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Die Kinder von Finkenrode

Wilhelm Raabe: Die Kinder von Finkenrode - Kapitel 16
Quellenangabe
typefiction
authorWilhelm Raabe
titleDie Kinder von Finkenrode
publisherVerlagsanstalt Hermann Klemm
seriesSämtliche Werke
volumeZweite Serie Band 2
printrunDreizehntes bis Siebzehntes Tausend
year
correctorreuters@abc.de
secondcorrectorgerd.bouillon@t-online.de
senderwww.gaga.net
created20080920
modified20181018
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15

Wenn die bauende Schwalbe den ersten schmalen Rand ihres Nestes an die Mauer des Hauses geklebt hat, so bringt sie lieber die erste Nacht auf die unbequemste Art, halb in der Luft schwebend, darauf zu, als daß sie es verläßt und sich der Gefahr aussetzt, am andern Morgen andere geflügelte Wohnungsbedürftige mit dem Weiterbau desselben unbefugterweise beschäftigt zu finden. Ich verhielt mich auf eine ganz ähnliche Weise, indem ich mich krampfhaft in einem Ideenkreise festklammerte, unendlich beschränkt und unendlich weit zu gleicher Zeit. Erst die Glocken, welche das Weihnachtsfest einläuteten, riefen mich wieder in das gewöhnliche Leben zurück. Ich hatte nicht nötig, mein Herz festtäglich aufzuputzen; aber ich ließ mein Haus scheuern, Und zum erstenmal in meinem Leben sah ich die daraus entstehende Wüstenei mit andern Augen an, als es sonst bei mir der Fall ist. Inmitten der bedrohlichsten Wasserströme stand ich und fühlte meiner Anlage zum Hausvatertum den Puls. Gundermann fand mich so und lachte bedeutend. Ich bedauerte nur die Abwesenheit Weitenwebers. Gegen Abend verließ ich im Gesellschaftsanzug meine Wohnung, um mich nach dem Hause des Hauptmanns Fasterling zu verfügen, wo die heilige Nacht gefeiert werden sollte; eine Festlichkeit, zu welcher Alexander der Mime natürlich keine Einladung erhalten hatte.

Wir begegneten einander in der Gasse, drückten uns die Hände und seufzten beide:

»Mietze!«

»Bösenberg!«

»Ach, Alexander« –

»Ach, Max – du wirst sie sehen – sag ihr – nein, sag ihr nicht – Höll' und Teufel!«

»Fluche nicht, Alexander! Sieh, dort flammt ein Christbaum auf. Wie still die Straßen sind! – O Alexander, Freund, Genosse, hast du wohl die Weihnachtsglocken gehört?«

Der Schauspieler nickte, seufzte wieder und wühlte in den Locken.

»Sieh, wie die weißen Berge überall in die Straßen und den heiligen Abend hineinlugen: was meinst du – wenn du jetzt auf den Schillingsberg galoppiertest und – ihren Namen in alle vier Himmelsgegenden hinausriefest?«

»Geh deinen Weg, gefühlloser Mensch« –

»Das werde ich auch; aber was soll ich ihr sagen von dir?«

»O! Ah! Sag ihr« –

Wir waren vor dem Hause der Holden angelangt, und der Schauspieler brach ab, wie ein Verzückter nach den hellerleuchteten Fenstern derselben hinaufstarrend. Ich zuckte die Achseln, wünschte ihm eine – angenehme Weihnachtsfeier und ließ ihn stehen, gleich einem Warnungspfahl gegen das Verlieben. Kopfschüttelnd trat ich ein in Sidoniens tolles Weihnachtszauberreich.

Wie bedauerte ich den armen Teufel unten im Nordwind, als sie mir glänzend, sonnig – eine Prinzessin Tausendschön entgegenhüpfte.

O Lichterglanz! O Tannenduft! O Lumpengesindel von Finkenrode!

