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Die Journalisten

Gustav Freytag: Die Journalisten - Kapitel 8
Quellenangabe
typecomedy
booktitleDie Journalisten
authorGustav Freytag
year1966
publisherVandenhoeck & Ruprecht
addressGöttingen
titleDie Journalisten
pages3-112
sendergerd.bouillon@t-online.de
firstpub1854
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Zweite Scene.

Seitenzimmer eines öffentlichen Saales. Die Hinterwand eine Reihe Säulen und Pfeiler, zwischen denen man in den erleuchteten Saal sieht und dahinter in einen zweiten. Vorn links eine Thür, rechts Tische und Stühle; Kronleuchter; später von Zeit zu Zeit ferne Musik.

Im Saal Herren und Damen stehend, oder in Gruppen auf- und abgehend. Senden, Blumenberg, hinter diesen Schmock aus dem Saal.

Senden. Alles geht gut. Ein superber Geist in der Gesellschaft. Diese guten Bürger sind entzückt über unser Arrangement. – Das mit dem Fest war ein vortrefflicher Gedanke von Ihnen, Blumenberg.

Blumenberg. Machen Sie nur, daß die Leute schnell warm werden. Etwas Musik thut zum Anfang gute Dienste, am besten sind Wiener Tänze wegen der Frauen. Dann kommt eine Rede von Ihnen, dann einige Gesangstücke, und beim Essen die Vorstellung des Obersten und die Gesundheiten! Es kann nicht fehlen, die Leute müssen Herzen von Stein haben, wenn sie ihre Stimmen nicht geben zum Dank für ein solches Fest.

Senden. Die Gesundheiten sind vertheilt.

Blumenberg. Aber die Musik? Warum schweigt die Musik?

Senden. Ich warte bis zur Ankunft des Obersten.

Blumenberg. Er muß mit einem Tusch empfangen werden; das wird ihm schmeicheln, wissen Sie.

Senden. So ist's bestellt. Gleich darauf beginnt ein Marsch und wir führen ihn im Zuge ein.

Blumenberg. Sehr gut! Das gibt dem Eintritt die Feierlichkeit. Denken Sie nur an Ihre Rede; sein Sie populär, denn wir sind heut unter dem großen Haufen.

Gäste, unter ihnen Henning.

Senden (mit Blumenberg die Honneurs machend). Sehr erfreut, Sie hier zu sehen. – Wir wußten, daß Sie uns nicht fehlen würden. – Ist dies Ihre Frau Gemahlin?

Gast. Ja, dieses ist meine Frau, Herr von Senden.

Senden. Auch Sie bei uns, Herr Henning? Sein Sie willkommen, werther Herr!

Henning. Ich bin durch meinen Freund eingeladen, und war doch neugierig. Ich hoffe, mein Hiersein wird Niemandem unangenehm sein?

Senden. Im Gegentheil. Wir sind entzückt, Sie hier zu begrüßen. (Gäste ab durch die Mittelthür, Senden im Gespräch mit ihnen ab.)

Blumenberg. Er versteht's die Leute zu treiben. Das sind die guten Manieren dieser Herren. Er ist nützlich; er ist auch mir nützlich; er treibt die Andern und ich treibe ihn. (Sich umwendend, Schmock erblickend, der sich an der Thür umherbewegt) Was thun Sie hier? was stehen Sie und horchen? Sie sind kein Thorschreiber von der Accise. Machen Sie, daß Sie nicht in meiner Nähe bleiben. Vertheilen Sie sich in der Gesellschaft.

Schmock. Zu wem soll ich gehen, wenn ich keine Bekannten habe unter all den Leuten? Sie sind meine einzige Bekanntschaft.

Blumenberg. Wozu brauchen Sie den Leuten zu sagen, daß ich Ihre Bekanntschaft bin? Es ist mir keine Ehre, neben Ihnen zu stehen.

Schmock. Wenn es keine Ehre ist, so ist es auch keine Schande. Ich kann auch gehen allein.

Blumenberg. Haben Sie Geld, daß Sie etwas verzehren können? Gehen Sie zum Restaurateur und lassen Sie sich etwas geben auf meinen Namen. Das Comité wird's bezahlen.

