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Die junge Frau Kaudel

George Robert Sims: Die junge Frau Kaudel - Kapitel 17
Quellenangabe
typenarrative
booktitleDie junge Frau Kaudel
authorGeorge R. Sims (1847 - 1922)
translatorEmmy Becher (1854 - 1922)
firstpub1906
year1906
publisherVerlag von J. Engelhorn
addressStuttgart
titleDie junge Frau Kaudel
pages160
created20060201
senderngiyaw@googlemail.com
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Die junge Frau Kaudel hat einen Jour fixe.

In glücklicher Unkenntnis drohenden Unheils saß Kaudel eines Morgens am Frühstückstisch und vergnügte sich harmlos mit dem Kanarienvogel. Dieser wurde jeden Morgen auf den Tisch gestellt, um dort sein Bad zu nehmen, und er war ein leidenschaftlicher Wasserfreund, der immer eine Viertelstunde seiner Reinigung oblag, wobei er nach allen Richtungen Wasser spritzte. War er dann, einer ersäuften Ratte ähnlich, aus dem Bad gestiegen und hatte seine Toilette durch säuberliches Zurechtzupfen der Federn vervollständigt, so pflegte ihm Kaudel ein Stückchen Butterbrot, einen Apfelschnitz, Traubenbeeren oder ähnliche Leckerbissen zu verabreichen, und der Vogel, der ein Nimmersatt war, wußte diese Aufmerksamkeiten sehr zu schätzen.

An diesem Morgen war Kaudel, der über den Verwicklungen eines neuen Romans brütete, etwas geistesabwesend. Schon hatte er eine Traubenbeere, einen Apfelschnitz, ein Stückchen Brot, eine halbe Banane und ein Stück Zucker zwischen die Stäbchen gesteckt und gewiß würde er noch eine Stachelbeere hinzugefügt haben, hätte die junge Frau Kaudel nicht Einsprache erhoben.

»Was treibst du denn, Wilfrid?« rief sie. »Soll der Vogel vom Schlag getroffen von seinem Stäbchen fallen?«

»Hm?« machte Kaudel.

Dann warf er einen Blick auf den Käfig, erkannte seine Unvorsichtigkeit, und begann, einige von den Leckereien wieder herauszuziehen.

»Kein Wunder, daß der arme Kerl das Singen verlernt,« sagte die junge Frau Kaudel vorwurfsvoll. »Du solltest einen Strauß haben zu deinem Zeitvertreib, nicht einen Kanarienvogel.«

»Es tut mir sehr leid, ich wußte wirklich nicht, was ich tat.«

»Das scheinst du in der Regel nicht zu wissen. Jetzt gib’s aber auf, den Vogel magenleidend zu machen, wie du selbst es bist, und höre mich an — ich habe dir etwas zu sagen.«

»Ach! Was denn? Hoffentlich eine angenehme Neuigkeit?«

»Ich halte sie für angenehm. Was aber du darüber denkst, weiß ich nicht, du hast ja so wunderliche Ideen vom Leben.«

»Vom Leben handelt sich’s? Hast du im Sinn, einem Damenklub beizutreten, oder einen Dachgarten anzulegen, oder ein Äffchen in unsre glückliche Häuslichkeit einzuführen? Was es auch sein mag, verkürze mir die Qualen der Spannung, und sage mir’s schnell.«

»Wer dich reden hört, könnte wirklich denken, ich sei ein Erdbeben und nicht eine Frau. Ich habe mir reiflich überlegt, wie abgeschmackt es von dir ist, unser Haus so abgeschlossen zu halten wie eine mittelalterliche Burg.«

»Eines Engländers Haus ist doch seine Burg. Nun, versuche einmal, mit der Sprache herauszurücken. Was führst du im Schild? Willst du die ›Vergnügungsabende für einsame Menschen‹ besuchen? Willst du die einsamen Menschen zweimal in der Woche zum Tee oder Abendbrot einladen?«

»Nein, aber ich hab’s satt, in einer mittelalterlichen Burg zu hausen, wo man ängstlich die Türe vor ungebetenen Besuchern bewacht, und wo der Mann zusammenfährt, so oft der Klopfer ertönt. Ich wundere mich nur, daß du nicht einen Graben ums Haus herum ziehen läßt mit einer Zugbrücke darüber und Schießscharten in die Mauern brechen, durch die man auf etwaige Besucher Pfeile abschießen kann, gerade wie beim Tower von London.«

»Das würde ich mit Vergnügen ausführen, nur daß mein Mietvertrag es mir nicht gestattet. Jetzt schieße du aber los. Wen hast du zum Sturm auf meine Burg eingeladen? Wer wird sie belagern und durch Verrat der schönen Schloßherrin Einlaß finden?«

»Ich werde niemand durch Verrat einlassen, sondern meine Freunde offen und ehrlich einladen.«

»Kommt deine Familie auf Logierbesuch? Ich dachte, dein Vater könne London nicht leiden.«

