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Die junge Frau Kaudel

George Robert Sims: Die junge Frau Kaudel - Kapitel 16
Quellenangabe
typenarrative
booktitleDie junge Frau Kaudel
authorGeorge R. Sims (1847 - 1922)
translatorEmmy Becher (1854 - 1922)
firstpub1906
year1906
publisherVerlag von J. Engelhorn
addressStuttgart
titleDie junge Frau Kaudel
pages160
created20060201
senderngiyaw@googlemail.com
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Die junge Frau Kaudel kauft einen Photographenapparat.

Kaudel saß an einem düstern Augustmorgen hinter geschlossenen Rollläden bei elektrischem Licht in seinem Arbeitszimmer. Der englische Sommer war ihm auf die Nerven gegangen und der englische Herbst bot ein Bild, das zu betrachten er nicht den Mut hatte. So hatte er die Läden heruntergelassen, um die Sintflut, die vom tintenschwarzen Himmel in den Hof herabströmte, nicht vor Augen zu haben, hatte alle elektrischen Lampen aufgedreht und den verschiebbaren Kalender auf seinem Schreibtisch auf den 10. Dezember gestellt. Durch diese Kunstkniffe hatte er sich selbst weisgemacht, daß es Winter sei, und daß folglich das Wetter keinen Anlaß zur Klage gebe.

Allerdings brachte ihn ein Blick auf ein Cricketprogramm, wonach der Wettkampf zwischen Middlesex und Lancashire in vollem Gang sein mußte, etwas aus dem Konzept. Er erinnerte sich plötzlich, gelesen zu haben, daß am ersten Tag kein Spiel hatte stattfinden können, weil der Spielplatz ein Sumpf war, und daß es am zweiten der Dunkelheit halber hatte abgebrochen werden müssen. Die Spieler hatten nur mit Hilfe von Streichhölzchen ihren Weg nach dem Zelt zurückfinden können. Dann fiel ihm auch wieder ein, daß er selbst sich ja drei Feiertage hatte gönnen wollen, um das Nationalspiel zu genießen, und stöhnend verbarg er seinen Kopf in den Händen.

Im Gefühl seines Elends kam ihm jedoch in den Sinn, daß er auch in ein Seebad hätte gehen können und jetzt eine schwere Hotelrechnung zu bezahlen haben würde für das Vergnügen, den ganzen Tag mit einem nassen Regenschirm in der Halle zu sitzen und auf den Augenblick zu lauern, wo man allenfalls über die Straße nach dem bedeckten Strand weg laufen konnte, wo Fischer und Schiffer in Tranjacken vor der Wut des Augustregens Zuflucht suchten, und er sagte sich mit grimmigem Lächeln: »Nichts ist so schlimm, daß es nicht noch schlimmer sein könnte,« und machte sich daran, eine Weihnachtsgeschichte zu schreiben.

Eben hatte er angefangen, den Gang der Handlung festzustellen. Es war reichlich Schnee dabei verwendet, und auch der heimatlose Wanderer fehlte nicht, der durchs Fenster in ein Haus blickt und sich am Feuerschein, der über die Täfelung hinhuscht, zu wärmen sucht — in allen Weihnachtsgeschichten huscht Feuerschein umher und unfehlbar wählt er sich die Täfelung zum Tummelplatz. Dazu hatte er im Grammophon die Walze mit: »Stille Nacht, heilige Nacht« eingesetzt, um seine Phantasie durch entsprechende Musik zu beflügeln, als die Tür aufging und die junge Frau Kaudel in freudigster Aufregung hereinstürmte.

»O Wilfrid!« rief sie. »Er ist da …«

»Was ist da?« brummte der Gatte. »Der Weltuntergang?«

Das strahlende Lächeln erstarb auf dem jungen Gesicht. »Wie kommst du dazu, vom Weltuntergang zu reden? Und da sitzst du hinter geschlossenen Läden bei brennenden Lampen? Bist du von Sinnen?«

»Nein, von Sinnen bin ich nicht, aber an der Arbeit, und diesen Augusthimmel habe ich ausgesperrt, denn wenn ich ihn noch länger sehen müßte, würde ich in unheilbare Schwermut verfallen.«

»O bitte, rede doch nicht so! Das verdirbt auch mir die Stimmung, und ich war doch so glücklich. Ich hätte ebensogut den Propheten Jeremias zum Mann nehmen können, wie dich, und seinen Klagen lauschen!«

»Armer Jeremias! Er war im glorreichen Klima des sonnigen Ostens unglücklich — wie hätte er erst über Menschen und Dinge wehklagen müssen, wenn sein Volk nach London verschlagen worden wäre?«

»Kümmere dich doch nicht um den alten Jeremias! Mach lieber die Läden auf, lösche das Licht und höre mich an. Er ist gekommen!«

»Das hast du schon einmal gesagt. Aber wer ist er? Doch nicht der Gerichtsvollzieher? Ich habe nämlich die Steuern noch nicht bezahlt. Sag ihm, er soll das Chippendale-Barometer in der Halle mitnehmen — es ist alt und sehr wertvoll, und ich will kein Barometer mehr sehen.«