Schmock. Ich will nicht hingehen zu essen. Ich brauche nichts auszugeben, ich habe gegessen. (Ferner Tusch und Marsch, Blumenberg ab. Schmock allein, nach vorn, heftig) Ich hass' ihn, ich will's ihm sagen, daß ich ihn hasse und daß ich ihn verachte im Grund meines Herzens. (Wendet sich zum Gehen, umkehrend) Ich kann's ihm doch nicht sagen, denn er streicht mir dann Alles in meiner Correspondenz, die ich ihm für die Zeitung mache. Ich will sehen, ob ich's kann hinunterschlucken. (Ab durch die Mittelthür.)

Bolz, Kämpe, Bellmaus (zur Seitenthür herein).

Bolz (einmarschirend). Da sind wir im Hause der Capulet. – (Pantomime des Degeneinsteckens) Verbergt eure Schwerter unter Rosen, blas't eure Bäckchen auf und seht so dumm und unschuldig aus als möglich. Vor allem fangt mir keine Händel an, und wenn ihr diesem Tybald, dem Senden, begegnet, so seid so gut und drückt euch um die Ecke. (Man sieht die Polonaise durch die hintern Sääle gehen.) – Du Romeo Bellmaus, nimm dich vor den Weibsen in Acht, ich sehe dort mehr Locken flattern und Taschentücher schwenken, als für deine Gemüthsruhe gut ist.

Kämpe. Wetten wir eine Flasche Champagner, wenn einer von uns Händel bekommt, so sind Sie der eine.

Bolz. Möglich, aber ich verspreche Ihnen, daß Sie Ihren Antheil daran sicher erhalten sollen. – Jetzt hört meinen Operationsplan. Sie Kämpe –

Schmock.

Halt, wer ist das? – Wetter, das Factotum des Coriolan! unser Incognito hat nicht lange gedauert.

Schmock (der vor den letzten Worten an der Thür beobachtend sichtbar gewesen, vortretend). Ich wünsche einen angenehmen Abend, Herr Bolz.

Bolz. Ich wünsche dasselbe in noch angenehmerer Qualität, Herr Schmock.

Schmock. Könnte ich ein paar Worte mit Ihnen sprechen?

Bolz. Ein paar? Fordern Sie nicht zu wenig, edler Waffenträger des Coriolan. Zwei Dutzend Worte sollen Sie haben, aber nicht mehr.

Schmock. Könnten Sie mir nicht Beschäftigung geben bei Ihrer Zeitung?

Bolz (zu Kämpe und Bellmaus). Hört ihr? Bei unserer Zeitung? Hm! du forderst viel, edler Römer!

Schmock. Ich hab's satt bei dem Coriolan. – Ich wollte Ihnen Alles machen, was Sie zu thun haben. Ich möchte gern bei honetten Menschen sein, wo man seinen Verdienst hat und eine anständige Behandlung.

Bolz. Was verlangen Sie von uns, Sklave Roms? Wir sollten Sie Ihrer Partei entziehen? Nimmermehr! Wir sollten Ihren politischen Ueberzeugungen Gewalt anthun? Sie zum Abtrünnigen machen? Wir sollten die Schuld tragen, daß Sie zu unserer Partei kämen? Niemals! Unser Gewissen ist zart, es empört sich gegen Ihren Vorschlag.

Schmock. Wozu machen Sie sich Sorgen um das? Ich habe bei Blumenberg gelernt, in allen Richtungen zu schreiben. Ich habe geschrieben links, und wieder rechts. Ich kann schreiben nach jeder Richtung.

Bolz. Ich sehe, Sie haben Charakter. Ihnen kann's in unserer Zeitung nicht fehlen. Ihr Anerbieten ehrt uns, aber wir können es jetzt nicht annehmen. Eine so welterschütternde Begebenheit, wie Ihr Uebertritt, will reiflich erwogen sein. – Unterdeß sollen Sie Ihr Vertrauen keinem fühllosen Barbaren geschenkt haben. – (Bei Seite zu den Andern) Vielleicht ist etwas aus ihm herauszulocken! – Bellmaus, du hast das beste Herz unter uns dreien, du mußt dich heut seiner annehmen.

Bellmaus. Was soll ich denn aber mit ihm anfangen?

Bolz. Führe ihn nach der Restauration, setze dich mit ihm in eine Ecke und gieße ihm Punsch in alle Löcher seines armen Kopfes, bis seine Geheimnisse herausspringen wie nasse Mäuse. Mache ihn schwatzen, besonders über die Wahlen. Geh, Kleiner, und sei hübsch vorsichtig, daß du nicht selbst warm wirst und plauderst.

