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Die Journalisten

Gustav Freytag: Die Journalisten - Kapitel 5
Quellenangabe
typecomedy
booktitleDie Journalisten
authorGustav Freytag
year1966
publisherVandenhoeck & Ruprecht
addressGöttingen
titleDie Journalisten
pages3-112
sendergerd.bouillon@t-online.de
firstpub1854
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Kämpe.

Kämpe (an der Thür, die Feder in der Hand). Was wird denn aber geschrieben.

Bolz. Das mag der Kuckuck wissen. – Hören Sie, vielleicht kann ich Oldendorf bewegen, daß er selbst den Leitartikel für morgen macht. Aber auf alle Fälle müssen Sie etwas bereit halten.

Kämpe. Was denn aber?

Bolz (im Eifer). Schreiben Sie meinetwegen über die Auswanderung nach Australien, das wird doch keinen Anstoß erregen.

Kämpe. Gut. Soll ich dazu ermuntern oder abrathen?

Bolz (schnell). Natürlich abrathen. Wir brauchen alle Leute, welche arbeiten wollen, bei uns im Lande. – Schildern Sie Australien als ein nichtswürdiges Loch, durchaus wahrhaft, aber möglichst schwarz. – Wie das Känguruh, in einen Klumpen geballt, mit unbezwinglicher Bosheit dem Ansiedler an den Kopf springt, während ihn das Schnabelthier hinten in die Beine zwickt; wie der Goldsucher im Winter bis an den Hals im Salzwasser stehen muß, während er im Sommer durch drei Monate keinen Schluck zu trinken hat, und wenn er das alles übersteht, zuletzt von diebischen Eingebornen aufgefressen wird. Machen Sie das recht anschaulich und ans Ende setzen Sie die neuesten Marktpreise der australischen Wolle aus der Times. Die nöthigen Bücher finden Sie in der Bibliothek. (Wirft die Thür zu.)

Oldendorf (am Tische). Du kennst die Runeck? Sie fragt häufig in ihren Briefen an Ida nach dir.

Bolz. So? Ja, allerdings kenne ich sie. Wir sind aus demselben Dorf, sie vom Schlosse, ich aus dem Pfarrhaus, mein Vater hat uns zusammen unterrichtet. O ja, ich kenne sie!

Oldendorf. Wie kommt es, daß ihr einander so fremd geworden seid? Du sprichst nie von ihr.

Bolz. Hm! Das sind alte Geschichten, Familienzwistigkeiten, Montecchi und Capuleti. Ich habe sie seit langer Zeit nicht wieder gesehen.

Oldendorf (lächelnd). Ich will nicht hoffen, daß auch euch die Politik entzweite.

Bolz. Etwas Politik war allerdings bei unserer Trennung im Spiel. – Du siehst, es ist ein allgemeines Unglück, daß Freundschaft durch das Parteileben vernichtet wird.

Oldendorf. Es ist traurig! In Glaubenssachen wird jeder gebildete Mensch die Ueberzeugung des Andern toleriren, und in der Politik behandeln wir einander wie Bösewichter, weil der eine um einige Schattirungen anders gefärbt ist als sein Nachbar.

Bolz (bei Seite). Stoff für den nächsten Artikel! (Laut) – anders gefärbt ist als sein Nachbar, ganz meiner Meinung. Das muß in unserm Blatte gesagt werden. (Bittend) Höre, so ein kleiner tugendhafter Artikel: Ermahnung an unsere Wähler, Achtung vor unsern Gegnern! Denn sie sind ja unsere Brüder! (Immer bittender) Oldendorf, das wäre etwas für dich, in dem Thema ist Tugend und Humanität; das Schreiben wird dich zerstreuen und du bist dem Blatt einen Artikel schuldig, wegen der verbotenen Fehde. Thu mir die Liebe! Schreib dort in der Hinterstube, es soll dich Niemand stören.

Oldendorf (lächelnd). Du bist ein gemeiner Intrigant!

Bolz (ihn vom Stuhle nöthigend). Bitte, du findest Papier und Tinte dort. Komm, mein Schatz, komm. (Begleitet ihn zur Thüre links, Oldendorf ab. Bolz hineinrufend) Willst du eine Cigarre haben? Eine alte Ugues? (Zieht ein Cigarrenetui aus der Tasche.) Nicht? – Schreibe nur nicht zu wenig, es soll ein Hauptartikel werden! (Schließt die Thür, ruft in die Thür rechts) Der Professor schreibt den Artikel selbst, sorgen Sie, daß ihn Niemand stört. – (Nach dem Vordergrund) Das wäre abgemacht. – Adelheid hier in der Stadt? – Da will ich doch gleich zu ihr! – Halt, immer hübsch kaltblütig. Du, mein alter Bolz, bist nicht mehr der braune Bursch aus dem Pastorgarten, und wenn du's noch bist, sie ist längst eine Andere geworden. Das Gras ist gewachsen über dem Grabe einer gewissen kindlichen Neigung. Wozu trommelst du jetzt auf einmal so unruhig, liebe Seele? Sie ist hier in der Stadt gerade so weit von dir entfernt, als auf ihrem Gute. (Sich setzend, mit einem Bleistift spielend) Nichts über kaltes Blut! brummte der Salamander, als er im Ofenfeuer saß.

