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Die Kinder von Finkenrode

Wilhelm Raabe: Die Kinder von Finkenrode - Kapitel 10
Quellenangabe
typefiction
authorWilhelm Raabe
titleDie Kinder von Finkenrode
publisherVerlagsanstalt Hermann Klemm
seriesSämtliche Werke
volumeZweite Serie Band 2
printrunDreizehntes bis Siebzehntes Tausend
year
correctorreuters@abc.de
secondcorrectorgerd.bouillon@t-online.de
senderwww.gaga.net
created20080920
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9

In einer eigentümlichen Seelenstimmung erwache ich an jedem Morgen in dem Hause meines Oheims, in meinem Hause.

Da ist meine Wohnung in der großen Stadt, hoch über den Menschenfluten, die unter ihr rollen, und welche den furchtsamen, den matten Schwimmer so leicht verschlingen. Der Gesang der jungen Arbeiterin, mir gegenüber, erweckt mich – ich halte mein Lever, und ein lustiges, tolles Treiben herrscht dabei! Was für Gesindel klopft an meine Tür und verlangt lachend, singend, pfeifend oder auch wohl brummend und ärgerlich Einlaß! Was für Briefe, Zettelchen, Billets und Visitenkarten gleiten in meinen Briefkasten! – Hat meine Nachbarin schon ihre Blumen begossen? Hat mein Nachbar schon seinen Starmatz gefüttert? – »Floh, hier den Manuskriptbogen an den Doktor Hinkelmann, ich lasse ihn bitten, den Schluß zu machen, ich habe Kopfweh!« – »Guten Morgen, Meister Gustav Berg – was macht die Kunst? Was macht die Frau Elise und das Kind?« – »Guten Morgen, Richard, was macht Mademoiselle Saltarelli? – lustige Nacht gestern?« – »Via! via! . . . ach, das Geld ist eine Chimäre! Leih mir einen Fünftalerschein, Bösenberg!« – – – »Herr Doktor Bösenberg, endlich treff' ich Sie doch einmal; ich bin vergangene Woche jeden Tag zweimal hier gewesen – meine kleine Rechnung.« – – –

Wie anders mein Erwachen in Finkenrode, wenn der Morgen langsam graufarbig, wie ein bleichsüchtiges Mädchen herangeschlichen ist. Ich finde mich dann in einem weiten Himmelbett und muß mich zwischen Schlaf und Wachen jedesmal erst eine Weile besinnen, wo ich wohl sein möge. Ein Knuspern und Rascheln von Mäusen hinter der Tapete ermuntert mich ein wenig mehr, ich schlage die Vorhänge zurück, und meine Stellung als Mensch, Deutscher, Bürger und Hausbesitzer zu Finkenrode wird mir klar. Ich gähne aus Leibeskräften und nach Herzenslust, und sehne mich nach irgendeinem Zeichen von Leben auf der Gasse oder im Hause: in *** erwache ich meistens zu spät, in Finkenrode immer zu früh. Nichts hindert mich, noch einmal einzuschlafen, ehe meine Enten auf dem Hofe anfangen zu gackern, ehe Renatens Pantoffeln die Treppe heraufklappern. Endlich aber erwacht Finkenrode und mein Haus zum Leben. Ich höre die Alte in das anstoßende Zimmer treten, wo sie einen Arm voll Holz so geräuschlos als möglich zu Boden wirft und Feuer anzündet. Jakob, der Rabe, erscheint in der Kammertür, krächzt mir seine Verachtung zu und geht wieder ab, wie er gekommen ist. Die Alte nimmt er mit. Das Feuer fängt an zu prasseln und zu krachen; nach einer halben Stunde krieche ich hervor aus den Federn, Renate erscheint zum zweitenmal, mit dem Kaffee und mit der Frage, was ich zu Mittag essen wolle.