»Ich habe meinen Vater nicht eingeladen; denn ich möchte ihm nicht zumuten, in ein Haus zu kommen, wo niemand sprechen darf. Mein Vater liebt fröhliche Unterhaltung, und abends spielen ihm die Mädchen auf dem Klavier vor.«

»Was? Alle zugleich? Das muß ja ein Höllenlärm sein!«

»Für dich ist Klavierspiel immer ein Höllenlärm, du hast eben keine Musik in der Seele.«

»Um so mehr in den Ohren — du übst ja sechs Stunden am Tag.«

»Das muß ich. Es ist mein einziges Vergnügen, und ich bewerbe mich auch um eine goldene Medaille.«

»Ich werde dir morgen eine kaufen, wenn du das Üben aufgibst! Ich liebe Musik — aber sechs Stunden lang ein und dieselbe Melodie! Nur ein Glück, daß keine Anlage zu Geisteskrankheit in meiner Familie ist.«

»Melodie!« rief die junge Frau Kaudel gekränkt. »Ein klassisches Konzertstück eine Melodie zu nennen!«

»Ich bitte um Entschuldigung: es hat allerdings keine Melodie. Aber nun sprich dich aus — ich habe noch eine Menge Briefe zu beantworten, ehe ich an meine eigentliche Arbeit komme. Was ist’s mit der von dir angezettelten Verschwörung, mit dem Einbruch in meine — verzeih! — in unsre Burg?«

»Es ist gar keine Verschwörung. Ich habe mich einfach entschlossen, einen Jour fixe zu haben.«

»Einen was?«

»Einen Jour fixe. Ich kann nicht länger zu den Leuten gehen, ohne sie je zu mir zu bitten; es ist rein lächerlich. Überdies hat jede Dame ihren Jour fixe, und ich muß mich überall entschuldigen und den Leuten sagen, daß man mich nicht besuchen dürfe, weil ich einen Mann habe, der sein Haus zur Werkstatt macht und niemand hereinläßt aus Angst, er könne in der Arbeit gestört werden.«

»Du hast keineswegs das Recht, das zu behaupten. Ich habe nie etwas dagegen, wenn dich Freunde besuchen.«

»O, ich weiß, ich darf hie und da Freunde bei mir sehen, gerade als ob ich ein Dienstmädchen wäre, dem man zuweilen gestattet, ihre ›Bekanntschaft‹ zum Tee einzuladen.«

»Sei so gut und verdrehe mir nicht das Wort im Mund. Ich sage, daß ich nie etwas eingewendet habe, wenn du Besuche empfingst.«

»Das würde ich mir auch hübsch verbitten! Du hast dich dabei aber immer ängstlich in dein Arbeitszimmer verkrochen und ich mußte behaupten, du seiest ausgegangen. Nun will ich indes einen regelrechten Jour fixe haben, und daran wirst du dich wohl oder übel beteiligen müssen. Ich will nicht länger den Eindruck einer Strohwitwe machen, deren Mann sich irgendwo versteckt hält.«

»Und wann soll dieser herrliche Jour fixe stattfinden?«

»An jedem zweiten Dienstag des Monats.«

»Das paßt mir. Dienstag nachmittags bin ich immer auf der Zeitungsredaktion.«

»Daran habe ich gar nicht gedacht, da nehme ich natürlich den Mittwoch. Ich bin nur froh, daß du mich daran erinnert hast, denn ich gehe heute nachmittag zu Southwood, um meine Karten drucken zu lassen.«

»Wenn du durchaus einen Jour fixe haben mußt, so ist daran nichts zu ändern, aber schrecklich lästig wird es werden.«

»Warum sollte es dir lästiger werden, als andern Leuten? Man könnte denken, du habest auf einer unbewohnten Insel gelebt, bis ich dich kennen lernte! Man hat doch auch Pflichten gegen die Gesellschaft.«

»Ich gehöre nicht zur Gesellschaft, habe nie dazu gehört und bin jetzt zu alt, mich hineinzustürzen. Überdies wird sich die Gesellschaft herzlich wenig um uns kümmern. Oder erwartest du alle Monate Herzoginnen bei dir zu sehen?«

»Unter Gesellschaft versteht man nicht Herzoginnen, sondern Freunde und Bekannte.«

»Wirklich? Die meinigen versteht man ganz gewiß nicht darunter.«

»Das glaube ich dir aufs Wort! Aber du hast mir noch nicht gesagt, weshalb es solch ein Unglück sein wird, wenn meine Freunde mich einmal im Monat besuchen.«

»Gegen den Besuch habe ich gar nichts einzuwenden, nur gegen den festgesetzten Tag. Jeden zweiten Mittwoch wirst du zu Hause bleiben müssen, und wenn du noch so gern ausgingest. Du kannst dich auch nicht verleugnen lassen und bist im eigenen Hause gefangen — und ich, falls ich durchaus dabei mitwirken muß, desgleichen.«

»Einmal im Monat zwei Stunden nachmittags zu Haus zu bleiben, wird dir auch nicht schaden.«

