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Gutenberg > Friedrich Schiller >

Die Jungfrau von Orleans. Eine romantische Tragödie

Friedrich Schiller: Die Jungfrau von Orleans. Eine romantische Tragödie - Kapitel 5
Quellenangabe
typetragedy
authorSchiller, Friedrich
booktitleSämtliche Werke. Zweiter Band
titleDie Jungfrau von Orleans. Eine romantische Tragödie
year1981
pages687-812
isbnn/a
senderclaus.horn@microtool.de
publisherCarl Hanser Verlag (Lizenzausgabe für die Wissenschaftliche Buchgesellschaft)
editorFricke, Gerhard; Göpfert, Herbert G.
firstpub1801
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Dritter Aufzug

Hoflager des Königs zu Chalons an der Marne

Erster Auftritt

Dunois und La Hire

Dunois. Wir waren Herzensfreunde, Waffenbrüder,
Für eine Sache hoben wir den Arm
Und hielten fest in Not und Tod zusammen.
Laßt Weiberliebe nicht das Band zertrennen,
Das jeden Schicksalswechsel ausgehalten.

La Hire. Prinz, hört mich an!

Dunois. Ihr liebt das wunderbare Mädchen,
Und mir ist wohl bekannt, worauf Ihr sinnt.
Zum König denkt Ihr stehnden Fußes jetzt
Zu gehen, und die Jungfrau zum Geschenk
Euch zu erbitten- Eurer Tapferkeit
Kann er den wohlverdienten Preis nicht weigern.
Doch wißt – eh ich in eines andern Arm
Sie sehe –

La Hire. Hört mich, Prinz!

Dunois. Es zieht mich nicht
Der Augen flüchtig schnelle Lust zu ihr.
Den unbezwungnen Sinn hat nie ein Weib
Gerührt, bis ich die Wunderbare sah,
Die eines Gottes Schickung diesem Reich
Zur Retterin bestimmt und mir zum Weibe,
Und in dem Augenblick gelobt ich mir
Mit heilgem Schwur als Braut sie heimzuführen.
Denn nur die Starke kann die Freundin sein
Des starken Mannes, und dies glühnde Herz
Sehnt sich an einer gleichen Brust zu ruhn,
Die seine Kraft kann fassen und ertragen.

La Hire. Wie könnt ichs wagen, Prinz, mein schwach Verdienst
Mit Eures Namens Heldenruhm zu messen!
Wo sich Graf Dunois in die Schranken stellt,
Muß jeder andre Mitbewerber weichen.
Doch eine niedre Schäferin kann nicht
Als Gattin würdig Euch zur Seite stehn,
Das königliche Blut, das Eure Adern
Durchrinnt, verschmäht so niedrige Vermischung.

Dunois. Sie ist das Götterkind der heiligen
Natur, wie ich, und ist mir ebenbürtig.
Sie sollte eines Fürsten Hand entehren,
Die eine Braut der reinen Engel ist,
Die sich das Haupt mit einem Götterschein
Umgibt, der heller strahlt als irdsche Kronen,
Die jedes Größte, Höchste dieser Erden
Klein unter ihren Füßen liegen sieht;
Denn alle Fürstenthronen aufeinander
Gestellt, bis zu den Sternen fortgebaut,
Erreichten nicht die Höhe, wo sie steht,
In ihrer Engelsmajestät!

La Hire. Der König mag entscheiden.

Dunois. Nein, sie selbst
Entscheide! Sie hat Frankreich frei gemacht
Und selber frei muß sie ihr Herz verschenken.

La Hire. Da kommt der König!

Zweiter Auftritt

Karl. Agnes Sorel. Du Chatel, der Erzbischof und Chatillon zu den Vorigen

Karl (zu Chatillon). Er kommt! Er will als seinen König mich
Erkennen, sagt Ihr, und mir huldigen?

Chatillon. Hier, Sire, in deiner königlichen Stadt
Chalons will sich der Herzog, mein Gebieter,
Zu deinen Füßen werfen. – Mir befahl er,
Als meinen Herrn und König dich zu grüßen,
Er folgt mir auf dem Fuß, gleich naht er selbst.

Sorel. Er kommt! O schöne Sonne dieses Tags,
Der Freude bringt und Frieden und Versöhnung!

Chatillon. Mein Herr wird kommen mit zweihundert Rittern,
Er wird zu deinen Füßen niederknien,
Doch er erwartet, daß du es nicht duldest,
Als deinen Vetter freundlich ihn umarmest.

Karl. Mein Herz glüht, an dem seinigen zu schlagen.

Chatillon. Der Herzog bittet, daß des alten Streits
Beim ersten Wiedersehn mit keinem Worte Meldung gescheh!

Karl. Versenkt im Lethe sei
Auf ewig das Vergangene. Wir wollen
Nur in der Zukunft heitre Tage sehn.

Chatillon. Die für Burgund gefochten, alle sollen
In die Versöhnung aufgenommen sein.

Karl. Ich werde so mein Königreich verdoppeln!

Chatillon. Die Königin Isabeau soll in dem Frieden
Mit eingeschlossen sein, wenn sie ihn annimmt.

Karl. Sie führet Krieg mit mir, nicht ich mit ihr.
Unser Streit ist aus, sobald sie selbst ihn endigt.

Chatillon. Zwölf Ritter sollen bürgen für dein Wort.

Karl. Mein Wort ist heilig.

Chatillon. Und der Erzbischof
Soll eine Hostie teilen zwischen dir und ihm,
Zum Pfand und Siegel redlicher Versöhnung.

Karl. So sei mein Anteil an dem ewgen Heil,
Als Herz und Handschlag bei mir einig sind.
Welch andres Pfand verlangt der Herzog noch?

Chatillon (mit einem Blick auf Du Chatel).
Hier seh ich einen, dessen Gegenwart
Den ersten Gruß vergiften könnte.

(Du Chatel geht schweigend)

Karl. Geh,
Du Chatel! Bis der Herzog deinen Anblick
Ertragen kann, magst du verborgen bleiben!
(Er folgt ihm mit den Augen, dann eilt er ihm nach und umarmt ihn)
Rechtschaffner Freund! Du wolltest mehr als dies
Für meine Ruhe tun!