Das ist ein wichtiger Augenblick der Überlegung. Die Jahreszeit wird in Betracht gezogen – die Alte macht verschiedene Einwürfe; endlich vereinigen wir uns, und ich bin bis Mittag meinem Schicksal überlassen. Ein Körbchen mit Semmeln neben dem Kaffeetopfe bringt mich auf landwirtschaftliche Gedanken, und es fällt mir schwer aufs Herz, daß ich der glückliche Eigentümer von soundso viel Morgen Land, Wiesen und Wald, und – Mitarbeiter des Kamäleons bin. Ich kratze mich da, wo sich alle Weisen, Klugen und Gelehrten seit Erschaffung der Welt in schwierigen, bedenklichen Fällen kratzten – hinter dem Ohr. Sorgenvoll rauche ich meine Pfeife und bin endlich, wenn ich die Asche ausklopfe, zu der Ansicht gekommen, – daß Zeit Rat bringe, und daß es jetzt gottlob Winter sei. Nun fülle ich meine Pfeife von neuem und setze meine begonnenen Forschungen in den Mysterien des Hauses Bösenberg fort; ein Vergnügen, ebenfalls sehr verschieden von den Morgenbeschäftigungen meines früheren Lebens. Das Haus Bösenberg hat seine Katakomben wie Paris und Rom, aber sie sind gottlob nicht mit Sarkophagen der christlichen Märtyrer und Totengebeinen gefüllt, sondern mit gelb-, rot- und grün-gesiegelten Flaschen. Wir haben schon tiefe Studien gemacht: Mietze der Schauspieler und Spiritusfabrikant, Gundermann der Arzt wissen davon zu sagen, und öfter als einmal sind wir bereits mit sehr glänzenden Augen, jeder unter jedem Arm eine Flasche tragend, emporgestiegen aus der Unterwelt; der Schauspieler als erster Liebhaber dieser Blätter pathetisch seine tiefen Schmerzen bejammernd, der Doktor den merkwürdigen Verlauf einer chronischen Krankheit zum besten gebend. –

Was steckt alles in diesem Hause! Einem Antiquitätensammler würde das Herz dreimal schneller klopfen aus Entzücken darüber.

Da sind ausgestopfte Tiere in Glaskästen auf den riesigen mit Schnitzwerk ausgelegten Rokokoschränken, in deren schwer zu öffnenden Schiebladen und geheimen Fächern es wimmelt von vergessenen Seltsamkeiten aller Art. Habe ich doch ein Kästchen mit einer in Baumwolle gewickelten Münze gefunden, welche jeden Numismatiker aus freudigem Schreck in eine Ohnmacht hätte fallen machen können.

Ein echter Pescennius Niger! Ein Pescennius Niger mit dem Bild des Imperators auf der Vorderseite und der Inschrift: ΑΝΔΡΙΝΟΠ. ΚΑΙΣΑΡΑΙΩΝ ΜΗΤΡΟ. auf der Rückseite!

Da sind Ölgemälde, Pastellbilder – Landschaften, Blumenstücke, Porträts überall; in den Gängen und Gemächern bis hinauf in die höchsten Dachkammern. Da ist vor allem das Bibliothek- und Studierzimmer mit seinen gelehrten Schätzen und den vielen Manuskripten in der Handschrift des Oheims Albrecht. O Gott, wenn nur auch Luft zum Atmen da wäre.

Spinngewebe, Dunst und Moder, Staub- und Fliegenschmutz überall! In den Fensterbänken Hunderte von toten Fliegen; Wurmstaub unter jedem Stuhl, jedem Tisch; Schimmelbildungen auf jedem der Feuchtigkeit ausgesetzten Fleck!

Bei meinem Leben, es überläuft mich oft ein Gefühl, als nehme die Verwesung auch von mir bereits Besitz; unwillkürlich fahre ich dann über das Gesicht, um mich zu überzeugen, daß ich nicht grün ausschlage, unwillkürlich reiße ich das nächste Fenster auf, um frische Luft zu schnappen.

Was beginne ich, um die Gespenster, welche in allen Winkeln zu lauern scheinen, zu verjagen?

Manche Leute fragte ich um Rat. Der eine schlug dies vor, der andere das. Sidonie Fasterling zählte an den Fingern ein halb Dutzend niedlicher, zu verheiratender Finkenrodenerinnen her; – der Doktor Gundermann meinte: »um Gottes willen nicht – da würde der Teufel erst recht los sein«; ich schrieb an Weitenweber und erhielt folgende Antwort:

»Es ist so, und wird so bleiben; – wenn ein Zauberer an Altersschwäche, an einem zurückgetretenen Schnupfen oder an einem mächtigeren Kollegen aus der Welt der Lebendigen geschieden ist, dann bleiben seine Geräte, seine seltsamen Phiolen, seine Rollen und Folianten, seine gesammelten Knochen, seine Wünschelrute zurück, und die Trivialität, die Alltagswelt dringt mit der Sonne in die unheimliche Höhle des Toten. Anfangs gucken die Pygmäen mit einem geheimen Schauder umher; flüstern, wagen sich kaum zu rühren, bis sie merken, daß das Werkzeug des toten Meisters mit dem Tode desselben seine Kraft verloren habe. (Sie täuschen sich freilich oft genug!) Dann werden sie mutig, hüpfen umher, spotten des Begrabenen und schleppen all das seltsame Wesen, welches der Alte um sich gesammelt hat, hinaus in das nüchterne Tageslicht. Dann wird gefragt: »Was war dies? wozu diente das? wer kennt dies? wozu kann man jenes gebrauchen?« – Ja, fragt nur! Reibt Euch die Stirn, grinst, lacht und probiert, der Meister ist tot – die Wünschelrute ist tot. – Schließe Freundschaft mit Jakob dem Raben, Max Bösenberg, mein Sohn! Der schwarze Kerl weiß höchstwahrscheinlich mehr von dem Hause Deines Oheims als andere Leute. – Vale! Weitenweber.«

Am fünfzehnten Dezember kehrte ich zum zweiten Male in dem kleinen Häuschen vor dem Burgtore ein. Ich hatte die Erlaubnis dazu von einer alten, freundlichen Frau erhalten und ich benutzte sie. Es war gegen Abend – es war feucht und warm, leise tröpfelte es von den Dächern und den Zweigen der Bäume. Einige Augenblicke blieb ich in dem Lichtschein, welcher aus dem verhangenen Fenster auf den Gartenweg fiel, stehen, und ein unbeschreibliches Gefühl seligen Geborgenseins überkam mich in dieser Minute – verschwand aber blitzschnell, wie es gekommen war. Ich klopfte leise an die niedere Tür der beiden Frauen – ich trat ein. Das Schnurren eines Spinnrades brach ab.

»Ah, Herr Max? Seien Sie willkommen, – wie schade, daß die Cäcilie nicht zu Haus ist – sie wird höchstwahrscheinlich bei Fräulein Fasterling sitzen.«

Ich wollte die mir dargebotene Hand an die Lippen drücken; aber Frau Agnes Willbrand entzog sie mir schnell und sagte lächelnd: »Ach, das ist nicht Mode hier zu Finkenrode, kommen Sie, Herr Max, setzen Sie sich zu mir, neben mein Spinnrad, wenn Sie die Gesellschaft einer alten Frau nicht verschmähen.«

Wie gern kam ich diesen Worten nach. Zwanzig Jahre mit ihren Revolutionen und Schlachten waren über die Welt dahingezogen; Städte waren zerstört, Länder verwüstet; in diesem kleinen, engen Raum war alles geblieben, wie es war; nur mehr und mehr hatten sich die Bewohner auf diesem vergessenen Erdenfleck eingenistet. Da stand noch die braune glänzende Kommode von Nußbaumholz zwischen den beiden niedern Fenstern mit den schneeweißen Vorhängen, Die Binsenstühle waren dieselben geblieben, der runde Tisch mit der roten Decke war derselbe geblieben, der kleine Teppich auf dem Boden war derselbe geblieben. Da ist ein kleines, zierliches Hängebrett an der Wand, welches eine Sammlung von Schriften über Gartenkunst, Schillers Werke, einzelne Teile von Goethe, Gellerts Fabeln, mehrere Gesangbücher und eine große Bilderbibel aufbewahrt. Ihm gegenüber hängen drei Bilder: eine Lithographie, den Tod des Herzogs von Braunschweig bei Quatrebras darstellend; ein Kupferstich, die Sixtinische Madonna; und eine Zeichnung in schwarzer Tusche, eine Landschaft mit einer Kuh im Vordergrunde und einem eingestürzten Tempel im Hintergrund. Dies alles war schon vor zwanzig Jahren vorhanden, nur eins ist von jüngerem Datum, ein hübsches Fortepiano mit einem zierlich gestickten Drehsessel davor. Es ist aufgeschlagen, und ich lasse die Hand leise über die Tasten gleiten –

Cäcilie Willbrand!

