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Gutenberg > Gustav Freytag >

Die Journalisten

Gustav Freytag: Die Journalisten - Kapitel 7
Quellenangabe
typecomedy
booktitleDie Journalisten
authorGustav Freytag
year1966
publisherVandenhoeck & Ruprecht
addressGöttingen
titleDie Journalisten
pages3-112
sendergerd.bouillon@t-online.de
firstpub1854
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(Senden winkt die Herren von der Gartenthür näher heran.)

Blumenberg. Wir wagen, in Sie zu dringen, weil wir wissen, daß ein so guter Soldat, wie Sie, Herr Oberst, seinen Entschluß schnell faßt.

Oberst (nach innerem Kampfe). Nun so sei es, meine Herren, ich nehme an. Sagen Sie dem Comité, daß ich das Vertrauen zu schätzen weiß. Heut Abend besprechen wir das Nähere.

Blumenberg. Wir danken Ihnen, Herr Oberst, die ganze Stadt wird Ihren Entschluß mit Freuden vernehmen.

Oberst. Auf Wiedersehen heut Abend! (Die Herren ab; Oberst allein, nachdenkend) Ich hätte doch nicht so schnell annehmen sollen. – Aber ich mußte dem Kriegsminister den Gefallen thun. – Was werden die Mädchen dazu sagen: und Oldendorf?

Oldendorf.

Da ist er selbst! (räuspert sich) – Er wird sich wundern, ich kann ihm nicht helfen, er muß zurücktreten. Guten Tag, Professor, Sie kommen gerade recht.

Oldendorf (eilig). Herr Oberst, in der Stadt erzählt man sich, die Partei des Herrn von Senden habe Sie als Wahlcandidaten aufgestellt; ich bitte Sie selbst um die Versicherung, daß Sie eine solche Wahl nicht annehmen würden.

Oberst. Wenn mir der Antrag gemacht worden wäre, warum sollte ich ihn nicht annehmen, so gut wie Sie? ja eher als Sie; denn die Motive, welche mich bestimmen könnten, sind jedenfalls stichhaltiger als Ihre Gründe.

Oldendorf. Also ist doch etwas an dem Gerücht?

Oberst. Gerade heraus, es ist die Wahrheit, ich habe angenommen, Sie sehen in mir Ihren Gegner.

Oldendorf. Das ist das Schlimmste von Allem, was unser Verhältniß bis jetzt getrübt hat. – Herr Oberst, konnte nicht die Erinnerung an eine Freundschaft, welche Jahre lang herzlich und ungestört war, Sie bewegen, diesen widerwärtigen Kampf zu vermeiden?

Oberst. Ich konnte nicht anders, Oldendorf, glauben Sie mir; an Ihnen ist es jetzt, sich unserer alten Freundschaft zu erinnern. Sie sind der jüngere Mann, von andern Beziehungen zu schweigen, an Ihnen ist es jetzt, zurückzutreten.

Oldendorf (eifriger). Herr Oberst, ich kenne Sie seit Jahren, ich weiß, wie lebhaft und warm Sie empfinden, und wie wenig Ihr feuriges Gefühl geeignet ist, den kleinen Aerger der Tagespolitik, den aufreibenden Kampf der Debatte zu ertragen. O mein würdiger Freund, hören Sie auf meine Bitten und nehmen Sie Ihre Einwilligung zurück.

Oberst. Lassen Sie das meine Sorge sein; ich bin ein alter Stamm aus hartem Holz. – Denken Sie an sich selbst, lieber Oldendorf. Sie sind jung, Sie haben als Gelehrter einen Ruf, Ihre Wissenschaft sichert Ihnen jede Art von Erfolg. Wozu wollen Sie in einer andern Thätigkeit sich statt Ehre und Anerkennung nichts als Haß, Spott und Zurücksetzung holen? Denn bei Ihren Ansichten werden die nicht ausbleiben. Denken Sie daran. Sein Sie verständig und treten Sie zurück.

Oldendorf. Herr Oberst, wenn ich meinen Wünschen folgen dürfte, ich thäte es auf der Stelle. Ich bin aber in diesem Kampfe an meine Freunde gebunden, ich darf jetzt nicht zurücktreten.

Oberst (eifrig). Und ich darf auch nicht zurücktreten, um der guten Sache nicht zu schaden. Da sind wir so weit wie im Anfange. (für sich) Der Trotzkopf! – (Beide gehen an verschiedenen Seiten der Bühne auf und ab.) Sie haben aber gar keine Aussicht gewählt zu werden, Oldendorf; es ist sicher, daß die Majorität der Stimmen meinen Freunden angehört; Sie setzen sich einer öffentlichen Niederlage aus. (Gutmüthig) Ich möchte nicht, daß Sie vor allen Leuten durch mich geschlagen werden, das gibt Geschwätz und Skandal. Denken Sie doch daran! Es ist ganz unnütz, daß Sie erst zum Zweikampf herausfordern.

