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Die Journalisten

Gustav Freytag: Die Journalisten - Kapitel 4
Quellenangabe
typecomedy
booktitleDie Journalisten
authorGustav Freytag
year1966
publisherVandenhoeck & Ruprecht
addressGöttingen
titleDie Journalisten
pages3-112
sendergerd.bouillon@t-online.de
firstpub1854
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Zweite Scene.

Redactionszimmer der Union. Thüren in der Mitte und zu beiden Seiten. Im Vordergrund links ein Arbeitstisch mit Zeitungen und Papieren, rechts ein ähnlicher, kleinerer Tisch, Stühle.

Bolz aus der Seitenthür rechts, darauf Müller durch die Mittelthür.

Bolz (eifrig). Müller! Factotum! Wo sind die Postsachen?

Müller (behend mit einem Pack Briefe und Zeitungen) Hier, Herr Bolz, ist die Post, – und hier aus der Druckerei das Probeblatt unserer heutigen Abendnummer zur Revision.

Bolz (am Tische links Briefe schnell öffnend, durchsehend und mit Bleistift bezeichnend). Ich habe die Revision bereits gemacht, alter Schelm.

Müller Nicht ganz. Hier unten ist noch das Mannigfaltige, welches Herr Bellmaus den Setzern gegeben hat.

Bolz. Her damit! (Liest in der Zeitung) Wäsche vom Boden gestohlen – Drillinge geboren – Concert, Concert, Vereinssitzung, Theater – Alles in Ordnung – Neuerfundene Locomotive; die große Seeschlange gesehen (Aufspringend) Alle Wetter, kommt der wieder mit der alten Seeschlange! ich wollte, sie würde ihm als Gelee gekocht und er müßte sie kalt aufessen. (Eilt zur Thür rechts) Bellmaus, Ungeheuer, komm hervor!

Bellmaus.

Bellmaus (von rechts eintretend, die Feder in der Hand). Was gibt's? Wozu der Lärm?

Bolz (feierlich). Bellmaus, als wir dir die Ehre erwiesen, dich mit Verfertigung der Nippessachen für dieses Blatt zu betrauen, da war die Meinung nicht, daß du die ewige große Seeschlange durch die Spalten unserer Zeitung wälzen solltest! – - Wie konntest du die abgedroschene Lüge wieder hineinsetzen?

Bellmaus. Sie paßte gerade, es fehlte an sechs Zeilen.

Bolz. Das ist eine Entschuldigung, aber keine gute. Erfinde deine eigenen Geschichten, wozu bist du Journalist? Mache ein kleines »Eingesandt«, z. B. eine Betrachtung über Menschenleben im Allgemeinen, oder über das Umherlaufen von Hunden auf der Straße, oder suche eine haarsträubende Geschichte heraus, vielleicht einen Meuchelmord aus Höflichkeit, oder wie ein Hamster sieben schlafende Kinder erbissen hat, oder so etwas. – Es gibt so Vieles, was geschieht, und so ungeheuer Vieles, was nicht geschieht, daß es einem ehrlichen Zeitungsschreiber nie an Neuigkeiten fehlen darf.

Bellmaus. Gib her, ich will's ändern. (Geht an den Tisch, sieht in ein gedrucktes Blatt, schneidet mit einer großen Scheere einen Zettel davon ab und klebt ihn auf die Zeitungsnummer.)

Bolz. Recht so, mein Sohn, thue das und bessere dich. – (Die Thür rechts öffnend) Kämpe, können Sie einen Augenblick hereinkommen? (Zu Müller, welcher an der Thür wartet) Fort mit der Revision nach der Druckerei! (Müller erhält von Bellmaus das Blatt, eilt ab.)

Kämpe.

Kämpe (eintretend). Ich kann doch nichts Rechtes schreiben, wenn Sie solchen Lärm machen.

Bolz. So! Was haben Sie denn jetzt geschrieben? Doch höchstens einen Liebesbrief an eine Tänzerin, oder eine Bestellung an Ihren Schneider?

Bellmaus. Nein, er schreibt zärtliche Briefe. Er ist ernsthaft verliebt, denn er führte mich gestern im Mondenschein spazieren und sprach verächtlich von allen Getränken.

Kämpe (der sich behaglich gesetzt hat). Ihr Herren, es ist unbillig, einen Menschen von der Arbeit abzurufen, um so schlechte Witze zu machen.

