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Gutenberg > Friedrich Schiller >

Die Jungfrau von Orleans. Eine romantische Tragödie

Friedrich Schiller: Die Jungfrau von Orleans. Eine romantische Tragödie - Kapitel 3
Quellenangabe
typetragedy
authorSchiller, Friedrich
booktitleSämtliche Werke. Zweiter Band
titleDie Jungfrau von Orleans. Eine romantische Tragödie
year1981
pages687-812
isbnn/a
senderclaus.horn@microtool.de
publisherCarl Hanser Verlag (Lizenzausgabe für die Wissenschaftliche Buchgesellschaft)
editorFricke, Gerhard; Göpfert, Herbert G.
firstpub1801
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Erster Aufzug

Hoflager König Karls zu Chinon

Erster Auftritt

Dunois und Du Chatel

Dunois. Nein, ich ertrag es länger nicht. Ich sage
Mich los von diesem König, der unrühmlich
Sich selbst verläßt. Mir blutet in der Brust
Das tapfre Herz und glühnde Tränen möcht ich weinen,
Daß Räuber in das königliche Frankreich
Sich teilen mit dem Schwert, die edeln Städte,
Die mit der Monarchie gealtert sind,
Dem Feind die rostgen Schlüssel überliefern,
Indes wir hier in tatenloser Ruh
Die köstlich edle Rettungszeit verschwenden.
– Ich höre Orleans bedroht, ich fliege
Herbei aus der entlegnen Normandie,
Den König denk ich kriegerisch gerüstet
An seines Heeres Spitze schon zu finden,
Und find ihn – hier! Umringt von Gaukelspielern
Und Troubadours, spitzfindge Rätsel lösend
Und der Sorel galante Feste gebend,
Als waltete im Reich der tiefste Friede!
– Der Connetable geht, er kann den Greul
Nicht länger ansehn. – Ich verlaß ihn auch,
Und übergeb ihn seinem bösen Schicksal.

Du Chatel. Da kommt der König!

Zweiter Auftritt

König Karl zu den Vorigen

Karl. Der Connetable schickt sein Schwert zurück,
Und sagt den Dienst mir auf. – In Gottes Namen!
So sind wir eines mürrschen Mannes los,
Der unverträglich uns nur meistern wollte.

Dunois. Ein Mann ist viel wert in so teurer Zeit,
Ich möcht ihn nicht mit leichtem Sinn verlieren.

Karl. Das sagst du nur aus Lust des Widerspruchs,
Solang er dawar, warst du nie sein Freund.

Dunois. Er war ein stolz verdrießlich schwerer Narr,
Und wußte nie zu enden – diesmal aber
Weiß ers. Er weiß zu rechter Zeit zu gehn,
Wo keine Ehre mehr zu holen ist.

Karl. Du bist in deiner angenehmen Laune,
Ich will dich nicht drin stören. – Du Chatel!
Es sind Gesandte da vom alten König,
René, belobte Meister im Gesang,
Und weit berühmt. – Man muß sie wohl bewirten,
Und jedem eine goldne Kette reichen.
(Zum Bastard) Worüber lachst du?

Dunois. Daß du goldne Ketten
Aus deinem Munde schüttelst.

Du Chatel. Sire! Es ist
Kein Geld in deinem Schatze mehr vorhanden.

Karl. So schaffe welches. – Edle Sänger dürfen
Nicht ungeehrt von meinem Hofe ziehen.
Sie machen uns den dürren Szepter blühn,
Sie flechten den unsterblich grünen Zweig
Des Lebens in die unfruchtbare Krone,
Sie stellen herrschend sich den Herrschern gleich,
Aus leichten Wünschen bauen sie sich Throne,
Und nicht im Raume liegt ihr harmlos Reich,
Sie beide wohnen auf der Menschheit Höhen!

Du Chatel. Mein königlicher Herr! Ich hab dein Ohr
Verschont, solang noch Rat und Hülfe war,
Doch endlich löst die Notdurft mir die Zunge.
– Du hast nichts mehr zu schenken, ach! du hast
Nicht mehr, wovon du morgen könntest leben!
Die hohe Flut des Reichtums ist zerflossen,
Und tiefe Ebbe ist in deinem Schatz.
Den Truppen ist der Sold noch nicht bezahlt,
Sie drohen murrend abzuziehen. – Kaum weiß
Ich Rat, dein eignes königliches Haus
Notdürftig nur, nicht fürstlich, zu erhalten.

Karl. Verpfände meine königlichen Zölle,
Und laß dir Geld darleihn von den Lombarden.

Du Chatel. Sire, deine Kroneinkünfte, deine Zölle,
Sind auf drei Jahre schon voraus verpfändet.

Dunois. Und unterdes geht Pfand und Land verloren.

Karl. Uns bleiben noch viel reiche schöne Länder.

Dunois. Solang es Gott gefällt und Talbots Schwert!
Wenn Orleans genommen ist, magst du
Mit deinem König René Schafe hüten.

Karl. Stets übst du deinen Witz an diesem König,
Doch ist es dieser länderlose Fürst,
Der eben heut mich königlich beschenkte.

Dunois. Nur nicht mit seiner Krone von Neapel,
Um Gotteswillen nicht! Denn die ist feil,
Hab ich gehört, seitdem er Schafe weidet.

Karl. Das ist ein Scherz, ein heitres Spiel, ein Fest,
Das er sich selbst und seinem Herzen gibt,
Sich eine schuldlos reine Welt zu gründen
In dieser rauh barbarschen Wirklichkeit.
Doch was er Großes, Königliches will –
Er will die alten Zeiten wiederbringen,
Wo zarte Minne herrschte, wo die Liebe
Der Ritter große Heldenherzen hob,
Und edle Frauen zu Gerichte saßen,
Mit zartem Sinne alles Feine schlichtend.
In jenen Zeiten wohnt der heitre Greis,
Und wie sie noch in alten Liedern leben,
So will er sie, wie eine Himmelstadt,
In goldnen Wolken, auf die Erde setzen –
Gegründet hat er einen Liebeshof,
Wohin die edlen Ritter sollen wallen,
Wo keusche Frauen herrlich sollen thronen,
Wo reine Minne wiederkehren soll,
Und mich hat er erwählt zum Fürst der Liebe.

