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Die junge Frau Kaudel

George Robert Sims: Die junge Frau Kaudel - Kapitel 21
Quellenangabe
typenarrative
booktitleDie junge Frau Kaudel
authorGeorge R. Sims (1847 - 1922)
translatorEmmy Becher (1854 - 1922)
firstpub1906
year1906
publisherVerlag von J. Engelhorn
addressStuttgart
titleDie junge Frau Kaudel
pages160
created20060201
senderngiyaw@googlemail.com
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Die junge Frau Kaudel geht heim zu ihrem Vater.

Kaudel hatte erkannt, daß er als Journalist die Pflicht habe, ein maßgebendes Wort über Freihandel und Schutzzoll zu sprechen. Chamberlain hatte den Fehdehandschuh der Vorzugstarife hingeworfen, und jeder Freihändler, der einigermaßen der Feder oder des Wortes mächtig war, fühlte sich berufen, ihn aufzunehmen. Kaudel stammte aus einer radikalen Familie und war als Anhänger des Freihandels zur Welt gekommen. In seinem Schlafzimmer hing das Bildnis eines Großvaters, der darauf eine wunderliche Pergamentrolle unterm Arm hielt, eine Pergamentrolle, von der man annahm, daß sie die der Volkscharte sei. Kaudels Großvater war ein Führer der Chartisten gewesen, aber andre Zeiten, andre Sitten, und Kaudel selbst war nach einer radikalen Jugend in mittleren Jahren ein gemäßigter Liberaler und Anhänger des unionistischen Gedankens geworden.

In der Frage des Freihandels war er jedoch immer fest geblieben, und erst als der gegenwärtige große Vertreter des Einheitsgedankens gesagt hatte, das Reich brauche Gegenseitigkeit, und von einem Zollverein und Vorzugstarifen gesprochen hatte, war Kaudel auf die Idee gekommen, daß das zwanzigste Jahrhundert eben nicht das neunzehnte sei, und unterm Eindruck des den Freihändlern ins Gesicht geschleuderten Worts von einem Schibbolet hatte er sich über statistische Werke hergemacht, um die Sache gründlich zu studieren.

Nachdem er das getan und seine Zahlen zusammengetragen hatte, schickte er sich an, einen Aufsatz zu schreiben, von dem er annehmen zu dürfen glaubte, daß er beträchtliches Licht in die Sache bringen werde, und gerade als er so weit war, verkündigte ihm die junge Frau Kaudel, daß sie einen »Vakuumreiniger« aufstellen werde.

»Einen — was?« fragte Kaudel.

»Einen Vakuumreiniger. Es ist eine wunderbare Erfindung! Die Maschine wird vor dem Haus auf der Straße ausgestellt und die Röhren werden durch die Fenster eingeführt, gehen bis auf den Fußboden hinunter und saugen allen Staub der Teppiche auf. Ich werde zuerst dein Arbeitszimmer und dann das Eßzimmer auf diese Weise reinigen lassen.«

»Was?« stammelte Kaudel, nach Luft ringend. »Jetzt haben wir gerade das Frühjahrsreinemachen überstanden, und jetzt willst du Röhren in mein Zimmer einführen und mich hinauspumpen. Nimmermehr!«

»Das Frühjahrsreinemachen ist ganz wertlos,« entgegnete ihm die junge Frau Kaudel. »Dabei jagt man nur den Staub von einem Fleck zum andern, während diese Maschine ihn aufsaugt und mit fortnimmt. Es ist eine großartige Idee! Ich habe den Apparat nämlich am Nachmittag bei Frau Brown arbeiten sehen — Frau Brown wurde beinahe ohnmächtig, als die Männer ihr zeigten, wieviel Staub aus ihren Teppichen herausgepumpt worden war. Verschiedene von den königlichen Schlössern sind auch ›gevakuumt‹ worden, und die hatten’s offenbar sehr nötig. Dabei werden auch die Härchen des Gewebes so aufgerichtet, daß der Teppich nachher wie neu aussieht.«

