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Die junge Frau Kaudel

George Robert Sims: Die junge Frau Kaudel - Kapitel 2
Quellenangabe
typenarrative
booktitleDie junge Frau Kaudel
authorGeorge R. Sims (1847 - 1922)
translatorEmmy Becher (1854 - 1922)
firstpub1906
year1906
publisherVerlag von J. Engelhorn
addressStuttgart
titleDie junge Frau Kaudel
pages160
created20060201
senderngiyaw@googlemail.com
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Die junge Frau Kaudel will einen Papagei haben.

Die junge Frau Kaudel blickte von der Abendzeitung auf, die sie in einem Lehnstuhl beim Kamin studiert hatte. Sie räusperte sich mehrmals, um Herrn Kaudels Aufmerksamkeit zu erregen, dieser aber schrieb gerade einen Artikel über die Frage: »Ist ein Ministerium Roseberry möglich?« und beachtete ihr Getue nicht.

»Du Männe! Du Männe

Herr Kaudel hatte die erste Anrede überhört, da er aber nicht stocktaub war, mußte er wohl oder übel auf die zweite reagieren.

»Hm — ja?«

»Bist du beschäftigt?«

»O durchaus nicht — nicht der Rede wert!« sagte Herr Kaudel stöhnend. »Ich habe nur fünftausend Wörter zu schreiben und den Artikel heute nacht noch auf die Post zu bringen, das will ja nichts heißen! Was gibt es denn?«

»In der Zeitung ist ein entzückender Papagei ausgeschrieben! Du weißt, wie sehr ich mir immer einen Papagei gewünscht habe. Wenn ich die Anzeige herausschneide und dir gebe, willst du dann morgen hingehen — Dockstraße 24, Shadwell ist die Adresse — und den Vogel ansehen?«

Herr Kaudel legte die Feder hin und atmete tief auf.

»Liebes Kind, du wirst doch nicht ernstlich daran denken, einen Papagei im Haus haben zu wollen?«

»Warum denn nicht? Andere Leute haben auch Papageien, und dieser kann sprechen. Er wird mir Gesellschaft leisten, wenn du ausgegangen bist.«

»Stimmt. Ich zweifle auch gar nicht, daß dich ein Papagei über meine Abwesenheit trösten könnte, aber was soll ich mit dem verdammten Vogel anfangen?«

»Er wird dir Spaß machen, dich auf neue Gedanken bringen.«

»Danke schön! Wenn mir die Gedanken ausgehen, hole ich sie mir nicht bei einem schwatzenden Papagei!«

Mit finster zusammengezogenen Brauen kehrte der Schriftsteller zu seinem Manuskript zurück und versuchte, seine Gedanken wieder auf Lord Roseberry zu richten.

»Die Stellung, die Lord Roseberry,« schrieb er, »bisher als Führer der Opposition eingenommen hat, ist die eines Papageis.«

Er hatte das Wort gedankenlos hingeschrieben, doch gleich bemerkte er’s und strich es ärgerlich durch.

»Wenn du doch nicht sprechen wolltest, solange ich an der Arbeit bin!« rief er mit einem vorwurfsvollen Blick auf die Gattin. »Jetzt hast du mir den Fluß der Gedanken vollständig gehemmt.«

»Versteht sich! So oft ich den Mund auftue, steht der Fluß still! Die Strömung muß sehr schwach sein, daß ein Papagei sie aufhalten kann — ich würde doch lieber nur von einem Rinnsal reden! Aber ich spreche nicht mehr, ich werde den Rest meines Lebens schweigend zubringen. Wenn du mir’s nur gesagt hättest, damals, als du mich zur Frau haben wolltest, daß man dich nur ansehen darf, dann hätt’ ich doch gewußt, was mich erwartet. Ich könnte gerade so gut mit einem Steuermann verheiratet sein!«

»Nicht übel,« bemerkte Kaudel lächelnd.

