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Die junge Frau Kaudel

George Robert Sims: Die junge Frau Kaudel - Kapitel 6
Quellenangabe
typenarrative
booktitleDie junge Frau Kaudel
authorGeorge R. Sims (1847 - 1922)
translatorEmmy Becher (1854 - 1922)
firstpub1906
year1906
publisherVerlag von J. Engelhorn
addressStuttgart
titleDie junge Frau Kaudel
pages160
created20060201
senderngiyaw@googlemail.com
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Die junge Frau Kaudel mißbilligt den Klub.

Herr Kaudel war Mitglied eines wohlbekannten Klubs in der St. Jamesstraße, und wenn seine Frau Besorgungen oder Besuche machte und er zeitweilig unbeaufsichtigt war, liebte er es, eine Stunde des Nachmittags dort zu verbringen.

Eines Tags hatte Herr Kaudel einen sehr unklugen Einfall. Er hörte, daß seine Frau in der Nähe des Klubhauses Besorgungen zu machen habe, und schlug ihr vor, ihn nachher mit dem Wagen dort abzuholen, daß sie zusammen heimfahren könnten.

Sie hatten sich auf fünf Uhr verabredet, da die junge Frau Kaudel aber bei der Schneiderin ihr Kleid noch nicht zur Anprobe bereit gefunden hatte, langte sie schon um halb fünf Uhr am Klub an, und erfuhr, daß Herr Kaudel wohl da gewesen, jetzt aber in den »Konstitutionalklub« in der Northumberland Avenue gegangen sei.

Mit jener Logik, die ihr Geschlecht so reizend kleidet, zog die junge Frau Kaudel aus diesem Umstand sofort den Schluß, daß sie ihrem Mann »auf die Schliche« gekommen sei. Seine Angabe, daß er in den Klub gehe, um Zeitungen zu lesen, war also nur ein niederträchtiger Vorwand. Offenbar behauptete er, im Klub zu sein, wenn er sich sonstwo herumtrieb.

»Es ist eine abgekartete Geschichte,« sagte sie sich, »und ich habe gar keinen Zweifel, daß der Portier mit ihm unter einer Decke steckt. Es gehört zu seinen Dienstobliegenheiten, den Frauen von Mitgliedern, die ihre Männer abholen wollen, etwas vorzuflunkern, aber mich führt man so leicht nicht hinters Licht. Ich werde am Konstitutional vorfahren und mich überzeugen, ob mein sauberer Gebieter wirklich dort ist!«

Einer jener unglücklichen Zufälle, wie sie oft ganze Menschenschicksale zerstören, wollte, daß es Freitag war, und am Freitag nachmittag ist es den Mitgliedern des Konstitutionalklubs gestattet, Damen einzuführen und sie mit Tee und Süßigkeiten zu bewirten.

Als das Coupé an dem Klubhaus vorfuhr und die junge Frau Kaudel einen Schwarm reizender junger Damen hineingehen sah, die von verbindlich lächelnden »Konstitutionellen« begrüßt wurden, stieg die heiße Röte der Entrüstung in ihr hübsches Gesichtchen.

»So!« rief sie. »So also bringt mein Herr Gemahl den Nachmittag zu!«

Einen Augenblick hatte sie nicht übel Lust, einzutreten, sich ihren sauberen Herrn Gemahl tot oder lebendig zur Stelle schaffen zu lassen und ihm angesichts der ganzen Gesellschaft ins Gesicht zu sagen, was sie von seinem Benehmen denke. Da sie aber nur ein Straßenkleid trug und einen Hut, der mindestens vierzehn Tage hinter der neuesten Mode zurückstand, beschloß sie, die Gelegenheit einer öffentlichen Zurückweisung vorübergehen zu lassen, und rief, den Kopf zum Wagen hinausstreckend, dem Kutscher zu: »Nach Hause«

Sie rief es in einem Ton, daß der Kutscher auf seinem Bock zusammenfuhr und beinah die Zügel hätte fallen lassen, und daß der Dienstmann, der bereitstand, um den Wagenschlag zu öffnen, zurückprallte, als ob ihn ein Sprenggeschoß auf dem Schlachtfeld in die Brust getroffen hätte.

Kaudel war mittlerweile nach der Besprechung mit einem Freund, die nur wenige Minuten in Anspruch genommen hatte, nach der St. Jamesstraße zurückgekehrt und nahm fünf Minuten vor fünf Uhr Aufstellung auf den Stufen des Klubhauses, damit seine Frau ja nicht auf ihn zu warten brauchte.

Während er so auf Posten stand, teilte ihm der Portier mit, daß eine Dame schon vor einer halben Stunde nach ihm gefragt habe, worauf er natürlich sogleich nach Hause ging. Als er dort nach seiner Frau fragte, ward ihm der Bescheid, daß sie oben sei und packe.

»Packen!« rief er aus. »Was ins Kuckucks Namen …«

Er vollendete den Satz für sich, während er die Treppe hinaufstürmte. Er fand seine Frau, umgeben von geöffneten Koffern, im Schlafzimmer, wie sie dem Mädchen, das ihre Kleider zusammenlegte, allerhand Befehle erteilte.