(Du Chatel geht ab)

Chatillon. Die andern Punkte nennt dies Instrument.

Karl (zum Erzbischof). Bringt es in Ordnung. Wir genehmgen alles,
Für einen Freund ist uns kein Preis zu hoch.
Geht, Dunois! Nehmt hundert edle Ritter
Mit Euch und holt den Herzog freundlich ein.
Die Truppen alle sollen sich mit Zweigen
Bekränzen, ihre Brüder zu empfangen.
Zum Feste schmücke sich die ganze Stadt,
Und alle Glocken sollen es verkünden,
Daß Frankreich und Burgund sich neu verbünden.
(Ein Edelknecht kommt. Man hört Trompeten)
Horch! Was bedeutet der Trompeten Ruf?

Edelknecht. Der Herzog von Burgund hält seinen Einzug. (Geht ab)

Dunois (geht mit La Hire und Chatillon). Auf! Ihm entgegen!

Karl (zur Sorel). Agnes, du weinst? Beinah gebricht auch mir
Die Stärke, diesen Auftritt zu ertragen.
Wie viele Todesopfer mußten fallen,
Bis wir uns friedlich konnten wiedersehen.
Doch endlich legt sich jedes Sturmes Wut,
Tag wird es auf die dickste Nacht, und kommt
Die Zeit, so reifen auch die spätsten Früchte!

Erzbischof (am Fenster).
Der Herzog kann sich des Gedränges kaum
Erledigen. Sie heben ihn vom Pferd,
Sie küssen seinen Mantel, seine Sporen.

Karl. Es ist ein gutes Volk, in seiner Liebe
Raschlodernd wie in seinem Zorn. – Wie schnell
Vergessen ists, daß eben dieser Herzog
Die Väter ihnen und die Söhne schlug,
Der Augenblick verschlingt ein ganzes Leben!
– Faß dich, Sorel! Auch deine heftge Freude
Möcht ihm ein Stachel in die Seele sein,
Nichts soll ihn hier beschämen, noch betrüben.

Dritter Auftritt

Die Vorigen. Herzog von Burgund. Dunois. La Hire. Chatillon und noch zwei andere Ritter von des Herzogs Gefolge. Der Herzog bleibt am Eingang stehen, der König bewegt sich gegen ihn, sogleich nähert sich Burgund und in dem Augenblick, wo er sich auf ein Knie will niederlassen, empfängt ihn der König in seinen Armen

Karl. Ihr habt uns überrascht – Euch einzuholen
Gedachten wir – Doch Ihr habt schnelle Pferde.

Burgund. Sie trugen mich zu meiner Pflicht.
(Er umarmt die Sorel und küßt sie auf die Stirne)
Mit Eurer Erlaubnis,
Base. Das ist unser Herrenrecht
Zu Arras und kein schönes Weib darf sich
Der Sitte weigern.

Karl. Eure Hofstatt ist
Der Sitz der Minne, sagt man, und der Markt,
Wo alles Schöne muß den Stapel halten.

Burgund. Wir sind ein handeltreibend Volk, mein König.
Was köstlich wächst in allen Himmelstrichen,
Wird ausgestellt zur Schau und zum Genuß
Auf unserm Markt zu Brügg, das höchste aber
Von allen Gütern ist der Frauen Schönheit.

Sorel. Der Frauen Treue gilt noch höhern Preis,
Doch auf dem Markte wird sie nicht gesehn.

Karl. Ihr steht in bösem Ruf und Leumund, Vetter,
Daß Ihr der Frauen schönste Tugend schmäht.

Burgund. Die Ketzerei straft sich am schwersten selbst.
Wohl Euch, mein König! Früh hat Euch das Herz,
Was mich ein wildes Leben spät, gelehrt!
(Er bemerkt den Erzbischof und reicht ihm die Hand)
Ehrwürdger Mann Gottes! Euren Segen!
Euch trifft man immer auf dem rechten Platz,
Wer Euch will finden, muß im Guten wandeln.

Erzbischof. Mein Meister rufe, wenn er will, dies Herz
Ist freudensatt und ich kann fröhlich scheiden,
Da meine Augen diesen Tag gesehn!

Burgund (zur Sorel). Man spricht, Ihr habt Euch Eurer edeln Steine
Beraubt, um Waffen gegen mich daraus
Zu schmieden? Wie? Seid Ihr so kriegerisch
Gesinnt? Wars Euch so ernst mich zu verderben,
Doch unser Streit ist nun vorbei, es findet
Sich alles wieder, was verloren war,
Auch Euer Schmuck hat sich zurückgefunden,
Zum Kriege wider mich war er bestimmt,
Nehmt ihn aus meiner Hand zum Friedenszeichen.

(Er empfängt von einem seiner Begleiter das Schmuckkästchen und überreicht es ihr geöffnet. Agnes Sorel sieht den König betroffen an)

Karl. Nimm das Geschenk, es ist ein zweifach teures Pfand
Der schönen Liebe mir und der Versöhnung.

Burgund (indem er eine brillantne Rose in ihre Haare steckt).
Warum ist es nicht Frankreichs Königskrone?
Ich würde sie mit gleich geneigtem Herzen
Auf diesem schönen Haupt befestigen.
(Ihre Hand bedeutend fassend)
Und – zählt auf mich, wenn Ihr dereinst des Freundes
Bedürfen solltet!

(Agnes Sorel in Tränen ausbrechend tritt auf die Seite, auch der König bekämpft eine große Bewegung, alle Umstehende blicken gerührt auf beide Fürsten)

Burgund (nachdem er alle der Reihe nach angesehen, wirft er sich in die Arme des Königs).
O mein König!

(In demselben Augenblick eilen die drei burgundischen Ritter auf Dunois, La Hire und den Erzbischof zu und umarmen einander. Beide Fürsten liegen eine Zeitlang einander sprachlos in den Armen)

Euch konnt ich hassen! Euch konnt ich entsagen!