Bellmaus. Auf diese Art werde ich von dem Fest nicht viel sehen.

Bolz. Das wirst du nicht, mein Sohn! Aber was hast du an dem Fest? Hitze, Staub und alte Tanzmusik. Uebrigens werden wir dir morgen Alles erzählen und zuletzt bist du Dichter und kannst dir das Ganze viel schöner vorstellen, als es in der Wirklichkeit ist. Deshalb gräme dich nicht. Deine Rolle scheint undankbar, aber sie ist die wichtigste von allen, denn sie erfordert Kälte und Schlauheit. Geh, meine Maus, und hüte dich vor Erhitzung.

Bellmaus. Ich werde mich hüten, mein Herr Kater. – Kommen Sie, Schmock. (Bellmaus und Schmock ab.)

Bolz. Es wird gut sein, wenn auch wir uns trennen.

Kämpe. Ich gehe die Stimmung beobachten. Wenn ich Sie brauche, werde ich Sie aufsuchen.

Bolz. Ich darf mich nicht viel zeigen, ich bleibe hier in der Nähe. (Kämpe ab) Endlich allein! (Geht an die Mittelthür) Dort steht der Oberst, von einem dichten Kreis umgeben! Sie ist es! – Sie ist hier, und ich muß im Versteck liegen, wie ein Fuchs unter Blättern! – Aber sie hat Falkenaugen, – vielleicht – der Knäuel löst sich, sie gehn mit Ida Arm in Arm durch den Saal, – (lebhaft) sie kommen näher! – (ärgerlich) O weh! da stürzt Korb auf mich zu! Gerade jetzt!

Korb.

Korb. Herr Konrad, ich traue meinen Augen nicht, Sie hier, auf diesem Fest?

Bolz (eilig). Still, Alter, ich bin nicht ohne Grund hier. Ihnen kann ich mich anvertrauen, Sie gehören ja zu uns.

Korb. Mit Leib und Seele. In all dem Gerede und Gefiedel rufe ich immer im Stillen: Vivat der Union! Hier steckt sie (zeigt eine Zeitung in der Tasche).

Bolz. Gut, Korb, Sie können mir einen großen Gefallen thun. In einer Ecke der Restauration sitzt Bellmaus neben einem Fremden. Er soll den Fremden aushorchen, kann aber selbst nicht viel vertragen und kommt leicht ins Schwatzen. Sie thun der Partei einen großen Gefallen, wenn Sie eilig hingehen und Punsch trinken, um den Bellmaus zu unterstützen. Das Sie fest sind, weiß ich aus alter Zeit.

Korb (eilig). Ich gehe. – Sie haben doch immer noch Ihre Finten im Kopf. Verlassen Sie sich auf mich, der Fremde soll unterliegen, und die Union soll triumphiren. (Schnell ab. Musik schweigt.).

Bolz. Armer Schmock! – (an der Thür) Ah, sie gehen noch durch den Saal, Ida wird angeredet, sie bleibt stehen, Adelheid geht weiter, (lebhaft) sie kommt, sie kommt allein?

Adelheid.

Adelheid (wie an der Thür vorbeigehend, tritt schnell herein. Bolz verneigt sich). Konrad! lieber Herr Doctor! (hält ihm die Hand hin.)

Bolz (neigt sich tief auf ihre Hand).

Adelheid (in freudiger Bewegung) Ich habe Sie sogleich aus der Ferne erkannt. Zeigen Sie mir Ihr treues Gesicht! Ja, es hat sich wenig verändert. Eine Narbe, etwas mehr Braun und eine kleine Falte am Mund; – ich hoffe, die ist vom Lachen.

Bolz. Wenn mir gerade jetzt etwas anderes näher ist als Lachen, so ist das nur eine vorübergehende Bosheit meiner Seele. Ich sehe mich doppelt, wie ein melancholischer Hochländer. Mit Ihnen tritt meine lange glückliche Kinderzeit leibhaftig vor meine Augen; Alles, was sie von Freude und Schmerz gebracht, fühle ich so lebhaft wieder, als wäre ich noch der Knabe, der einst für Sie auf Abenteuer in den Wald zog und Rothkehlchen fing. – Und doch ist die schöne Gestalt, welche ich vor mir sehe, von der Gespielin so verschieden, daß ich merke, es ist nur ein holder Traum, den ich träume. – Ihre Augen glänzen so freundlich wie sonst, aber – (sich leicht verneigend) ich habe kaum noch das Recht, an alte Träume zu denken.