Dunois. Ich bin so sehr nicht aus der Art geschlagen,
Daß ich der Liebe Herrschaft sollte schmähn.
Ich nenne mich nach ihr, ich bin ihr Sohn,
Und all mein Erbe liegt in ihrem Reich.
Mein Vater war der Prinz von Orleans,
Ihm war kein weiblich Herz unüberwindlich,
Doch auch kein feindlich Schloß war ihm zu fest.
Willst du der Liebe Fürst dich würdig nennen,
So sei der Tapfern Tapferster! – Wie ich
Aus jenen alten Büchern mir gelesen,
War Liebe stets mit hoher Rittertat
Gepaart und Helden, hat man mich gelehrt,
Nicht Schäfer saßen an der Tafelrunde.
Wer nicht die Schönheit tapfer kann beschützen,
Verdient nicht ihren goldnen Preis. – Hier ist
Der Fechtplatz! Kämpf um deiner Väter Krone!
Verteidige mit ritterlichem Schwert
Dein Eigentum und edler Frauen Ehre –
Und hast du dir aus Strömen Feindesbluts
Die angestammte Krone kühn erobert,
Dann ist es Zeit und steht dir fürstlich an,
Dich mit der Liebe Myrten zu bekrönen.

Karl (zu einem Edelknecht, der hereintritt).
Was gibts?

Edelknecht. Ratsherrn von Orleans flehen um Gehör.

Karl. Führ sie herein.
(Edelknecht geht ab) Sie werden Hülfe fodern,
Was kann ich tun, der selber hülflos ist!

Dritter Auftritt

Drei Ratsherren zu den Vorigen

Karl. Willkommen, meine vielgetreuen Bürger
Aus Orleans! Wie stehts um meine gute Stadt?
Fährt sie noch fort mit dem gewohnten Mut
Dem Feind zu widerstehn, der sie belagert?

Ratsherr. Ach Sire! Es drängt die höchste Not, und stündlich wachsend
Schwillt das Verderben an die Stadt heran.
Die äußern Werke sind zerstört, der Feind
Gewinnt mit jedem Sturme neuen Boden.
Entblößt sind von Verteidigern die Mauern,
Denn rastlos fechtend fällt die Mannschaft aus,
Doch wen'ge sehn die Heimatpforte wieder,
Und auch des Hungers Plage droht der Stadt.
Drum hat der edle Graf von Rochepierre,
Der drin befehlt, in dieser höchsten Not
Vertragen mit dem Feind, nach altem Brauch,
Sich zu ergeben auf den zwölften Tag,
Wenn binnen dieser Zeit kein Heer im Feld
Erschien, zahlreich genug, die Stadt zu retten.

(Dunois macht eine heftige Bewegung des Zorns)

Karl. Die Frist ist kurz.

Ratsherr. Und jetzo sind wir hier
Mit Feinds Geleit, daß wir dein fürstlich Herz
Anflehen, deiner Stadt dich zu erbarmen,
Und Hülf zu senden binnen dieser Frist,
Sonst übergibt er sie am zwölften Tage.

Dunois. Saintrailles konnte seine Stimme geben
Zu solchem schimpflichen Vertrag!

Ratsherr. Nein, Herr!
Solang der Tapfre lebte, durfte nie
Die Rede sein von Fried und Übergabe.

Dunois. So ist er tot!

Ratsherr. An unsern Mauern sank
Der edle Held für seines Königs Sache.

Karl. Saintrallles tot! O in dem einzgen Mann
Sinkt mir ein Heer!

(Ein Ritter kommt und spricht einige Worte leise mit dem Bastard, welcher betroffen auffährt)

Dunois. Auch das noch!

Karl. Nun! Was gibts?

Dunois. Graf Douglas sendet her. Die schottschen Völker
Empören sich und drohen abzuziehn,
Wenn sie nicht heut den Rückstand noch erhalten.

Karl. Du Chatel!

Du Chatel (zuckt die Achseln).
Sire! Ich weiß nicht Rat.

Karl. Versprich,
Verpfände was du hast, mein halbes Reich –

Du Chatel. Hilft nichts! Sie sind zu oft vertröstet worden!

Karl. Es sind die besten Truppen meines Heers!
Sie sollen mich jetzt nicht, nicht jetzt verlassen!

Ratsherr (mit einem Fußfall).
O König, hilf uns! Unsrer Not gedenke!

Karl (verzweiflungsvoll). Kann ich Armeen aus der Erde stampfen?
Wächst mir ein Kornfeld in der flachen Hand?
Reißt mich in Stücken, reißt das Herz mir aus,
Und münzet es statt Goldes! Blut hab ich
Für euch, nicht Silber hab ich, noch Soldaten!

(Er sieht die Sorel hereintreten, und eilt ihr mit ausgebreiteten Armen entgegen)

Vierter Auftritt

Agnes Sorel ein Kästchen in der Hand, zu den Vorigen

Karl. O meine Agnes! Mein geliebtes Leben!
Du kommst, mich der Verzweiflung zu entreißen!
Ich habe dich, ich flieh an deine Brust,
Nichts ist verloren, denn du bist noch mein.

Sorel. Mein teurer König!
(Mit ängstlich fragendem Blick umherschauend)
Dunois! Ists wahr?
Du Chatel?

Du Chatel. Leider!

Sorel. Ist die Not so groß?
Es fehlt am Sold? Die Truppen wollen abziehn?

Du Chatel. Ja leider ist es so!

Sorel (ihm das Kästchen aufdrängend).
Hier, hier ist Gold,
Hier sind Juwelen – Schmelzt mein Silber ein –
Verkauft, verpfändet meine Schlösser- Leihet
Auf meine Güter in Provence – Macht alles
Zu Gelde und befriediget die Truppen.
Fort! Keine Zeit verloren! (Treibt ihn fort)

Karl. Nun, Dunois? Nun, Du Chatel! Bin ich euch
Noch arm, da ich die Krone aller Frauen
Besitze? – Sie ist edel, wie ich selbst
Geboren, selbst das königliche Blut
Der Valois ist nicht reiner, zieren wurde sie
Den ersten Thron der Welt – doch sie verschmäht ihn,
Nur meine Liebe will sie sein und heißen.
Erlaubte sie mir jemals ein Geschenk
Von höherm Wert, als eine frühe Blume
Im Winter oder seltne Frucht! Von mir
Nimmt sie kein Opfer an, und bringt mir alle!
Wagt ihren ganzen Reichtum und Besitz
Großmütig an mein untersinkend Glück.

