt! Trotz der Tragödie, aus welcher ich eben kam, trotz dem herz- und kopferschütternden Blick in die furchtbare Tiefe der Menschenseele, den ich eben getan, mußte ich laut auflachen: drei Schritte voneinander entfernt, zog das, wie es schien, in flagranti ertappte Liebespaar hinter dem erbosten Papa her, und Waddel, der Gute, trabte in ihrer Mitte, nach rechts und links die Verschüchterten höhnisch anbellend.

»Ah Cousine – ah Alexander! Seht ihr! Da habt ihr es! Hab' ich es euch nicht gleich gesagt, Ihr unartigen Kinder? Mein bester Herr Hauptmann, lassen Sie ein strenges Gericht ergehen!«

»Marsch, Sidonie!« rief der Alte. »Ich will auch mit dir nichts zu schaffen haben, Max. Donnerwett – ach Gott, wenn das deine selige Mutter erlebt hätte, Sidonie!«

Sidonie stieß einen komisch-betrübten Seufzer aus und schmiegte sich an Cäcilie.

»Schicke ihn fort, ich gehe mit dir,« flüsterte diese. »Wir müssen den Papa heute noch beruhigen. Kommen Sie, Herr Hauptmann, nehmen Sie mich mit: ich habe Ihnen so mancherlei zu sagen. Ach, seien Sie nicht böse – nehmen Sie mich mit!«

»Teuerster Oheim und Hauptmann,« sagte ich, »der Vernünftigste gibt nach. Schicken Sie sich drein, und erkälten Sie sich nicht in dem abscheulichen Wetter. Ich bürge für den Alexander!«

»Schöne Bürgschaft!« brummte der Alte. »Wenn ich nur wüßte, wo mir der Kopf steht! O je, o je, ich wollte, ihr alle« –

»Papa!«

»Donnerwetter, Marsch! Marsch! Rechten, Linken, Sidonie! – Rechten, Linken – Rechten, Linken! Kommen Sie, Cäcilie! Rechten, Linken! Ihr beide geht zum Teufel und laßt euch nicht eher bei mir sehen, als bis ich euch Ordre gebe!«

Damit setzte sich der alte Soldat wieder in Bewegung und zog die beiden jungen Damen mit sich fort. Der Laternenschein verschwand um die Ecke; Waddel ließ zum Abschied sein Kriegsgeheul hören und wies mir die Zähne; – ich stand mit dem Schauspieler in der Dunkelheit allein.

»Nun?«

»Ah! Bah! Ah!«

»Wie hat er euch denn erwischt, Mietze? Beim Zeus! ich wollte, ich könnte dein Gesicht erkennen; die Fratze wird merkwürdig genug sein.«

»Dummes Zeug!« seufzte jämmerlich der Spiritusfabrikant. »Mir ist gar nicht lächerlich zumute, übrigens bin ich doch froh, daß die Sache sich entschieden hat.«

»Höre, mein Sohn,« sagte ich, – »ich habe die Gewißheit, daß ich diese Nacht nicht schlafen werde; du höchstwahrscheinlich, wie es einem ersten Liebhaber geziemt, auch nicht. Weißt du, du kommst zu mir, bemühst dich, vernünftig zu sein, und erzählst mir den Verlauf der Sache. Es interessiert mich mehr, als du dir vorstellst! Ich gehe jetzt heim, um einen erträglichen Aufenthaltsort herzurichten: du wirst dich zur Frau Agnes verfügen und ihr über das Verbleiben Cäciliens Nachricht geben. In einer Viertelstunde erwarte ich dich.«

Mit einem Klagegestöhn drehte sich der Schauspieler um, schob seitwärts in die Nacht hinein. Nach einer Viertelstunde aber saß er mir richtig gegenüber, und ausgeziert mit mancherlei Achs und Os, unterbrochen durch sentimentale Brustbeklemmungen und klägliches Atemschnappen, erfuhr ich, daß der alte Hauptmann Fasterling vor dem Fenster des kleinen grünen Hauses vor dem Burgtor plötzlich einen gewaltigen Kernfluch herausgedonnert habe, in einem Augenblicke, wo die Frau Willbrand in der Küche sich befand und Herr Alexander Mietze und Fräulein Sidonie Fasterling – – – – – – – – –

»Sidonie stieß einen lauten Schrei aus; ich sprang entsetzt in die Höhe, die eintretende Mama Agnes ließ das Teebrett fallen, Waddel bellte, und der Hauptmann, beschneit und bepelzt wie der Knecht Ruprecht, stand mitten zwischen uns – wie ein gemalter Wüterich – – – Ach Sidonie! Sidonie!«

Ich hielt mir beide Ohren zu vor der Seufzereruption, die jetzt erfolgte. –

 
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