Das war wie das Gleichnis vom großen Abendmahl:

»Gehe aus auf die Landstraßen und an die Zäune, und nötige sie, hereinzukommen, auf daß mein Haus voll werde! – Gehe aus auf die Straßen und Gassen der Stadt und führe die Armen, und Krüppel, und Lahmen und Blinden herein!« . . . . . . . . .

Der Hauptmann hatte seine beste Uniform und sein eisernes Kreuz angelegt und um sich versammelt an armen, alten Kriegern aus den Freiheitsschlachten, was in Finkenrode noch lebte. Der Forstmeister von Altenbach war erschienen an der Spitze einer vollständigen Armee von Weinflaschen, welche, in Kompagnien abgeteilt, in Körben herbeigeschleppt wurde. Seine Stimme machte die Fenster erzittern, und unter seinen Fußtritten schütterte das Haus; es war ein Wunder, daß er nicht bei jedem Schritt eines der unzähligen Kinder, welche überall wimmelten, zertrat.

Da war der halbblinde Schneider Basilius, der mit York von der Weichsel nach Paris sich durchgefochten; da war Möffert, der Wackere, der bei Talavera geschlagen hatte. Da war Böcker, welcher von Körner und den Lützowern zu erzählen wußte, da waren vier alte Grauköpfe mit der Waterloomedaille und zwei andere, welche bei Leipzig dienstunfähig geworden waren, und alle waren da mit Kindern und Kindeskindern. Anfangs scheu und verlegen, wurden sie allmählich vertrauter, redseliger: an dem Hauptmann und dem Forstmeister lag wahrhaftig nicht die Schuld, daß sie nach Mitternacht nicht nach Haus gefahren zu werden brauchten! Es waren aber auch noch andere Leute zugegen. Sidonie Fasterling hatte ihren Flügel in den großen Saal des Hauses bringen lassen, und Wallinger saß vor ihm und spielte Tanzweisen und nippte Rheinwein. Gekämmt, gewaschen und in neue Kleider gesteckt, war mit ihm die Familie Radra erschienen: die Mutter Janna an Cäciliens Seite. O Lichterglanz! O Tannenduft! O Cäcilie, Cäcilie Willbrand!

Der Forstmeister von Altenbach küßte der Frau Agnes ritterlich die Hand und dem »Herzensmädel« den Mund, und ich – ich – ließ mir von der Zigeunermutter von dem heiligen römischen Reich erzählen.

Wie das durcheinander schwirrte und wirrte; Schlachtengeschichten und Kindergeschichten – niemand hinderte den Hauptmann, Dutzende von Abenteuern, welche alle anfingen: Als wir in Frankreich waren – vorzutragen. Der große Tannenbaum in der Mitte des Saales funkelte und blitzte; Wallingers Weisen klangen wehmütig-lustig durch das Getöse. Lange dauerte es, ehe ich einen passenden Augenblick finden konnte, um das Bäschen Sidonie hinter einen Fenstervorhang zu führen, um sie auf den unglückseligen Schatten drunten im Schnee und Nordwind aufmerksam zu machen.

Das Auge der Kleinen folgte meinem deutenden Finger – eine reizende Schulter, und Handbewegung –

»Der Tor!« . . .

Das Füßchen stampfte den Boden –

»Der Papa – einen Augenblick, Herr Vetter!«

Sie sprang zurück in den Saal, hüpfte mit dem gleichgültigsten Gesichtchen von der Welt durch das lustige Getümmel zu der Weihnachtstanne. Ich sah, daß sie den Forstmeister anredete, daß dieser sich auf den Zehen erhob und ihr einen Gegenstand aus den höchsten, grünen Zweigen des Baumes herablangte. Sie dankte mit einem Knicks, warf einige lächelnde Worte einem der Veteranen zu – dann war sie wieder an meiner Seite, eine Hand mit dem Taschentuch vor dem Munde, die andere in der Tasche ihres Kleides.

Der Schatten war auf seinem Posten, im Schneeleuchten, noch immer schwach zu erblicken.

