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Die junge Frau Kaudel

George Robert Sims: Die junge Frau Kaudel - Kapitel 4
Quellenangabe
typenarrative
booktitleDie junge Frau Kaudel
authorGeorge R. Sims (1847 - 1922)
translatorEmmy Becher (1854 - 1922)
firstpub1906
year1906
publisherVerlag von J. Engelhorn
addressStuttgart
titleDie junge Frau Kaudel
pages160
created20060201
senderngiyaw@googlemail.com
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Die junge Frau Kaudel zieht Hyazinthen.

Die grüne Ölfarbe auf den Blumenkasten und Pflanzenkübeln war trocken geworden, und auch das Fell des Terriers Prinz, der leider auf den Balkon gerannt war, um ein vierbeiniges Gegenüber anzubellen, dann in seiner Aufregung den Farbstoff, den Frau Kaudel draußen gelassen hatte, weil im ganzen Haus kein Platz dafür war, umgeworfen und sich ruhig in die Brühe gesetzt hatte, war wieder rein.

Fleißige Anwendung von Terpentinöl bei Hund, Balkon und allen Teppichen, über die Prinz mit grünen Pfoten gelaufen war, hatte jedem Ding seine ursprüngliche Farbe zurückgegeben, und Kaudel hatte sich nach und nach vollständig mit dem Blumensport seiner Frau ausgesöhnt. Im sicheren Bewußtsein, daß sie sich mit Gärtnerhandschuhen im Umfang, von Gardistenfäustlingen, verschiedenen Samensäckchen, einem Bündel Blumenstäbe und einer Gießkanne vollkommen glücklich fühle, saß er in seinem Arbeitszimmer und kam mit seinem Roman rasch vorwärts.

Tagelang stieg am azurblauen Himmel ihrer Häuslichkeit kein Wölkchen auf es war ein Eden der Topfgärtnerei, bis die Schlange herbeikroch und dieser Eva zuflüsterte: »Treibe Hyazinthen!«

Als die junge Frau Kaudel eines Nachmittags zu ihrem Mann sagte: »Wilfrid, ich möchte, daß du mit mir gingest, um Hyazinthengläser und Zwiebel zu kaufen,« tat er ihr arglos den Willen.

Er hatte in vielen Fenstern der Vorstadtvillen Hyazinthen stehen sehen, deren schwere Blüten sich an die Fensterscheiben lehnten, und nahm nichts anderes an, als daß man die Blumen kaufe und ein wenig damit prunke.

Als einige Dutzend Gläser in verschiedenen Farben und Formen erstanden waren, sagte Kaudel: »Mehr können wir gar nicht unterbringen. Jetzt wollen wir die Blumen kaufen. Die weißen und rosenfarbigen habe ich am liebsten.«

»Blumen!« rief die junge Frau Kaudel. »Fällt mir gar nicht ein, Blumen zu kaufen! Zwiebel werde ich kaufen, dann füllt man die Gläser mit Wasser, steckt die Zwiebel hinein, und da wachsen sie. In meinem Buch steht, es sei etwas ganz Wunderbares, das Gespinst von Wurzeln, Myriaden weißer Würzelchen, im Wasser zu sehen. Es dauert Wochen, bis die Blumen kommen, und sie bedürfen ungeheurer Sorgfalt und Wartung. Gerade deshalb ist es so interessant, Hyazinthen zu treiben. Tag und Nacht werde ich darauf achthaben müssen.«

»Ach so!« sagte Kaudel etwas kleinlaut. »Und — wo — wo wird denn das vor sich gehen?«

»Möchtest du einige in deinem Arbeitszimmer haben, Liebster? Du kannst ein halbes Dutzend haben, wenn du magst …«

»Und du würdest Tag und Nacht pflegen? Nein, danke schön, mein Arbeitszimmer kann ich nicht als Blumenkinderstube abgeben, ich muß mein Brot darin verdienen!«