Karl. Still! Still! Nicht weiter!

Burgund. Diesen Engelländer
Konnt ich krönen! Diesem Fremdling Treue schwören!
Euch meinen König ins Verderben stürzen!

Karl. Vergeßt es! Alles ist verziehen. Alles
Tilgt dieser einzge Augenblick. Es war
Ein Schicksal, ein unglückliches Gestirn!

Burgund (faßt seine Hand).
Ich will gutmachen! Glaubet mir, ich wills.
Alle Leiden sollen Euch erstattet werden,
Euer ganzes Königreich sollt Ihr zurück
Empfangen – nicht ein Dorf soll daran fehlen!

Karl. Wir sind vereint. Ich fürchte keinen Feind mehr.

Burgund. Glaubt mir, ich führte nicht mit frohem Herzen
Die Waffen wider Euch. O wüßtet Ihr –
Warum habt Ihr mir diese nicht geschickt?
(Auf die Sorel zeigend) Nicht widerstanden hätt ich ihren Tränen!
– Nun soll uns keine Macht der Hölle mehr
Entzweien, da wir Brust an Brust geschlossen!
Jetzt hab ich meinen wahren Ort gefunden,
An diesem Herzen endet meine Irrfahrt.

Erzbischof (tritt zwischen beide).
Ihr seid vereinigt, Fürsten! Frankreich steigt
Ein neu verjüngter Phönix aus der Asche,
Uns lächelt eine schöne Zukunft an.
Des Landes tiefe Wunden werden heilen,
Die Dörfer, die verwüsteten, die Städte
Aus ihrem Schutt sich prangender erheben,
Die Felder decken sich mit neuem Grün
Doch, die das Opfer eures Zwists gefallen,
Die Toten stehen nicht mehr auf, die Tränen,
Die eurem Streit geflossen, sind und bleiben
Geweint! Das kommende Geschlecht wird blühen,
Doch das vergangne war des Elends Raub,
Der Enkel Glück erweckt nicht mehr die Väter.
Das sind die Früchte eures Bruderzwists!
Laßts euch zur Lehre dienen! Fürchtet die Gottheit
Des Schwerts, eh ihrs der Scheid entreißt. Loslassen
Kann der Gewaltige den Krieg, doch nicht
Gelehrig wie der Falk sich aus den Lüften
Zurückschwingt auf des Jägers Hand, gehorcht
Der wilde Gott dem Ruf der Menschenstimme.
Nicht zweimal kommt im rechten Augenblick
Wie heut die Hand des Retters aus den Wolken.

Burgund. O Sire! Euch wohnt ein Engel an der Seite.
– Wo ist sie? Warum seh ich sie nicht hier?

Karl. Wo ist Johanna? Warum fehlt sie uns
In diesem festlich schönen Augenblick,
Den sie uns schenkte?

Erzbischof. Sire! Das heilge Mädchen
Liebt nicht die Ruhe eines müßgen Hofs,
Und ruft sie nicht der göttliche Befehl
Ans Licht der Welt hervor, so meidet sie
Verschämt den eitlen Blick gemeiner Augen!
Gewiß bespricht sie sich mit Gott, wenn sie
Für Frankreichs Wohlfahrt nicht geschäftig ist,
Denn allen ihren Schritten folgt der Segen.

Vierter Auftritt

Johanna zu den Vorigen. Sie ist im Harnisch, aber ohne Helm, und trägt einen Kranz in den Haaren

Karl Du kommst als Priesterin geschmückt, Johanna,
Den Bund, den du gestiftet, einzuweihn?

Burgund. Wie schrecklich war die Jungfrau in der Schlacht,
Und wie umstrahlt mit Anmut sie der Friede!
– Hab ich mein Wort gelöst, Johanna? Bist du
Befriedigt und verdien ich deinen Beifall?

Johanna. Dir selbst hast du die größte Gunst erzeigt.
Jetzt schimmerst du in segenvollem Licht,
Da du vorhin in blutrotdüsterm Schein
Ein Schreckensmond an diesem Himmel hingst.
(Sich umschauend)
Viel edle Ritter find ich hier versammelt
Und alle Augen glänzen freudenhell,
Nur einem Traurigen hab ich begegnet,
Der sich verbergen muß, wo alles jauchzt.

Burgund. Und wer ist sich so schwerer Schuld bewußt,
Daß er an unsrer Huld verzweifeln müßte,

Johanna. Darf er sich nahn? O sage, daß ers darf?
Mach dein Verdienst vollkommen. Eine Versöhnung
Ist keine, die das Herz nicht ganz befreit.
Ein Tropfe Haß, der in dem Freudenbecher
Zurückbleibt, macht den Segenstrank zum Gift.
– Kein Unrecht sei so blutig, daß Burgund
An diesem Freudentag es nicht vergebe!

Burgund. Ha, ich verstehe dich!

Johanna. Und willst verzeihn?
Du willst es, Herzog? – Komm herein, Du Chatel!
(Sie öffnet die Tür und führt Du Chatel herein, dieser bleibt in der Entfernung stehen)
Der Herzog ist mit seinen Feinden allen
Versöhnt, er ist es auch mit dir.

(Du Chatel tritt einige Schritte näher und sucht in den Augen des Herzogs zu lesen)

Burgund. Was machst du
Aus mir, Johanna? Weißt du, was du foderst?

Johanna. Ein gütger Herr tut seine Pforten auf
Für alle Gäste, keinen schließt er aus;
Frei wie das Firmament die Welt umspannt,
So muß die Gnade Freund und Feind umschließen.
Es schickt die Sonne ihre Strahlen gleich
Nach allen Räumen der Unendlichkeit,
Gleichmessend gießt der Himmel seinen Tau
Auf alle durstenden Gewächse aus.
Was irgend gut ist und von oben kommt,
Ist allgemein und ohne Vorbehalt,
Doch in den Falten wohnt die Finsternis!