»Nun, Cousine, was haben Sie vor? Wieder eine Quälerei des Armen? – Sidonie, er liebt Sie wirklich!«

»Ach, Herr Vetter aus der Residenz!«

»Bitte, bitte, Sidonie, seien Sie nicht so grausam! Er ist wie ein Maikäfer, dem ein Kind einen Faden am Bein befestigt hat und der sich daran zu Tode flattern muß« –

»Der Arme! . . . Aber bedenken Sie doch, Herr Vetter, der Papa will ja nichts von ihm wissen! Was soll ich tun? Ich habe ihm den Faden wahrhaftig nicht ans Bein gebunden!«

Jetzt war an mir die Reihe, die Achseln zu zucken.

»Sollte er uns wohl bemerken?« fragte Sidonie. »Gott, wenn der Papa« –

»Der Papa befindet sich mit dem alten Basilius auf dem Marsch nach Paris; er sieht und hört nicht.«

»Klopfen Sie einmal ans Fenster!« flüsterte sie. »O Gott! . . .«

Wir sahen uns beide scheu um; Waddel streckte seinen Kopf unter dem Vorhang durch und blickte zu uns empor, augenscheinlich mit der Absicht, ein lautes Gebell von sich zu geben.

»Waddel! Waddel!« flüsterte Sidonie. »Will er! Still! still, Waddelchen!«

Ich hatte an die Scheibe geklopft; aber der Schauspieler hatte vor dem Wind nichts gehört, jetzt öffnete ich behutsam das Fenster und rief ihm mit verhaltener Stimme:

»Alexander! Alexander!«

Mit einem Satze war der Bocksspieler unter den Fenstern des Hauptmanns Fasterling.

O Weiber! Weiber!

»Rechte oder linke Hand, Herr Vetter?« fragte Sidonie, aus ihren Taschen schnell zwei Gegenstände ziehend und sie ebenso blitzschnell hinter dem Rücken verbergend.

»Wa – wa – was?«

»Rechte oder linke Hand?«

»Ah – warten Sie! An der rechten Hand der Trauring – auf der linken Seite das Herz – rechte Hand, Fräulein Sidonie Fasterling!«

»Da – werfen Sie es Ihrem Freunde hinab! Ach, das Schicksal! . . .«

Ein niedliches Marzipankörbchen wurde mir unter die Nase gehalten – ich stand da, wie eine Statue der Verblüfftheit, fuhr aber in demselben Augenblick auch wieder aus meiner Erstarrung auf:

»Himmel – das ist ja die Linke, Sidonie! Die rechte, die rechte Hand! Zeigen Sie die rechte Hand!«

Ich griff nach dem widerstrebenden Pfötchen, ich zog es hervor; – mit einem kleinen Schrei ließ Fräulein Sidonie Fasterling eine zierliche Dame, aus Honigkuchen geformt, in meiner Hand zurück – ich stand allein hinter dem Vorhang. Zwei Minuten brauchte ich, um mich zu besinnen –

»Mietze! Mietze!«

»Bösenberg, bist du es?«

»Achtung! Meine besten Glückwünsche – fang!«

Die Honigkuchenpuppe flog hinaus in die Weihnacht und fiel zu den Füßen des Schauspielers nieder, der sie schnell und verwundert aufgriff.

»Was soll das, Max?«

»Das hast du mir zu danken! Geh heim, Alexander, und träume über deinem Glück.«

»Ich begreife nicht« –

»Ist auch nicht nötig – mach, daß du fortkommst, der Schwiegerpapa könnte Unrat merken.«

»Aber Max!«

»Gute Nacht, Alexander!«

Ich schloß das Fenster und trat wieder in den lustigen Saal zurück; halb geblendet von dem Schein der Lichter.

Als sich meine Augen wieder an den Glanz gewöhnt hatten, suchte ich natürlich sogleich nach dem Bäschen und entdeckte sie mit Mühe in dem dunkelsten Winkel an der Seite Cäciliens. – In tiefen Gedanken verspeiste sie soeben den Marzipankorb, welchen sie dem armen Alexander – nicht zugedacht hatte.

Der glückliche Alexander!