»Mabel, was in aller Welt soll das bedeuten?« fragte der Gatte von der Türe her.

Ein vom Weinen aufgedunsenes und gerötetes Gesichtchen wandte sich ihm zu.

»Es bedeutet,« erwiderte eine Stimme, die mit dem Schluchzen kämpfte, »daß ich nach Haus gehe zu meinem Vater.«

Kaudel starrte bestürzt und betroffen auf das schmerzverzerrte Gesicht seiner Frau; das Mädchen aber zog sich taktvollerweise zurück.

»Willst du etwa nach Hause reisen, weil du eine halbe Stunde vor der verabredeten Zeit in den Klub gekommen bist und mich nicht getroffen hast? Ist das der Ursprung dieses verrückten Gedankens?«

Jetzt sah die junge Frau Kaudel den entrüsteten Gemahl mit zornfunkelnden Augen an.

»Verrückt!« rief sie. »Und wenn ich’s bin, wer hat mich dazu gemacht? Wie soll eine Frau bei Vernunft bleiben, wenn sie entdecken muß, daß ihr Mann sie hintergeht? Wenn er behauptet, in seinem Klub Zeitungen zu lesen, und sich indes mit fremden Frauen herumtreibt?«

»Sich mit fremden Frauen herumtreibt — du redest wirklich irr!«

»Schrei so laut du willst, die Stimme der Wahrheit wirst du doch nicht übertönen! Ich bin in deinem gepriesenen Konstitutionalklub gewesen und habe alles mit eigenen Augen gesehen!«

»Der Konstitutional ist ein höchst anständiger Klub und du kannst weder mit deinen eigenen Augen, noch mit andern, die du für die Gelegenheit entlehnt hättest, etwas Unpassendes dort gesehen haben.«

»Du warst also dort, Wilfrid, du leugnest es nicht — und ich sah Damen in Menge hineingehen.«

»Es waren in der Tat Damen dort,« gab Kaudel zu, dem endlich ein Licht aufging, »aber ich kann doch wahrlich nichts dafür! Ich wußte gar nicht, daß Damentag war, und ging hin, um meinen Freund Tom Dexter zu sprechen.«

»Um Tom Dexter zu sprechen — wahrhaftig?«

»Ja, er ist der Herausgeber einer illustrierten Zeitschrift, für die ich arbeite. Das weißt du wohl und du kennst ihn auch — ich habe ihn dir vorgestellt.«

»Ja, das weiß ich, und wo hast du ihn mir vorgestellt?«

»Wo? Irgendwo muß es gewesen sein …«

»Ich weiß es noch ganz genau — im Empiretheater war’s!«

»So?« sagte Kaudel, etwas betroffen. »Freilich jetzt entsinne ich mich! Wir hatten eine Loge und trafen Dexter im Foyer …«

»Jawohl,« sagte die junge Frau Kaudel, das Kinn in der Luft. »Gerade der Ort, wo man erwarten durfte, deine Klubkumpane zu treffen.«

»Wie abgeschmackt! Tom Dexter ist der solideste Mann von der Welt. Er war damals mit seinem Zeichner im Empire, um eine Aufnahme für seine Zeitschrift machen zu lassen.«

»Das setzte er uns auseinander und ich habe auch einige von den Bildern gesehen — reizende Bilder waren es, ganz gewiß, höchst pikant!«

»Mabel, es ist geradezu bösartig von dir, mit derartigen Verdächtigungen um dich zu werfen. Du weißt, daß Dexter eines Bildes, das heißt einer Illustration wegen dort gewesen ist, du hast die Zeichnungen sogar nachher in seiner Zeitschrift gesehen, und was hat es denn überdies auf sich, wenn er dort war? Alle Welt geht ins Empire, Herzöge und Herzoginnen, sogar Geistliche, und zwar mit ihren Frauen. Es ist ja zu dumm — habe ich denn nicht dich hingeführt?«

»O ja, ins Empire hast du mich geführt, in deinen Klub aber nie!«

»Weil wir überhaupt keine Damen zulassen …«

»Aha! Und deshalb läufst du davon und gehst in den Konstitutional!«

»Mabel, du kannst einen Heiligen zum Fluchen bringen mit deinen grundlosen Bezichtigungen!«

»Da du kein Heiliger bist, brauchst du jedenfalls nicht zu fluchen! Ich gehe heim zu meinem Vater — der bringt seine freie Zeit in der Familie zu, geht nicht ins Empire und nicht in den Konstitutional, gehört zu keinem Klub und — der hat mich lieb.«

Die junge Frau Kaudel ließ sich auf einem Stuhl nieder und vergrub das Gesicht in ihrem Taschentuch.