»Wie magst du nur gleich vom Erwerb reden, wenn ich nichts will, als dein Zimmer mit ein paar Blumen schmücken! Das ist ganz abscheulich von dir! Jeder Metzger stellt Blumentöpfe und Blumenvasen zwischen seine Fleischstücke, und du willst ein Dichter sein!«

»Sehr poetisch konnte ich die Blumenstöcke zwischen geschlachteten kopflosen Hammeln nie finden,« entgegnete Kaudel, »und geradezu in eine Linie mit einem Fleischerladen brauchst du mein Arbeitszimmer auch nicht zu stellen. Es ist doch ein Unterschied, ob man Tiere umbringt oder Menschen schafft.«

»Ich bitte dich, Wilfrid, sei nicht geistreich! Das kann ich nicht ausstehen. Mein Vater pflegte auch solche Sätze aufzustellen und uns dann erwartungsvoll anzusehen — das war mit ein Grund für mich, zu heiraten, um davon wegzukommen.«

»Danke!« sagte Kaudel, eine Grimasse schneidend. »Ich wußte nicht, daß du mich nur als Zuflucht vor väterlichem Geist erkoren hast!«

»Sei doch nicht abgeschmackt — so hab’ ich’s ja gar nicht gemeint. Ich kann’s aber nicht leiden, wenn du meine Liebe zum Schönen bespöttelst. Wenn ich dir Blumen angeboten hätte, eh’ wir verheiratet waren, würdest du mir eine sehr zärtliche und poetische Antwort gegeben haben!«

»Meine liebe Mabel, ich habe nichts gegen die Blumen gesagt, sondern mich nur gegen den Vergleich mit einem Fleischerladen aufgelehnt, und du wirst zugeben, daß zwischen Poesie und einem Fleischerladen kein Zusammenhang besteht.«

»O Wilfrid, wie magst du das behaupten? Hat nicht Alfred Tennyson, mein liebster Dichter, Veilchen und Rippchen besungen?«

»Wie du meinst,« sagte Kaudel ermüdet. »Laß uns jetzt die Zwiebel kaufen und nach Hause gehen — ich habe heute noch viel zu erledigen.«


Es war Abend, und Kaudel befand sich mitten in einer aufregenden Mordgeschichte. Dieser Mord war der Angelpunkt seines Romans; es war ihm gelungen, die Tat in höchst origineller Weise begehen zu lassen. Er hielt jetzt inne, um sich den Vorgang zu vergegenwärtigen und zu überdenken, wie er die Heldin jedem bis auf die Polizei verdächtig erscheinen, und die Polizei eine ganz ebenso unschuldige Persönlichkeit verfolgen lassen könne, als die junge Frau Kaudel sanft an seine Türe pochte.

»Wer ist’s?« rief Kaudel ärgerlich.

Langsam, außerordentlich langsam ging die Tür auf und Frau Kaudel wurde sichtbar, mit einer Hand einen Ofenschirm wie einen Zuluschild vor sich haltend, in der andern den federbesetzten Staubwischer schwingend.

»Wilfrid,« rief sie, »ich weiß, daß ich mein Leben aufs Spiel setze, und so will ich’s wenigstens teuer verkaufen, aber ich muß dich bitten, mir fünf Minuten zu schenken.«

»O Mabel!« stöhnte Kaudel. »Und ich bin mitten in einem Mord!«

»Nun, Wilfrid, wenn du dein Brot durch Verbrechen verdienen mußt, so ist das nicht meine Schuld. Aber laß deine grauenhafte Arbeit für einen Augenblick im Stich und gib mir einen Rat wegen der Hyazinthen — das kann nur erfrischend für dich sein nach so viel Blutvergießen.«

»Mabel, das heißt den Spaß zu weit treiben,« schrie Kaudel ärgerlich. »Wenn ich meine Arbeit auf fünf Minuten unterbreche, so komme ich heute abend nicht mehr in Zug, und es ist von höchster Wichtigkeit, daß ich einen andern in Verdacht bringe.«

