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Die junge Frau Kaudel

George Robert Sims: Die junge Frau Kaudel - Kapitel 14
Quellenangabe
typenarrative
booktitleDie junge Frau Kaudel
authorGeorge R. Sims (1847 - 1922)
translatorEmmy Becher (1854 - 1922)
firstpub1906
year1906
publisherVerlag von J. Engelhorn
addressStuttgart
titleDie junge Frau Kaudel
pages160
created20060201
senderngiyaw@googlemail.com
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Herr Kaudel hat im Sinn, ein Automobil zu kaufen.

»Ich gehe damit um,« sagte Kaudel eines Morgens am Frühstückstisch, nachdem er die Zeitung mit einem Bericht über eine Motorwettfahrt beiseite gelegt hatte, »mir ein Auto anzuschaffen.«

Die junge Frau Kaudel, die damit beschäftigt war, einen Apfelschnitz zwischen die Stäbe des Vogelkäfigs einzuklemmen, drehte sich rasch herum.

»Womit gehst du um?« rief sie.

»Mit dem Gedanken an einen Motor — ist das etwas so Außerordentliches?«

»Wilfrid,« sagte die junge Frau Kaudel in einem Ton von gewaltsam beherrschter Entrüstung, »gestern erst hast du gesagt, du könnest dir keinen neuen Hut leisten, weil meine Hüte dein ganzes Einkommen verschlängen, und nun sprichst du von einem Automobil! Ein Herrenhut wird schwerlich mehr als einige Schillinge kosten, ein Motor jedenfalls Hunderte von Pfunden. Wenn du dir keinen Hut leisten kannst, womit willst du den Motor bezahlen?«

»Meine Liebe, wenn ich gesagt habe, ich könne den Hut nicht erschwingen, so war das natürlich bildlich gesprochen. Ich wollte dir damit nur zu Gemüt führen, daß allwöchentlich ein neuer Hut für die Frau und ihrer jährlich zwei für den Mann eine ungerechte Verteilung der Güter ist.«

»Ich weiß nicht, was du unter ›Gütern‹ verstehst. Meine Hüte sind jedenfalls keine, denn sie werden nie mit Fracht versandt! Und was die Behauptung betrifft, daß ich wöchentlich einen Hut brauchte, so ist das eine abgeschmackte Übertreibung. Es wundert mich, daß du nicht längst eine gemeinsame Reisemütze für uns angeschafft hast, die ich aufsetzen darf, wenn du zu Haus bleibst, und — wie sagen doch die Franzosen? — vice versa.«

»Vice versa ist nicht eben französisch,« versetzte Kaudel lächelnd. »Bleiben wir bei unsrer Muttersprache, und erkläre du mir in dieser, weshalb ich keinen Motor haben soll.«

»Weil du keinen brauchst. Du hast Wagen, die nie benützt werden, und Pferde, die aus Mangel an Bewegung zu Grund gehen.«

»Pferde sind ja an und für sich ganz schön, aber lange Reisen kann man mit ihnen nicht machen, wie mit dem Motor, und vor allem kommt man nicht so rasch von der Stelle.«

»Ich bin überzeugt, daß es für deine Gesundheit gar nicht ratsam wäre, in einem Motor durch die Welt zu sausen! Dir täte Gehen not, das sagt auch der Doktor.«

»Aber meine liebe Mabel, von London nach Glasgow oder nach Plymouth kann ich nicht wohl zu Fuß gehen.«

»Ach so, du hast im Sinn, solche Reisen zu machen? Und, bitte, was fange ich dann an?«

»Du begleitest mich.«

»Niemals! Ich bin zweimal in einem Auto gefahren und habe beide Male vier Wochen lang Gesichtsschmerzen gehabt. Du weißt ja, daß mir das Auteln nicht bekommt, und eben deshalb willst du dir einen Motor kaufen. Das kann reizend werden für mich! Ich sehe ja, weiß Gott, jetzt schon wenig genug von dir; wenn du aber nun während der Zeit, wo du nicht kritzelst, in England herumrasseln willst, so könnte ich ebensogut den fliegenden Holländer geheiratet haben oder den Mann, den wir im Hoftheater sahen — Homer oder wie er hieß.«