Im Sommer sitzt man in diesem Stübchen fast wie in einer grünen Laube, denn da rankt sich mancherlei Grün um und in die Fenster: Jelängerjelieber, Wein und Efeu; und die freien Vögel draußen vermischen lustig ihren Gesang mit dem des kleinen Gefangenen, der jetzt in seinem einfachen Bauer in der Fensterbank schlafend auf der Stange sitzt. Jetzt ist es Winter, der Garten ist verschneit, die Ranken haben ihre Blätter fallen lassen; und die Kinder, die vor langen Jahren in diesem Stübchen spielten, sind längst erwachsen, und klug und vernünftig geworden. Max schreibt diese Blätter, Käthchen Manegold sitzt im fernen Wald in dem Försterhaus zum Himmelreich und singt ihrem Knäblein dieselben Lieder, die es selbst einst ergötzten und in den Schlaf lullten, und Cäcilie Willbrand – – –

»Da sind ihre Noten, Herr Max!« sagte die Frau Agnes. »Der alte Wallinger hat sie das Spiel gelehrt, der arme Mann. Er liebt sie mehr, als man ein Kind liebt, und sie ist die einzige, die ihn versteht.«

»Ich möchte wohl etwas Näheres über ihn wissen!« sagte ich.

»Sie verspotten und verlachen ihn alle; die Kinder laufen ihm in der Gasse nach – sie sagen, er suche die verwünschte Prinzessin; Cäcilie aber schüttelt das Haupt – sie wird traurig, wenn man sie darauf anredet. Sie darf niemandem wiedersagen, was er ihr anvertraut, sie hat es ihm versprochen, und sie hält ihr Wort, wenn er auch« –

Die Frau Agnes deutete auf die Stirn und seufzte. »Es war ein schmucker Bursch in seiner Jugend; Augen hatte er wie Feuer. Aber es gibt Leute, die gehen in die Einsamkeit, und viele verlieren sich in der Einsamkeit – das ist ein bös Ding, Herr Max!«

Das Spinnrad fing wieder an zu schnurren, und es trat eine Stille ein. Woran dachte Agnes Willbrand, weshalb senkte sie das Haupt tiefer und tiefer auf die Brust?

»Der große Kastanienbaum hinten im Garten an der Weißdornhecke, an welcher der Hurlebach vorbeifließt, steht auch noch aufrecht,« sagte ich nach einer Pause.

Die Frau Agnes nickte. »Und die Rasenbank und der steinerne Tisch sind auch noch da! Also Sie haben Ihren Spielplatz noch nicht vergessen?«

»Ich habe ihn wieder gefunden!« sagte ich leise.

Jetzt knarrte die Gartentür draußen, und die Frau Agnes sagte:

»Da ist Cäcilie.«

Lachende Stimmen ließen sich vernehmen.

»Sie ist nicht allein!«

»Das ist ja Käthchen Rösener aus dem Walde – ich kenne ihre Stimme – und Sidonie Fasterling ist auch dabei!« rief die Frau Agnes am Fenster. »Wie es wieder schneiet!«

Jetzt klang die Glocke der Haustür. – »Gerettet!« rief Fräulein Sidonie Fasterling, die blitzenden Flocken von den Kleidern schüttelnd:

»Sieh, Mama Agnes, hab' dir etwas mitgebracht! He, der Demokrat?! Mama Willbrand, was treibt der hier?«

Sie griff in die Locken und schleuderte mir eine Handvoll Tropfen zu:

»Hier, Käthchen, das ist der Vetter aus der Residenz – Lustspiel, nein – Posse in« –

»Aber Sidonie!« rief Cäcilie.

»Ich bitte um Entschuldigung, Herr Bösenberg!« sagte Sidonie mit einer wahren Leichenbittermiene und einer tiefen Verbeugung.

»Also das ist die Frau Försterin aus dem Himmelreich?« sagte ich lächelnd, und mein Händedruck wurde warm und herzlich erwidert.

»Konrad wird gleich nachkommen!« sagte das kleine, schüchterne Waldweibchen. »Er wird sich recht freuen, Sie wiederzusehen.«

»Nun schwatzt euch aus!« rief Sidonie. »Ich gehe mit der Mama in die Küche, um euch Tee zu kochen.«

»Ja, komm, Wilde,« sagte die Frau Agnes, »es wird das beste sein, daß ich dich mitnehme, du stiftest doch nur Unfrieden an.«

»Das sagt Papa auch,« seufzte Sidonie – »aber ich weiß es besser, und das tröstet mich. Es ist eine böse Welt, und die Gerechten müssen viel Not leiden!« – – –

Ich saß den beiden Jugendfreundinnen allein gegenüber. War es denn möglich, daß es da weit, weit in der Ferne jene große Stadt gab, und in dieser Stadt das dumpfige Loch, die Redaktion des Kamäleons, und den Doktor Theobul Weitenweber? Wo war ich die langen Jahre hindurch gewesen, während jene kleine Uhr ruhig forttickte und aus dem Kinde Cäcilie die schöne, schwarzhaarige Jungfrau mit der stillen, weißen, feinen Stirn wurde?