Sorel. Glaub ihm nicht.
Er hat sein Leben zehenmal für dich
Gewagt und zürnt, daß ich mein Gold jetzt wage.
Wie? Hab ich dir nicht alles froh geopfert,
Was mehr geachtet wird als Gold und Perlen,
Und sollte jetzt mein Glück für mich behalten?
Komm! Laß uns allen überflüßgen Schmuck
Des Lebens von uns werfen! Laß mich dir
Ein edles Beispiel der Entsagung geben!
Verwandle deinen Hofstaat in Soldaten,
Dein Gold in Eisen, alles was du hast,
Wirf es entschlossen hin nach deiner Krone!
Komm! Komm! Wir teilen Mangel und Gefahr!
Das kriegerische Roß laß uns besteigen,
Den zarten Leib dem glühnden Pfeil der Sonne
Preisgeben, die Gewölke über uns
Zur Decke nehmen, und den Stein zum Pfühl.
Der rauhe Krieger wird sein eignes Weh
Geduldig tragen, sieht er seinen König
Dem Ärmsten gleich ausdauren und entbehren!

Dunois. Ja sie ist eine Rasende wie du,
Und wirft ihr Alles in ein brennend Haus,
Und schöpft ins lecke Faß der Danaiden.
Dich wird sie nicht erretten, nur sich selbst
Wird sie mit dir verderben –

Karl (lächelnd). Ja, nun erfüllt sich mir ein altes Wort
Der Weissagung, das eine Nonne mir
Zu Clermont im prophetschert Geiste sprach.
Ein Weib, verhieß die Nonne, würde mich
Zum Sieger machen über alle Feinde,
Und meiner Väter Krone mir erkämpfen.
Fern sucht ich sie im Feindeslager auf,
Das Herz der Mutter hofft ich zu versöhnen,
Hier steht die Heldin, die nach Reims mich führt,
Durch meiner Agnes Liebe werd ich siegen!

Sorel. Du wirsts durch deiner Freunde tapfres Schwert.

Karl. Auch von der Feinde Zwietracht hoff ich viel
Denn mir ist sichre Kunde zugekommen,
Daß zwischen diesen stolzen Lords von England
Und meinem Vetter von Burgund nicht alles mehr
So steht wie sonst – Drum hab ich den La Hire
Mit Botschaft an den Herzog abgefertigt,
Ob mirs gelänge, den erzürnten Pair
Zur alten Pflicht und Treu zurückzuführen
Mit jeder Stunde wart ich seiner Ankunft.

Du Chatel (am Fenster). Der Ritter sprengt soeben in den Hof

Karl. Willkommner Bote! Nun so werden wir
Bald wissen, ob wir weichen oder siegen.

Fünfter Auftritt

La Hire zu den Vorigen!

Karl (geht ihm entgegen).
La Hire! Bringst du uns Hoffnung oder keine?
Erklär dich kurz. Was hab ich zu erwarten?

La Hire. Erwarte nichts mehr als von deinem Schwert.

Karl. Der stolze Herzog laßt sich nicht versöhnen!
O sprich! Wie nahm er meine Botschaft auf?

La Hire. Vor allen Dingen und bevor er noch
Ein Ohr dir könne leihen, Lodert er,
Daß ihm Du Chatel ausgeliefert werde,
Den er den Mörder seines Vaters nennt.

Karl. Und, weigern wir uns dieser Schmachbedingung?

La Hire. Dann sei der Bund zertrennt, noch eh er anfing.

Karl. Hast du ihn drauf, wie ich dir anbefahl,
Zum Kampf mit mir gefodert auf der Brücke
Zu Montereau, allwo sein Vater fiel?

La Hire. Ich warf ihm deinen Handschuh hin und sprach:
Du wolltest deiner Hoheit dich begeben,
Und als ein Ritter kämpfen um dein Reich.
Doch er versetzte: nimmer täts ihm not,
Um das zu fechten, was er schon besitze.
Doch wenn dich so nach Kämpfen lüstete,
So würdest du vor Orleans ihn finden,
Wohin er morgen willens sei zu gehn;
Und damit kehrt' er lachend mir den Rücken.

Karl. Erhob sich nicht in meinem Parlamente
Die reine Stimme der Gerechtigkeit?

La Hire. Sie ist verstummt vor der Parteien Wut.
Ein Schluß des Parlaments erklärte dich
Des Throns verlustig, dich und dein Geschlecht.

Dunois. Ha frecher Stolz des herrgewordnen Bürgers!

Karl. Hast du bei meiner Mutter nichts versucht?

La Hire. Bei deiner Mutter!

Karl. Ja! Wie ließ sie sich vernehmen?

La Hire (nachdem er einige Augenblicke sich bedacht).
Es war gerad das Fest der Königskrönung,
Als ich zu Saint Denis eintrat. Geschmückt
Wie zum Triumphe waren die Pariser,
In jeder Gasse stiegen Ehrenbogen,
Durch die der engelländsche König zog.
Bestreut mit Blumen war der Weg und jauchzend,
Als hätte Frankreich seinen schönsten Sieg
Erfochten, sprang der Pöbel um den Wagen.

Sorel. Sie jauchzten – jauchzten, daß sie auf das Herz
Des liebevollen sanften Königs traten!

La Hire. Ich sah den jungen Harry Lancaster,
Den Knaben, auf dem königlichen Stuhl
Sankt Ludwigs sitzen, seine stolzen Öhme
Bedford und Gloster standen neben ihm,
Und Herzog Philipp kniet' am Throne nieder
Und leistete den Eid für seine Länder.

Karl. O ehrvergeßner Pair! Unwürdger Vetter!

La Hire. Das Kind war bang und strauchelte, da es
Die hohen Stufen an dem Thron hinanstieg.
»Ein böses Omen!« murmelte das Volk,
Und es erhob sich schallendes Gelächter.
Da trat die alte Königin, deine Mutter,
Hinzu, und – mich entrüstet es zu sagen!

Karl. Nun?

La Hire. In die Arme faßte sie den Knaben
Und setzt' ihn selbst auf deines Vaters Stuhl.

Karl. O Mutter! Mutter!