Burgund. O sie kann mit mir schalten wie sie will,
Mein Herz ist weiches Wachs in ihrer Hand.
– Umarmt mich, Du Chatel; ich vergeb Euch.
Geist meines Vaters, zürne nicht, wenn ich
Die Hand, die dich getötet, freundlich fasse.
Ihr Todesgötter, rechnet mirs nicht zu,
Daß ich mein schrecklich Rachgelübde breche.
Bei euch dort unten in der ewgen Nacht,
Da schlägt kein Herz mehr, da ist alles ewig,
Steht alles unbeweglich fest- doch anders
Ist es hier oben in der Sonne Licht.
Der Mensch ist, der lebendig fühlende,
Der leichte Raub des mächtgen Augenblicks.

Karl (zu Johanna). Was dank ich dir nicht alles, hohe Jungfrau!
Wie schön hast du dein Wort gelöst!
Wie schnell mein ganzes Schicksal umgewandelt!
Die Freunde hast du mir versöhnt, die Feinde
Mir in den Staub gestürzt, und meine Städte
Dem fremden Joch entrissen – Du allein
Vollbrachtest alles. – Sprich, wie lohn ich dir!

Johanna. Sei immer menschlich, Herr, im Glück, wie dus
Im Unglück warst – und auf der Größe Gipfel
Vergiß nicht, was ein Freund wiegt in der Not,
Du hasts in der Erniedrigung erfahren.
Verweigre nicht Gerechtigkeit und Gnade
Dem letzten deines Volks, denn von der Herde
Berief dir Gott die Retterin – du wirst
Ganz Frankreich sammeln unter deinen Szepter,
Der Ahn, und Stammherr großer Fürsten sein,
Die nach dir kommen, werden heller leuchten,
Als die dir auf dem Thron vorangegangen.
Dein Stamm wird blühn, solang er sich die Liebe
Bewahrt im Herzen seines Volks,
Der Hochmut nur kann ihn zum Falle fahren,
Und von den niedern Hütten, wo dir jetzt
Der Retter ausging, droht geheimnisvoll
Den schuldgefleckten Enkeln das Verderben!

Burgund. Erleuchtet Mädchen, das der Geist beseelt,
Wenn deine Augen in die Zukunft dringen,
So sprich mir auch von meinem Stamm! Wird er
Sich herrlich breiten wie er angefangen?

Johanna. Burgund! Hoch bis zu Throneshöhe hast
Du deinen Stuhl gesetzt, und höher strebt
Das stolze Herz, es hebt bis in die Wolken
Den kühnen Bau. – Doch eine Hand von oben
Wird seinem Wachstum schleunig Halt gebieten.
Doch fürchte drum nicht deines Hauses Fall!
In einer Jungfrau lebt es glänzend fort,
Und zeptertragende Monarchen, Hirten
Der Völker werden ihrem Schoß entblühn.
Sie werden herrschen auf zwei großen Thronen,
Gesetze schreiben der bekannten Welt
Und einer neuen, welche Gottes Hand
Noch zudeckt hinter unbeschifften Meeren.

Karl. O sprich, wenn es der Geist dir offenbaret,
Wird dieses Freundesbündnis, das wir jetzt
Erneut, auch noch die späten Enkelsöhne
Vereinigen?

Johanna (nach einem Stillschweigen).
Ihr Könige und Herrscher!
Fürchtet die Zwietracht! Wecket nicht den Streit
Aus seiner Höhle, wo er schläft, denn einmal
Erwacht bezähmt er spät sich wieder! Enkel
Erzeugt er sich, ein eisernes Geschlecht,
Fortzündet an dem Brande sich der Brand.
– Verlangt nicht mehr zu wissen! Freuet euch
Der Gegenwart, laßt mich die Zukunft still
Bedecken!

Sorel. Heilig Mädchen, du erforschest
Mein Herz, du weißt, ob es nach Größe eitel strebt.
Auch mir gib ein erfreuliches Orakel.

Johanna. Mir zeigt der Geist nur große Weltgeschicke,
Dein Schicksal ruht in deiner eignen Brust!

Dunois. Was aber wird dein eigen Schicksal sein,
Erhabnes Mädchen, das der Himmel liebt!
Dir blüht gewiß das schönste Glück der Erden,
Da du so fromm und heilig bist.

Johanna. Das Glück
Wohnt droben in dem Schoß des ewgen Vaters.

Karl. Dein Glück sei fortan deines Königs Sorge!
Denn deinen Namen will ich herrlich machen
In Frankreich, selig preisen sollen dich
Die spätesten Geschlechter – und gleich jetzt
Erfüll ich es. – Knie nieder!
(Er zieht das Schwert und berührt sie mit demselben)
Und steh auf Als eine Edle! Ich erhebe dich,
Dein König, aus dem Staube deiner dunkeln
Geburt – Im Grabe adl ich deine Väter –
Du sollst die Lilie im Wappen tragen,
Den Besten sollst du ebenbürtig sein
In Frankreich, nur das königliche Blut
Von Valois sei edler als das deine!
Der Größte meiner Großen fühle sich
Durch deine Hand geehrt, mein sei die Sorge,
Dich einem edeln Gatten zu vermählen.

Dunois (tritt vor). Mein Herz erkor sie, da sie niedrig war,
Die neue Ehre, die ihr Haupt umglänzt,
Erhöht nicht ihr Verdienst, noch meine Liebe.
Hier in dem Angesichte meines Königs
Und dieses heilgen Bischofs reich ich ihr
Die Hand als meiner fürstlichen Gemahlin,
Wenn sie mich würdig hält, sie zu empfangen.

Karl. Unwiderstehlich Mädchen, du häufst Wunder
Auf Wunder! Ja, nun glaub ich, daß dir nichts
Unmöglich ist. Du hast dies stolze Herz
Bezwungen, das der Liebe Allgewalt
Hohn sprach bis jetzt.

La Hire (tritt vor). Johannas schönster Schmuck,
Kenn ich sie recht, ist ihr bescheidnes Herz.
Der Huldigung des Größten ist sie wert,
Doch nie wird sie den Wunsch so hoch erheben.
Sie strebt nicht schwindelnd irdscher Hoheit nach,
Die treue Neigung eines redlichen
Gemüts genügt ihr, und das stille Los,
Das ich mit dieser Hand ihr anerbiete.

