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Gutenberg > Gustav Freytag >

Die Journalisten

Gustav Freytag: Die Journalisten - Kapitel 9
Quellenangabe
typecomedy
booktitleDie Journalisten
authorGustav Freytag
year1966
publisherVandenhoeck & Ruprecht
addressGöttingen
titleDie Journalisten
pages3-112
sendergerd.bouillon@t-online.de
firstpub1854
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Piepenbrink, Frau Piepenbrink, Bertha von Fritz Kleinmichel geführt, Kleinmichel (durch die Mittelthür). Quadrille hinter der Scene.

Piepenbrink. Gott sei Dank, daß wir aus diesem Gedränge heraus sind.

Frau Piepenbrink. Es ist sehr heiß.

Kleinmichel. Und die Musik ist zu laut, es sind zu viel Trompeten dabei, und die Trompeten sind mir zuwider.

Piepenbrink. Hier ist ein ruhiger Ort, hier wird hergesetzt.

Fritz. Bertha möchte noch in dem Saal bleiben, könnte ich nicht mit ihr umkehren?

Piepenbrink. Ich habe nichts dagegen, daß ihr jungen Leute in den Saal zurückgeht, aber es ist mir lieber, wenn ihr bei uns bleibt. Ich habe gern alle meine Leute beisammen.

Frau Piepenbrink. Bleibe bei deinen Eltern, mein Kind!

Piepenbrink. Setzt euch! (Zu seiner Frau) Du setze dich an die Ecke, Fritz kommt neben mich. Nehmt Bertha zwischen euch, Nachbarn, sie wird doch nächstens an euren Tisch kommen. (Setzen sich an den Tisch rechts, an die linke Ecke Frau Piepenbrink, dann er selbst, Fritz, Bertha, Kleinmichel.)

Fritz. Wann wird das Nächstens sein, Herr Pathe? Sie sagen das schon lange, und schieben den Hochzeitstag immer wieder hinaus.

Piepenbrink. Das geht dich nichts an.

Fritz. Ich dächte doch, Herr Pathe, ich bin's ja, der Bertha heiraten will.

Piepenbrink. Das ist was rechts. Das kann Jeder wollen. Aber ich soll sie dir geben, Junge, und das will mehr sagen, denn es wird mir schwer genug, die kleine Bachstelze aus meinem Nest zu lassen. Darum warte. Du sollst sie haben, aber warte!

Kleinmichel. Er wird warten, Nachbar!

Piepenbrink. Das will ich ihm auch gerathen haben. – He! Kellner, Kellner!

Frau Piepenbrink. Was diese Bedienung an solchen Orten schlecht ist!

Piepenbrink. Kellner! (Kellner kommt.) – Ich heiße Piepenbrink! – Ich habe sechs Flaschen von meinem Wein mitgebracht. Sie stehen beim Restaurateur, ich will sie herhaben. (Indem der Kellner Flaschen und Gläser herzuholt, treten auf:)

Bolz, Kämpe (an der Thür, Kellner ab und zu im Hintergrunde).

Bolz (bei Seite zu Kämpe). Welcher ist es?

Kämpe. Der uns den Rücken zukehrt, der mit den breiten Schultern.

Bolz. Und was hat er für eine Art von Geschäft?

Kämpe. Meist Rothweine.

Bolz. Gut. (laut) Kellner, einen Tisch und zwei Stühle hierher! eine Flasche Rothwein! (Der Kellner bringt das Geforderte nach dem Vordergrund links.)

Frau Piepenbrink. Was wollen die hier?

Piepenbrink. Das ist das Unbequeme bei solchen zusammengebetenen Gesellschaften, daß man nirgend allein bleiben kann.

Kleinmichel Es scheinen anständige Herren; ich glaube, den einen habe ich schon gesehen.

Piepenbrink (entschieden). Anständig oder nicht, uns sind sie unbequem.

Kleinmichel. Freilich sind sie das.