»Vermutlich hieß er Odysseus.«

»Allerdings, und eine nette Sorte von Ehemann war er! Segelt da auf seiner Jacht umher, bleibt auf einer wüsten Insel bei einem gottlosen Frauenzimmer hängen, und die arme Frau darf daheim sitzen und spinnen und sich mit einer Rotte frecher Kriegsleute herumschlagen, die ihr von der griechischen Regierung ins Quartier gelegt worden sind. Aber ich werde nicht die Penelope spielen, während du durchs Land autelst. Du könntest es auch machen wie der Herr Tree — nach sieben Jahren als Ruine heimkommen und behaupten, es tue dir sehr leid, aber du hättest nicht früher kommen können, weil dir ein Reifen gesprungen sei.«

Erschöpft von ihrem Aufwand an Phantasie und Atem sank die junge Frau Kaudel auf einen Stuhl.

»Kein — übler Einfall, Mabel — die Odyssee des Autlers’, vielleicht verwende ich das einmal. Nun sei aber so gut und steige vom hohen Olymp ins Themsetal herab; wir müssen den Plan der Anschaffung eines Motors doch auf festerem Grund besprechen.«

»Wilfrid,« erklärte die junge Frau Kaudel gelassen, »wenn du darauf bestehst, einen anzuschaffen, so bleibe ich nicht zu Hause, wenn du fort bist. Ich könnte es nicht ertragen, meine Nerven würden zu Grunde gehen. Ich werde nach Hause gehen müssen zu meinem Vater — der rast nicht durchs Land, sechzig Kilometer in der Stunde. Er fährt nur auf dem Dreirad, und wir brauchen uns nie zu ängstigen, weil wir wissen, daß er sofort absteigt, wenn ihm ein Wagen entgegenkommt, und zu Fuß geht, bis die Straße wieder frei ist. Mein Vater weiß, was er seiner Familie schuldig ist.«

»Was zum Kuckuck hat ein Auto mit meinen Pflichten gegen die Familie zu schaffen?«

»Sehr viel. Wenn ein Mann des Morgens im Motor abfährt, weiß seine Frau nie, was bis zum Abend sein Schicksal sein wird. Sieh doch nur die Zeitungen durch. Jeden Tag wird ein Autler durch ein Ladenfenster geschleudert, oder es fliegt einer in die Luft, oder wird von der Polizei vorgeladen, oder ins Spital gebracht, oder es überfährt einer jemand. Was soll überdies aus deiner Arbeit werden, wenn du das ganze Jahr bei den Wettfahrten von Paris nach Nizza oder nach Madrid oder nach Glasgow bist?«

»Was für ein Gänschen du bist! Fällt mir doch nicht ein, Wettfahrten mitzumachen! Ich werde mir ein nettes, bequemes Wägelchen anschaffen, worin ich Ausflüge nach Brighton oder anderswohin machen kann. Alle Welt hat das heutzutage.«

»Jawohl, und ›alle Welt‹ sieht darin zum Gruseln aus. O Wilfrid! Als ich einem ehrbaren Schriftsteller in mittleren Jahren, der längst ausgetobt haben konnte, meine Hand gab, da habe ich doch nicht ahnen können, daß ihn eines schönen Tags der Teufel reiten würde, ein Autelnarr zu werden!«

«Ich sage dir aber, daß ich kein Autelnarr zu werden gedenke. Du könntest ebensogut behaupten, daß ich wegen rücksichtslosen Fahrens eingesteckt werde, weil ich ab und zu mit meinem Pony ausfahre.«

»Das ist ganz etwas andres; gegen den Pony habe ich nichts. Ein Pony läuft keine sechzig Kilometer in der Stunde und mit Ponys macht man keine Wettrennen, wenigstens anständige Leute nicht. Höchstens Schornsteinfeger und Grünkrämer halten Ponywettrennen. Und beim Pony gibt’s auch keine Explosionen und keinen Chauffeur, der mit der Hand auf der Lenkstange wild um sich späht nach dem nächsten Unglücksfall.«

»Abgeschmackt! Die besonnensten Leute haben jetzt Motoren; der Ministerpräsident hat einen und Balfour autelt, wenn er nicht gerade Golf spielt.«

