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Die Journalisten

Gustav Freytag: Die Journalisten - Kapitel 6
Quellenangabe
typecomedy
booktitleDie Journalisten
authorGustav Freytag
year1966
publisherVandenhoeck & Ruprecht
addressGöttingen
titleDie Journalisten
pages3-112
sendergerd.bouillon@t-online.de
firstpub1854
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Zweiter Act.

Erste Scene.

Gartensaal des Obersten.

Im Vordergrunde rechts Ida und Adelheid, neben Adelheid der Oberst, alle sitzend. Vor ihnen ein Tisch mit Kaffegeschirr.

Oberst (im Gespräch mit Adelheid, lachend). Eine vortreffliche Geschichte und drollig erzählt. – Ich bin seelenfroh, daß Sie bei uns sind, liebe Adelheid, jetzt wird doch etwas Anderes an unserem Tisch besprochen werden, als die leidige Politik! – Hm! Der Professor kommt heut nicht. Er fehlte doch sonst nicht zur Kaffestunde. (Pause; Ida und Adelheid sehen einander an.)

Ida (seufzt).

Adelheid. Vielleicht hat er zu arbeiten.

Ida. Oder er zürnt auf uns, weil ich heut Abend zum Feste gehe.

Oberst (ärgerlich). Dummes Zeug, du bist nicht seine Frau, nicht einmal seine erklärte Braut. Du bist im Hause deines Vaters und gehörst in meinen Kreis. – Hm ich merke, er trägt mir nach, daß ich mich neulich ausgesprochen habe. Ich glaube, ich war etwas heftig.

Adelheid (mit dem Kopf nickend). Ja, wie ich höre, etwas.

Ida. Er ist besorgt um Ihre Stimmung, lieber Vater.

Oberst. Na, ich habe Grund genug, ärgerlich zu sein, erinnere mich nicht daran. Und daß er sich noch in diese Wahlen verwickeln ließ, das ist unverzeihlich. – (Geht auf und ab) Schicke doch einmal zu ihm, Ida.

Ida (klingelt).

Karl.

Eine Empfehlung an den Herrn Professor, und wir warten mit dem Kaffe auf ihn. (Karl ab.)

Oberst. Nun, das Warten war gerade nicht nöthig, wir haben ja getrunken.

Adelheid. Meine Ida noch nicht.

Ida. Still!

Adelheid. Warum hat er sich nur als Candidat aufstellen lassen? Er hat ohnedies Geschäfte genug.

Oberst. Alles Ehrgeiz, ihr Mädchen. In diesen jungen Herren steckt der Teufel des Ehrgeizes, er treibt sie, wie der Dampf die Locomotiven.

Ida. Nein, Vater, er hat dabei nicht an sich gedacht.

Oberst. Das stellt sich nicht so nackt dar: ich will Carriere machen, oder: ich will ein gefeierter Mann werden. Das geht feiner zu. Da kommen die guten Freunde und sagen: Es ist Pflicht gegen die gute Sache, daß du – es ist ein Verbrechen gegen das Vaterland, wenn du nicht – dir ist es ein Opfer, aber wir fordern es; – und so wird der Eitelkeit ein hübscher Mantel umgehangen und der Wahlcandidat springt hervor, natürlich aus reinem Patriotismus. Lehrt einen alten Soldaten nicht die Welt kennen. Wir, liebe Adelheid, sitzen ruhig und lachen über diese Schwächen.

Adelheid. Und ertragen sie mit Nachsicht, wenn wir ein so gütiges Herz haben wie Sie.

Oberst. Ja, Erfahrung macht klug.

Karl.

Karl. Herr von Senden und zwei andere Herren.

Oberst. Was wollen die? Sehr angenehm! (Karl ab.) Erlaubt, Kinder, daß ich sie hier herein führe. Senden verweilt nie lange, er ist ein unruhiger Geist. (Die Damen stehen auf.)

Ida. Die Stunde ist uns wieder gestört.

Adelheid. Gräme dich nicht, um so mehr Zeit haben wir zu unserer Toilette. (Adelheid und Ida ab nach links.)

Senden, Blumenberg, ein dritter Herr.

Senden. Herr Oberst, wir kommen im Auftrage des Ausschusses für die bevorstehende Wahl, um Ihnen anzuzeigen, daß vom Comité einstimmig der Beschluß gefaßt worden ist, als Wahlcandidaten unserer Partei Sie, Herr Oberst, aufzustellen.

Oberst. Mich?