O Weitenweber, Weitenweber, das Ich ist es doch nicht allein, was die Welt bildet und bauet!

Armer Weitenweber! – – –

»Ja, das ist unser kleines Käthchen Manegold,« sagte Cäcilie, die liebevollen, dunkeln Augen auf die Freundin richtend. »Nicht wahr, Herr Bösenberg, sie ist recht groß geworden? Es ist ein niedliches Hausmütterchen!«

»Es ist so schön in unserm Walde,« sagte Käthchen, – »selbst im Winter!«

»Es heißt ja auch deshalb ›im Himmelreich‹ meinte ich.

»Nicht wahr, Käthchen, es hat etwas davon?« fragte Cäcilie.

Die kleine Waldfrau errötete leise. »Margareta wiegt den Kleinen, Robert schnitzt aus Holz seine Kunststücke, und die Hunde wachen – ich könnte hier ganz still sitzen; aber ich habe doch keine Ruhe« –

»Sorge nicht, Kind!«

»Am Sonntag nach Neujahr soll der Kleine getauft werden. Konrad meint, er wäre fast zu alt dazu geworden; aber das schadet nichts. Arnold Rohwold aus Rulingen will ihn taufen. Wir hatten so mancherlei in der Stadt zu schaffen, – da haben wir uns heute morgen ein Herz gefaßt und sind so schnell als möglich herübergekommen. Wo nur Konrad bleibt? Ah, ich glaube, da kommt er! Er ist noch bei dem Vater in der Schmiede geblieben. Der wird nie fertig mit Erzählen, wenn er ihn bei sich hat.«

Jemand schritt durch den Garten, und wir hörten, wie er vor der Tür den Schnee von sich abschüttelte.

»Ja, er ist es!« rief Cäcilie und sprang auf, zu öffnen.

Der Förster aus dem Himmelreiche trat ein – »Allerseits schönsten guten Abend – hurra, da ist der Landläufer, der Bösenberg – der verschollene Max!«

Wir schüttelten uns so kräftig als möglich die Hände.

»Er ist doch ein Brandfuchs geblieben – freut mich herzlich, dich wieder zu sehen, Konrad!«

Der Förster griff lachend in seine hochroten Haare und strich seinen hochroten Bart.

»Schon wieder Freundschaft mit meiner Frau geschlossen, he? alte Bekanntschaft, Käthchen, – gib mir 'nen Kuß, Kleine! Ach, Cäcilie, entschuldigen Sie – sehen Sie, welche Sündflut ich Ihnen in Ihr reines Stübchen mitbringe!«

»Bitte, bitte.«

»Aber wo steckt denn die Mutter Willbrand?«

»Gleich kommt sie, und der Tee mit!« rief Sidonie, den Lockenkopf in die Tür steckend. »Sieh da, Herr Hinterwäldler, wir hörten es schon an dem Spektakel, daß Sie gekommen seien! Was macht Werwolf und Bär, und Uhu und Kauz hinter den Bergen?«

»Lassen grüßen, 's ist nächstens eine große Elsterngesellschaft auf der Brauteiche, ich bringe eine Einladung für Fräulein Sidonie Fasterling mit.«

Sidonie lachte und drohte mit dem Finger. Das Prasseln und Krachen des Herdfeuers erschallte lustig aus der Küche; die Frau Agnes erschien mit dem Teebrett, neue Begrüßungen wurden gewechselt. Der Dompfaffe im Bauer wachte auf und pfiff einige lustige Noten in das Getümmel, es dauerte eine geraume Zeit, ehe jeder wieder auf seinem Platze saß. –

Als der Nachtwächter die elfte Stunde abrief, war ich zum Paten des kleinen Weltbürgers im Himmelreich erwählt, und Fräulein Cäcilie Willbrand war zu meiner Gevatterin auserkoren. Käthchen Rösener aber jubelte:

»O, wie freue ich mich! Ihr kommt alle, alle zu uns! der Winterwald soll euch schon gefallen!«

Endlich mußten wir uns trennen. Ich begleitete den Förster und sein Weibchen bis zu der Tür des Hauptmanns Fasterling, bei welchem sie ihr Nachtquartier aufgeschlagen hatten, da in der Schmiede nicht Raum genug war. Sidonie schritt lachend und schwatzend neben mir; und hinter uns her, in einer Entfernung von zwanzig Schritten, schlich uns durch die Schneenacht ein dunkler Schatten nach, nach welchem ich unwillkürlich von Zeit zu Zelt über die Schulter zurückschaute. Als ich fünf Minuten später nach einem fröhlichen »Gute Nacht!« meinen Weg nach Hause allein suchen wollte, fand ich denselben Schatten an der nächsten Ecke wartend.