»Nun gut, dann nimm mich dafür. Jetzt kannst du ruhig die Feder hinlegen und fünf Minuten lang ein unschuldiger Mensch sein. Ich möchte, daß du mit mir hinaufgingest und in meinen dunklen Schrank blicktest.«

»Ein dunkler Schrank?« fragte Kaudel beunruhigt. »Du … du hast doch nicht geheimnisvolle Geräusche gehört, oder …?«

»Nein, gewiß nicht, aber meine Hyazinthen sind drin.«

»Wozu in aller Welt?«

»Um zu wachsen! Sechs Wochen müssen sie in den mit Wasser gefüllten Gläsern im Dunklen stehen, dann macht man die Schranktüre nur ein klein wenig auf und läßt durch den Spalt ein winziges Lichtstrählchen einfallen. Man nimmt die Zwiebel heraus, wäscht die Wurzeln vorsichtig mit lauwarmem Wasser ab und stellt sie wieder hinein. Und du sollst mir die Zwiebel halten, während ich die Wurzeln mit einem Schwämmchen abwasche.«

Kaudel warf die Feder hin und starrte seiner Frau ins Gesicht.

»Mabel!« begann er mit vor Entrüstung, bebender Stimme, worauf Frau Kaudel sofort ihren Schild bis zur Höhe der Stirne vor sich hin hielt und den Staubwischer handhabte, wie sie Zulus in »Südwestafrika« ihre Lanzen hatte handhaben sehen.

»Hüte dich!« rief sie dramatisch. »Die Spitze dieser Waffe ist vergiftet!«

Aber Kaudel hatte in diesem Augenblick keinen Sinn für Humor, die ganze Anlage der falschen Verdächtigung war wie weggeblasen aus seinem Gehirn.

»Es ist ungeheuerlich!« rief er. »Da sitze ich und quäle mich und arbeite wie ein Kuli, und du kommst, um mir die Zeit mit deinen verdammten Zwiebeln zu stehlen.«

»Meine Zwiebel sind nicht verdammt, sie gedeihen wundervoll,« entgegnete Frau Kaudel mit Würde. »Eine ist die Gertrud, die wird blaß rosenrot, dann kommt der Charles Dickens, der wird porzellanblau, dann Herr Plimsoll — schneeweiß, der Zar Peter — leuchtend hellblau, und Robert Steiger wundervoll kirschrot, noch viel röter, als du jetzt bist, Wilfrid, mit deiner Zornesader auf der Stirne! Weshalb du nur so heftig bist? Du wirst noch einen Schlaganfall bekommen, wenn du über nichts und wieder nichts in solche Berserkerwut gerätst — dann wirst du’s einsehen, aber es wird zu spät sein.«

»Und wessen Schuld wird es sein, wenn ich einen Schlaganfall bekomme? Die deinige!«

»Wilfrid, du solltest dich schämen! Man denke sich einen Mann, der Schlaganfälle bekommt, weil seine Frau die herrlichsten Hyazinthen treibt, um sein Heim zu schmücken!«

»Es ist mir ganz einerlei, ob du Hyazinthen treibst. Meinetwegen magst du Kohl pflanzen,« stöhnte Kaudel. »Bepflanze alle Schränke und Schiebfächer im Haus mit Mangoldwurzeln und wasche sie mit Sekt und mit meinem eigenen Badschwamm, aber laß mich ungeschoren.«

»Meine herrlichen Hyazinthen mit Mangoldwurzeln zu vergleichen!« rief die gekränkte Künstlerin. »Sie sind Gedichte.«

»Nette Gedichte!« warf Kaudel mit hohlem Auflachen hin. »Ich hab’ sie gesehen!«

»Du hast sie gesehen? Wann?«

»Vor acht Tagen etwa hab’ ich den Schrank aufgemacht und das Zeug besichtigt. Sah aus wie schmutzige Rüben in Nudelsuppe.«

Mit einem leisen Aufschrei sank die unglückliche Frau Kaudel auf einen Stuhl.