Karl. Auch du, La Hire? Zwei treffliche Bewerber
An Heldentugend gleich und Kriegesruhm!
– Willst du, die meine Feinde mir versöhnt,
Mein Reich vereinigt, mir die liebsten Freunde
Entzwein? Es kann sie einer nur besitzen,
Und jeden acht ich solches Preises wert.
So rede du, dein Herz muß hier entscheiden.

Sorel (tritt näher). Die edle Jungfrau seh ich überrascht
Und ihre Wangen färbt die züchtge Scham.
Man geb ihr Zeit, ihr Herz zu fragen, sich
Der Freundin zu vertrauen und das Siegel
Zu lösen von der fest verschloßnen Brust.
Jetzt ist der Augenblick gekommen, wo
Auch ich der strengen Jungfrau schwesterlich
Mich nahen, ihr den treu verschwiegnen Busen
Darbieten darf – Man laß uns weiblich erst
Das Weibliche bedenken und erwarte,
Was wir beschließen werden.

Karl (im Begriff zu gehen). Also seis!

Johanna. Nicht also, Sire! Was meine Wangen färbte,
War die Verwirrung nicht der blöden Scham.
Ich habe dieser edeln Frau nichts zu vertraun,
Dess' ich vor Männern mich zu schämen hätte.
Hoch ehrt mich dieser edeln Ritter Wahl.
Doch nicht verließ ich meine Schäfertrift,
Um weltlich eitle Hoheit zu erlagen,
Noch mir den Brautkranz in das Haar zu flechten,
Legt ich die ehrne Waffenrüstung an.
Berufen bin ich zu ganz anderm Werk,
Die reine Jungfrau nur kann es vollenden.
Ich bin die Kriegerin des höchsten Gottes,
Und keinem Manne kann ich Gattin sein.

Erzbischof. Dem Mann zur liebenden Gefährtin ist
Das Weib geboren – wenn sie der Natur
Gehorcht, dient sie am würdigsten dem Himmel!
Und hast du dem Befehle deines Gottes,
Der in das Feld dich rief, genuggetan,
So wirst du deine Waffen von dir legen,
Und wiederkehren zu dem sanfteren
Geschlecht, das du verleugnet hast, das nicht
Berufen ist zum blutgen Werk der Waffen.

Johanna. Ehrwürdger Herr, ich weiß noch nicht zu sagen,
Was mir der Geist gebieten wird zu tun;
Doch wenn die Zeit kommt, wird mir seine Stimme
Nicht schweigen, und gehorchen werd ich ihr.
Jetzt aber heißt er mich mein Werk vollenden,
Die Stirne meines Herren ist noch nicht
Gekrönt, das heilge Öl hat seine Scheitel
Noch nicht benetzt, noch heißt mein Herr nicht König.

Karl. Wir sind begriffen auf dem Weg nach Reims.

Johanna. Laß uns nicht still stehn, denn geschäftig sind
Die Feinde rings, den Weg dir zu verschließen.
Doch mitten durch sie alle führ ich dich!

Dunois. Wenn aber alles wird vollendet sein,
Wenn wir zu Reims nun siegend eingezogen,
Wirst du mir dann vergönnen, heilig Mädchen –

Johanna. Will es der Himmel, daß ich sieggekrönt
Aus diesem Kampf des Todes wiederkehre,
So ist mein Werk vollendet – und die Hirtin
Hat kein Geschäft mehr in des Königs Hause.

Karl (ihre Hand fassend).
Dich treibt des Geistes Stimme jetzt, es schweigt
Die Liebe in dem gotterfüllten Busen.
Sie wird nicht immer schweigen, glaube mir!
Die Waffen werden ruhn, es führt der Sieg
Den Frieden an der Hand, dann kehrt die Freude
In jeden Busen ein, und sanftere
Gefühle wachen auf in allen Herzen –
Sie werden auch in deiner Brust erwachen,
Und Tränen süßer Sehnsucht wirst du weinen,
Wie sie dein Auge nie vergoß – dies Herz,
Das jetzt der Himmel ganz erfüllt, wird sich
Zu einem irdschen Freunde liebend wenden –
Jetzt hast du rettend Tausende beglückt,
Und einen zu beglücken wirst du enden!

Johanna. Dauphin! Bist du der göttlichen Erscheinung
Schon müde, daß du ihr Gefäß zerstören,
Die reine Jungfrau, die dir Gott gesendet,
Herab willst ziehn in den gemeinen Staub,
Ihr blinden Herzen! Ihr Kleingläubigen!
Des Himmels Herrlichkeit umleuchtet euch,
Vor eurem Aug enthüllt er seine Wunder,
Und ihr erblickt in mir nichts als ein Weib.
Darf sich ein Weib mit kriegerischem Erz
Umgeben, in die Männerschlacht sich mischen?
Weh mir, wenn ich das Rachschwert meines Gottes
In Händen führte, und im eiteln Herzen
Die Neigung trüge zu dem irdschen Mann!
Mir wäre besser, ich wär nie geboren!
Kein solches Wort mehr, sag ich euch, wenn ihr
Den Geist in mir nicht zürnend wollt entrüsten!
Der Männer Auge schon, das mich begehrt,
Ist mir ein Grauen und Entheiligung.

Karl. Brecht ab. Es ist umsonst sie zu bewegen.

Johanna. Befiehl, daß man die Kriegstrommete blase!
Mich preßt und ängstigt diese Waffenstille,
Es jagt mich auf aus dieser müßgen Ruh,
Und treibt mich fort, daß ich mein Werk erfülle,
Gebietrisch mahnend meinem Schicksal zu.

Fünfter Auftritt

Ein Ritter eilfertig

Karl. Was ists?

Ritter. Der Feind ist über die Marne gegangen,
Und stellt sein Heer zum Treffen.

Johanna (begeistert). Schlacht und Kampf!
Jetzt ist die Seele ihrer Banden frei.
Bewaffnet euch, ich ordn indes die Scharen. (Sie eilt hinaus)

Karl. Folgt ihr, La Hire – Sie wollen uns am Tore
Von Reims noch um die Krone kämpfen lassen!