Korb.

Korb. Ist hier der Herr Bolz zu finden?

Bolz (aufspringend). Korb! lieber Korb! Willkommen, herzlich willkommen! Das ist brav, daß Sie mich nicht vergessen haben. (Schüttelt ihm die Hand) Ich freue mich sehr Sie zu sehen.

Korb. Und erst ich! – Da sind wir in der Stadt! Das ganze Dorf läßt grüßen! Von Anton dem Pferdejungen – er ist jetzt Großknecht – bis zum alten Nachtwächter, dem Sie sein Horn damals auf die Thurmspitze gehängt haben. Nein, ist das eine Freude!

Bolz. Wie geht es dem Fräulein? erzählt, Alter!

Korb. Jetzt ganz vortrefflich. Aber es ist uns schlecht gegangen. Vier Jahre war der selige General krank, das war eine böse Zeit. Sie wissen, er war immer ein ärgerlicher Herr.

Bolz. Ja, er war schwer zu behandeln.

Korb. Und vollends in seiner Krankheit. Aber das Fräulein hat ihn gepflegt, so sanftmüthig und zuletzt so blaß, wie ein Lamm. Jetzt, seit er tot ist, führt das Fräulein allein die Wirthschaft und wie der beste Wirth, jetzt ist wieder gute Zeit im Dorfe. Ich werden Ihnen Alles erzählen, aber erst heute Abend, das Fräulein wartet auf mich, ich bin nur schnell hergesprungen, Ihnen zu sagen, daß wir hier sind.

Bolz. Nicht so eilig, Korb. – Also die Leute im Dorfe denken noch an mich.

Korb. Das will ich meinen. Kein Mensch kann sich erklären, warum Sie nicht zu uns kommen. – So lange der alte Herr noch lebte, ja das war etwas Anderes, aber jetzt –

Bolz (ernst). Meine Eltern sind tot, im Pfarrhause wohnt ein Fremder!

Korb. Aber wir auf dem Schlosse leben ja noch! Das Fräulein würde sich gewiß freuen –

Bolz. Erinnert sie sich noch meiner?

Korb. Natürlich. Sie hat erst heut nach Ihnen gefragt.

Bolz. Was denn, Alter?

Korb. Sie frug mich, ob das wahr wäre, was die Leute sagen, daß Sie ein toller Christ geworden sind, Schulden machen, die Cour machen, Teufeleien machen.

Bolz. O weg! Sie haben mich gerechtfertigt?

Korb. Versteht sich! Ich habe ihr gesagt, daß sich bei Ihnen das alles von selbst versteht.

Bolz. Verwünscht! – So denkt sie von mir? – Hören Sie, Korb, Fräulein Adelheid hat wohl viele Freier?

Korb. Der Sand am Meer ist nichts dagegen.

Bolz (ärgerlich). Zuletzt kann sie doch nur Einen wählen.

Korb (schlau). Richtig! Aber wen? das ist die Frage.

Bolz. Wen denken Sie?

Korb. Ja, das ist schwer zu sagen. Da ist dieser Herr von Senden, der jetzt in der Stadt wohnt. Wenn einer Aussicht hat, wird er's wohl sein. Er ist geschäftig um uns, wie ein Wiesel. Eben erst, wie ich ausgehen will, schickt er ein ganzes Dutzend Eintrittskarten zu dem großen Ressourcen-Fest in unser Haus. Es muß so eine Ressource sein, wo die vornehmen Leute mit den Bürgern Arm in Arm gehen.

Bolz. Ja, es ist eine politische Gesellschaft, bei welcher Senden Director ist. Sie hält einen großen Fischzug nach Wahlmännern. Und der Oberst und die Damen werden hingehen?

Korb. So höre ich; auch ich habe ein Billet erhalten.

Bolz (für sich). Ist es so weit gekommen? Der arme Oldendorf! – Und Adelheid beim Klubfest des Herrn von Senden!

Korb (für sich). Wie fang' ich's nur an, daß ich hinter seine Liebschaften komme? (Laut) Ja, hören Sie, Herr Konrad, noch eins. Haben Sie vielleicht hier in diesem Geschäft einen recht guten Freund, dem Sie mich empfehlen können?

Bolz. Wozu, mein Alter?

Korb. Es ist nur – ich bin hier im Orte fremd und habe manchmal Aufträge und Besorgungen, wo ich mir keinen Rath weiß, und da möchte ich hier Jemand haben, bei dem ich mir Auskunft holen kann, wenn Sie einmal nicht hier sind, oder bei dem ich etwas für Sie zurücklassen kann.

Bolz. Sie finden mich fast den ganzen Tag hier. (Zur Thür) Bellmaus!

Bellmaus.