Wie jubelte und lärmte um mich her die fröhliche Festnacht des Hauses Fasterling! Ich dachte an Weitenweber in seiner öden, unbehaglichen Kneipe – wie wohl würde er sich inmitten dieses Finkenrodener Lumpengesindels gefühlt haben!

Mit überströmendem Herzen klopfte ich dem Hausherrn auf die Schulter:

»Oheim Fasterling, Sie sind nicht bloß ein Hauptmann, Sie sind ein Hauptkerl; – Oheim Fasterling, ich schätze Sie – ich bewundere Sie, ich – liebe Sie!«

»Alter Junge« –

»Seht Ihr, Max,« rief der riesige Forstmeister, »wir wissen hier in Finkenrode auch zu leben, he?! Wallinger, tut mir um Gottes willen den Gefallen und dudelt nicht solche Begräbnismärsche ab, es ist ja nicht zum Aushalten! Was ich sagen wollte, Max, ist es nicht ein Vergnügen, ein Forstmann zu sein und so von seinen schlimmsten Holzdieben umringt, das Christfest zu feiern? . . . Nadra, schleicht nur nicht weg, Ihr grinsender Taugenichts! – da – auf Euer Wohl, Ihr undankbarer Geselle!«

»Bei Gott, allergnädigster Herr Ober-Forstmeister; auf meine allerhöchste Seligkeit« –

Der Forstmeister von Altenbach winkte lachend mit der Hand und schritt zu einer andern Gruppe. Gegen zwölf Uhr stimmte der Hauptmann plötzlich – Lützows wilde verwegene Jagd an, und viel wacklige und viel hübsche Stimmen sangen das alte Schlachtlied mit: ich aber saß und hatte ein Schattenbild an der Wand ins Auge gefaßt, die feine Silhouette Cäciliens, welche neben mir auf die Tapete des Hauses Fasterling fiel. Ein wonniges, beseligendes Studium der Schönheitslinie, aus welchem mich erst das Getümmel des Aufbruchs der Gäste des Hauptmanns erweckte.

Cäcilie! . . . . . .

Eine Viertelstunde nach Mitternacht glich die alte Stadt Finkenrode einem verkohlenden Stück Papier, auf welchem die leuchtenden Funken umherlaufen und hier und da verschwinden. Ich selbst trug über den Marktplatz einen solchen leuchtenden Funken, die Laterne der Mutter Willbrand. Der alte Wallinger und die Familie Nadra gingen mit uns.

Als der Türriegel des kleinen Häuschens vor dem Burgtor hinter den beiden Frauen zugefallen war, drückte ich natürlich – den Hut fester in die Stirn, hüllte ich mich fester in meinen Mantel, seufzte tief und schwer und schritt langsam durch die heilige Nacht und die dunkle kleine Stadt meinem eignen, unbehaglichen Hause zu. Eine Gänsehaut überlief mich, und ich fühlte durchaus keine Neigung, ins Bett zu kriechen.

»Um Verzeihung!« sagte eine Gestalt, auf die ich an der nächsten Straßenecke stieß, – faßte mich aber in demselben Augenblick mit beiden Fäusten vor die Brust:

»Gottlob, da hab' ich ihn!«

»Alexander Mietze?!«

»Derselbe! Mensch – Ungeheuer – Henkersknecht – sprich oder ich erwürge dich – löse mir das Rätsel: was soll der Gegenstand bedeuten, die Puppe, die ich in der Rocktasche trage?«

Ich schüttelte die Hände des Schauspielers ab und trat feierlich einen Schritt zurück:

»Auch du, mein Kind, wirst schwerlich diese Nacht schlafen; gehe mit mir, Alexander, ich will dir das Rätsel lösen.«

