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Die Journalisten

Gustav Freytag: Die Journalisten - Kapitel 3
Quellenangabe
typecomedy
booktitleDie Journalisten
authorGustav Freytag
year1966
publisherVandenhoeck & Ruprecht
addressGöttingen
titleDie Journalisten
pages3-112
sendergerd.bouillon@t-online.de
firstpub1854
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Adelheid.

Adelheid (in elegantem Reisekleid eintretend, trifft an der Thür mit Oldendorf zusammen). Nicht so schnell, Herr Professor!

Oldendorf (küßt ihr die Hand, ab).

Ida. Adelheid! (Eilt in ihre Arme.)

Oberst (zugleich). Adelheid! Und gerade jetzt!

Adelheid (Ida an sich haltend, nach dem Obersten die Hand ausstreckend). Geben Sie Ihrem Landmädchen die Hand. Die Tante grüßt und Gut Rosenau empfiehlt sich demüthig in seinem braunen Herbstkleide. Die Felder sind leer und im Garten tanzt das dürre Laub mit dem Winde. – Ah, Herr von Senden!

Oberst (vorstellend). Herr Redacteur Blumenberg!

Senden. Wir sind entzückt, unsere eifrige Landwirthin in der Stadt zu begrüßen.

Adelheid. Und wir hätten uns gefreut, unserm Gutsnachbar manchmal auf dem Lande zu begegnen.

Oberst. Er hat hier viel zu thun, er ist ein großer Politiker und arbeitet eifrig für die gute Sache.

Adelheid. Ja, ja, wir lesen von seinen Thaten in der Zeitung. – Ich bin gestern über Ihr Feld gefahren, Ihre Kartoffelernte ist noch nicht beendet, Ihr Amtmann ist nicht fertig geworden.

Senden. Die Rosenauer haben das Vorrecht, acht Tage eher fertig zu sein, als jeder Andere.

Adelheid. Dafür verstehen wir auch nichts Anderes als unsere Wirthschaft. (Freundlich) Die Nachbarschaft läßt Sie grüßen.

Senden. Ich danke. Wir gönnen Sie jetzt Freunden, die näheres Anrecht an Sie haben, aber Sie bewilligen mir noch heut eine Audienz, damit ich die Neuigkeiten unserer Gegend von Ihnen erbitte.

Adelheid (verneigt sich).

Senden. Leben Sie wohl, Herr Oberst, (zu Ida) ich empfehle mich Ihrer Gnade, Fräulein. (Ab mit Blumenberg.)

Ida (Adelheid umarmend). Ich habe dich! Jetzt wird alles gut werden!

Adelheid. Was soll gut werden? Ist etwas nicht gut? Dort hinten ging Jemand schneller an mir vorüber, als sonst seine Art ist – und hier sehe ich feuchte Augen und eine gefurchte Stirn. (Küßt sie auf die Augen) Sie sollen dir die hübschen Augen nicht verderben. – Und Sie, mein würdiger Freund, machen Sie mir ein freundliches Gesicht.

Oberst. Sie bleiben den Winter über bei uns, es ist seit langer Zeit der erste, den Sie uns schenken; wir wollen diese Gunst zu verdienen suchen.

Adelheid (ernst). Es ist der erste seit dem Tode meines Vaters, an dem ich Lust habe, wieder mit der Welt zu verkehren. Außerdem habe ich Geschäfte hier. Sie wissen, ich bin in diesem Sommer mündig geworden, und unser Rechtsfreund, Justizrath Schwarz, fordert meine Anwesenheit. – Höre, Ida, die Leute packen aus, geh' zum Rechten sehen! (bei Seite) und halte ein feuchtes Tuch über die Augen, man sieht, daß du geweint hast. (Ida ab nach rechts, Adelheid schnell zum Obersten tretend.) Was ist das mit Ida und dem Professor?

Oberst. Da wäre viel zu reden! Ich will mir jetzt die Freude nicht verderben. Es geht nicht recht mit uns Männern, die Ansichten sind zu verschieden.

Adelheid. Waren die Ansichten früher nicht auch verschieden? Und doch war Ihr Verhältniß zu Oldendorf so gut.

Oberst. So verschieden waren sie doch nicht.