La Hire. Selbst die wütenden
Burgundier, die mordgewohnten Banden,
Erglüheten vor Scham bei diesem Anblick.
Sie nahm es wahr und an das Volk gewendet
Rief sie mit lauter Stimm: »Dankt mirs, Franzosen,
Daß ich den kranken Stamm mit reinem Zweig
Veredle, euch bewahre vor dem miß-
Gebornen Sohn des hirnverrückten Vaters!«

(Der König verhüllt sich, Agnes eilt auf ihn zu und schließt ihn in ihre Arme, alle Umstehenden drücken ihren Abscheu, ihr Entsetzen aus)

Dunois. Die Wölfin! die wutschnaubende Megäre!

Karl (nach einer Pause zu den Ratsherren).
Ihr habt gehört, wie hier die Sachen stehn.
Verweilt nicht länger, geht nach Orleans
Zurück, und meldet meiner treuen Stadt:
Des Eides gegen mich entlaß ich sie.
Sie mag ihr Heil beherzigen und sich
Der Gnade des Burgundiers ergeben,
Er heißt der Gute, er wird menschlich sein.

Dunois. Wie Sire? Du wolltest Orleans verlassen!

Ratsherr (kniet nieder). Mein königlicher Herr! Zieh deine Hand
Nicht von uns ab! Gib deine treue Stadt
Nicht unter Englands harte Herrschaft hin.
Sie ist ein edler Stein in deiner Krone,
Und keine hat den Königen, deinen Ahnherrn,
Die Treue heiliger bewahrt.

Dunois. Sind wir
Geschlagen? Ists erlaubt, das Feld zu räumen,
Eh noch ein Schwertstreich um die Stadt geschehn?
Mit einem leichten Wörtlein, ehe Blut
Geflossen ist, denkst du die beste Stadt
Aus Frankreichs Herzen wegzugeben?

Karl. Des Blutes ist geflossen und vergebens!
Des Himmels schwere Hand ist gegen mich,
Geschlagen wird mein Heer in allen Schlachten,
Mein Parlament verwirft mich, meine Hauptstadt,
Mein Volk nimmt meinen Gegner jauchzend auf,
Die mir die Nächsten sind am Blut, verlassen,
Verraten mich – Die eigne Mutter nährt
Die fremde Feindesbrut an ihren Brüsten.
– Wir wollen jenseits der Loire uns ziehn,
Und der gewaltgen Hand des Himmels weichen,
Der mit dem Engelländer ist.

Sorel. Das wolle Gott nicht, daß wir, an uns selbst
Verzweifelnd, diesem Reich den Rücken wenden!
Dies Wort kam nicht aus deiner tapfern Brust.
Der Mutter unnatürlich rohe Tat
Hat meines Königs Heldenherz gebrochen!
Du wirst dich wiederfinden, männlich fassen,
Mit edelm Mut dem Schicksal widerstehen,
Das grimmig dir entgegenkämpft.

Karl (in düstres Sinnen verloren). Ist es nicht wahr?
Ein finster furchtbares Verhängnis waltet
Durch Valois' Geschlecht, es ist verworfen
Von Gott, der Mutter Lastertaten führten
Die Furien herein in dieses Haus,
Mein Vater lag im Wahnsinn zwanzig Jahre,
Drei ältre Brüder hat der Tod vor mir
Hinweggemäht, es ist des Himmels Schluß,
Das Haus des sechsten Karls soll untergehn.

Sorel. In dir wird es sich neuverjüngt erheben!
Hab Glauben an dich selbst. – O! nicht umsonst
Hat dich ein gnädig Schicksal aufgespart
Von deinen Brüdern allen, dich den jüngsten
Gerufen auf den ungehofften Thron.
In deiner sanften Seele hat der Himmel
Den Arzt für alle Wunden sich bereitet,
Die der Parteien Wut dem Lande schlug.
Des Bürgerkrieges Flammen wirst du löschen,
Mir sagts das Herz, den Frieden wirst du pflanzen,
Des Frankenreiches neuer Stifter sein.

Karl. Nicht ich. Die rauhe sturmbewegte Zeit
Heischt einen kraftbegabtem Steuermann.
Ich hätt ein friedlich Volk beglücken können,
Ein wild empörtes kann ich nicht bezähmen,
Nicht mir die Herzen öffnen mit dem Schwert,
Die sich entfremdet mir in Haß verschließen.

Sorel. Verblendet ist das Volk, ein Wahn betäubt es,
Doch dieser Taumel wird vorübergehe,
Erwachen wird, nicht fern mehr ist der Tag,
Die Liebe zu dem angestammten König,
Die tief gepflanzt ist in des Franken Brust,
Der alte Haß, die Eifersucht erwachen,
Die beide Völker ewig feindlich trennt;
Den stolzen Sieger stürzt sein eignes Glück.
Darum verlasse nicht mit Übereilung
Den Kampfplatz, ring um jeden Fußbreit Erde,
Wie deine eigne Brust verteidige
Dies Orleans! Laß alle Fähren lieber
Versenken, alle Brücken niederbrennen,
Die über diese Scheide deines Reichs,
Das stygsche Wasser der Loire dich führen.

Karl. Was ich vermocht, hab ich getan. Ich habe
Mich dargestellt zum ritterlichen Kampf
Um meine Krone. – Man verweigert ihn.
Umsonst verschwend ich meines Volkes Leben,
Und meine Städte sinken in den Staub.
Soll ich gleich jener unnatürlichen Mutter
Mein Kind zerteilen lassen mit dem Schwert?
Nein, daß es lebe, will ich ihm entsagen.

Dunois. Wie Sire? Ist das die Sprache eines Königs?
Gibt man so eine Krone auf? Es setzt
Der Schlechtste deines Volkes Gut und Blut
An seine Meinung, seinen Haß und Liebe,
Partei wird alles, wenn das blutge Zeichen
Des Bürgerkrieges ausgehangen ist.
Der Ackersmann verläßt den Pflug, das Weib
Den Rocken, Kinder, Greise waffnen sich,
Der Bürger zündet seine Stadt, der Landmann
Mit eignen Händen seine Saaten an,
Um dir zu schaden oder wohlzutun
Und seines Herzens Wollen zu behaupten.
Nichts schont er selber und erwartet sich
Nicht Schonung, wenn die Ehre ruft, wenn er
Für seine Götter oder Götzen kämpft.
Drum weg mit diesem weichlichen Mitleiden,
Das einer Königsbrust nicht ziemt. – Laß du
Den Krieg ausrasen, wie er angefangen,
Du hast ihn nicht leichtsinnig selbst entflammt.
Für seinen König muß das Volk sich opfern,
Das ist das Schicksal und Gesetz der Welt.
Der Franke weiß es nicht und wills nicht anders. Nichtswürdig ist die Nation, die nicht
Ihr Alles freudig setzt an ihre Ehre.