»Wenn du mir gesagt hättest, daß du in Klubs gehst,« schluchzte sie, »würde ich dich nicht geheiratet haben.«

»Du redest den hellen Unsinn, Kind! Ein Mann muß mitunter in den Klub gehen, besonders ein Schriftsteller. Man findet dort alle Zeitungen und Monatschriften vor und trifft Männer, die einem nützlich sein können. Wer für Zeitungen schreibt, muß wissen, was in der Welt vorgeht.«

»Aber du schreibst nicht für Frauenzeitungen,« entgegnete die junge Frau Kaudel wimmernd, »kannst also nicht behaupten, du müssest in den Konstitutionalklub gehen.«

»Ich habe dir gesagt, weshalb ich dort war, und es ist kein Damenklub, sondern ein politischer Klub der konservativen Partei, einer der angesehensten in London. Balfour besucht ihn auch.«

»Am Damentag?«

»Dieser Damentag ist dir in den Magen gefahren! Es gibt viele Klubs, die Damentage haben.«

»Der deinige auch?«

»Nein, mein Kind. Mein Klub ist einer der aller ernsthaftesten und solidesten. Chamberlain ist auch Mitglied.«

»Das ist mir einerlei — die ganze Klubwirtschaft ist mir nun einmal zuwider.«

»Und weshalb?«

»Weil die Klubs die Männer der Häuslichkeit entziehen. Und was deinen betrifft, so habe ich ganz junge, modische Herren hineingehen sehen, und als ich dich einmal dort abholte, sah ich Damen vorfahren und ein Briefchen hineinschicken, worauf hübsche junge Männer herauskamen.«

»Es passiert auch hübschen jungen Männern, verheiratet zu sein,« bemerkte Kaudel mit Milde.

»Ach, sind das nur ihre Frauen, die Briefchen hineinschicken dürfen? Muß man dem Portier denn Trauschein vorweisen, ehe er sie abgibt?«

»Meine liebe Mabel, wenn du nur einmal im Leben eine Stunde in meinem Klub zubringen könntest, würdest du dir einen ganz anderen Begriff davon machen! Die Mitglieder sitzen in ihren Lehnstühlen und lesen, selten wird gesprochen, ja in einem Zimmer ist unbedingt Schweigen vorgeschrieben.«

»Das wird man nur angeordnet haben, um dem Skandalklatsch Einhalt zu tun!«

»Skandalklatsch — in meinem Klub!« rief Kaudel entrüstet. »Nächstens behauptest du noch, wir hätten eine Schnapsbude und einige von den Mitgliedern ständen unter Polizeiaufsicht.«

»O, ich weiß denn doch etwas mehr vom Klubleben, als du denkst. Wenn der Klub etwas so Harmloses wäre, warum würde die Polizei Klubhäuser durchsuchen? Erst neulich wurde eins durchsucht.«

»Das war ein Spielerklub.«

»Wirklich? Nun, ich bin fest überzeugt, daß die Mitglieder dieses Spielerklubs ihren Frauen auch weismachen, es sei ein höchst ehrsamer Ort! Ich habe den Bericht über die Haussuchung dort ganz genau gelesen, mußt du wissen — nette Geschichten sind da an den Tag gekommen. Eine Damennacht hatten sie auch, gerade wie der Kon—«

»Mabel, du redest Blödsinn! Die politischen Klubs sind keine Nachthäuser!«

»O doch, sie sind ja bis zwei Uhr morgens offen. Das hast du mir selbst von deinem eigenen Klub erzählt.«

»Mit dir ist nicht zu streiten!« rief Kaudel erschöpft. »Dich über etwas belehren zu wollen ist hoffnungslos. Das Klubleben ist in Wirklichkeit nicht nur anständig, sondern geradezu langweilig.«

»Wohl und gut, dann werde ich auch einem Klub beitreten. Es gibt Damenklubs genug. Ich werde eine Freundin bitten, mich im ›Kaiserinklub‹ vorzuschlagen. Dort werde ich dann mit der Zigarette im Mund unterm Fenster liegen, und wenn du siehst, daß ein fescher Wagen vorfährt und ein junger Herr mir einen Zettel hineinschickt, so darfst du dich nicht mucksen.«

Diese Vorstellung vom Leben und Treiben in einem der angesehensten und würdevollsten Damenklubs der Stadt, war zu viel für Kaudel. Er mußte sich in einem Lachanfall auf den Bettrand setzen.


»Der Friede wurde wieder hergestellt,« schreibt Kaudel, »aber die Kriegsentschädigung sehr hoch angesetzt. Meine Frau war längst von brennendem Verlangen nach einem Armband mit Opalen, das sie in der Auslage eines Juweliers gesehen hatte, beseelt. Ich hatte energische Einsprache gegen Anschaffung so übel beleumundeter Juwelen erhoben, und zwar nicht nur aus Sparsamkeit, sondern weil ich tatsächlich den Aberglauben teile, daß der Opal Unglück bedeutet. Nun ließ ich mich doch bewegen, das Armband zu kaufen. Die Freude verbreitete hellen Sonnenschein über ihr niedliches Gesichtchen und mein unglückseliger Einfall, einen Freund am Damentag in seinem Klub zu besuchen, erlangte vorübergehend Verzeihung.«

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