»Wahrhaftig?! O Max, Max, Freund meiner Jugend« –

»Dummes Zeug – marsch – komm mit mir!«

Zehn Minuten später erfüllte der Mime das Haus meines Oheims Albrecht mit einem Lärm, wie ihn die alten Wände, die moderhaften Winkel seit langen, langen Jahren nicht vernommen hatten. Ratten und Mäuse verbargen sich in ihren geheimsten Schlupflöchern. Der Schauspieler hatte mich in die Arme gefaßt und drehte sich mit mir springend im Kreise, daß sich ein Stück des Plafonds ablöste und uns auf die Köpfe fiel. Jakob der Rabe hüpfte krächzend, mit den Flügeln schlagend, um uns herum, Renate im tiefsten Nachtkostüm steckte erschreckt den Kopf durch die Tür:

»Jesus – die Herren!«

Der Schauspieler zog sie vollständig ins Zimmer. Er umarmte sie in seinem Freudetaumel, wie er mich umarmt hatte.

»Bösenberg! Bösenberg! Ist es denn wahr? Ist es denn möglich? Nimm Abschied von mir, Freund, der Himmel hat sich geöffnet; ich werde mich sogleich in dieser unendlichen Seligkeit verflüchtigen!«

Er bedeckte die Honigkuchenpuppe mit den glühendsten Küssen; er warf der erstarrten Renate seinen Geldbeutel in die Schürze; er zog mich von neuem in die Arme, und wie tanzten abermals die Sicilienne, daß das Haus erschütterte.

Die Alte murmelte etwas zwischen den Kinnladen, wovon ich nur die Worte – »der selige Herr« – verstand. Dann humpelte sie hinaus und kam mit zwei Gläsern Wasser zurück.

Ich war atemlos auf einen Stuhl gesunken, Mietze auf einen andern.

»Danke, Renate,« sagte ich, mit dem Wasserglas in der Hand.

»Ich vergehe!« schluchzte der Schauspieler.

»Das heißt, er hat sich heute abend verlobt, Renate!« wandte ich mich an die Alte. Diese schlug die Hände über dem Kopfe zusammen und ergoß einen wahren Strom von Glückwünschen, bis sie wieder ins Bett geschickt wurde. Der Schauspieler aber sprang von neuem auf, ich brachte jedoch so schnell als möglich den Tisch und alles, was mir zur Hand war, zwischen mich und den Herzensjubel meines Freundes.

»Sitze still – beruhige dich – sammle dich!«

»Ich kann nicht! Ich kann es nicht – Hurra!« schrie der Schauspieler, warf den Hut wieder auf den Kopf, schlug mit der Faust darauf und stürmte hinaus in die Christnacht, gleich einem Besessenen.

Ich ergriff mit einem tiefen Seufzer und herabhängender Unterlippe von neuem mein Wasserglas und tat einen nachdenklichen Trunk.

»Das weiß der liebe Gott! . . . Bah!«

»Laß dich lieben! Laß dich lieben!« sagte eine Stimme aus einem Winkel, und aus meines Oheims Pfeifenwinkel kroch Jakob, der lateinische Rabe. Langsam drehte ich den Hals nach dem Tiere und beobachtete mit einem geheimen Grauen sein trippelndes Näherkommen. Jetzt stand es vor mir, wetzte den Schnabel auf dem Boden, hob dann den Kopf wieder, legte ihn auf die Seite und blickte fest und starr zu mir empor, und mehr als eine bloße Tierseele leuchtete aus seinen schwarzen Augen.

»Jakob, alter Jakob, was willst du? Jakob, könnten wir das Haus wieder lebendig machen?«

»Arme Frieda!« schnarrte der Rabe und hackte mit dem Schnabel in den Fußboden.

Ich blickte nach dem Bilde meiner Tante und meiner Cousine.

»Arme kleine Frieda! Ach Jakob, Jakob! – Armer Oheim Albrecht! Laß das Hacken und Kratzen, Jakob, du wühlst die Toten nicht wieder ans Licht.«

Ich warf einen frischen Holzvorrat in den Ofen und schritt auf und nieder in dem Studierzimmer meines Oheims. Wie hätte ich in dieser Nacht schlafen können, in dieser Nacht, in welcher sogar die glücklichen Kinder unruhig sich hin und her wälzen in ihren Bettchen!