Dunois. Sie treibt nicht wahrer Mut. Es ist der letzte
Versuch ohnmächtig wütender Verzweiflung.

Karl. Burgund, Euch sporn ich nicht. Heut ist der Tag,
Um viele böse Tage zu vergüten.

Burgund. Ihr sollt mit mir zufrieden sein.

Karl. Ich selbst
Will Euch vorangehn auf dem Weg des Ruhms,
Und in dem Angesicht der Krönungsstadt
Die Krone mir erfechten. – Meine Agnes!
Dein Ritter sagt dir Lebewohl!

Agnes (umarmt ihn). Ich weine nicht, ich zittre nicht für dich,
Mein Glaube greift vertrauend in die Wolken!
So viele Pfänder seiner Gnade gab
Der Himmel nicht, daß wir am Ende trauern!
Vom Sieg gekrönt umarm ich meinen Herrn,
Mir sagts das Herz, in Reims' bezwungnen Mauern.

(Trompeten erschallen mit mutigem Ton und gehen, während daß verwandelt wird, in ein wildes Kriegsgetümmel über, das Orchester fällt ein bei offener Szene und wird von kriegerischen Instrumenten hinter der Szene begleitet)

Der Schauplatz verwandelt sich in eine freie Gegend, die von Bäumen begrenzt wird. Man sieht während der Musik Soldaten über den Hintergrund schnell wegziehen

Sechster Auftritt

Talbot auf Fastolf gestützt und von Soldaten begleitet. Gleich darauf Lionel

Talbot. Hier unter diesen Bäumen setzt mich nieder,
Und ihr begebt euch in die Schlacht zurück,
Ich brauche keines Beistands, um zu sterben.

Fastolf. O unglückselig jammervoller Tag!
(Lionel tritt auf)
Zu welchem Anblick kommt Ihr, Lionel!
Hier liegt der Feldherr auf den Tod verwundet.

Lionel. Das wolle Gott nicht! Edler Lord, steht auf!
Jetzt ists nicht Zeit, ermattet hinzusinken.
Weicht nicht dem Tod, gebietet der Natur
Mit Eurem mächtgen Willen, daß sie lebe!

Talbot. Umsonst! Der Tag des Schicksals ist gekommen,
Der unsern Thron in Frankreich stürzen soll.
Vergebens in verzweiflungsvollem Kampf
Wagt ich das Letzte noch, ihn abzuwenden.
Vom Stahl dahin geschmettert lieg ich hier,
Um nicht mehr aufzustehn. – Reims ist verloren,
So eilt, Paris zu retten!

Lionel. Paris hat sich vertragen mit dem Dauphin,
Soeben bringt ein Eilbot uns die Nachricht.

Talbot (reißt den Verband ab).
So strömet hin, ihr Bäche meines Bluts,
Denn überdrüssig bin ich dieser Sonne!

Lionel. Ich kann nicht bleiben. – Fastolf, bringt den Feldherrn
An einen sichern Ort, wir können uns
Nicht lange mehr auf diesem Posten halten.
Die Unsern fliehen schon von allen Seiten,
Unwiderstehlich dringt das Mädchen vor –

Talbot. Unsinn, du siegst und ich muß untergehn!
Mit der Dummheit kämpfen Götter selbst vergebens.
Erhabene Vernunft, lichthelle Tochter
Des göttlichen Hauptes, weise Gründerin
Des Weltgebäudes, Führerin der Sterne,
Wer bist du denn, wenn du dem tollen Roß
Des Aberwitzes an den Schweif gebunden,
Ohnmächtig rufend, mit dem Trunkenen
Dich sehend in den Abgrund stürzen mußt!
Verflucht sei, wer sein Leben an das Große
Und Würdge wendet und bedachte Plane
Mit weisem Geist entwirft! Dem Narrenkönig
Gehört die Welt –

Lionel. Mylord! Ihr habt nur noch
Für wenig Augenblicke Leben – denkt
An Euren Schöpfer!

Talbot. Wären wir als Tapfre
Durch andre Tapfere besiegt, wir könnten
Uns trösten mit dem allgemeinen Schicksal,
Das immer wechselnd seine Kugel dreht –
Doch solchem groben Gaukelspiel erliegen!
War unser ernstes arbeitvolles Leben
Keines ernsthaftem Ausgangs wert?

Lionel (reicht ihm die Hand).
Mylord, fahrt wohl! Der Tränen schuldgen Zoll
Will ich Euch redlich nach der Schlacht entrichten,
Wenn ich alsdann noch übrig bin. Jetzt aber
Ruft das Geschick mich fort, das auf dem Schlachtfeld
Noch richtend sitzt und seine Lose schüttelt.
Auf Wiedersehn in einer andern Welt,
Kurz ist der Abschied für die lange Freundschaft. (Geht ab)

Talbot. Bald ists vorüber und der Erde geb ich,
Der ewgen Sonne die Atome wieder,
Die sich zu Schmerz und Lust in mir gefügt –
Und von dem mächtgen Talbot, der die Welt
Mit seinem Kriegsruhm füllte, bleibt nichts übrig,
Als eine Handvoll leichten Staubs. – So geht
Der Mensch zu Ende – und die einzige
Ausbeute, die wir aus dem Kampf des Lebens
Wegtragen, ist die Einsicht in das Nichts,
Und herzliche Verachtung alles dessen,
Was uns erhaben schien und wünschenswert –

Siebenter Auftritt

Karl. Burgund. Dunois. Du Chatel und Soldaten treten auf

Burgund. Die Schanze ist erstürmt.

Dunois. Der Tag ist unser.

Karl (Talbot bemerkend).
Seht, wer es ist, der dort vom Licht der Sonne
Den unfreiwillig schweren Abschied nimmt?
Die Rüstung zeigt mir keinen schlechten Mann,
Geht, springt ihm bei, wenn ihm noch Hülfe frommt.
(Soldaten aus des Königs Gefolge treten hinzu)

Fastolf. Zurück! Bleibt fern! Habt Achtung vor dem Toten,
Dem ihr im Leben nie zu nahn gewünscht!