Adelheid. Und welcher von Ihnen hat sich geändert?

Oberst. Hm! doch wohl er! Er wird zu Vielem verleitet durch seine schlechte Umgebung; da sind einige Menschen, Journalisten seiner Zeitung, vor allen ein gewisser Bolz.

Adelheid (bei Seite). Was muß ich hören!

Oberst. Aber Sie kennen ihn wohl selbst, er stammt ja aus Ihrer Gegend.

Adelheid. Er ist ein Rosenauer Kind.

Oberst. Ich erinnere mich. Schon Ihr seliger Vater, mein braver General, konnte ihn nicht leiden.

Adelheid. Wenigstens hat er das zuweilen gesagt.

Oberst. Seitdem ist dieser Bolz ein excentrischer Mensch geworden. Er soll unregelmäßig leben, und seine Sitten scheinen mir ziemlich frei zu sein. Er ist Oldendorfs böser Engel.

Adelheid. Das wäre traurig! – Nein, das glaube ich nicht!

Oberst. Was glauben Sie nicht, Adelheid?

Adelheid (lächelnd). Ich glaube nicht an böse Engel. – Was zwischen Ihnen und Oldendorf schlimm geworden ist, kann wieder gut werden. Heute Feind, morgen Freund, heißt es in der Politik; aber Ida's Gefühl wird sich nicht so schnell ändern. – Herr Oberst, ich habe ein prächtiges Modell zu einem Kleide mitgebracht, das neue Kleid will ich diesen Winter als Brautjungfer tragen.

Oberst. Daran ist nicht zu denken! So lasse ich mich nicht fangen, Mädchen. Ich spiele den Krieg in Feindesland. Warum treiben Sie andere Leute zum Altar, und Sie selbst müssen erleben, daß Ihre ganze Nachbarschaft Sie spottend die Dornenrose und den jungfräulichen Landwirth nennt.

Adelheid (lachend). Ja, das thut sie.

Oberst. Die reichste Erbin der ganzen Gegend! umschwärmt von einem Heer Anbeter, und so fest verschlossen gegen jedes Gefühl; Niemand kann sich das erklären!

Adelheid. Mein Oberst, wenn unsere jungen Herren so liebenswürdig wären, wie gewisse ältere – ach, aber das sind sie nicht.

Oberst. Sie entschlüpfen mir nicht. Wir wollen Sie festhalten in der Stadt, bis unter unsern jungen Männern einer gefunden ist, den Sie für würdig halten, unter Ihr Commando zu treten; denn, wen Sie auch zum Gemahl wählen, es wird ihm gehen, wie mir, er wird zuletzt doch immer nach Ihrem Willen thun müssen.

Adelheid (schnell). Wollen Sie nach meinem Willen thun mit Ida und dem Professor? – Jetzt halte ich Sie fest.

Oberst. Wollen Sie mir den Gefallen thun und diesen Winter bei uns Ihre Gattenwahl halten? – Ja? Jetzt habe ich Sie gefangen.

Adelheid. Es gilt! schlagen Sie ein! (Hält ihm die Hand hin.)

Oberst (einschlagend, lacht). Das war überlistet! (Ab durch die Mittelthür.)

Adelheid (allein). Ich denke, nein! – Wie, Herr Konrad Bolz, ist das Ihr Lob unter den Leuten? Sie leben unregelmäßig? Sie haben freie Sitten? Sie sind ein böser Engel? –

Korb.

Korb (aus der Mittelthür mit einem Packet). Wo soll ich die Rechnungsbücher und Papiere hintragen, gnädiges Fräulein?

Adelheid. In mein Zimmer. – Hören Sie, lieber Korb – haben Sie Ihre Stube hier in Ordnung gefunden?

Korb. Auf's allerschönste. Der Bediente hat mir zwei Stearinlichter hineingestellt; es ist reine Verschwendung.

Adelheid. Sie sollen heut den ganzen Tag für mich keine Feder anrühren; ich will, daß Sie sich die Stadt ansehen und Ihre Bekannten besuchen. Sie haben doch Bekannte hier?

Korb. Nicht gerade viel, es ist über ein Jahr her, daß ich nicht hier war.