Was zog und zerrte alles an mir! Sollte ich das Schicksal, das mich nach Finkenrode geführt hatte, segnen oder schelten? Ach, ich brachte doch aus meinem früheren Leben gar wenig mit, was mir jetzt als Gegengewicht gegen meine jetzige Seelenstimmung hätte dienen können.

Was konnte ich ihr bieten für ihre reine, fleckenlose Seele? Ich – bedeckt mit dem Staub und Schweiß des Kampfes, mit aller Welt Jämmerlichkeit und Erbärmlichkeit!

Was hatte ich getan im Leben, um ihrer würdig zu sein? War es nicht alles Tand und Torheit, was ich geschafft hatte? War nicht alles hohle Lüge, alles Phrase? Wo hatte ich je männlich der Wahrheit ins Auge geschaut? Ich, geleitet von der Meinung des Tages; ich, scheu vor jeder höchsten Konsequenz seitwärts schleichend! O Weitenweber, Weitenweber, das letztere war nicht deine Schuld!

Und sie! . . . sie – die schöne Stille, wie sie der Zigeuner nennt –

Die schöne Stille!

Ich drückte die Faust auf die Stirn. Sie! Sie! Was will ich von ihr? was hat sie mit mir zu schaffen?

Ein Gepolter hinter mir erweckte mich aus meinem wachen Traum – die Nacht war weit vorgerückt; ich fuhr tüchtig zusammen und wandte mich blitzschnell aufspringend um. Eine Wolke von Staub erfüllte eine Ecke des Gemaches; Staub und Moder schüttelte der Rabe krächzend von den Flügeln, eine ganze Abteilung der Repositorien war, von den Würmern zernagt, zusammengebrochen unter der Last der auf ihr ruhenden Folianten und bedeckte in einem wüsten Haufen den Boden. Jakob der Rabe war durch sein Kratzen und Hacken wahrscheinlich die erste Veranlassung zu diesem Ruin gewesen: ich bemerkte, als ich die Lampe ergriff und die Verwüstung beleuchtete, daß er mit dem einen Bein hinke, welches ihm durchaus nichts an Liebenswürdigkeit zulegte.

»Aber Jakob, was hast du angefangen?« fragte ich das Tier, welches jetzt zusammengekauert auf der Spitze des Bücherhaufens saß und dumpf murrte. Eine Entdeckung, die ich aber jetzt machte, zog meine ganze Aufmerksamkeit auf sich. Hinter den gefüllten Bücherbrettern war eine Tür verborgen, welche nur einem Wandschrank angehören konnte.

Ich betrachtete sie von oben bis unten; ein verrosteter Schlüssel steckte noch in dem Schloß. Ich drehte ihn mit Mühe, kreischend gab er endlich nach, und die Tür öffnete sich. Ein feuchtkalter Modergeruch schlug mir entgegen, und ich trat einige Augenblicke zurück, um den Dunst ein wenig verziehen zu lassen. Dann leuchtete ich in das Dunkel und griff mit vorsichtiger Hand in das seltsame Wesen, welches von unten bis oben den Schrank füllte. Armer Oheim Albrecht! Was zog ich alles in dieser heiligen Christnacht hervor aus dem Versteck, über welchem du deine Bücherhaufen aufgeschichtet hattest! Armer Oheim! Verstaubt, zerfallend Kinderspielzeug der verschiedensten Art – Puppen, kleine hölzerne Töpfchen und Schälchen, ein zerbrochenes Stühlchen und zuletzt einen dürren Weihnachtsbaum, an dessen Zweigen hier und da noch etwas Goldschaum haftete, auf dessen Spitze noch ein zerknitterter Stern von Silberpapier befestigt war. Mit übereinander geschlagenen Armen stand ich inmitten dieser toten Freuden; der Rabe krächzte, die Lampe hatte allmählich ihr Öl verzehrt und war dem Verlöschen nahe . . . . . . . ein Glockenschlag erweckte mich aus meinem stundenlangen Brüten – die Weihnachtsglocken von Finkenrode! Die Weihnachtsglocken meiner Kindheitszeit!