»Es wird mir aber unausstehlich sein! Da werden wir im Salon sitzen, die Daumen drehen und auf Menschen warten, und manch liebes Mal wird keine Seele kommen.«

»Das kommt natürlich vor.«

»Und wenn welche kommen, hast du vielleicht gerade deine Migräne! Eine Dame, die auch an Migräne leidet, hat mir gesagt, diese stelle sich jedesmal an ihrem Jour fixe ein.«

»Ach! Was war denn das für eine Dame, wenn ich fragen darf?«

»Eine Tante von mir. Und dann bedenke nur auch die Influenza! Es konnte ja geschehen, daß wir beide davon befallen würden! Stell dir einmal vor, wir müßten mit einem heftigen Influenzaanfall zwei tödlich lange Stunden dasitzen, den Leuten Tee und Kuchen anbieten und über Nichtigkeiten schwätzen!«

»Wir werden nicht jeden zweiten Mittwoch im Monat die Influenza bekommen!«

»Und dann der Wochentölpel — den bekam ich früher, so oft ich mich ärgerte. Wie kann ich die Gäste mit verbundenem Kopf empfangen?«

»Derartige Unwahrscheinlichkeiten ins Feld zu führen, ist reiner Unsinn! Nächstens behauptest du noch, wir könnten keinen Jour fixe ansetzen, weil wir möglicherweise an einem solchen Mittwoch beide tot wären!«

»Scherze nicht mit solchen Dingen, Mabel! Es gibt auch noch andre Möglichkeiten. Ich kannte eine Dame, deren Mann etwas saumselig in Geldangelegenheiten war, so daß der Gerichtsvollzieher bei ihnen aus und ein ging, und zwar kam er regelmäßig an ihrem Jour fixe. Das war höchst peinlich.«

»Ach! Eine Dame hast du gekannt, die den Gerichtsvollzieher im Hause hatte — bitte, wer war denn die?«

»Ich weiß nicht mehr recht, wie sie hieß, aber ihr Mann war ein Freund von mir.«

»Nun, der Fall wird ja bei dir hoffentlich nicht eintreten.«

»Er war durchaus kein übler Mensch, nur saumselig im Zahlen. Ich erinnere mich eines solchen Empfangstags im Winter, wo ihnen das Gas abgedreht wurde, weil die letzte Rechnung nicht bezahlt war.«

»Willst du mir damit zu verstehen geben, daß uns das Gas abgedreht werden könnte?«

»Nein, ich erzähle dir die Geschichte nur, um dir zu zeigen, wie peinlich ein Jour fixe werden kann.«

»Es muß aber ein bestimmter Tag sein. Ich kann doch nicht auf meine Karten drucken lassen: ›Jeden Tag zu Hause.‹«

»Da sei Gott vor.«

»Nun so nimm doch Vernunft an! Die Sache ist also abgemacht? Jeden zweiten Mittwoch im Monat wirst du dir den Nachmittag freihalten.«

»Aber, angenommen, ich bin Geschworener oder werde vom Staatsanwalt vorgeladen?«

»Dann kann ich ja deine Abwesenheit erklären, und das schadet weiter nichts.«

»Schön, das erleichtert mir das Herz. Du kannst deinen Jour fixe haben, und ich brauche nicht dabei zu sein. Du kannst ja immer sagen, ich sei beim Schwurgericht.«

»Ich werde nichts Derartiges sagen, und du wirst da sein, dich von deiner besten Seite zeigen und mir helfen, die Gäste zu unterhalten.«

»Wann geht denn die Geschichte los? Nächsten Mittwoch? Das ist der zweite im Monat.«

»Keine Rede; die Gesellschaftszeit ist ja vorüber und alle Welt ist verreist, wie wir’s auch sein sollten. Im Sommer gibt’s keinen Jour fixe.«

»Das ist mir ein Trost. Da habe ich wenigstens Zeit, an irgend einem Gesundbrunnen Kräfte zu sammeln für diese Folterqualen.«

»Folterqualen! Was für ein wunderlicher Kauz du doch bist! Man könnte denken, du wärst ein Hinterwäldler, der nie mit zivilisierten Leuten verkehrt hat, und doch kannst du recht gut plaudern und dich sehr niedlich machen mit Damen, wenn du nur Lust hast. Ohne Zweifel tust du das auswärts, und ich weiß nur nichts davon.«

»Mabel, bildest du dir etwa ein, ich machte mich niedlich mit Damen, wenn ich meinen Geschäften nachgehe? Was behauptest du etwa noch?«

»Nun, lassen wir’s gut sein. Ich bestelle also die Karten, und du kannst wieder an die Arbeit gehen.«


»Meine Frau hat ihre Karten drucken lassen,« schreibt Kaudel, »und ist nun jeden zweiten Mittwoch des Monats ›zu Hause‹. Ich vermutlich auch, und dieser zweite Mittwoch vermehrt die Schar der Gespenster, die mich verfolgt. Junggesellen wissen gar nicht, für wie vieles sie Gott zu danken haben.«

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