Karl (zu den Ratsherren). Erwartet keinen anderen Bescheid.
Gott schütz euch. Ich kann nicht mehr.

Dunois. Nun so kehre
Der Siegesgott auf ewig dir den Rücken,
Wie du dem väterlichen Reich. Du hast
Dich selbst verlassen, so verlaß ich dich.
Nicht Englands und Burgunds vereinte Macht,
Dich stürzt der eigne Kleinmut von dem Thron.
Die Könige Frankreichs sind geborne Helden,
Du aber bist unkriegerisch gezeugt.
(Zu den Ratsherren) Der König gibt euch auf. Ich aber will
In Orleans, meines Vaters Stadt, mich werfen,
Und unter ihren Trümmern mich begraben.

(Er will gehen. Agnes Sorel hält ihn auf)

Sorel (zum König). O laß ihn nicht im Zorne von dir gehn!
Sein Mund spricht rauhe Worte, doch sein Herz
Ist treu wie Gold, es ist derselbe doch,
Der warm dich liebt und oft für dich geblutet.
Kommt, Dunois! Gesteht, daß Euch die Hitze
Des edeln Zorns zu weit geführt- Du aber
Verzeih dem treuen Freund die heftge Rede!
O kommt, kommt! Laßt mich eure Herzen schnell
Vereinigen, eh sich der rasche Zorn
Unlöschbar, der verderbliche, entflammt!

(Dunois fixiert den König und scheint eine Antwort zu erwarten)

Karl (zu Du Chatel). Wir gehen über die Loire. Laß mein
Gerät zu Schiffe bringen!

Dunois (schnell zur Sorel). Lebet wohl!
(Wendet sich schnell und geht, Ratsherren folgen)
Sorel (ringt verzweifelt die Hände).
O wenn er geht, so sind wir ganz verlassen!
– Folgt ihm, La Hire. O sucht ihn zu begütgen.

(La Hire geht ab)

Sechster Auftritt

Karl. Sorel. Du Chatel

Karl. Ist denn die Krone ein so einzig Gut?
Ist es so bitter schwer, davon zu scheiden?
Ich kenne was noch schwerer sich erträgt.
Von diesen trotzig herrischen Gemütern
Sich meistern lassen, von der Gnade leben
Hochsinnig eigenwilliger Vasallen,
Das ist das Harte für ein edles Herz,
Und bittrer als dem Schicksal unterliegen!
(Zu Du Chatel, der noch zaudert) Tu was ich dir befohlen!

Du Chatel (wirft sich zu seinen Füßen).
O mein König!

Karl. Es ist beschlossen. Keine Worte weiter!

Du Chatel. Mach Frieden mit dem Herzog von Burgund,
Sonst seh ich keine Rettung mehr für dich.

Karl. Du rätst mir dieses, und dein Blut ist es,
Womit ich diesen Frieden soll versiegeln?

Du Chatel. Hier ist mein Haupt. Ich hab es oft für dich
Gewagt in Schlachten und ich leg es jetzt
Für dich mit Freuden auf das Blutgerüste.
Befriedige den Herzog. Überliefre mich
Der ganzen Strenge seines Zorns und laß
Mein fließend Blut den alten Haß versöhnen!

Karl (blickt ihn eine Zeitlang gerührt und schweigend an).
Ist es denn wahr? Steht es so schlimm mit mir,
Daß meine Freunde, die mein Herz durchschauen,
Den Weg der Schande mir zur Rettung zeigen?
Ja, jetzt erkenn ich meinen tiefen Fall,
Denn das Vertraun ist hin auf meine Ehre.

Du Chatel. Bedenk —

Karl. Kein Wort mehr! Bringe mich nicht auf!
Müßt ich zehn Reiche mit dem Rücken schauen,
Ich rette mich nicht mit des Freundes Leben.
– Tu was ich dir befohlen. Geh und laß
Mein Heergerät einschiffen.

Du Chatel. Es wird schnell
Getan sein.

(Steht auf und geht, Agnes Sorel weint heftig)

Siebenter Auftritt

Karl und Agnes Sorel

Karl (ihre Hand fassend). Sei nicht traurig, meine Agnes.
Auch jenseits der Loire liegt noch ein Frankreich,
Wir gehen in ein glücklicheres Land.
Da lacht ein milder niebewölkter Himmel
Und leichtre Lüfte wehn, und sanftre Sitten
Empfangen uns, da wohnen die Gesänge
Und schöner blüht das Leben und die Liebe.

Sorel. O muß ich diesen Tag des Jammers schauen!
Der König muß in die Verbannung gehn,
Der Sohn auswandern aus des Vaters Hause
Und seine Wiege mit dem Rücken schauen.
O angenehmes Land, das wir verlassen,
Nie werden wir dich freudig mehr betreten.

Achter Auftritt

La Hire kommt zurück. Karl und Sorel

Sorel. Ihr kommt allein. Ihr bringt ihn nicht zurück?
(Indem sie ihn näher ansieht)
La Hire! Was gibts? Was sagt mir Euer Blick?
Ein neues Unglück ist geschehn!

La Hire. Das Unglück
Hat sich erschöpft und Sonnenschein ist wieder!

Sorel. Was ists? Ich bitt Euch.

La Hire (zum König).Ruf die Abgesandten
Von Orleans zurück!

Karl. Warum? Was gibts?

La Hire. Ruf sie zurück. Dein Glück hat sich gewendet,
Ein Treffen ist geschehn, du hast gesiegt.

Sorel. Gesiegt! O himmlische Musik des Wortes!

Karl. La Hire! Dich täuscht ein fabelhaft Gerücht.
Gesiegt! Ich glaub an keine Siege mehr.

La Hire. O du wirst bald noch größre Wunder glauben.
– Da kommt der Erzbischof. Er führt den Bastard
In deinen Arm zurück –

Sorel. O schöne Blume
des Siegs, die gleich die edeln Himmelsfrüchte,
Fried und Versöhnung trägt!