Burgund. Was seh ich! Talbot liegt in seinem Blut!
(Er geht auf ihn zu. Talbot blickt ihn starr an und stirbt)

Fastolf. Hinweg, Burgund! Den letzten Blick des Helden
Vergifte nicht der Anblick des Verräters!

Dunois. Furchtbarer Talbot! Unbezwinglicher!
Nimmst du vorlieb mit so geringem Raum,
Und Frankreichs weite Erde konnte nicht
Dem Streben deines Riesengeistes gnügen.
– Erst jetzo, Sire, begrüß ich Euch als König,
Die Krone zitterte auf Eurem Haupt,
So lang ein Geist in diesem Körper lebte.

Karl (nachdem er den Toten stillschweigend betrachtet). Ihn hat ein Höherer besiegt, nicht wir!
Er liegt auf Frankreichs Erde, wie der Held
Auf seinem Schild, den er nicht lassen wollte.
Bringt ihn hinweg!
(Soldaten heben den Leichnam auf und tragen ihn fort)
Fried sei mit seinem Staube!
Ihm soll ein ehrenvolles Denkmal werden,
Mitten in Frankreich, wo er seinen Lauf
Als Held geendet, ruhe sein Gebein!
So weit als er, drang noch kein feindlich Schwert,
Seine Grabschrift sei der Ort, wo man ihn findet.

Fastolf (gibt sein Schwert ab). Herr, ich bin dein Gefangener.

Karl (gibt ihm sein Schwert zurück). Nicht also!
Die fromme Pflicht ehrt auch der rohe Krieg,
Frei sollt Ihr Eurem Herrn zu Grabe folgen.
Jetzt eilt, Du Chatel – Meine Agnes zittert –
Entreißt sie ihrer Angst um uns – Bringt ihr
Die Botschaft, daß wir leben, daß wir siegten,
Und führt sie im Triumph nach Reims!
(Du Chatel geht ab)

Achter Auftritt

La Hire zu den Vorigen

Dunois. La Hire!
Wo ist die Jungfrau?

La Hire. Wie? Das frag ich Euch.
An Eurer Seite fechtend ließ ich sie.

Dunois. Von Eurem Arme glaubt ich sie beschützt,
Als ich dem König beizuspringen eilte.

Burgund. Im dichtsten Feindeshaufen sah ich noch
Vor kurzem ihre weiße Fahne wehn.

Dunois. Weh uns, wo ist sie? Böses ahndet mir!
Kommt, eilen wir sie zu befrein. – Ich fürchte,
Sie hat der kühne Mut zu weit geführt,
Umringt von Feinden kämpft sie ganz allein,
Und hülflos unterliegt sie jetzt der Menge.

Karl. Eilt, rettet sie!

La Hire. Ich folg euch, kommt!

Burgund. Wir alle! (Sie eilen fort)

Eine andre öde Gegend des Schlachtfelds
Man sieht die Türme von Reims in der Ferne, von der Sonne beleuchtet

Neunter Auftritt

Ein Ritter in ganz schwarzer Rüstung, mit geschloßnem Visier. Johanna verfolgt ihn bis auf die vordere Bühne, wo er stille steht und sie erwartet

Johanna. Arglistger! Jetzt erkenn ich deine Tücke!
Du hast mich trüglich durch verstellte Flucht
Vom Schlachtfeld weggelockt und Tod und Schicksal
Von vieler Britensöhne Haupt entfernt.
Doch jetzt ereilt dich selber das Verderben.

Schwarzer Ritter. Warum verfolgst du mich und heftest dich
So wutentbrannt an meine Fersen? Mir
Ist nicht bestimmt, von deiner Hand zu fallen.

Johanna. Verhaßt in tiefster Seele bist du mir,
Gleich wie die Nacht, die deine Farbe ist.
Dich weg zu tilgen von dem Licht des Tags
Treibt mich die unbezwingliche Begier.
Wer bist du? Öffne dein Visier. – Hätt ich
Den kriegerischen Talbot in der Schlacht
Nicht fallen sehn, so sagt ich, du wärst Talbot.

Schwarzer Ritter. Schweigt dir die Stimme des Prophetengeistes?

Johanna. Sie redet laut in meiner tiefsten Brust,
Daß mir das Unglück an der Seite steht.

Schwarzer Ritter. Johanna d'Arc! Bis an die Tore Reims
Bist du gedrungen auf des Sieges Flügeln.
Dir gnüge der erworbne Ruhm. Entlasse
Das Glück, das dir als Sklave hat gedient,
Eh es sich zürnend selbst befreit, es haßt
Die Treu und keinem dient es bis ans Ende.

Johanna. Was heißest du in Mitte meines Laufs
Mich stille stehen und mein Werk verlassen?
Ich führ es aus und löse mein Gelübde!

Schwarzer Ritter. Nichts kann dir, du Gewaltge, widerstehn,
In jedem Kampfe siegst du. – Aber gehe
In keinen Kampf mehr. Höre meine Warnung!

Johanna. Nicht aus den Händen leg ich dieses Schwert,
Als bis das stolze England niederliegt.

Schwarzer Ritter. Schau hin! Dort hebt sich Reims mit seinen Türmen,
Das Ziel und Ende deiner Fahrt – die Kuppel
Der hohen Kathedrale siehst du leuchten,
Dort wirst du einziehn im Triumphgepräng,
Deinen König krönen, dein Gelübde lösen.
– Geh nicht hinein. Kehr um. Hör meine Warnung.

Johanna. Wer bist du, doppelzüngig falsches Wesen,
Das mich erschrecken und verwirren will?
Was maßest du dir an, mir falsch Orakel
Betrüglich zu verkündigen?
(Der schwarze Ritter will abgehen, sie tritt ihm in den Weg)
Nein, du stehst
Mir Rede, oder stirbst von meinen Händen!
(Sie will einen Streich auf ihn führen)

Schwarzer Ritter (berührt sie mit der Hand, sie bleibt unbeweglich stehen). Töte, was sterblich ist!