»Mabel, ich habe die Maschine auch arbeiten sehen an der andern Seite des Parks. Die Geschichte sah aus wie ein wahnsinnig gewordener stehender Motor. Ich will ja gar nicht in Zweifel ziehen, daß sie die Häuser säubert, wie sie nie gesäubert wurden, aber jedes Ding hat seine Zeit. Warten wir bis zum nächsten Frühjahr.«

»Lächerlich! Das ist ja fast noch ein Jahr! Überdies weiß ich nicht, weshalb du wieder solche Schwierigkeiten machst. Das Vakuum ist flink, und die ganze Geschichte ist an einem Nachmittag getan. Was hast du denn gegen das Vakuum?«

»Den Widerstand menschlicher Natur!« rief Kaudel. »Die menschliche Natur haßt das Vakuum.«

»Die menschliche Natur verlangt aber nach staubfreien Teppichen. Ich habe die Maschine auf morgen nachmittag bestellt.«

»Mabel,« versetzte Kaudel, »ich bin in einer Untersuchung begriffen, von der die Zukunft des britischen Reichs abhängt. Ich habe die Statistik des Welthandels gesammelt; diese mit Zahlen beschriebenen Blätter, die auf dem Tisch zerstreut liegen, enthalten sie. Wenn das Vakuum alles aufsaugt, wird es auch meine Notizen aufsaugen, und das Reich wird im Finstern weitertappen, vielleicht dem Abgrund der Vernichtung zu. Macaulays Neuseeländer mag durch die Art und Weise, wie du mich in diesem kritischen Augenblick verfolgst, in die Lage kommen, die Londoner Brücke als Ruine zu sehen!«

»Von diesem Neuseeländer weiß ich nichts, du scheinst mir aber auch einer zu sein. Du sprichst so viel wie dein Freund Dick Seddon!«

»Lassen wir Dick Seddon aus dem Spiel. Der ist glücklich in seinem Heim und wird nicht gegen seinen Willen ›gevakuumt‹, wie du dich ausdrückst. Geh, ich beschwöre dich, und laß mich entscheiden, worin meines Vaterlands Rettung liegt, im Freihandel oder im Vakuum — will sagen in Schutzzöllen.«

»Wilfrid,« versetzte die junge Frau Kaudel in strengem Ton, »ich habe mich entschlossen, mein Haus reinigen zu lassen, und es ist nicht deines Amts, dich in Haushaltungssachen zu mischen. Ich will Herrin in meinem eigenen Haus sein und nicht das Gefühl haben, gleichsam als Logierbesuch geduldet zu werden.«

»O, meine liebe Mabel — du geduldet — du Logierbesuch! Wenn es je eine Frau gegeben hat, die ihren ganzen Hausstand in Furcht und Zittern …«

»O, nun bist du im rechten Zug! Mach doch einen Tyrannen, eine Virago aus mir! Wundert mich, daß du mich nicht kurzweg mit der Kaiserinwitwe von China vergleichst, damit wäre alles gesagt.«

»Die Kaiserin von China ist eine alte Katze und du bist nur ein boshaftes niedliches Kätzchen, das mit meinem Temperament spielt wie mit einem Wollknäuel.«

»Dein Temperament hat sehr wenig Ähnlichkeit mit einem Wollknäuel, höchstens daß es auch leicht in Verwirrung gerät. Es gleicht eher einem Stück Schiffstau.«

»Mit einem echten Liebesknoten am Ende,« bemerkte Kaudel lächelnd.