Bolz. Ja, ja, er verleumdet Sie offenbar, wenn er behauptet, daß Sie etwas Anderes lieben, als Ihre neuen Stiefeln, und ein klein wenig Ihre eigene Person. – Du selbst bist eine liebesprühende Natur, kleiner Bellmaus. Du glühst wie ein Räucherkerzchen, so oft du eine junge Dame siehst, du ziehst glimmend und räucherig um sie herum, und hast doch nicht den Muth, sie nur einmal anzureden. Aber man muß Nachsicht mit ihm haben, denn er ist von Haus aus lyrischer Dichter gewesen, deshalb ist er schüchtern, er erröthet vor den Frauen und ist noch schöner Wallungen fähig.

Bellmaus. Ich habe keine Lust, mir unaufhörlich meine Gedichte vorwerfen zu lassen; habe ich sie jemals euch vorgelesen?

Bolz. Nein, dem Himmel sei Dank, die Unverschämtheit hast du nie gehabt. – (Ernsthaft) Aber zum Geschäft, ihr Herren! Die heutige Nummer ist fertig, Oldendorf ist noch nicht hier, lassen Sie uns unterdeß vertrauten Rath halten. – Oldendorf muß Deputirter der Stadt für die nächsten Kammern werden, unsere Partei und die Union müssen das durchsetzen. Wie stehen unsere Actien heut?

Kämpe. So gut als möglich. Die Gegner geben zu, daß ihnen kein anderer Candidat so gefährlich wäre, und unsere Freunde haben überall die beste Hoffnung. Aber Sie wissen, wie wenig das bedeutet. – Hier ist das Verzeichnis der Wahlmänner. Unser Wahlcomité läßt Ihnen sagen, daß unserer Berechnungen richtig waren. Von den 100 Wahlmännern unserer Stadt gehören 40 mit Sicherheit zu uns, ungefähr ebenso viel stehen auf den Listen der Gegenpartei, der Rest von etwa 20 Stimmen ist unsicher. Es ist klar, daß die Wahl nur mit sehr kleiner Majorität vor sich gehen wird.

Bolz. Natürlich werden wir die Majorität haben, eine Majorität von 8-10 Stimmen, erzählen Sie das überall mit der größten Sicherheit. Mancher, der noch unentschlossen ist, kommt zu uns, wenn er hört, daß wir die stärkeren sind. Wo ist das Verzeichniß der unsicherern Wahlmänner? (Sieht hinein.)

Kämpe. Ich habe da Zeichen gemacht, wo nach der Meinung unserer Freunde ein Einfluß möglich wäre.

Bolz. Bei dem einen Namen sehe ich zwei Kreuze, was bedeuten die?

Kämpe. Das ist Piepenbrink, der Weinhändler Piepenbrink. Er hat einen großen Anhang in seinem Bezirk, ist ein wohlhabender Mann und soll über 5-6 Stimmen seiner Anhänger commandiren.

Bolz. Den müssen wir haben. Was ist's für eine Art Mann?

Kämpe. Er soll sehr grob sein und sich um Politik gar nicht kümmern.

Bellmaus. Er hat aber eine hübsche Tochter.

Kämpe. Was nützt seine hübsche Tochter! Ich wollte lieber, er hätte eine häßliche Frau, da wäre eher an ihn zu kommen.

Bellmaus. Die hat er auch, eine Dame mit kleinen Locken und feuerrothen Bändern an der Haube.

Bolz. Mit oder ohne Frau, der Mann muß unser werden. – Still, man kommt, das ist Oldendorfs Tritt. Er braucht von unsern Verhandlungen nichts zu wissen. Geht in euer Zimmer, ihr Herren, heut Abend das Weitere.

Kämpe (an der Thür). Es bleibt doch dabei, daß ich in der nächsten Nummer den neuen Correspondenten des Coriolan, den mit dem Pfeil, wieder angreife.

Bolz. Ja wohl, gehen Sie ihm vornehm, aber tüchtig zu Leibe. Eine kleine Balgerei mit unsern Gegnern ist gerade jetzt vor den Wahlen nützlich; und die Artikel mit dem Pfeil geben große Blößen. (Kämpe, Bellmaus ab.)

Oldendorf (durch die Mittelthür).

Oldendorf. Guten Tag, Konrad.

Bolz. (am Tische rechts über den Wahllisten). Dein Eingang sei gesegnet! Dort liegt die Correspondenz, es ist nichts Wichtiges.

Oldendorf. Hast du mich heut hier nöthig?

Bolz. Nein, mein Herzblatt, die Abendnummer ist fertig, für morgen schreibt Kämpe den Leitartikel.