»Ach, wenn du nicht so greulich wärest, würd’ ich oft Sachen sagen, die du als eigene Einfälle in deine Geschichten setzen könntest. Aber ich muß ja stundenlang dasitzen, ohne den Mund aufzutun. Ebensogut könnte ich als Gefangene in einem Burgverlies schmachten, wie jener alte Herr in der Bastille, und der hatte doch wenigstens eine Ratte, mit der er sich unterhalten konnte.«

»Nur, wenn ich an der Arbeit bin, Kind. Sag doch selbst, wie ich’s angreifen sollte, gleichzeitig zu schreiben und mit dir zu plaudern?«

»Deshalb möchte ich ja gerade einen Papagei haben! Denn ich spür’s, daß ich das Schweigen nicht mehr länger aushalte. Könnte ich zu meinem Papagei gehen und mit ihm schwatzen und er mit mir, dann hätte ich doch nicht das Gefühl, taubstumm zu werden, das mich jetzt manchmal überfällt.«

»Ich weigere mich unbedingt, ein weiteres Tier ins Haus zu nehmen! Du hast schon eine Katze und einen Hund, Goldfische und einen Kanarienvogel, das sollte wahrhaftig für jede Frau genügen, sie müßte denn in Noahs Arche aufgewachsen sein.«

»O bitte, laß die Bibel lieber aus dem Spiel!« rief die junge Frau Kaudel vorwurfsvoll.

Herr Kaudel warf einen verzweifelten Blick auf sein Manuskript.

»Sei vernünftig, Liebchen,« sagte er beinahe weinerlich. »Wie bist du nur auf diesen verwünschten Papagei verfallen?«

»Zu Haus hatte ich einen, und wer ein Mädchen aus einem Haus nimmt, wo ein Papagei ist, und sich nachher weigert, ihr anzuschaffen, woran sie ihr Leben lang gewohnt war, der hält sein Ehegelübde schlecht.«

»Ein Papagei ist keine geeignete Gesellschaft für einen Ehemann.«

»Unsinn! Mein Vater liebt unsern Papagei!«

»Dein Vater hat nicht am Abend zu arbeiten.«

»Nein, er erledigt seine Geschäfte bei Tag und verbringt den Abend mit seiner Familie, wie ein Mensch! Ich brauchte ihn nicht den ganzen Abend stumm anzustarren und mich zu fürchten, es möchte mir ein Wort entfahren. Wir saßen gesellig und vergnügt beisammen, mein Vater und ich — und der Papagei.«

Ihre Stimme zitterte ein wenig und Herrn Kaudel wurde es ungemütlich.

»Sei doch nicht kindisch!« sagte er beschwichtigend. »Du weißt doch, daß ich dir den obersten Ziegel vom Schornsteinkopf herunterholen würde, wenn du ihn haben wolltest!«

»Ich will aber keinen Ziegel haben, sondern einen Papagei,« erklärte die junge Frau Kaudel wimmernd, denn sie hörte an Kaudels verändertem Ton, daß er schwach zu werden begann. »Schenke mir den Papagei — ich werde gewiß dafür sorgen, daß er dich nie stört.«

»Er wird mich aber stören. Mit dem Kanarienvogel hab’ ich dir den Willen gelassen, und du siehst ja, daß er mich zur Verzweiflung bringt.«

»Was? Das süße, zwitschernde Geschöpfchen ärgert dich?«

»Das Zwitschern macht mir nichts, aber so oft die Tür offensteht, muß ich auf die verwünschte Katze aufpassen. Zweimal habe ich sie gestern ertappt, wie sie mit lüsternem Maul vor dem Käfig saß, und wie soll ein Mensch seine Gedanken beisammen haben, wenn er achtgeben muß, daß seiner Frau Katze nicht seiner Frau Kanarienvogel frißt?«

»Damit hat’s bei einem Papagei keine Not, Katzen wagen sich nicht an Papageien, wie du weißt. Und wenn du gerade nicht arbeitest, wird sein Geschwätz dir den allergrößten Spaß machen. Du wirst schon sehen, was für komische Sachen ich ihm beibringe!«

»Was du ihm beibringst, mag ja angehen, aber wie wird’s mit dem aus, was er schon kann?«