Ich fuhr mit der Hand über die Stirn und lauschte; unwiderstehlich zog es mich hinaus in die heilige Nacht.

Ich hatte den Mantel übergeworfen; ich fand mich in der Straße, ohne zu wissen wie.

Alles still und dunkel! Kein Stern am Himmel – kein Lichtlein auf Erden! Glockenklang, Glockenklang der Heimat!

Ich schritt langsam durch die schweigenden, schneebedeckten Straßen, das Erwachen der Stadt erwartend. –

Dort flammt eln Licht auf, dort wieder eins. Sie bewegen sich in den Häusern hin und her durch die Gemächer. Sieh da! Sieh da, ein Weihnachtsbaum im vollen Glanz! Haustüren öffnen sich hier und da, eine Gestalt, in einen Mantel gehüllt, streicht an mir vorüber. In immer hellerm Glanz leuchtet das Städtlein Finkenrode.

Ich folge dem Glockenklang durch die Gassen auf den Marktplatz – vor mir steht die Kirche des heiligen Martin mit ihren hohen, spitzen, erleuchteten Fenstern; die beiden Türme verlieren sich vollständig in dem Nebel und der Dunkelheit. Ich lehne mich an einen Pfeiler des weitgeöffneten Portals und lausche. Hallen einmal einen Augenblick die Glocken über mir aus, so klingt leise, leise das Geläut eines fernen Walddorfes herüber. Noch ist die Kirche menschenleer, die Wände des heiligen Gebäudes entlang schimmern die Totenkränze im Glanz der Kronleuchter. Tannengezweig windet sich an den Pfeilern empor. –

Jetzt ist das christliche Volk erwacht und regt sich. Männer und Weiber schreiten durch die Gassen und über den Markt, auf die Kirchtüren zu, die Gesangbücher an die Brust gedrückt. Die Kinder führen ihre bunten Weihnachtspuppen mit sich, junge Mädchen entfalten strahlend den neuesten Putz. Zwischen den modernen Hüten und Hauben der Weiber schimmern hier und da die landesüblichen seltsamen Kugelmützen von Gold- und Silberstoff, die Kopfbedeckungen der älteren Bürgerfrauen, hervor. Immer dichter werden die Scharen, die an mir vorüberziehen. Jeder Kirchgänger führt ein Wachslicht mit sich, welches an einer am Eingang der Kirche hängenden kleinen Lampe angezündet wird. Schon flammen Hunderte von Kerzen, schon braust die Orgel, der Gesang der Menge fällt ein – weit über die kleine alte Stadt hin, bis tief hinein in die stillen Berge, wo der Hirsch und der Fuchs verwundert aufhorchen, erklingt die Feier des Christmorgens.

Jetzt glitt wieder eine Gestalt an mir vorüber – ohne mich zu erblicken, – hinein in den Gesang und Lichterglanz. Ein grüner Schleier wurde ein wenig zurückgeschlagen, noch ein Lichtlein leuchtete auf – ich drückte die Hand schier geblendet auf die Augen – verloren war die Gestalt in der Menge. Schnell trat ich ein in das heilige Gebäude und ließ mancherlei aus meinem Leben draußen, was ich um keinen Preis der Welt mit hineingenommen hätte.

Da ist ein uraltes Bild in der Martinskirche zu Finkenrode: ein geharnischter Ritter nebst seinem Ehegemahl knien mit gefalteten Händen einander gegenüber, und zwischen ihnen liegt auf einem weißen Kissen eine kleine Kinderleiche. Ein eigentümlicher Schauer ergriff mich, als Kind, jedesmal beim Anblick dieses Gemäldes – ich fürchtete mich unsäglich vor ihm, und als ich heute, nach so langen Jahren, ein Mann, der sich selten vor etwas fürchtet, mich dem Bilde wieder gegenüber fand, durchzuckte mich dasselbe Gefühl. Ich beschloß, es ihr zu sagen, daß ich sie – liebe! – – – – – – –

 
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