»Herr Alexander Mietze?!«

Ein tiefer Seufzer ließ sich vernehmen –

»Derselbe!«

Ich brach in ein helles Gelächter aus. »O, du schüchternster aller ersten Liebhaber! Wie haben sich die Zeiten geändert, Alexander! Wie bist du gesunken, Spiritusfabrikant!«

Der Schauspieler faßte mit tragischer Gewalt meinen Arm. »Lache nicht, Max! Es hilft leider nichts, das Lachen; ich hab's mehr als einmal versucht – o Sidonie!« –

Eine Baßstimme brach hier in die Seufzer und Klagelaute des Mimen:

»Wer bist du, der du in der tiefen Nacht
Miauzest katerhaft; die Ruhe störend
Des müden Bürgers und der Bürgerin,
Daß sie voll Ärger an die Fenster fahren,
Der Jammerlaute Ursach zu erspähn,
Und ihre Meinung schnell darob zu sagen, –
Bist du es, Mietze?« –

Schnell fuhr ich fort: –

                                      »Ja, er ist's, er ist's!
Der Unglückselge! Seine weiße Weste
Deckt ein zerrissen, blutend, bratend Herz;
Cupido schürt die Flammen –

und ich, ich führe das Protokoll bei diesem peinlichen Gerichte – guten Abend, Gundermann!«

»Wahrhaftig, da stehen wir wieder einmal wie drei Studenten, die einen ›Ulk‹ ausfressen wollen!« rief lustig der Doktor, welcher leise herangekommen war, ohne daß wir im tiefen Schnee seine Schritte gehört hatten. »Gaudeamus igitur« –

»Du solltest auch eigentlich bei deiner Frau daheim sitzen, Gundermann!« sagte der Schauspieler mit einem so wehmütigen Ernst der Stimme, daß unsere Heiterkeit ihren Gipfelpunkt erreichte.

»Das nenn' ich noch Grundsätze!« lachte der Doktor.

»Und aus solchem Munde! Oh! oh! oh!« brachte ich mühsam hervor.

»Alexander, du bist ein großer Charakter!« rief der Arzt pathetisch. »Soll ich Bösenberg die Geschichte von vorgestern erzählen?«

»Gundermann?!«

»Heraus damit, Medikus! Alexander, das Lachen schadet der wahren Liebe nichts! Sidonie Fasterling ist derselben Meinung.«

Mietze seufzte. – »Hier gebe ich meine Geschichte aber nicht zum besten!« rief der Doktor. »Es fängt wieder an zu schneien! Das wird ein lustiger Winter. Was meint ihr, Leute, sollen wir uns noch einmal als Bursche aufspielen, sollen wir noch einmal das Rauhe nach außen kehren?«

»Es ist eine angebrochene Nacht – Mietze soll uns einen Punsch brauen – das alte Rezept! – Dann wollen wir die Geschichte von vorgestern hören – hurra! ich habe einen Hausschlüssel, wer noch?«

»Meine Frau weiß, daß ich über Land geritten bin! Mietze, mein Söhnlein, was starrst du nach dem Himmel? Der Mond scheint, gottlob, nicht, und die Sterne haben sich verkrochen. Faß ihn unter den Arm, Bösenberg.«

»Ihr seid beide toll!« rief der Schauspieler – »und bei Titanias Zaubermacht, ich habe Lust, es ebenfalls zu werden – kommt denn her; Feuer und Flamme, Gedanken und Rheinwein wollen wir zusammenquirlen, und Mercutio soll kommen und seine Meinung sagen! – Kommt! kommt! kommt! Ich will den Mercutio spielen und Bösenberg den Romeo; – Gundermann aber soll sitzen und zuhören, und pfeifen oder klatschen nach Belieben. – Kommt!«

Wir wateten der Wohnung des Schauspielers zu: der Doktor voran, der Spiritusfabrikant in den Fußstapfen Gundermanns, ich in den Fußstapfen des Spiritusfabrikanten. Der Vernünftigste marschirte jedenfalls als der letzte.

 
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