»O, der, den ich meine, ist gewiß nicht schlecht erzogen, es heißt ja in der Anzeige ›an Kinder gewohnt‹. Damit ist jedenfalls gemeint, daß er nicht flucht und nichts Unanständiges sagt. Unser Papagei daheim war in der Beziehung tadellos, wirklich ein feiner Herr, ja, er hatte sogar einen veredelnden Einfluß auf uns alle. Mein Bruder zum Beispiel, der hie und da etwas Unpassendes zu sagen liebte, gab das ganz auf, sobald der Papagei da war; er nahm sich furchtbar zusammen aus Angst, der Vogel könne etwas aufschnappen und nachplappern. Ich habe eigentlich schon oft gedacht, die Anwesenheit eines sprechenden Papageis könnte dir eine heilsame Zurückhaltung auferlegen!«

»Komm, gib den Gedanken nur gleich auf! Seine Gegenwart würde mich vollständig demoralisieren — es ist nicht abzusehen, was ich sagen könnte, wenn der Vogel zu kreischen anfinge. Außerdem haben wir auch kein Recht, unsre ehrbare, ruheliebende Nachbarschaft durch einen kreischenden, krächzenden Papagei unglücklich zu machen.«

»Wahrhaftig«! So rücksichtsvoll bist du gegen die Nachbarn! Ob ich unglücklich bin, das ficht dich nicht an, aber für Fremde bist du voll Gefühl! Schön und gut — ich werde sofort an die Leute im Nebenhaus schreiben, sie sollen ihren Hund abschaffen, denn er bellt und heult stundenlang im Hof. Darf ich keinen Papagei halten, so sollen sie auch keinen Hund haben. Auf der andern Seite ist ein Kind angekommen, das schreit die halbe Nacht; darüber werde ich mich auch beklagen. Wenn ich den Leuten zuliebe keinen Papagei haben darf, sollen sie auch keine Kinder kriegen!«

Herr Kaudel schob das Ministerium Roseberry hastig zurück und drehte den Stuhl, um seiner bessern Hälfte ins Gesicht sehen zu können.

»Mein liebes Kind, sobald du vernünftig sprichst, will ich dir ja gern zuhören — aber was in alter Welt hat das Kind nebenan mit deinem Papagei zu schaffen?«

»O, das ist ein und dasselbe. Wenn wir ein Kind hätten, würdest du ja sicher, so oft es schreit, behaupten, es lenke deine Gedanken ab, und die Wärterin müßte wahrscheinlich mit ihm aufs Dach sitzen, um außer Hörweite zu sein, wenn es seine kleinen Schmerzen klagte. Für dich gibt’s überhaupt nur einen passenden Ort auf der Welt — miete dir ein Zimmer in der Taubstummenanstalt. Dort könntest du vielleicht ungestört schreiben! Wie’s nur andre Schriftsteller machen, möchte ich wissen? Einige unsrer größten hatten doch Kinder um sich, jawohl, und Hasen, die im Garten herumhüpften — Cowper pflegte ja den seinigen auf der Flöte vorzuspielen! Charles Dickens hatte einen sprechenden Raben und hat trotzdem unsterbliche Werke geschrieben, du aber kannst nicht ein dutzend Zeilen über diesen Lord Roseberry schreiben für eine Zeitschrift, die erst in vier Wochen herauskommt, und zugleich deiner Frau anständig Antwort geben, wenn sie dich etwas fragt!«

»Ich habe dir doch Antwort gegeben. Habe ich dir nicht meine Gründe gegen einen Papagei auseinandergesetzt?«

»Ja, aber du hast dir nichts erklären lassen! Du machst dir nämlich eine ganz falsche Vorstellung von Papageien, du kennst nur die widerwärtigen, kreischenden Dinger in den zoologischen Gärten, wovon kaum einer etwas zu reden weiß, aber ein dressierter, ein erzogener, ein gezähmter Papagei, wie der hier angezeigte, ist ganz etwas andres. Unser Papagei zu Hause kann singen, die Leute kommen meilenweit her, um ihn zu hören, und stehen in Scharen vor unserm Haus, wenn das Fenster offen ist. Man könnte es wirklich für den Gesang eines Christenmenschen halten!«

»So, und was singt er denn?« stöhnte Herr Kaudel. »Arien aus Oratorien?«

»Aus Oratorien! Sei so gut und lästre nicht!«

»Nun, was singt er denn? Weshalb tust du so geheimnisvoll? Du hast dir offenbar in den Kopf gesetzt, einen Papagei zu haben, gleichviel ob mir’s lieb oder unlieb ist, und da werde ich doch ungefähr wissen dürfen, womit mir der Kerl am Morgen, Mittag und Abend die Ohren zerreißen wird?«