»Von echter Liebe merkt man nicht viel bei einem Mann, der seiner Frau immer widerspricht, wenn sie für sein Behagen sorgen will!«

»Mein Behagen!« rief Kaudel mit einem anklagenden Blick gegen die Zimmerdecke. »Schafft es dem Mann etwa Behagen, wenn sein Arbeitsraum von einem Vakuum aufgesaugt wird?«

»Wir wollen nicht weiter streiten über diesen Punkt. Die Maschine ist auf morgen nachmittag zwei Uhr bestellt.«

»Und keine von ihren Röhren wird in dieses Zimmer hereinkommen; ich werde die Türe vernageln und die Fenster verbarrikadieren. Dann laß mein Zimmer meinetwegen durchs Schlüsselloch aussaugen, denn jeder andre Zugang wird versperrt sein. Nicht einmal durch den Schornstein sollst du hereingelangen können; ich werde die Klappe der Feuerung schließen.«

»Wilfrid, ich will nicht vor den Leuten lächerlich gemacht werden, nicht als Null im Hause dastehen. Die Bestellung ist eingetragen und ich widerrufe sie nicht. Mit deinem Zimmer wird angefangen.«

»Es wird nicht geschehen!«

»Es wird geschehen!«

»Geh, geh jetzt, mein Kindchen, und spiele. Ich muß bis Mittag einen Artikel über Freihandel schreiben und jetzt ist’s schon elf Uhr vorüber.«

»Wilfrid, wenn du das Vakuum nicht duldest, so verlasse ich dein Haus. Ich werde heimgehen zu meinem Vater.«

»Ein vortrefflicher Einfall! Nimm das Vakuum mit und laß deines Vaters Haus durch die Fenster aussaugen. Vielleicht ist’s ihm nicht so unangenehm.«

»Mein Vater ist ein verständiger Mann. Er mischt sich nie in Haushaltungsgeschäfte, sondern überläßt sie meinen Schwestern.«

Kaudel stand auf, faßte seine Frau sanft am Arm und führte sie nach der Türe.

»Mabel, ich werde jetzt meinen Artikel schreiben, das bin ich meinem Lande schuldig. Laß mich in Frieden.«

»Ich werde dich für immer in Frieden lassen!« rief die junge Frau Kaudel aufs höchste entrüstet. »Ich habe dir oft damit gedroht, aber dieses Mal werde ich Ernst machen.«

Kaudel lachte.

»Mabel, Mabel, du setzst einen Dampfhammer in Bewegung, um eine Nuß aufzuknacken.«

»Nein, aber eine Dampfmaschine,« gab sie zurück, schritt würdevoll hinaus und warf die Türe hinter sich zu.

In der Annahme, daß sich das kleine Gewitter bald austoben und der blaue Himmel wieder zum Vorschein kommen werde, machte sich Kaudel an die Arbeit, vertiefte sich, seine Gedanken mit aller Willenskraft zusammenraffend, in die Statistik des Freihandels und schrieb einen Artikel, der den Leser am Schluß in gänzlicher Ungewißheit über die Meinung des Verfassers ließ. Das ist weitaus die sicherste Art, über einen Gegenstand zu schreiben, es müßte denn sein, man verstünde wirklich etwas von seinem Thema. Als er fertig war, trug er sein Manuskript selbst auf die Post, um es als Expreßbrief zu befördern, und da er sich für diesen Tag verabredet hatte, mit einem Bekannten im Klub zu frühstücken, setzte er getrost seinen Weg nach dem Westen fort.

Als er nach Hause kam, war es fünf Uhr, und da seine Frau und den Hund vor Tisch spazieren zu führen pflegte, so oft er im Klub gefrühstückt hatte, fragte er gleich unten an der Haustüre, ob Frau Kaudel oben sei.

»Nein, die gnädige Frau ist nach Birmingham abgereist!«

»Nach Birmingham!« stammelte Kaudel, fast gegen den Schirmständer taumelnd.

»Ja, sie hat einen Brief an den Herrn zurückgelassen. Er liegt auf dem Schreibtisch.«

Kaudel trat in sein Arbeitszimmer, suchte den Brief, fand ihn und las:


»Lieber Wilfrid!