»O meine armen Hyazinthen! Zerstört, vernichtet für immer! All meine Mühe vergebens!«

»Was soll denn das heißen?«

»Wenn du vor acht Tagen den Schrank geöffnet hast, Wilfrid, dann ist alles verloren! In meinem Buch steht, daß, wenn die Zwiebel vor sechs Wochen dem Licht ausgesetzt werden, die Blüte armselig und farblos bleibt. O, wie konntest du nur — wie konntest du dich unterstehen, meinen Hyazinthenschrank zu öffnen!«

»Das Recht, in meinem eigenen Haus einen Schrank zu öffnen, wird mir wohl niemand bestreiten! Woher hätte ich wissen sollen, daß man die verwünschten Dinger nicht einmal ansehen darf?«

»Woher du das hättest wissen können? Du hättest mich nur zu fragen gebraucht. Du hast überhaupt nicht nötig, überall herumzuschnüffeln! Da habe ich nun eine Masse Geld ausgegeben für Gläser und Zwiebeln, habe mich gefreut, dich mit den herrlichen Blumen zu überraschen, sie im Eßzimmer und in deiner Stube an die Fenster zu stellen — ich war so glücklich mit meinen Hyazinthen — und nun — und nun …«

»Nimm dir’s doch nicht so zu Herzen, Kind! Vielleicht ist das Unheil, das ich angerichtet habe, gar nicht so schlimm, als du denkst. Weißt du, ich habe ja die Tür nur einen Augenblick geöffnet, nur — weil ich so furchtbar gespannt war auf die Dinger und sehen wollte, ob sie vorwärts machen. Komm, sei gescheit und gräme dich nicht so — ich will ja mit dir hinaufgehen und dir all die Zwiebel halten, bis du alle Wurzeln gewaschen hast.«

»Ich will ja gar nicht alle Wurzeln waschen,« versetzte die junge Frau Kaudel etwas beschwichtigt, »nur der Zar Peter und vielleicht noch Herr Plimsoll könnten herausgenommen und abgewaschen werden. Komm und hilf mir! Ich möchte so furchtbar gern im Frühjahr Staat machen können mit selbstgezogenen Hyazinthen. Mein Vater zieht auch welche, und ich möchte ihn gern übertrumpfen!«


»So ließ ich denn meinen Mord im Stich,« setzt Kaudel hinzu, »und kletterte ins oberste Stockwerk hinauf, wo sich der dunkle Schrank befand. Ich hielt die Zwiebel in der einen Hand und mit der andern ein Nachtlicht auf einer Untertasse, denn das elektrische Licht hätte den Hyazinthen schaden können, und so mußte ich volle zwei Stunden ausharren. Zu guter Letzt aber hatten wir wirklich großen Erfolg mit unsern Hyazinthen. Als sie zur Blüte kamen, stellten wir sie teils an die Fenster zum Ärger der Nachbarn, die keine selbstgezogenen hatten, teils wurden sie in den Zimmern verteilt.

»So kamen ›Robert Steiger‹ und ›Gertrud‹ auf ein königliches Derby-Teebrett, das mich vierzig Pfund gekostet hatte, und dieser ›Robert Steiger‹ wurde ein so riesiger Bursche, daß er in einer Nacht das Übergewicht bekam und eine von den königlichen Derby-Tassen zerschmetterte. Aber was lag daran? Die Hyazinthen meiner Frau waren die reinen Bilder, und als ihr Vater im Frühjahr kam, mußte er zugeben, daß seine Hyazinthen nicht halb so üppig blühten. Die junge Frau Kaudel war so glückselig, ihren Vater in der Hyazinthenzucht übertroffen zu haben, daß sie mir erklärte, nächstes Jahr werde sie alle Schränke für Hyazinthengläser einrichten.

»Kein Wunder, daß der König und die Königin den Gemeinderat von London ermahnt haben, bei Hauseinrichtungen auf Anschaffung einer reichlichen Anzahl von Schränken bedacht zu sein.«

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