Adelheid (gleichgültig). Sind denn keine Rosenauer hier?

Korb. Unter den Soldaten sind vier aus dem Dorfe. Da ist der Johann Lutz vom Schimmellutz –

Adelheid. Ich weiß. – Ist sonst Niemand aus dem Dorfe hier, den Sie kennen?

Korb. Sonst Niemand, natürlich außer ihm –

Adelheid. Außer ihm? Wer ist das?

Korb. Nun, unser Herr Konrad.

Adelheid. Richtig, der! Besuchen Sie den nicht? Ich denke, ihr seid immer gute Freunde gewesen.

Korb. Ob ich den besuche? Mein erster Gang ist zu ihm. Ich habe mich während der ganzen Reise darauf gefreut. Das ist eine treue Seele, auf den kann das Dorf stolz sein.

Adelheid (warm). Ja, der hat ein treues Herz!

Korb (eifrig). Immer lustig und immer freundlich, und wie er am Dorfe hängt! Der arme Herr, er ist so lange nicht dort gewesen.

Adelheid. Still davon!

Korb. Der wird mich ausfragen, nach der Wirthschaft –

Adelheid (eifrig). Und nach den Pferden. Der alte Falbe, auf dem er so gern ritt, lebt noch.

Korb. Und nach den Sträuchern, die er mit Ihnen gepflanzt hat.

Adelheid. Besonders der Fliederbusch, wo jetzt meine Laube steht; sagen Sie ihm das nur.

Korb. Und nach dem Teiche. Sechzig Schock Karpfen.

Adelheid. Und ein Schock Goldschleien, vergessen Sie das nicht. Und der alte Karpfen mit dem Kupferring am Leibe, den er ihm umgelegt, ist bei dem letzten Fischzug mit herausgekommen, wir haben ihn wieder eingesetzt.

Korb. Und wie wird er nach Ihnen fragen, gnädiges Fräulein!

Adelheid. Sagen Sie ihm, daß ich gesund bin.

Korb. Und wie Sie seit dem Tode des Herrn Generals die Wirthschaft führen; und daß Sie seine Zeitung halten, die lese ich nachher den Bauern vor.

Adelheid. Das brauchen Sie ihm gerade nicht zu sagen. (Seufzend bei Seite) Auf die Weise werde ich nichts erfahren! – (Pause, mit Gravität) Hören Sie, lieber Korb, ich habe allerlei über Herrn Bolz gehört, was mich gewundert hat. Er soll sehr wild leben.

Korb. Ja, das glaub' ich, ein wildes Füllen war er immer.

Adelheid. Er soll mehr Geld ausgeben, als er einnimmt.

Korb. Ja, das ist wohl möglich. Aber lustig gibt er's aus, davon bin ich überzeugt.

Adelheid (bei Seite). Bei dem werde ich mir auch keinen Trost holen! – (Gleichgültig) Er hat doch jetzt eine gute Stellung, ob er sich nicht bald eine Frau suchen wird?

Korb. Eine Frau? – Nein, das thut er nicht, das ist nicht möglich.

Adelheid. Ich habe doch so etwas gehört; wenigstens soll er sich für eine junge Dame sehr interessiren, man spricht davon.

Korb. Das wäre ja – Nein, das glaube ich nicht. – (Eilig) Das will ich ihn doch gleich fragen.

Adelheid. Er selbst wird es Ihnen am wenigsten sagen; so etwas erfährt man von den Freunden und Bekannten eines Mannes. – Die Leute im Dorfe sollten's doch wissen, wenn einer aus Rosenau heiratet.

Korb. Freilich, dahinter muß ich kommen.

Adelheid. Das würden Sie sehr klug anfangen müssen, Sie wissen, wie schlau er ist.

Korb. O, ich will ihn schon überlisten. Ich werde etwas erfinden.

Adelheid. Gehen Sie, lieber Korb! (Korb ab.) – Das war eine traurige Nachricht, die mir der Oberst entgegentrug. Konrad sittenlos, unwürdig! Es ist unmöglich. So kann sich ein edler Sinn nicht verändern. Ich glaube kein Wort von Allem, was sie mir über ihn sagen. (Ab.)

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