Ich bin nach Hause gegangen. Ich kann mich nicht länger als Null in meinem Haushalt behandeln lassen. Das Vakuum ist abbestellt, und zwar telegraphisch, was sechs Pence gekostet hat. Sei so freundlich und rechne sie zum Betrag meines wöchentlichen Nadelgelds, das Du mir wohl per Scheck schicken wirst.
Mabel.«

Einen Augenblick starrte Kaudel in stumpfer Verblüffung auf diese Zeilen. Dann warf er das Briefchen mit einer Bemerkung, die in keinem Liebesbriefsteller zu finden ist, beiseite.

»Abscheulich, grundschlecht ist es!« rief er. »Davonlaufen und all meine Absichten durchkreuzen — mich müde zu hetzen, bis mir der Kopf wirbelt. Und das alles einer verdammten Maschine halber, die den Staub aus den Teppichen saugt!«

Er ging aus, ohne den Hund mitzunehmen, spazierte vor dem Haus auf und ab und sagte der jungen Frau Kaudel die Meinung. Wenn Kaudel aufgeregt war, pflegte er auf der Straße laut vor sich hin zu sprechen. Das hatte weiter nichts auf sich, als daß jeder Droschkenkutscher, der gerade unbesetzt des Wegs fuhr, anhielt, in der Meinung, Kaudel habe ihn angerufen.

Nachdem er der abwesenden Frau Kaudel auseinandergesetzt, was er von ihrem Benehmen hielt, und manche beißende Bemerkung hingeworfen hatte, die er der Anwesenden gegenüber wohl bei sich behalten hätte, kehrte er nach Hause zurück und verzehrte seine einsame Mahlzeit, deren vier Gänge ihn in verschiedene Stimmungen versetzten. Bei der Suppe war er melancholisch, beim Fisch wütend, beim Braten entwarf er Telegramme, um sie sofort wieder zu verwerfen, und bei der süßen Speise stieß er einen tiefen Seufzer aus und rief, die Anwesenheit des Zimmermädchens rein vergessend: »Ich werde sie nicht zurückrufen! Mag sie bleiben, wo sie ist; ich werde mir die Zeit schon vertreiben.«

Bei Kaffee und Zigarre kam etwas mehr philosophische Ruhe über ihn. Er schrieb an seine Frau, sagte ihr, daß sie sich abgeschmackt benommen habe, daß ihr aber der kleine Erholungsausflug wohl zu gönnen sei. Er hoffe, daß sie zurückkehren werde, sobald sie sich klar gemacht habe, daß sie in der Tat kein Logierbesuch, sondern das anerkannte Haupt des Hauses sei.

Dann ging er in sein Arbeitszimmer und versuchte, den ruhigen Abend zu benützen, aber seine Gedanken wollten sich nicht in Ordnung bringen lassen, und schließlich warf er die Feder hin, stülpte den Hut auf und ging geradeswegs in einen Tingeltangel.


»Mein Brief,« schreibt Kaudel, »wurde postwendend beantwortet. Meine Frau schrieb mir, daß sie von den Ihrigen mit offenen Armen aufgenommen worden sei und daß sie es recht angenehm empfinde, wieder einmal in einem Haus zu weilen, wo man sie nicht als Logierbesuch ansehe. Sie hoffe, daß ich mich wohl befinde und mit der Arbeit vorwärts komme, da mich ja niemand mehr störe und ›meine Laufbahn hemme‹, und sie bat mich, ja nicht zu vergessen, daß sie übermorgen ihr Taschengeld erwarte und die sechs Pence für das Telegramm. Sie habe ihrem Vater von dem Vakuumreiniger erzählt, und dieser werde ihn sofort bestellen und sein Haus säubern lassen.«

»Ich schrieb zurück, daß ich mich ihres Wohlergehens freute und mir auch einige Erholung gönnte, indem ich jeden Abend in ein Theater oder eine Singspielhalle ginge. Am Tag darauf kam meine Frau höchst unerwartet zurück, um, wie sie sagte, auch dabei zu sein, wenn ich jeden Abend in ein Theater oder einen Tingeltangel ginge.«

»Das war sehr unbequem für mich, wie ich bald merken sollte.«

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