Neunter Auftritt

Erzbischof von Reims. Dunois. Du Chatel mit Raoul, einem geharnischten Ritter, zu den Vorigen

Erzbischof (führt den Bastard zu dem König und legt ihre Hände ineinander). Umarmt euch, Prinzen!
Laßt allen Groll und Hader jetzo schwinden,
Da sich der Himmel selbst für uns erklärt.
(Dunois umarmt den König)

Karl. Reißt mich aus meinem Zweifel und Erstaunen.
Was kündigt dieser feierliche Ernst mir an?
Was wirkte diesen schnellen Wechsel?

Erzbischof (führt den Ritter hervor und stellt ihn vor den König). Redet!

Raoul. Wir hatten sechzehn Fähnlein aufgebracht
Lothringisch Volk, zu deinem Heer zu stoßen,
Und Ritter Baudricour aus Vaucouleurs
War unser Führer. Als wir nun die Höhen
Bei Vermanton erreicht und in das Tal,
Das die Yonne durchströmt, herunterstiegen,
Da stand in weiter Ebene vor uns der Feind,
Und Waffen blitzten, da wir rückwärts sahn.
Umrungen sahn wir uns von beiden Heeren.
Nicht Hoffnung war zu siegen noch zu fliehn,
Da sank dem Tapfersten das Herz und alles,
Verzweiflungsvoll, will schon die Waffen strecken.
Als nun die Führer miteinander noch
Rat suchten und nicht fanden – sich da stellte sich
Ein seltsam Wunder unsern Augen dar!
Denn aus der Tiefe des Gehölzes plötzlich
Trat eine Jungfrau, mit behelmtem Haupt
Wie eine Kriegesgöttin, schön zugleich
Und schrecklich anzusehn, um ihren Nacken
In dunkeln Ringen fiel das Haar, ein Glanz
Vom Himmel schien die Hohe zu umleuchten,
Als sie die Stimm erhub und also sprach:
»Was zagt ihr, tapfre Franken! Auf den Feind!
Und wären sein mehr denn des Sands im Meere,
Gott und die heilge Jungfrau führt euch an!«
Und schnell dem Fahnenträger aus der Hand
Riß sie die Fahn und vor dem Zuge her
Mit kühnem Anstand schritt die Mächtige.
Wir, stumm vor Staunen, selbst nicht wollend, folgen
Der hohen Fahn und ihrer Trägerin,
Und auf den Feind gerad an stürmen wir.
Der, hochbetroffen, steht bewegungslos
Mit weitgeöffnet starrem Blick das Wunder
Anstaunend, das sich seinen Augen zeigt –
Doch schnell, als hätten Gottes Schrecken ihn
Ergriffen, wendet er sich um
Zur Flucht, und Wehr und Waben von sich werdend
Entschart das ganze Heer sich im Gefilde,
Da hilft kein Machtwort, keines Führers Ruf,
Vor Schrecken sinnlos, ohne rückzuschaun,
Stürzt Mann und Roß sich in des Flusses Bette,
Und läßt sich würgen ohne Widerstand,
Ein Schlachten wars, nicht eine Schlacht zu nennen!
Zweitausend Feinde deckten das Gefild,
Die nicht gerechnet, die der Fluß verschlang,
Und von den Unsern ward kein Mann vermißt.

Karl. Seltsam bei Gott! höchst wunderbar und seltsam!

Sorel. Und eine Jungfrau wirkte dieses Wunder?
Wo kam sie her? Wer ist sie?

Raoul. Wer sie sei,
Will sie allein dem König offenbaren.
Sie nennt sich eine Seherin und Gotts
Gesendete Prophetin, und verspricht
Orleans zu retten, eh der Mond noch wechselt.
Ihr glaubt das Volk und dürstet nach Gefechten.
Sie folgt dem Heer, gleich wird sie selbst hiersein.
(Man hört Glocken und Geklirr von Waffen, die aneinandergeschlagen werden)
Hört ihr den Auflauf? Das Geläut der Glocken?
Sie ists, das Volk begrüßt die Gottgesandte.

Karl (zu Du Chatel). Führt sie herein –
(zum Erzbischof) Was soll ich davon denken!
Ein Mädchen bringt mir Sieg und eben jetzt,
Da nur ein Götterarm mich retten kann!
Das ist nicht in dem Laufe der Natur,
Und darf ich – Bischof, darf ich Wunder glauben?

Viele Stimmen (hinter der Szene).
Heil, Heil der Jungfrau, der Erretterin!

Karl. Sie kommt!
(Zu Dunois) Nehmt meinen Platz ein, Dunois!
Wir wollen dieses Wundermädchen prüfen,
Ist sie begeistert und von Gott gesandt,
Wird sie den König zu entdecken wissen.

(Dunois setzt sich, der König steht zu seiner Rechten, neben ihm Agnes Sorel, der Erzbischof mit den übrigen gegenüber, daß der mittlere Raum leer bleibt)

Zehnter Auftritt

Die Vorigen. Johanna begleitet von den Ratsherren und vielen Rittern, welche den Hintergrund der Szene anfüllen; mit edelm Anstand tritt sie vorwärts, und schaut die Umstehenden der Reihe nach an

Dunois (nach einer tiefen feierlichen Stille).
Bist du es, wunderbares Mädchen –

Johanna (unterbricht ihn, mit Klarheit und Hoheit ihn anschauend).
Bastard von Orleans! Du willst Gott versuchen!
Steh auf von diesem Platz, der dir nicht ziemt,
An diesen Größeren bin ich gesendet.

(Sie geht mit entschiedenem Schritt auf den König zu, beugt ein Knie vor ihm und steht sogleich wieder auf, zurücktretend. Alle Anwesenden drücken ihr Erstaunen aus. Dunois verläßt seinen Sitz und es wird Raum vor dem König)

Karl. Du siehst mein Antlitz heut zum erstenmal,
Von wannen kommt dir diese Wissenschaft?

Johanna. Ich sah dich, wo dich niemand sah als Gott.
(Sie nähert sich dem König und spricht geheimnisvoll)
In jüngst verwichner Nacht, besinne dich!
Als alles um dich her in tiefem Schlaf
Begraben lag, da standst du auf von deinem Lager,
Und tatst ein brünstiges Gebet zu Gott.
Laß die hinausgehn und ich nenne dir
Den Inhalt des Gebets.