Senden. Das Comité bittet Sie, diesem Beschluß Ihre Zustimmung zu geben, damit noch heute Abend beim Fest den Wählern die nöthige Mittheilung gemacht werden kann.

Oberst. Sprechen Sie im Ernst, lieber Senden? Wie kommt das Comité auf den Gedanken?

Senden. Herr Oberst, der Präsident, welcher nach früherem Abkommen unsere Stadt vertreten sollte, hat es für nützlicher gehalten, sich in einem Bezirk der Provinz zu bewerben; außer ihm lebt in unserer Stadt Niemand, der so allgemein gekannt und bei der Bürgerschaft beliebt ist, als Sie. Wenn Sie unserer Bitte nachgeben, so ist unsrer Partei der Sieg gewiß; wenn Sie ablehnen, so ist die größte Wahrscheinlichkeit, daß unsere Gegner ihren Willen durchsetzen. Sie werden mit uns einverstanden sein, daß ein solcher Ausgang unter allen Umständen vermieden werden muß.

Oberst. Ich sehe das alles ein, aber gerade für mich ist es aus persönlichen Gründen unmöglich, in dieser Sache unsern Freunden zu nützen.

Senden (zu den Uebrigen). Erlauben Sie mir, dem Herrn Obersten Einiges anzuführen, was ihn vielleicht unsern Wünschen geneigt macht. (Blumenberg und der andere Herr ab in den Garten, wo sie zuweilen sichtbar werden.)

Oberst. Aber, Senden, wie konnten Sie mich in diese Verlegenheit setzen? Sie wissen, daß Oldendorf seit Jahren in meinem Hause verkehrt, und daß es für mich sehr unangenehm sein muß, ihm öffentlich entgegen zu treten.

Senden. Hat der Professor wirklich solche Anhänglichkeit an Sie und Ihr Haus, so hat er jetzt die beste Gelegenheit, sie zu zeigen. Es versteht sich von selbst, daß er sogleich zurücktreten wird.

Oberst. Ich bin davon doch nicht überzeugt; er ist in manchen Dingen sehr hartnäckig.

Senden. Tritt er nicht zurück, so ist ein solcher Egoismus kaum noch Hartnäckigkeit zu nennen. Und in diesem Falle haben Sie doch schwerlich eine Verpflichtung gegen ihn; eine Verpflichtung, Herr Oberst, welche dem ganzen Lande Schaden brächte. Außerdem hat er keine Aussicht gewählt zu werden, wenn Sie annehmen, denn Sie werden ihn mit einer nicht großen, aber sichern Majorität besiegen.

Oberst. Ist uns denn diese Majorität sicher?

Senden. Ich glaube mich dafür verbürgen zu können. Blumenberg und die anderen Herren haben sehr genaue Prüfungen angestellt.

Oberst. Dem Professor wäre es ganz Recht, wenn er vor mir retiriren müßte. – Aber nein, – nein, es geht doch nicht, mein Freund.

Senden. Wir wissen, Herr Oberst, welches Opfer wir Ihnen zumuthen, und daß Sie nichts dafür entschädigen kann, als das Bewußtsein, dem Vaterlande einen großen Dienst geleistet zu haben.

Oberst. Allerdings.

Senden. So würde man das auch in der Residenz ansehen, und ich bin überzeugt, daß Ihr Eintritt in die Kammer noch in andern Kreisen als bei Ihren zahlreichen Freunden und Verehrern große Freude hervorrufen wird.

Oberst. Ich würde viele alte Freunde und Kameraden dort treffen. (Für sich) Ich würde bei Hofe präsentirt werden.

Senden. Neulich erkundigte sich der Kriegsminister mit großer Wärme nach Ihnen; auch er muß ein Kriegskamerad von Ihnen sein.

Oberst. Freilich, wir standen als junge Hähne bei derselben Compagnie, und haben manchen tollen Streich mit einander gemacht. Es wäre mir ein Vergnügen, zu sehen, wie er in der Kammer sein ehrliches Gesicht in finstre Falten zieht; er war beim Regiment ein wilder Teufel, aber ein braver Junge.

Senden. Und er wird nicht der Einzige sein, welcher Sie mit offenen Armen empfängt.

Oberst. Jedenfalls müßte ich die Sache überlegen.

Senden. Zürnen Sie nicht, Herr Oberst, wenn ich Sie dränge, sich für uns zu entscheiden. Heut Abend müssen wir der eingeladenen Bürgerschaft ihren Abgeordneten vorstellen, es ist die höchste Zeit, wenn nicht Alles verloren sein soll.

Oberst (unsicher). Senden, Sie setzen mir das Messer an die Kehle.

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