Oldendorf. Selbst wenn das alles so sicher wäre, als Sie annehmen, Herr Oberst, würde ich doch bis zur Entscheidung aushalten müssen. Aber so weit ich die Stimmung beurtheilen kann, ist das Resultat gar nicht so sicher. Und bedenken Sie, Herr Oberst, wenn der Fall eintritt, daß Sie unterliegen, –

Oberst (ärgerlich). Ich sage Ihnen, er tritt nicht ein.

Oldendorf. Wenn es aber doch so käme? Wie widerwärtig wäre das für uns beide! Mit welchen Empfindungen würden Sie mich dann ansehen! Eine Niederlage wäre meinem Herzen vielleicht willkommen, Ihnen würde sie tiefe Kränkung sein. Und, Herr Oberst, ich fürchte diese Möglichkeit.

Oberst. Eben deshalb sollen Sie zurücktreten.

Oldendorf. Ich darf nicht mehr, Sie aber können noch.

Oberst (heftig). Donnerwetter, Herr, ich habe Ja gesagt, ich bin nicht der Mann, ein Nein darauf zu setzen. – (Beide gehen auf und ab.) So wären wir am Ende, Herr Professor. Meine Wünsche gelten Ihnen nichts, ich hätte das wissen können. Ein jeder von uns gehe seinen Weg. – Wir sind öffentliche Gegner geworden, wir wollen einander ehrliche Feinde sein.

Oldendorf (die Hand des Obersten ergreifend). Herr Oberst, ich halte diesen Tag für einen sehr unglücklichen, denn ich sehe Trauriges auf ihn folgen. Bewahren Sie sich unter allen Umständen die Ueberzeugung, daß meine Liebe und Anhänglichkeit an Sie durch nichts zu erschüttern ist.

Oberst. Zuletzt ist unsere Position wie vor einer Schlacht. Sie wollen sich von einem alten Militär schlagen lassen, Sie sollen Ihren Willen haben.

Oldendorf. Ich bitte um die Erlaubniß, unser Gespräch Fräulein Ida mitzutheilen.

Oberst (etwas unruhig). Es ist besser, Sie thun das jetzt nicht, Herr Professor; es wird sich schon eine Gelegenheit finden. Vorläufig sind die Damen bei der Toilette, ich selbst werde ihnen das Nöthige sagen.

Oldendorf. Leben Sie wohl, Herr Oberst, und denken Sie meiner ohne Groll.

Oberst. Ich werde das Mögliche darin thun, Herr Professor. (Oldendorf ab.) – Er hat nicht nachgegeben. Was für ein Ehrgeiz in diesen Gelehrten sitzt!

Ida, Adelheid.

Ida. War das nicht Oldendorfs Stimme?

Oberst. Ja, mein Kind!

Adelheid. Und er ist wieder fort? Ist etwas vorgefallen?

Oberst. Allerdings, ihr Mädchen. Kurz heraus, nicht Oldendorf wird Abgeordneter der Stadt, sondern ich.

Ida. Sie, Vater?

Adelheid (zugleich). Sie, Herr Oberst?

Ida. Ist Oldendorf zurückgetreten?

Adelheid. Ist die Wahl vorüber?

Oberst. Keins von beidem. Oldendorf hat seine vielgepriesene Anhänglichkeit an uns dadurch bewiesen, daß er nicht zurückgetreten ist, und der Tag der Wahl ist noch nicht vorüber. Doch ist nach allem, was ich höre, kein Zweifel, daß Oldendorf unterliegt.

Ida. Und Sie, mein Vater, sind vor aller Welt sein Gegner geworden?

Adelheid. Und was hat Oldendorf dazu gesagt, Herr Oberst?

Oberst. Macht mir den Kopf nicht warm, ihr Mädchen! – Oldendorf war hartnäckig, sonst hat er eine gute Haltung gezeigt und von der Seite ist Alles in Ordnung. Die Gründe, welche mich bestimmt haben das Opfer zu bringen, sind sehr wichtig, ich werde sie euch ein ander Mal auseinandersetzen. Die Sache ist entschieden, ich habe angenommen, das laßt euch jetzt genügen.

Ida. Aber, lieber Vater –

Oberst. Laß mich in Ruhe, Ida, ich habe an Anderes zu denken. Heut Abend soll ich öffentlich sprechen, das ist einmal der Brauch bei solchen Wahlen. – Sorge nicht, mein Kind, wir wollen schon mit dem Professor und seinem Anhange fertig werden. (Oberst ab nach dem Garten.)

Ida (und Adelheid stehen einander gegenüber und ringen die Hände; Ida:) Was sagst du dazu?

Adelheid. Du bist die Tochter, was sagst du?

Ida. Nein! der Vater! Kaum hat er uns gründlich auseinandergesetzt, was für kleine Mäntel der Ehrgeiz bei solchen Wahlen umnimmt –

Adelheid. Ja, er hat sie recht anschaulich beschrieben, alle Hüllen und Burnusse der Eitelkeit.