Karl. Was ich dem Himmel
Vertraut, brauch ich vor Menschen nicht zu bergen.
Entdecke mir den Inhalt meines Flehns,
So zweifl ich nicht mehr, daß dich Gott begeistert.

Johanna. Es waren drei Gebete, die du tatst,
Gib wohl acht, Dauphin, ob ich dir sie nenne!
Zum ersten flehtest du den Himmel an,
Wenn unrecht Gut an dieser Krone hafte,
Wenn eine andre schwere Schuld, noch nicht
Gebüßt, von deiner Väter Zeiten her,
Diesen tränenvollen Krieg herbeigerufen,
Dich zum Opfer anzunehmen für dein Volk,
Und auszugießen auf dein einzig Haupt
Die ganze Schale seines Zorns.

Karl (tritt mit Schrecken zurück).
Wer bist du, mächtig Wesen?
Woher kommst du?

(Alle zeigen ihr Erstaunen)

Johanna. Du tatst dem Himmel diese zweite Bitte.
Wenn es sein hoher Schluß und Wille sei,
Das Szepter deinem Stamme zu entwinden,
Dir alles zu entziehn, was deine Väter,
Die Könige in diesem Reich besaßen,
Drei einzge Güter flehtest du ihn an
Dir zu bewahren, die zufriedne Brust,
Des Freundes Herz und deiner Agnes Liebe.
(König verbirgt das Gesicht heftig weinend, große Bewegung des Erstaunens unter den Anwesenden. Nach einer Pause)
Soll ich dein dritt Gebet dir nun noch nennen?

Karl. Genug! Ich glaube dir! Soviel vermag
Kein Mensch! Dich hat der höchste Gott gesendet.

Erzbischof. Wer bist du heilig wunderbares Mädchen!
Welch glücklich Land gebar dich? Sprich! Wer sind
Die gottgeliebten Eltern, die dich zeugten?

Johanna. Ehrwürdger Herr, Johanna nennt man mich,
Ich bin nur eines Hirten niedre Tochter
Aus meines Königs Flecken Dom Remi,
Der in dem Kirchensprengel liegt von Tour
Und hütete die Schafe meines Vaters
Von Kind auf- Und ich hörte viel und oft
Erzählen von dem fremden Inselvolk,
Das über Meer gekommen, uns zu Knechten
Zu machen, und den fremdgebornen Herrn
Uns aufzuzwingen, der das Volk nicht liebt,
Und daß sie schon die große Stadt Paris
Innhätten und des Reiches sich ermächtigt.
Da rief ich flehend Gottes Mutter an,
Von uns zu wenden fremder Ketten Schmach,
Uns den einheimschen König zu bewahren.
Und vor dem Dorf, wo ich geboren, steht
Ein uralt Muttergottesbild, zu dem
Der frommen Pilgerfahrten viel geschahn,
Und eine heilge Eiche steht darneben,
Durch vieler Wunder Segenskraft berühmt.
Und in der Eiche Schatten saß ich gern,
Die Herde weidend, denn mich zog das Herz.
Und ging ein Lamm mir in den wüsten Bergen
Verloren, immer zeigte mirs der Traum,
Wenn ich im Schatten dieser Eiche schlief.
– Und einsmals als ich eine lange Nacht
In frommer Andacht unter diesem Baum
Gesessen und dem Schlafe widerstand,
Da trat die Heilige zu mir, ein Schwert
Und Fahne tragend, aber sonst wie ich
Als Schäferin gekleidet, und sie sprach zu mir:
»Ich bins. Steh auf, Johanna. Laß die Herde.
Dich ruft der Herr zu einem anderen Geschäft!
Nimm diese Fahne! Dieses Schwert umgürte dir!
Damit vertilge meines Volkes Feinde,
Und führe deines Herren Sohn nach Reims,
Und krön ihn mit der königlichen Krone!«
Ich aber sprach: »Wie kann ich solcher Tat
Mich unterwinden, eine zarte Magd,
Unkundig des verderblichen Gefechts!«
Und sie versetzte: »Eine reine Jungfrau
Vollbringt jedwedes Herrliche auf Erden,
Wenn sie der irdschen Liebe widersteht.
Sich mich an! Eine keusche Magd wie du
Hab ich den Herrn, den göttlichen, geboren,
Und göttlich bin ich selbst!« – Und sie berührte
Mein Augenlid, und als ich aufwärts sah,
Da war der Himmel voll von Engelknaben,
Die trugen weiße Lilien in der Hand,
Und süßer Ton verschwebte in den Lüften.
– Und so drei Nächte nacheinander ließ
Die Heilige sich sehn, und rief: »Steh auf, Johanna,
Dich ruft der Herr zu einem anderen Geschäft.«
Und als sie in der dritten Nacht erschien,
Da zürnte sie und scheltend sprach sie dieses Wort:
Gehorsam ist des Weibes Pflicht auf Erden,
Das harte Dulden ist ihr schweres Los,
Durch strengen Dienst muß sie geläutert werden,
Die hier gedienet, ist dort oben groß.«
Und also sprechend ließ sie das Gewand
Der Hirtin fallen und als Königin
Der Himmel stand sie da im Glanz der Sonnen,
Und goldne Wolken trugen sie hinauf
Langsam verschwindend in das Land der Wonnen.

(Alle sind gerührt. Agnes Sorel heftig weinend verbirgt ihr Gesicht an des Königs Brust)

Erzbischof (nach einem langen Stillschweigen).
Vor solcher göttlicher Beglaubigung
Muß jeder Zweifel irdscher Klugheit schweigen.
Die Tat bewährt es, daß sie Wahrheit spricht,
Nur Gott allein kann solche Wunder wirken.

Dunois. Nicht ihren Wundern, ihrem Auge glaub ich,
Der reinen Unschuld ihres Angesichts.

Karl. Und bin ich Sündger solcher Gnade wert!
Untrüglich allerforschend Aug, du siehst
Mein Innerstes und kennest meine Demut!

Johanna. Der Hohen Demut leuchtet hell dort oben,
Du beugtest dich, drum hat er dich erhoben.

Karl. So werd ich meinen Feinden widerstehn?

Johanna. Bezwungen leg ich Frankreich dir zu Füßen!

Karl. Und Orleans sagst du, wird nicht übergehn?

Johanna. Eh siehest du die Loire zurückefließen.

Karl. Werd ich nach Reims als Überwinder ziehn?