Oldendorf. Worüber?

Bolz. Kleines Vorpostengefecht mit dem Coriolan. Wieder gegen den unbekannten Correspondenten mit dem Pfeil, welcher unsere Partei angegriffen hat. Aber sei ohne Sorge, ich habe dem Kämpe gesagt, er soll den Artikel würdig, sehr würdig halten.

Oldendorf. Um Alles nicht! Der Artikel darf nicht geschrieben werden.

Bolz. Ich verstehe dich nicht. Wozu hat man seine politischen Gegner, wenn man sie nicht angreifen darf?

Oldendorf. So höre. Diese Artikel sind von dem Obersten verfaßt, er selbst hat es mir heut gesagt.

Bolz. Alle Wetter!

Oldendorf (finster). Du magst denken, daß dies Geständniß von andern Andeutungen begleitet war, welche meine Stellung zum Obersten und seinem Hause gerade jetzt sehr unbehaglich machen.

Bolz (ernsthaft). Und was verlangt der Oberst von dir?

Oldendorf. Er wird sich mit mir aussöhnen, wenn ich die Redaction der Zeitung niederlege und als Wahlcandidat zurücktrete.

Bolz. Teufel, das ist wenig gefordert.

Oldendorf. Ich leide unter diesen Dissonanzen. Dir, mein Freund, kann ich das sagen.

Bolz (an ihn tretend und ihm die Hand drückend). Feierlicher Augenblick männlicher Rührung!

Oldendorf. Sei jetzt wenigstens kein Hanswurst. – Du kannst dir denken, wie peinlich meine Stellung im Hause des Obersten geworden ist. Der würdige alte Herr entweder kalt oder heftig, die Unterhaltung mit beißenden Anspielungen gewürzt, Ida leidend, ich sehe oft, daß sie geweint hat. Siegt unsere Partei, werde ich Abgeordneter der Stadt, so fürchte ich, ist mir jede Hoffnung auf eine Verbindung mit Ida genommen.

Bolz (eifrig). Und trittst du zurück, so erleidet unsere Partei einen empfindlichen Verlust. (Schnell und nachdrücklich) Die bevorstehende Sitzung der Kammern wird verhängnisvoll für den Staat. Die Parteien sind einander fast gleich. Jeder Verlust einer Stimme ist für unsere Sache ein Unglück. In dieser Stadt haben wir außer dir keinen Candidaten, dessen Popularität groß genug ist, seine Wahl wahrscheinlich zu machen. Entziehst du dich aus irgend einem Grunde der Wahl, so siegen unsere Gegner.

Oldendorf. Leider ist es, wie du sagst.

Bolz (immer eifrig). Ich will dich nicht unterhalten von dem Vertrauen, das ich in deine Talente setze, ich bin überzeugt, du wirst in der Kammer und vielleicht als Mitglied der Regierung dem Lande nützen. Ich bitte dich, jetzt nur an die Pflichten zu denken, die du übernommen hast gegen unsere politischen Freunde, welche dir vertrauen, und gegen dies Blatt und uns, die wir drei Jahre fleißig gearbeitet haben, damit der Name Oldendorf, der an der Spitze des Blattes steht, zu Ansehen komme. Es handelt sich um deine Ehre und jeder Augenblick Schwanken in dir wäre ein Unrecht.

Oldendorf (mit Haltung). Du wirst eifrig ohne Veranlassung. Auch ich halte es für Unrecht, mich zurückzuziehen, jetzt, wo man mir sagt, daß ich unserer Sache nöthig sei. Aber wenn ich dir, meinem Freunde, gestehe, daß mir dieser Entschluß ein großes Opfer kostet, so vergebe ich dadurch weder unserer Sache noch uns beiden etwas.

Bolz (begütigend). Du hast ganz Recht, du bist ein ehrlicher Kamerad. Und so Friede, Freundschaft, Courage! Dein alter Oberst wird nicht unversöhnlich sein.

Oldendorf. Er ist mit Senden vertraut geworden, der ihm auf jede Weise schmeichelt und, wie ich fürchte, Pläne hat, welche auch mich nahe angehen. Ich würde noch mehr besorgt sein, wenn ich nicht gerade jetzt einen guten Anwalt im Hause des Obersten wüßte; Adelheid Runeck ist soeben angekommen.

Bolz. Adelheid Runeck? Die fehlte noch! (Eilig in die Thür rechts hineinrufend) Kämpe, der Artikel gegen den Ritter mit dem Pfeil wird nicht geschrieben. Verstehen Sie?

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