»Balfour! Der ist wirklich ein erhebendes Beispiel! Ich weiß aus der Zeitung, daß er fortwährend verklagt wird wegen waghalsigen Fahrens. Angenehme Aussicht für mich, alle Woche einmal deinen Namen im Polizeibericht zu lesen, und für meinen Vater erst! Mein Vater ist ein angesehener Mann in Birmingham. Es würde ihm das Herz brechen, wenn er nicht mehr über die Straße gehen könnte, ohne daß jemand zu ihm sagte: ›Ihr Schwiegersohn sitzt ja wieder!‹«

»Ich werde mich hüten, der Polizei in die Hände zu fallen!«

»So, wie wirst du das angreifen? Dich weigern, deine Nummer anzugeben? Mit Volldampf davonsausen? Wilfrid, ich würde es nicht aushalten! Ich würde Zuckungen bekommen, so oft ein Schutzmann am Haus vorbeiginge, denn ich müßte ja immer denken, er wolle dich verhaften. Und schlafen könnte ich überhaupt nicht mehr, denn ich würde die ganze Nacht wachliegen und warten, ob nicht an die Tür geklopft und gerufen würde: ›Öffnen Sie im Namen des Gesetzes!‹ und du abgeholt und fortgeschleppt würdest, weil du jemand überfahren und vor der Polizei die Flucht ergriffen hättest. Nein, Wilfrid, wenn du dich entschlossen hast, ein Autelnarr zu werden, so beauftrage nur gleich Herrn Bartrum mit der Scheidungsklage, und ich gehe heim zu meinem Vater.«

»Reinster Stil des Melodrams im fünften Akt! Sag lieber gleich, ein Motor sei das schnellste und sicherste Beförderungsmittel ins Zuchthaus!«

»Dafür halt’ ich’s auch! Bei deiner Heftigkeit weiß ich nicht, wie es ablaufen sollte, wenn die Polizei dich anhielte, weil du zu schnell führest. Vermutlich würdest du dem armen Schutzmann die entsetzlichsten Schimpfreden an den Kopf werfen und ihn einfach niederfahren. Ich könnte ja mein Haupt nie mehr hochtragen, wenn du ein Sträfling wärest; Abend für Abend würde ich daheim am Fenster sitzen und hinausspähen, ob du nicht irgendwo aus dem Gebüsch kröchest und mich anflehtest, dich zu verstecken. Und natürlich würde die Polizei, sobald du aus dem Gefängnis ausgebrochen wärest, bei meinem Vater eine Haussuchung anstellen, weil sie ja wüßte, daß ich deine Frau bin und dort lebe. Denkst du denn gar nicht daran, was das für meine Schwestern wäre? Die Nachbarn zur Rechten und Linken und die von gegenüber würden alle unterm Fenster liegen, während Schutzleute und Gefängniswärter meines Vaters Haus nach einem entsprungenen Sträfling durchsuchten. Und wie sollte er je wieder in Frage kommen bei einer Wahl zum Stadtrat?«

Kaudel ließ der lebhaften Phantasie seiner Frau freien Lauf, ja er wunderte sich eigentlich, daß sie abbrach, ohne ihn selbst im Kerker zu schildern, wie er einen herzzerreißend den Abschiedsbrief an sie schrieb, und den Reden des Priesters über die Galeeren lauschte, die das naturgemäße letzte Ziel des Autlers wären. Er war sich auch bewußt, daß alle Gegenreden fruchtlos sein würden, und so raffte er, als die junge Frau Kaudel fertig war, seine Zeitungen und Briefschaften zusammen und ging in sein Arbeitszimmer, wo er sich, der Eingebung des Augenblicks gehorchend, niedersetzte, um ein Feuilleton: »Motorsport und Ehe« für seine Zeitung zu schreiben. Er war aber noch nicht weit damit gediehen, als die junge Frau Kaudel erschien.