»›Er‹ ist kein Gerichtsvollzieher, sondern mein Apparat!«

»Du hast dir also einen gekauft?«

»Ich hab’ dir’s ja gestern gesagt. Du weißt doch, daß ich gestern bei Ellis in der Bakerstraße war, um mir einen auszusuchen, und jetzt hat er ihn geschickt.«

»Ein geeigneter Morgen dafür! Jedenfalls hast du keine Schwierigkeiten, eine Dunkelkammer einzurichten, denn jedes Zimmer im Haus eignet sich für den Zweck.«

»O, ich werde meine Platten nicht selbst entwickeln, wenigstens vorläufig nicht, Herr Ellis besorgt mir das. Aber der junge Mann, der den Apparat gebracht, hat mir ganz genau gezeigt, wie ich die Bilder aufnehmen muß, und ich möchte sofort ans Werk gehen, wenn nur das Wetter nicht so schlecht wäre. Komm ins Eßzimmer und sieh dir den Apparat an. Dich möchte ich zuerst aufnehmen, dein Bild soll die erste Photographie sein, die ich überhaupt mache.«

»Sehr lieb von dir, Mabel — ich weiß deine Güte zu würdigen, aber es wäre mir lieber, wenn du die ersten Versuche an einem andern Gegenstand machtest, zum Beispiel dem Hund.«

»Nein, der junge Mann sagte mir, Tiere seien für den ungeübten Photographen am allerschwierigsten, deshalb will ich lieber mit dir anfangen.«

»Ich begreife — an mir möchtest du dich üben, um die Gewandtheit zu erlangen, die man für einen Hund braucht!«

»Wie abscheulich von dir, mir solche Gedanken zu unterschieben! Hast du denn gar kein Verständnis für meine Freude? Der Apparat wird mir geradezu ein Gefährte werden, und sobald es zu regnen aufhört, gehe ich aus und nehme eine Landschaft auf.«

»Wenn du bloß die jetzige Landschaft fortnehmen könntest, nicht nur aufnehmen! Wenn dir das Bild gelingt, kannst du’s als ›Tag nach der Sintflut‹ ausstellen.«

»O sieh nur her,« sagte die junge Frau Kaudel, einen Rollladen hinaufziehend. »Es hat zu regnen aufgehört und die Wolken zerreißen. Ich sehe deutlich, wie die Sonne durchzudringen versucht.«

»Arme Sonne! Klingt wie ein Romantitel: ›Hindurchgedrungen!‹«

»Aber sie kommt durch! Jetzt ist’s schon ganz hell. Ich bin überzeugt, es klärt sich auf und wird schön. Setz deinen Hut auf und komm mit mir in den Park. Ich nehme den Apparat mit und du mußt dich malerisch unter einen Baum setzen.«

»Die Bäume triefen! Willst du mich etwa als Reklamebild für ein Mittel gegen Rheumatismus darstellen?«

»Es wird im Nu trocken sein — ich glaube es sicher. Die Sonne ist herausgekommen, und in einer halben Stunde haben wir wolkenlosen Himmel, das kommt oft vor im August nach einem Gewitter. Ich mache mich schnell fertig und hole den Apparat — den Prinnie nehmen wir auch mit. Du kannst auf eine Bank unter einem Baum sitzen und ihn streicheln, daß er stillhält; das gibt ein wunderhübsches Bild.«

»Erste Aufnahmen fallen selten wunderhübsch aus. Der Hund wird sich bewegen, und ich erscheine dann mit seinem Schwanz oder Kopf auf der Platte.«

»Unsinn! Der junge Mann hat mir alles genau erklärt: ich brauche nur auf einen Knopf zu drücken.«

Der englische Herbst wollte offenbar seine Ehre retten: Die pechschwarzen Wolken waren wie weggezaubert und die Sonne strahlte in vollem Glanz. Kaudel, der seinen Regenschirm mitgenommen hatte und einen Mantel, um ihn auf die nasse Bank zu legen, saß wirklich unter einem Baum, von dem nur von Zeit zu Zeit schwere Tropfen herunterfielen. Seit einer halben Stunde arbeitete die junge Frau Kaudel daran, ihn mit dem Hund auf den Knieen anmutig zu gruppieren, aber ihr Künstlerauge war schwer zu befriedigen. Wenn Kaudel vorteilhaft aussah, war die Stellung des Hundes nichts. Das Schlimmste aber war, Prinnie hörte nicht auf, mit dem Schwanz zu wedeln, und wenn ihm schließlich das Wedeln entleidet war und er eine gelangweilte Dulderhaltung annahm, so tauchte unfehlbar ein andrer Hund auf. Sofort sprang Kaudels Hund von Kaudels Schoß und stellte sich in feindseliger Haltung dem herannahenden Kollegen entgegen, der die Frechheit hatte, sich ungebeten in die Gruppe zu drängen.

»Nimm doch die Hunde auf!« rief Kaudel seiner Frau zu.