(Nacht, Blitz und Donnerschlag. Der Ritter versinkt)

Johanna (steht anfangs erstaunt, faßt sich aber bald wieder).
Es war nichts Lebendes. – Ein trüglich Bild
Der Hölle wars, ein widerspenstger Geist,
Heraufgestiegen aus dem Feuerpfuhl,
Mein edles Herz im Busen zu erschüttern.
Wen fürcht ich mit dem Schwerte meines Gottes?
Siegreich vollenden will ich meine Bahn,
Und käm die Hölle selber in die Schranken,
Mir soll der Mut nicht weichen und nicht wanken!
(Sie will abgehen)

Zehnter Auftritt

Lionel. Johanna

Lionel. Verfluchte, rüste dich zum Kampf- Nicht beide
Verlassen wir lebendig diesen Platz.
Du hast die Besten meines Volks getötet,
Der edle Talbot hat die große Seele
In meinen Busen ausgehaucht. – Ich räche
Den Tapfern oder teile sein Geschick.
Und daß du wissest, wer dir Ruhm verleiht,
Er sterbe oder siege – Ich bin Lionel,
Der letzte von den Fürsten unsers Heers,
Und unbezwungen noch ist dieser Arm.
(Er dringt auf sie ein, nach einem kurzen Gefecht schlägt sie ihm das Schwert aus der Hand)
Treuloses Glück! (Er ringt mit ihr)

Johanna (ergreift ihn von hinten zu am Helmbusch und reißt ihm den Helm gewaltsam herunter, daß sein Gesicht entblößt wird, zugleich zückt sie das Schwert mit der Rechten).
Erleide, was du suchtest,
Die heilge Jungfrau opfert dich durch mich!
(In diesem Augenblick sieht sie ihm ins Gesicht, sein Anblick ergreift sie, sie bleibt unbeweglich stehen und läßt dann langsam den Arm sinken)

Lionel. Was zauderst du und hemmst den Todesstreich?
Nimm mir das Leben auch, du nahmst den Ruhm,
Ich bin in deiner Hand, ich will nicht Schonung.
(Sie gibt ihm ein Zeichen mit der Hand, sich zu entfernen) Entfliehen soll ich? Dir soll ich mein Leben
Verdanken? – Eher sterben!

Johanna (mit abgewandtem Gesicht). Rette dich!
Ich will nichts davon wissen, daß dein Leben
In meine Macht gegeben war.

Lionel. Ich hasse dich und dein Geschenk – Ich will
Nicht Schonung – Töte deinen Feind, der dich
Verabscheut, der dich töten wollte.

Johanna. Töte mich
– Und fliehe!

Lionel Ha! Was ist das?

Johanna (verbirgt das Gesicht). Weh mir!

Lionel (tritt ihr näher). Du tötest, sagt man, alle Engelländer,
Die du im Kampf bezwingst – Warum nur mich
Verschonen?

Johanna (erhebt das Schwert mit einer raschen Bewegung gegen ihn, läßt es aber, wie sie ihn ins Gesicht faßt, schnell wieder sinken).
Heilge Jungfrau!

Lionel. Warum nennst du
Die Heilge? Sie weiß nichts von dir, der Himmel
Hat keinen Teil an dir.

Johanna (in der heftigsten Beängstigung). Was hab ich
Getan! Gebrochen hab ich mein Gelübde!
(Sie ringt verzweifelnd die Hände)

Lionel (betrachtet sie mit Teilnahme und tritt ihr näher).
Unglücklich Mädchen! Ich beklage dich,
Du rührst mich, du hast Großmut ausgeübt
An mir allein, ich fühle, daß mein Haß
Verschwindet, ich muß Anteil an dir nehmen!
– Wer bist du? Woher kommst du?

Johanna. Fort! Entfliehe!

Lionel. Mich jammert deine Jugend, deine Schönheit!
Dein Anblick dringt mir an das Herz. Ich möchte
Dich gerne retten – Sage mir, wie kann ichs!
Komm! Komm! Entsage dieser gräßlichen
Verbindung – Wirf sie von dir, diese Waffen!

Johanna. Ich bin unwürdig, sie zu führen!

Lionel. Wirf
Sie von dir, schnell, und folge mir!

Johanna (mit Entsetzen). Dir folgen!

Lionel. Du kannst gerettet werden. Folge mir!
Ich will dich retten, aber säume nicht.
Mich faßt ein ungeheurer Schmerz um dich,
Und ein unnennbar Sehnen, dich zu retten –
(Bemächtigt sich ihres Armes)

Johanna. Der Bastard naht! Sie sinds! Sie suchen mich!
Wenn sie dich finden –

Lionel. Ich beschütze dich!

Johanna. Ich sterbe, wenn du fällst von ihren Händen!

Lionel. Bin ich dir teuer?

Johanna. Heilige des Himmels!

Lionel. Werd ich dich wiedersehen? Von dir hören?

Johanna. Nie! Niemals!

Lionel. Dieses Schwert zum Pfand, daß ich
Dich wiedersehe!
(Er entreißt ihr das Schwert)

Johanna. Rasender, du wagst es?

Lionel. Jetzt weich ich der Gewalt, ich seh dich wieder!
(Er geht ab)

Eilfter Auftritt

Dunois und La Hire. Johanna

La Hire. Sie lebt! Sie ists!

Dunois. Johanna, fürchte nichts!
Die Freunde stehen mächtig dir zur Seite.

La Hire. Flieht dort nicht Lionel?

Dunois. Laß ihn entfliehn!
Johanna, die gerechte Sache siegt,
Reims öffnet seine Tore, alles Volk
Strömt jauchzend seinem Könige entgegen –

La Hire. Was ist der Jungfrau? Sie erbleicht, sie sinkt!
(Johanna schwindelt und will sinken)

Dunois. Sie ist verwundet – Reißt den Panzer auf –
Es ist der Arm und leicht ist die Verletzung.

La Hire. Ihr Blut fließt.

Johanna. Laßt es mit meinem Leben
Hinströmen! (Sie liegt ohnmächtig in La Hires Armen)

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