»Wilfrid,« sagte sie, »willst du mir nicht den Gefallen tun, ins Eßzimmer zu kommen?«

»Ich kann nicht … bin beschäftigt …«

»Wenn du Zeit hast, in einem Motor durchs Land zu sausen, kannst du auch fünf Minuten für mich erübrigen. Ich möchte, daß du im Eßzimmer zum Fenster hinaussähest.«

Kaudel schob das Manuskript zurück, warf die Feder hin und folgte seiner Frau.

»Sieh,« sagte sie, auf ein Automobil deutend, das auf der andern Seite der Straße hielt.

Kaudel sah hin und bemerkte einen Motor, der so heftig arbeitete, daß der Käfig des Kanarienvogels in seinem Ring vor dem Eßzimmerfenster hin und her schwankte. Der Chauffeur kroch unter der Maschine herum und eine Schar kleiner Gassenjungen verfolgte seine Tätigkeit mit lebhaftem Interesse.

»Solche Sachen werden dir auch zustoßen, Wilfrid,« sagte die junge Frau Kaudel. »Mitten auf der Straße wirst du absteigen müssen und, umringt von einer gröhlenden Menge, auf allen Vieren unter deinem Fuhrwerk herumkriechen. Ist das eine passende Lage für einen Schriftsteller?«

»Der Mann ist nicht Schriftsteller, sondern Chauffeur, es ist sein Handwerk, die Maschine in Stand zu setzen, wenn etwas nicht klappt. Ich werde dergleichen nicht selbst besorgen, sondern mein Chauffeur.«

»So — du wirst dir also nicht nur einen Motor anschaffen, sondern auch einen Chauffeur?«

»Selbstverständlich. Ich muß doch jemand haben, der die Maschine in Ordnung hält, sie heimfährt, wenn ich sie nicht mehr brauche, ölt, putzt und so weiter.«

»Also einen landfremden Menschen schleppst du dann mit dir in der Welt herum, und deine Frau soll in Einsamkeit daheim sitzen!«

»Wenn sie nicht mitfahren will, ja — ich habe dir gesagt, daß Raum für dich im Wagen ist.«

»Aber ich will nicht, wie ich dir ebenfalls gesagt habe. Wer soll das Haus und die Dienstboten beaufsichtigen, wenn ich immer am andern Ende der Welt in einem Motor herumkutschiere? Nein, Wilfrid, vielleicht hätte ich’s mit der Zeit verwinden können, daß du einen Motor hast, den Chauffeur aber verzeihe ich dir niemals!«

»Den muß ich eben haben. Du erwartest doch auch nicht, daß ich Pferde halte ohne Kutscher.«

»Gut, dann steht mein Entschluß fest. Am Tag, wo dein Motor und dein Chauffeur vor dieser Türe stehen, schreite ich für immer hinaus. Wähle zwischen deiner Frau und einem Automobil.«


»Da ich den Vormittag nicht mit Hin- und Widerreden vergeuden wollte,« schreibt Kaudel, »drehte ich mich auf dem Absatz um und ging an die Arbeit zurück. Allein der Motor kam beim zweiten Frühstück und kam beim Mittagessen wieder aufs Tapet. Meine Frau hatte den Nachmittag dazu benützt, sich über die Preise von Automobilen zu unterrichten. Der Händler hatte eine mutmaßliche Käuferin in ihr gesehen, die er auf eine prachtvolle Maschine um beinah fünfzehnhundert Pfund einschätzte. Diese Zahl im Kopf tragend, machte sie mir die Mahlzeit zu einer wahren Orgie von Unvernunft.«

»Wilfrid, ich bin hinter deine Schliche gekommen,« begann sie. »Du bist im Begriff, fünfzehnhundert Pfund für einen Motor auszugeben, und hast mir eine abscheuliche Szene gemacht, weil meine Schneiderin eine Rechnung über lumpige fünfzehn Pfund geschickt hat. In Zukunft werde ich meine sämtlichen Kleider von Worth in Paris beziehen.«

»Da meine Versicherung, daß ich für meinen bescheidenen kleinen Motor durchaus keine solche Summe ausgeben würde, mit Verachtung verworfen wurde, mußte ich nachgeben. Die Vorstellung, daß meine Frau ein Kleid bei Worth bestellen werde, so oft ich im Automobil ausfahren würde, war zu beängstigend. Ich werde mein Leben ohne Motor beschließen.«

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