Ida. Und in der nächsten Stunde darauf läßt er sich selbst den Mantel umhängen. Das ist ja schrecklich! – Und wenn der Vater nicht gewählt wird? Es war Unrecht von Oldendorf, daß er der Schwäche des Vaters nicht nachgegeben hat. Ist das Ihre Liebe zu mir, Herr Professor? Auch er hat nicht an mich gedacht!

Adelheid. Weißt du was? Wir wollen wünschen, daß sie beide durchfallen. Diese Politiker! – Es war schlimm genug für dich, als nur einer Politik trieb; jetzt, da sie beide von dem sinnbethörenden Trank trinken, bist du auf alle Fälle geliefert. Wenn ich jemals in die Lage käme, einen Mann zu meinem Herrn zu machen, ich würde ihm nur eine Bedingung stellen, die weise Lebensregel meiner alten Tante: Rauchen Sie Tabak, mein Gemahl, so viel Sie wollen, er verdirbt höchstens die Tapeten, aber unterstehen Sie sich nicht, jemals eine Zeitung anzusehen, das verdirbt Ihren Charakter.

Korb (an der Thür).

Was bringen Sie, Korb?

Korb (eilig, geheimnisvoll). Es ist nicht wahr!

Adelheid (ebenso). Was ist nicht wahr?

Korb. Daß er eine Braut hat, er denkt nicht daran; sein Freund sagt, er hat nur eine Geliebte.

Adelheid (eifrig). Wer ist die?

Korb. Seine Zeitung!

Adelheid (erleichtert). Ah so! (Laut) Da kann man sehen, wie viel Unwahres die Menschen sprechen. Es ist gut, lieber Korb! (Korb ab.)

Ida. Was ist unwahr?

Adelheid (seufzend). Ach, daß wir Frauen klüger sind als die Männer, wir reden ebenso weise, und ich fürchte, wir haben ebenso große Lust, bei der ersten Gelegenheit unsere Weisheit zu vergessen. Wir sind alle zusammen arme Sünder!

Ida. Du kannst scherzen, du hast nie empfunden, daß der Vater und der geliebte Freund einander feindlich gegenüber stehen.

Adelheid. Meinst du? – Ich habe aber eine gute Freundin gehabt, die hatte ihr Herz thörichter Weise an einen hübschen, übermüthigen Burschen gehängt, sie war damals noch ein Kind, und es war ein sehr rührendes Verhältniß. Ritterliche Huldigung von seiner Seite und zarte Seufzer von der ihren. Da hatte die junge Heldin das Unglück, eifersüchtig zu werden, und sie vergaß Poesie und Anstand so weit, dem erwählten Ritter ihres Herzens einen Backenstreich zu geben. Es war nur ein ganz kleiner Backenstreich, aber er wurde verhängnißvoll. Der Vater der jungen Dame hatte ihn gesehen und forderte Erklärung. Da that der junge Ritter, was ein echter Held thun muß, er nahm die ganze Schuld auf sich und sagte dem erschrockenen Vater, er habe von der Dame einen Kuß gefordert – der arme Junge! so anmaßend war er nie! – ein Schlag sei die Antwort gewesen. Der Vater war ein strenger Mann, er mißhandelte den Jüngling. Der Held wurde aus seiner Familie, aus seiner Heimat entfernt und die Heldin saß einsam in ihrem Burgsöller und weinte um den Verlorenen.

Ida. Sie hätte ihrem Vater die Wahrheit sagen sollen.

Adelheid. O, das that sie, aber ihr Geständniß machte das Uebel ärger. Seit der Zeit sind viele Jahre vergangen, und der Ritter und seine Dame sind jetzt alte Leute und sehr verständig.

Ida (lächelnd). Und haben sie einander nicht mehr lieb, weil sie verständig sind?

Adelheid. Liebes Kind, wie der Herr denkt, kann ich dir so genau nicht sagen; er hat dem Fräulein nach dem Tode ihres Vaters einen sehr schönen Brief geschrieben, weiter weiß ich nichts; aber die Dame hat mehr Vertrauen, als du, sie hofft noch immer. (ernst) Ja, sie hofft, und ihr Vater hat ihr das noch vor seinem Tode selbst erlaubt, – du siehst, sie hofft noch.

Ida (sie umarmend). Und wer ist der Verstoßene, auf den sie hofft?

Adelheid. Still, mein Liebchen, das ist ein finsteres Geheimniß. Nur wenig lebende Menschen wissen darum; und wenn die Vögel auf den Bäumen von Rosenau einander davon erzählen, so behandeln sie die Geschichte als eine dunkle Sage ihrer Vorfahren, sie singen dann leise und klagend und ihre Federn sträuben sich vor Ehrfurcht. – Zu seiner Zeit sollst du Alles erfahren, jetzt denke an das Fest, und wie hübsch du aussehen wirst.

Ida. Hier der Vater, dort der Geliebte, wie soll das enden?

Adelheid. Sei ohne Sorgen. Der eine ist ein alter Soldat, der andere ein junger Staatsmann, dergleichen öffentliche Charaktere sind zu allen Zeiten von uns Frauen um den kleinen Finger gewickelt worden. (Beide ab.)

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