Adelheid. Auch ich habe mich vielleicht nicht so verändert, als Sie glauben. – Und wie wir beide auch verwandelt sind, gute Freunde sind wir geblieben, nicht wahr, Herr Doctor?

Bolz. Bevor ich den kleinsten Theil des Rechtes aufgebe, das ich an Ihre Theilnahme habe, will ich lieber boshafte Artikel gegen mich selbst schreiben und drucken und austragen.

Adelheid. Und doch sind Sie so stolz geworden, daß Sie Ihre Freundin bis heut noch nicht in der Stadt aufgesucht haben. Warum sind Sie dem Hause des Obersten fremd?

Bolz. Ich bin ihm nicht fremd. Im Gegentheil, ich habe dort eine sehr achtbare Stellung, welche ich am besten dadurch erhalte, daß ich so wenig als möglich hingehe. Der Oberst und zuweilen auch Fräulein Ida beschwichtigen ihren Unwillen gegen Oldendorf und die Zeitung gern dadurch, daß sie in mir den Uebelthäter mit Hörnern und Klauen sehen. Ein so zartes Verhältniß will mit Schonung behandelt sein, ein Teufel darf sich nicht dadurch gemein machen, daß er alle Tage erscheint.

Adelheid. Ich bitte Sie aber jetzt, diese hohe Stellung aufzugeben. Ich bleibe den Winter über in der Stadt und ich hoffe, Sie werden Ihrer Jugendfreundin zu Liebe als ein Bürger dieser Welt bei meinen Freunden auftreten.

Bolz. In jeder Rolle, welche Sie mir zutheilen.

Adelheid. Auch in der eines Friedensboten zwischen dem Obersten und Oldendorf?

Bolz. Wenn der Friede nur dadurch zu erkaufen ist, daß Oldendorf zurücktritt, nein – sonst aber bin ich zu allen guten Werken erbötig.

Adelheid. Und ich fürchte, daß der Friede gerade nur für diesen Preis zu erkaufen ist. – Sie sehen, Herr Konrad, auch wir sind Gegner geworden.

Bolz. Etwas gegen Ihren Willen zu thun, ist mir entsetzlich, so sehr ich auch Höllensohn bin. – Also meine Heilige wünscht und fordert, daß Oldendorf nicht Deputirter werde?

Adelheid. Ich wünsche und fordere es, mein Herr Teufel!

Bolz. Es ist hart. Sie haben in Ihrem Himmel so viele Herren, mit denen Sie Fräulein Ida beschenken können; warum müssen Sie einem armen Teufel gerade seine einzige Seele, den Professor, entführen?

Adelheid. Gerade den Professor will ich haben und Sie sollen mir ihn überlassen.

Bolz. Ich bin in Verzweiflung, ich würde mir die Haare raufen, wenn die Oertlichkeit nicht so ungünstig wäre. Ich fürchte Ihren Unwillen, ich zittre bei dem Gedanken, daß diese Wahl Ihnen unlieb sein könnte.

Adelheid. So suchen Sie die Wahl zu verhindern!

Bolz. Das kann ich nicht, aber sobald sie vorüber ist, wird mein Schicksal sein, über Ihren Unwillen zu trauern und schwermüthig zu werden. Ich werde mich aus der Welt zurückziehen, weitweg bis zum stillen Nordpol; dort werde ich während dem Rest meiner Tage traurig mit Eisbären Domino spielen und unter den Robben die Anfänge journalistischer Bildung verbreiten. Das wird leichter zu ertragen sein als ein zürnender Blick Ihrer Augen.

Adelheid (lachend). Ja, so waren Sie immer. Sie versprachen alles Mögliche und handelten stets nach Ihrem Kopf. – Bevor Sie aber nach dem Nordpol reisen, versuchen Sie vielleicht noch einmal, mich hier zu versöhnen. – (Kämpe an der Thür sichtbar.) Still! – Ich erwarte Ihren Besuch, leben Sie wohl, mein wiedergefundener Freund! – (Ab.)

Bolz. Dort kehrt mir mein guter Engel zürnend den Rücken! – Jetzt bin ich rettungslos dir verfallen, du Hexe Politik! (Schnell ab durch die Mitte.)

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