Bolz (sich mit Kämpe setzend). Da säßen wir in Ruhe vor einer Flasche Rothwein, mein Freund. Ich habe kaum den Muth einzuschenken, denn der Wein in solchen Restaurationen ist fast immer abscheulich. Was wird das nur für Zeug sein?

Piepenbrink (gereizt). So? hört doch!

Kämpe. Versuchen wir's. (Gießt ein, leise) Es ist ein P. P. auf dem Siegel, das könnte auch Piepenbrink bedeuten.

Piepenbrink. Ich bin doch neugierig, was diese Gelbschnäbel an dem Wein aussetzen werden.

Frau Piepenbrink. Sei ruhig, Philipp, man hört dich drüben.

Bolz (leise). Sie haben sicher Recht, der Restaurateur nimmt seinen Wein von ihm; deshalb ist er auch hergekommen.

Piepenbrink. Sie scheinen keinen Durst zu haben, sie trinken nicht.

Bolz (kostet, laut). Nicht übel!

Piepenbrink (ironisch) So?

Bolz (kostet wieder). Ein reiner, guter Wein!

Piepenbrink (aufathmend). Der Mensch hat kein schlechtes Urtheil.

Bolz. Aber er ist doch nicht zu vergleichen mit einem ähnlichen Wein, den ich neulich bei einem Freunde getrunken habe.

Piepenbrink. So?

Bolz. Seit der Zeit weiß ich, daß es nur einen Mann in der Stadt gibt, von dem ein gebildeter Weintrinker seine Rothweine holen darf.

Kämpe. Und der ist?

Piepenbrink (ironisch). Ich bin doch neugierig.

Bolz. Ein gewisser Piepenbrink.

Piepenbrink (zufrieden mit dem Kopf nickend). Gut!

Kämpe. Ja, das Geschäft gilt allgemein für sehr respectabel.

Piepenbrink. Die wissen nicht, daß auch ihr Wein aus meinen Kellern ist. Hahaha!

Bolz (sich zu ihm wendend) Lachen Sie über uns, mein Herr?

Piepenbrink. Hahaha! Nichts für ungut, ich hörte Sie nur über den Wein sprechen. Also Piepenbrinks Wein schmeckt Ihnen besser als dieser da? Hahaha!

Bolz (mit gelinder Entrüstung). Mein Herr, ich muß Sie ersuchen, meine Ausdrücke weniger komisch zu finden. Ich kenne den Herrn Piepenbrink nicht, aber ich habe das Vergnügen seinen Wein zu kennen, und deshalb wiederhole ich die Behauptung, daß Piepenbrink bessern Wein in seinem Keller hat, als dieser hier ist. Warum finden Sie das lächerlich? Sie kennen die Weine von Piepenbrink nicht und haben gar kein Recht zu urtheilen.

Piepenbrink. Ich kenne Piepenbrinks Weine nicht, ich kenne auch Philipp Piepenbrink nicht, ich habe seine Frau nie gesehen, merkst du, Lotte? und wenn mit seine Tochter Bertha begegnet, so frage ich: wer ist dieser kleine Schwarzkopf? Das ist eine lustige Geschichte. Nicht wahr, Kleinmichel? (lacht.)

Kleinmichel. Es ist sehr lächerlich! (lacht.)

Bolz (aufstehend, mit Würde). Mein Herr, ich bin Ihnen fremd und habe Sie nie beleidigt. Sie haben ein ehrenhaftes Aussehen und ich finde Sie in Gesellschaft liebenswürdiger Frauen. Deshalb kann ich nicht glauben, daß Sie hergekommen sind, um Fremde zu verhöhnen. Ich fordere also als Mann eine Erklärung von Ihnen, weshalb Sie meine harmlosen Worte so auffallend finden. Wenn Sie ein Feind von Herrn Piepenbrink sind, warum lassen Sie uns das entgelten?