Sieh diesen Herrn an, er ist ein alter würdiger Freund von mir, aus meinem Heimatdorfe. Wenn er mich einmal nicht antreffen sollte, so vertritt du meine Stelle. – Dieser Herr heißt Bellmaus und ist ein guter Mensch.

Korb. Ich freue mich Ihrer Bekanntschaft, Herr Bellmaus.

Bellmaus. Ich ebenfalls, Herr – du hast mir den Namen noch nicht gesagt.

Bolz. Korb! Aus der großen Familie der Tragekörbe; er hat viel in seinem Leben zu tragen gehabt, auch mich hat er oft auf seinem Rücken getragen.

Bellmaus. Ich freue mich ebenfalls, Herr Korb. (Schütteln einander die Hände.)

Korb. So, abgemacht; und jetzt muß ich fort, sonst wartet das Fräulein.

Bolz. Leben Sie wohl, auf baldiges Wiedersehen. (Korb ab, Bellmaus ab durch die Thür rechts.)

Bolz (allein). Also dieser Senden wirbt um sie. O das ist bitter!

Henning, gefolgt von Müller.

Henning (im Schlafrock, eilig, einen bedruckten Bogen in der Hand). Diener, Herr Bolz! Heißt es Conditor oder Canditor? Der neue Corrector hat corrigirt Canditor.

Bolz (in Gedanken). Mein wackerer Herr Henning, die Union druckt Conditor.

Henning. Ich hab's gleich gesagt. (Zu Müller) Es soll geändert werden, die Maschine wartet. (Müller eilig ab.) Bei der Gelegenheit habe ich den Leitartikel gelesen. Er ist von Ihnen, jedenfalls. Er ist sehr gut, aber zu scharf, lieber Herr Bolz; Pfeffer und Senf, das wird Aergerniß geben, das wird böses Blut machen.

Bolz (in Gedanken, heftig). Ich habe von je gegen diesen Menschen einen Widerwillen gehabt.

Henning (gekränkt). Wie? Was? Herr Bolz? Sie haben einen Widerwillen gegen mich?

Bolz. Gegen wen? Nein, lieber Herr Henning, Sie sind ein braver Mann, und wären der beste aller Zeitungsbesitzer, wenn Sie nicht manchmal ein furchtsamer Hase wären. (Umarmt ihn) Empfehlen Sie mich Madame Henning, Herr, und lassen Sie mich allein, ich denke über den nächsten Artikel.

Henning (während er hinausgedrängt wird). Schreiben Sie nur recht sanft und menschenfreundlich, lieber Herr Bolz.

Bolz (allein, wieder umhergehend). Senden weicht mir aus, wo er kann; er erträgt von mir Dinge, die jeden Andern in Harnisch brächten. Sollte er ahnen –

Müller.

Müller (eilig). Eine fremde Dame wünscht ihre Aufwartung zu machen.

Bolz (rasch). Eine Dame? und mir?

Müller. Dem Herrn Redacteur. (Uebergibt eine Karte).

Bolz (liest). Leontine Pavoni-Geßler, geb. Melloni aus Paris. – Die muß von der Kunst sein, ist sie hübsch?

Müller. Hm! So so!

Bolz. So sagen Sie ihr, wir ließen bedauern, daß wir nicht das Vergnügen haben könnten, die Redaction hätte heut große Wäsche.

Müller. Was?

Bolz (heftig). Wäsche, Kinderwäsche, wir säßen im Seifenschaum bis über die Ellbogen.

Müller (lachend). Und das soll ich -?

Bolz (ungeduldig). Sie sind ein Strohkopf! (Zur Thür) Bellmaus!

Bellmaus.

Bleibe hier und nimm den Besuch ab. (Gibt ihm die Karte.)

Bellmaus. Ach, das ist die neue Tänzerin, die hier erwartet wird. (Seinen Rock besehend) Aber ich habe ja keine Toilette gemacht.

Bolz. Um so mehr Toilette wird sie gemacht haben. (Zu Müller) Herein mit der Dame! (Müller ab.)

Bellmaus. Aber ich kann wirklich nicht –

Bolz (ärgerlich). Zum Henker, ziere dich nicht! (Geht zum Tisch, schließt Papiere in die Schublade, ergreift seinen Hut.)

Madame Pavoni.

Madame Pavoni. Habe ich die Ehre, den Herrn Redacteur der Union vor mir zu sehen?

Bellmaus (sich verneigend). Allerdings – das heißt – Wollen Sie nicht dir Güte haben, Platz zu nehmen. (Rückt Stühle.)

Bolz. Adelheid ist scharfblickend und klug, wie ist es möglich, daß sie den Burschen nicht durchschaut.

Madame Pavoni. Herr Redacteur, die geistreichen Artikel über die Kunst, welche Ihr Blatt zieren, – haben mich veranlaßt –

Bellmaus. O, ich bitte!

Bolz (entschlossen). Ich muß mir Eintritt zu diesem Ressourcenfest verschaffen! (Geht mit einer Verbeugung gegen die Dame ab. Bellmaus und Madame Pavoni sitzen einander gegenüber.)

Der Vorhang fällt.

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