Johanna. Durch tausend Feinde führ ich dich dahin.

(Alle anwesende Ritter erregen ein Getöse mit ihren Lanzen und Schilden, und geben Zeichen des Muts)

Dunois. Stell uns die Jungfrau an des Heeres Spitze,
Wir folgen blind, wohin die Göttliche
Uns führt! Ihr Seherauge soll uns leiten,
Und schützen soll sie dieses tapfre Schwert!

La Hire. Nicht eine Welt in Waffen fürchten wir,
Wenn sie einher vor unsern Scharen zieht.
Der Gott des Sieges wandelt ihr zur Seite,
Sie führ uns an, die Mächtige, im Streite!
(Die Ritter erregen ein großes Waffengetös und treten vorwärts)

Karl. Ja heilig Mädchen, führe du mein Heer,
Und seine Fürsten sollen. dir gehorchen.
Dies Schwert der höchsten Kriegsgewalt, das uns
Der Kronfeldherr im Zorn zurückgesendet,
Hat eine würdigere Hand gefunden.
Empfange du es, heilige Prophetin,
Und sei fortan –

Johanna. Nicht also, edler Dauphin!
Nicht durch dies Werkzeug irdischer Gewalt
Ist meinem Herrn der Sieg verliehn. Ich weiß
Ein ander Schwert, durch das ich siegen werde.
Ich will es dir bezeichnen, wie's der Geist
Mich lehrte, sende hin und laß es holen.

Karl. Nenn es, Johanna.

Johanna. Sende nach der alten Stadt
Fierboys, dort, auf Sankt Kathrinens Kirchhof
Ist ein Gewölb, wo vieles Eisen liegt,
Von alter Siegesbeute aufgehäuft.
Das Schwert ist drunter, das mir dienen soll.
An dreien goldnen Lilien ists zu kennen,
Die auf der Klinge eingeschlagen sind,
Dies Schwert laß holen, denn durch dieses wirst du siegen.

Karl. Man sende hin und tue, wie sie sagt.

Johanna. Und eine weiße Fahne laß mich tragen,
Mit einem Saum von Purpur eingefaßt.
Auf dieser Fahne sei die Himmelskönigin
Zu sehen mit dem schönen Jesusknaben,
Die über einer Erdenkugel schwebt,
Denn also zeigte mirs die heilge Mutter.

Karl. Es sei so, wie du sagst.

Johanna (zum Erzbischof). Ehrwürdger Bischof,
Legt Eure priesterliche Hand auf mich,
Und sprecht den Segen über Eure Tochter!
(Kniet nieder)

Erzbischof. Du bist gekommen, Segen auszuteilen,
Nicht zu empfangen- Geh mit Gottes Kraft!
Wir aber sind Unwürdige und Sünder!
(Sie steht auf)

Edelknecht. Ein Herold kommt vom engelländschen Feldherrn.

Johanna. Laß ihn eintreten, denn ihn sendet Gott!

(Der König winkt den Edelknecht, der hinausgeht)

Eilfter Auftritt

Der Herold zu den Vorigen

Karl. Was bringst du, Herold? Sage deinen Auftrag.

Herold. Wer ist es, der für Karin von Valois,
Den Grafen von Ponthieu das Wort hier führt?

Dunois. Nichtswürdger Herold! Niederträchtger Bube!
Erfrechst du dich, den König der Franzosen
Auf seinem eignen Boden zu verleugnen.
Dich schützt dein Wappenrock, sonst solltest du –

Herold. Frankreich erkennt nur einen einzgen König,
Und dieser lebt im engelländischen Lager.

Karl. Seid ruhig, Vetter! Deinen Auftrag, Herold!

Herold. Mein edler Feldherr, den des Blutes jammert,
Das schon genossen und noch Lieben soll,
Hält seiner Krieger Schwert noch in der Scheide,
Und ehe Orleans im Sturme fällt,
Läßt er noch gütlichen Vergleich dir bieten.

Karl. Laß hören!

Johanna (tritt hervor). Sire! Laß mich an deiner Statt
Mit diesem Herold reden.

Karl. Tu das, Mädchen!
Entscheide du, ob Krieg sei oder Friede.

Johanna (zum Herold).
Wer sendet dich und spricht durch deinen Mund?

Herold. Der Briten Feldherr, Graf von Salisbury.

Johanna. Herold, du lügst! Der Lord spricht nicht durch dich.
Nur die Lebendgen sprechen, nicht die Toten.

Herold. Mein Feldherr lebt in Fülle der Gesundheit
Und Kraft, und lebt euch allen zum Verderben.

Johanna. Er lebte, da du abgingst. Diesen Morgen
Streckt' ihn ein Schuß aus Orleans zu Boden,
Als er von Turm La Tournelle niedersaß.
– Du lachst, weil ich Entferntes dir verkünde?
Nicht meiner Rede, deinen Augen glaube!
Begegnen wird dir seiner Leiche Zug,
Wenn deine Füße dich zurücketragen!
Jetzt Herold, sprich und sage deinen Auftrag.

Herold. Wenn du Verborgnes zu enthüllen weißt,
So kennst du ihn, noch eh ich dir ihn sage.

Johanna. Ich brauch ihn nicht zu wissen, aber du
Vernimm den meinen jetzt! und diese Worte
Verkündige den Fürsten, die dich sandten!
– König von England, und ihr, Herzoge
Bedford und Gloster, die das Reich verwesen!
Gebt Rechenschaft dem Könige des Himmels
Von wegen des vergoßnen Blutes! Gebt
Heraus die Schlüssel alle von den Städten,
Die ihr bezwungen wider göttlich Recht,
Die Jungfrau kommt vom Könige des Himmels,
Euch Frieden zu bieten oder blutgen Krieg.
Wählt! Denn das sag ich euch, damit ihre wisset,
Euch ist das schöne Frankreich nicht beschieden
Vom Sohne der Maria – sondern Karl
Mein Herr und Dauphin, dem es Gott gegeben,
Wird königlich einziehen zu Paris,
Von allen Großen seines Reichs begleitet.
– Jetzt Herold, geh und mach dich eilends fort,
Denn eh du noch das Lager magst erreichen,
Und Botschaft bringen, ist die Jungfrau dort,
Und pflanzt in Orleans das Siegeszeichen.

(Sie geht, alles setzt sich in Bewegung, der Vorhang fällt)

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