Aber ehe die junge Frau Kaudel auf den bewußten Knopf drücken konnte, waren die beiden Hunde aneinander geraten, und Kaudel mußte aufspringen, um sie zu trennen. Der Kaudelsche war bei dieser Gelegenheit durch eine Pfütze gerannt, und man mußte ihm die Pfoten säubern, ehe er wieder auf seines Herrn Kniee sitzen konnte.

»Ich habe nicht im Sinn, den ganzen Tag in dem feuchten Park zu bleiben, Mabel, sonst könnte ich mir für den Rest des Jahres eine Ischias holen. Nimm mich auf oder laß es bleiben, aber entschließe dich! Drück auf deinen Knopf und laß mich heim an die Arbeit.«

»Mach mich nicht nervös mit deiner Ungeduld,« entgegnete die junge Frau Kaudel, »sonst bring’ ich gar nichts zu stande. … Du kannst nicht erwarten, daß ich nach fünf Minuten schon ein geübter Photograph sei. Übrigens, wie du nur aussiehst! Der Hut sitzt aus dem Hinterkopf und dein eines Schnurrbartende strebt in die Höhe, das andre hängt herab. So kann ich dich nicht aufnehmen. Ich müßte mich ja schämen, wenn jemand das Bild sähe.«

Kaudel rückte den Hut zurecht und brachte den Schnurrbart in vorschriftsmäßige Haltung.

»Du hättest Spiegel, Kamm und Bürste mitnehmen sollen,« bemerkte er höhnisch. »So, geht’s jetzt?«

»Ja, du machst dich jetzt gut, aber sieh doch den Hund an — er kratzt sich!«

Kaudel faßte Prinnie am Halsband und zwang ihn zu salonfähigerem Benehmen, und nun war beider Stellung so befriedigend, daß die junge Frau Kaudel ausrief: »Jetzt ist’s gut! Aber, Wilfrid, mußt du die Augen so aufreißen?«

Da kam eine Wespe herangesurrt, worauf Kaudel den Hund fallen ließ und aufsprang.

»O Himmel! Gerade wollte ich auf den Knopf drücken!«

»Tut mir leid, aber ich wünsche nicht, daß die Wespe sich auf mir niederläßt — ich kann die Wespen nun einmal nicht ausstehen.« Kaudel spannte seinen Regenschirm auf und verbarg sich hinter dem Baumstamm, bis Frau Kaudel versichern konnte, das Untier sei davongeflogen. Dann nahm er den Hund abermals auf die Kniee und setzte sich in Positur.

»Mach schnell, Mabel,« sagte er. »Ich kann nicht den ganzen Tag unter dem nassen Baum sitzen; das ist so schlimm wie ein feuchtes Bett. Ich werde mir noch den Tod holen.«

»O, sei doch ruhig! Du regst mich so auf, daß ich den Apparat nicht einstellen kann! Vorhin hatte ich dich — jetzt habe ich dich verloren.«

»Verloren? Ich sitze hier in Lebensgröße — du mußt mich doch sehen.«

»Ach, den Fokus oder wie man das Ding heißt, habe ich verloren. Ich muß durch diese kleine Glasscheibe oben am Apparat sehen, um das Bild vor mir zu haben, ehe ich’s aufnehme. O, da bist du ja! Nun hab’ ich dich, Gott sei Dank! Sitz ganz still, rühre dich nicht und — bitte, bitte — mach ein freundliches Gesicht: Du siehst aus, als ob man dir einen Zahn ziehen wollte!«

»Mir ist auch so zu Mut, aber wenn du befiehlst, werde ich holdselig lächeln.«

»Du lächelst nicht — das ist ja ein blödsinniges Grinsen. Und, Prinnie — du gräßlicher Hund! Jetzt wedelt er wieder!«

Kaudel hielt Prinnies Schwänzchen fest.

»Nun knipse — oder ich stehe auf und gehe heim,« sagte Kaudel gereizt.

Die junge Frau Kaudel zögerte noch ein Weilchen, warf einen hastigen Blick auf die Gruppe, nickte befriedigt und drückte los.

»Gott sei Dank, das wäre überstanden!« rief Kaudel, den Hund abschüttelnd und auf die Beine springend. »Jetzt kann ich an meine Arbeit gehen.«

»Es wäre besser, wenn ich noch eine Aufnahme machen könnte — Photographen machen immer drei oder vier Negative.«

»Wirklich? So nimm noch ein Negativ, Kind, nämlich mein unwiderrufliches Nein.«

Damit raffte er Regenschirm und Mantel zusammen und ging stracks nach Hause. —

Nach einigen Tagen begab sich die junge Frau Kaudel zu Ellis, um zu erfahren, wie ihre erste Aufnahme das Entwicklungsverfahren bestanden habe. Sie hatte es durchgesetzt, daß ihr Mann mitging.

Lächelnd brachte der junge Mann die Kopieen. »Die gnädige Frau haben den Apparat etwas zu nieder gehalten,« bemerkte er.

Das Ergebnis von Frau Kaudels erstem Versuch war die etwas verschwommene Photographie von zwei Männerbeinen — das war alles.

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