Piepenbrink (aufstehend). Nur nicht hitzig, mein Herr! Merken Sie auf. Der Wein, welchen Sie hier trinken, ist auch aus Piepenbrinks Keller, und der Philipp Piepenbrink, dem zu Liebe Sie auf mich losgehen, bin ich selbst. Jetzt begreifen Sie, warum ich lache.

Bolz. Ah! steht die Sache so? Sie sind Herr Piepenbrink selbst? – Nun, so freue ich mich aufrichtig, Ihre Bekanntschaft zu machen. Nichts für ungut, verehrter Herr.

Piepenbrink. Nein, nichts für ungut. Es ist Alles in Ordnung.

Bolz. Da Sie so freundlich waren, uns Ihren Namen zu nennen, so ist es auch in der Ordnung, daß Sie die unsern erfahren. Doctor der Philosophie Bolz und hier mein Freund, Herr Kämpe.

Piepenbrink. Freue mich.

Bolz. Wir sind ziemlich fremd in der Gesellschaft und haben uns in dies Nebenzimmer zurückgezogen, weil man seine Behaglichkeit unter den vielen fremden Gesichtern doch nicht hat. Es würde uns aber sehr leid thun, wenn wir durch unsere Nähe das Vergnügen der Damen und die Unterhaltung einer so achtbaren Gesellschaft irgend störten. Sagen Sie gerade heraus, wenn wir Ihnen unbequem sind, suchen wir uns einen andern Platz.

Piepenbrink. Sie scheinen ein fideler Mann und sind mir durchaus nicht unbequem, mein Herr Doctor Bolz – so war ja wohl der Name?

Frau Piepenbrink. Auch wir sind fremd hier und haben uns eben erst niedergesetzt. – Piepenbrink! (stößt ihn leise an.)

Piepenbrink. Wissen Sie was, Herr Doctor, da Sie den gelbgesiegelten aus meinem Keller doch schon kennen und ein sehr verständiges Urtheil abgegeben haben, wie wär's, wenn Sie ihn hier noch einmal versuchten? Die Sorte wird Ihnen besser schmecken. Setzen Sie sich zu uns, wenn Sie nichts Anderes vorhaben, wir schwatzen dann eins zusammen.

Bolz (mit Haltung, wie in dieser ganzen Scene, in welcher er wie Kämpe durchaus nicht zudringlich erscheinen dürfen). Das ist ein sehr freundliches Anerbieten und wir nehmen es mit Dank an. Haben Sie die Güte, vortrefflicher Herr, uns mit Ihrer Gesellschaft bekannt zu machen.

Piepenbrink. Das hier ist meine Frau.

Bolz. Zürnen Sie nicht über unser Eindringen, Madame, wir versprechen recht artig zu sein und so gute Gesellschafter, als zwei schüchternen Junggesellen nur möglich ist.

Piepenbrink. Hier ist meine Tochter!

Bolz (zu Frau Piepenbrink). Aus der Aehnlichkeit war das zu errathen.

Piepenbrink. Hier Herr Kleinmichel, mein Freund, und hier Fritz Kleinmichel, der Bräutigam meiner Tochter.

Bolz. Ich wünsche Ihnen Glück, meine Herren, zu einer so holden Nachbarschaft. (zu Piepenbrink) Erlauben Sie mir, mich neben die Dame vom Hause zu setzen; Kämpe, ich dächte, Sie nähmen Platz neben dem Herrn Kleinmichel. (setzen sich.) So ist bunte Reihe. – Kellner! (Der Kellner tritt zu ihm.) Zwei Flaschen von diesem hier!

Piepenbrink. Halt da! Den Wein finden Sie hier nicht, ich habe meine Sorte mitgebracht, Sie müssen mit mir trinken.

Bolz. Aber, Herr Piepenbrink –

Piepenbrink. Keine Einrede! Sie sollen mit mir trinken. Und wenn ich Jemandem sage, er soll mit mir trinken, Herr, so meine ich nicht nippen, wie die Frauen, sondern trink aus, schenk ein. Darnach mögen Sie sich richten.