»Von Ohrenzerreißen ist gar keine Rede. Du tust, als ob meine Leute daheim Barbaren wären und kein Gefühl für Musik hätten, sie sind aber mindestens ebenso gute Kulturmenschen wie du!«

»Zweifle ja nicht daran, nicht im mindesten! Aber was schmettert euer Kulturpapagei zu Hause?«

»Eins von seinen Liedern, das er ganz entzückend singt, ist zum Beispiel: ›Der kleine Kohn.‹«

»Wahrhaftig!« rief Herr Kaudel mit zorndurchbebtem Hohn. »Das nenne ich eine gediegene musikalische Bildung! Wenn du dir etwa einbildest, ich ließe mir solch einen verwünschten Vogel ins Haus schleppen, der mir den lieben langen Tag ankündigt, daß der kleine Kohn kommt, so sage ich, steig mir den Buckel hinauf!«

Die junge Frau Kaudel zuckte nervös zusammen.

»Sei so freundlich und gebrauche mir gegenüber keine Ausdrücke, als ob ich — ein — ein Omnibuskutscher wäre. Das ist eine Beleidigung!«

»Unsinn! Das ist ein vollkommen harmloser Ausdruck der Mißbilligung. Nun hab’ ich aber eine Stunde vergeudet, sei also so gut und laß mich arbeiten.«

Herr Kaudel wandte sich aufs neue seinem Manuskript zu, aber seine Gedanken waren hoffnungslos durcheinander gerüttelt. Statt epigrammatischer Bemerkungen über die Lage der liberalen Partei, verwechselte er mehrmals Lord Roseberry mit dem kleinen Kohn.

Endlich gelang es ihm aber doch, den durch seine Frau abgerissenen Faden wieder anzuknüpfen, und er schrieb ein paar Minuten ungestört weiter.

Plötzlich aber war Frau Kaudels Selbstbeherrschung zu Ende. Sie hatte sich, rhythmisch mit der Fußspitze auf den Boden klopfend, noch mehr in Zorn gesteigert und konnte das Schweigen nicht länger ertragen. Dicht hinter Kaudel tretend, klopfte sie mit den Fingerknöcheln auf die Schreibtischplatte, um sich Gehör zu verschaffen.

»Wenn ich nicht das Recht habe, einen einzigen Papagei zu halten,« hob sie an, »wie kannst du dir dann sechs Hunde halten? Jawohl, sechs, und darunter einen, der den Waschmann beißt und von zwei Mädchen am Halsband gehalten werden muß, wenn der Uhrmacher kommt. Du weißt das ganz gut und schaffst ihn doch nicht ab. Dem Waschmann hast du schon zwei Paar Hosen bezahlen müssen und dem Uhrmacher zweimal Kognak spendieren, weil ihn der Hund angeknurrt hat und der Mann herzleidend ist. Einen derartigen Hund hältst du dir, und man darf kein Wort gegen ihn sagen, wenn ich aber um die Erlaubnis bitte, einen unschuldigen, friedfertigen Papagei in einem Käfig zu halten, so stellst du dich an, als wolle ich einen bengalischen Tiger ins Haus bringen. Ein Mann, der sich eine Meute hält …«


»Es war mir vollständig unmöglich, diese Behauptung zu widerlegen,« schreibt Kaudel in einer Nachschrift zu dieser Aufzeichnung, »und somit gab ich meine Zustimmung zum Ankauf des Papageis. Daraufhin setzte sich meine Frau mäuschenstill hin und las ein Buch, bis ich über Lord Roseberry, nach Herzenslust verfügt hatte. Später spielten wir eine Partie Bezique, und da ich nicht der Gewinner war, blieb der häusliche Himmel so hell und heiter wie ein schöner Sommertag. Die halbe Nacht aber lag ich wach in quälenden Berechnungen, wie lange meine Nerven wohl einem sprechenden Papagei standhalten würden, und beim Morgengrauen murmelte ich vor mich hin: ›Seht ihr den kleinen Kohn? Den kleinen Kohn!‹«

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