Bolz. Gut, ich bin's zufrieden. Wir nehmen Ihre Gastfreundschaft so dankbar an, als sie herzlich geboten wurde. Aber Sie müssen mir dann erlauben, mich zu revanchiren. Am nächsten Sonntag sind Sie sämmtlich meine Gäste, wollen Sie? Sagen Sie Ja, mein gütiger Wirth! Punkt sieben Uhr freundschaftliches Abendessen, ich bin unverheiratet, also in einem anständigen ruhigen Hotel. Geben Sie Ihre Einwilligung, verehrte Frau, – schlagen Sie ein, Herr Piepenbrink, Sie auch, Herr Kleinmichel und Herr Fritz! (hält Allen die Hand hin.)

Piepenbrink. Wenn's meine Frau zufrieden ist, ich kann mir's wohl gefallen lassen.

Bolz. Angenommen, abgemacht. Und jetzt die erste Gesundheit: – Der gute Geist, welcher uns heut zusammengeführt hat, er soll leben – (herumfragend) wie heißt der Geist?

Fritz Kleinmichel. Der Zufall.

Bolz. Nein, er trägt eine gelbe Mütze.

Piepenbrink. Der gelbgesiegelte heißt er.

Bolz. Richtig. Er soll leben! Wir wünschen dem Herrn eine recht lange Dauer, wie die Katze zum Vogel sagte, als sie ihm den Kopf abbiß.

Kleinmichel. Wir lassen ihn leben, indem wir ihm den Garaus machen.

Bolz. Gut bemerkt. Vivat!

Piepenbrink. Vivat! (Sie stoßen an. Piepenbrink zu seiner Frau) Es wird heut noch gut.

Frau Piepenbrink. Es sind sehr bescheidne, nette Leute.

Bolz. Sie glauben gar nicht, wie froh ich bin, daß unser Glück uns in so gute Nachbarschaft geführt hat. Denn dort drin ist zwar Alles sehr hübsch hergerichtet –

Piepenbrink. Alles, was wahr ist, es ist sehr anständig.

Bolz. Sehr anständig! Aber diese politische Gesellschaft ist doch nicht nach meinem Geschmack.

Piepenbrink. Ach so! Sie gehören wohl nicht zu der Partei, deshalb gefällt es Ihnen nicht.

Bolz. Das ist es nicht! Aber wenn ich mir denke, diese Leute sind nicht zusammengebeten, damit sie recht von Herzen vergnügt sind, sondern damit sie nächstens ihre Stimmen dem oder jenem Herrn geben, so werde ich kalt.

Piepenbrink. So ist es doch wohl nicht gemeint. Darüber wäre noch zu reden; nicht wahr, Gevatter?

Kleinmichel. Ich hoffe, es wird hier keine Verpflichtung unterschrieben.

Bolz. Vielleicht auch nicht. Ich habe keine Stimme abzugeben und ich lobe mir eine Gesellschaft, wo man an nichts Anderes denkt, als sich mit seinem Nachbar zu freuen und aufmerksam zu sein gegen die Königinnen der Gesellschaft, gegen holde Frauen! Stoßen Sie an, meine Herren, auf das Wohl der Frauen, der beiden, welche unsern Kreis schmücken! (Alle stoßen an.)

Piepenbrink. Komm her, Lotte, du sollst leben!

Bolz. Mein Fräulein, erlauben Sie einem Fremden, auf das Glück Ihrer Zukunft anzustoßen.

Piepenbrink. Was wird denn eigentlich da drin noch vorgenommen?

Fritz Kleinmichel. Ich höre, bei Tische wird man Reden halten, und der Wahlcandidat, der Oberst Berg, soll vorgestellt werden.

Piepenbrink. Ein sehr respectabler Herr!

Kleinmichel. Ja, es ist eine gute Wahl, welche die Herren vom Comité getroffen haben.

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