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Die Journalisten

Gustav Freytag: Die Journalisten - Kapitel 15
Quellenangabe
typecomedy
booktitleDie Journalisten
authorGustav Freytag
year1966
publisherVandenhoeck & Ruprecht
addressGöttingen
titleDie Journalisten
pages3-112
sendergerd.bouillon@t-online.de
firstpub1854
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Vierter Act.

Erste Scene.

Gartensaal im Hause des Obersten.

Oberst, vom Garten eintretend, hinter ihm Karl.

Oberst (am Eingang, unwirsch). Wer hat dem Wilhelm befohlen, das Pferd vor den Schlafzimmern umherzuführen? Der Schlingel macht mit den Eisen einen Lärm, der Tote aufwecken könnte.

Karl. Werden der Herr Oberst heute nicht ausreiten?

Oberst. Nein! in den Stall mit dem Pferde!

Karl. Zu Befehl, Herr Oberst. (Ab.)

Oberst (klingelt, Karl wieder an der Thür). Ist das Fräulein zu sprechen?

Karl. Sie ist in ihrem Zimmer, der Herr Justizrath ist bereits seit einer Stunde bei ihr.

Oberst. Wie? am frühen Morgen?

Karl. Hier ist sie selbst. (Ab, nachdem Adelheid eingetreten.)

Adelheid, Korb (aus der Thür rechts).

Adelheid (zu Korb). Sie bleiben wohl in der Nähe der Gartenthür, und wenn der bewußte junge Herr kommt, dann führen Sie ihn zu uns. (Korb ab.) Guten Morgen, Herr Oberst! (an ihn tretend und ihn heiter ansehend) Wie ist das Wetter heut?

Oberst. Grau, Mädchen, grau und stürmisch! Aerger und Gram sausen in meinem Kopf herum, daß er mir zerspringen möchte. Wie geht es der Kleinen?

Adelheid. Besser. Sie ist so gescheidt gewesen, gegen Morgen einzuschlafen. Jetzt ist sie traurig, aber gefaßt.

Oberst. Gerade diese Fassung ist mir ärgerlich. Wenn sie nur einmal schreien wollte und sich etwas in die Haare fahren; es wäre schrecklich, aber es wäre doch Natur darin. Aber dies Lächeln und sich Abwenden und dies Abtrocknen heimlicher Thränen, das nimmt mir meine Fassung. Das ist bei meinem Kinde unnatürlich.

Adelheid. Vielleicht kennt sie das gütige Herz ihres Vaters besser als er selbst, vielleicht hofft sie noch!

Oberst. Worauf? Auf eine Versöhnung mit ihm? Nach dem, was geschehen, ist eine Versöhnung zwischen Oldendorf und mir unmöglich.

Adelheid (bei Seite). Ob er wünscht, daß ich ihm widerspreche?

Korb.

Korb (zu Adelheid). Der Herr ist gekommen.

Adelheid. Ich werde klingeln. (Korb ab.) – Helfen Sie mir in einer kleinen Verlegenheit, ich habe einen fremden jungen Mann zu sprechen, der hilfsbedürftig scheint, und möchte gern, daß Sie in der Nähe blieben – darf ich die Thür hier offen lassen? (sie weist auf die Thür links.)

Oberst. Das heißt wohl auf deutsch, ich soll dort hineingehen?

Adelheid. Ich bitte, nur auf fünf Minuten.

Oberst. Meinetwegen, wenn ich nur nicht horchen soll.

Adelheid. Das verlange ich nicht, aber zuhören werden Sie doch, wenn das Gespräch Sie interessiren sollte.

Oberst (lächelnd). Dann werde ich hereinkommen. (Ab nach links, Adelheid klingelt.)

Schmock, Korb (am Eingange, sogleich wieder ab.)

Schmock (sich verbeugend). Ich wünsche einen guten Morgen. – Sind Sie das Fräulein, welches ihren Schreiber zu mir geschickt hat?

Adelheid. Ja. Sie haben den Wunsch geäußert, mich selbst zu sprechen.

Schmock. Wozu soll der Schreiber wissen, wenn ich Ihnen etwas zu sagen habe? – Hier sind die Zettel, die der Senden geschrieben hat, welche ich gefunden habe im Papierkorbe des Coriolan. Sehen Sie nach, ob sie für den Obersten zu brauchen sind. Was soll ich damit anfangen? Es ist nichts damit zu machen.

Adelheid (hineinsehend, bei Seite lesend). Hier sende ich Ihnen die unglückliche stilistische Arbeit u. s. w. – Unvorsichtig und sehr gewöhnlich! (legt sie auf den Tisch. Laut) In jedem Falle sind diese unbedeutenden Billette in meinem Papierkorbe besser verwahrt, als in einem andern. – Und was veranlaßt Sie, mein Herr, mir Ihr Vertrauen zu schenken?

Schmock. Der Bellmaus hat mir doch gesagt, daß Sie eine geschickte Person sind, die dem Obersten auf gute Weise sagen wird, er solle sich vor dem Senden und vor meinem Redacteur in Acht nehmen. Und der Oberst ist ein humaner Mann, er hat mir neulich vorgesetzt ein Glas süßen Wein und Semmel mit Lachs zum Frühstück.

Oberst (an der Thür sichtbar, mitleidig die Hände faltend). Du lieber Gott!

Schmock. Warum soll ich ihn hintergehen lassen von diesen Menschen?

Adelheid. Wenn Ihnen das Frühstück nicht unangenehm war, so wollen wir für ein zweites sorgen.

Schmock. O ich bitte, bemühen Sie sich meinetwegen nicht.

Adelheid. Können wir Ihnen sonst mit etwas helfen?

Schmock. Womit sollen Sie mir helfen? (seine Stiefeln und Kleider betrachtend) Ich habe jetzt Alles im Stande. Mein Unglück ist nur, ich stecke in einem schlechten Geschäft. Ich muß sehen, daß ich aus der Literatur herauskomme.

Adelheid (mitleidig). Es ist wohl recht schwer, sich in der Literatur wohlzufühlen?

Schmock. Je nachdem. – Mein Redacteur ist ein ungerechter Mensch. Er streicht zu viel und bezahlt zu wenig. Achten Sie vor allem auf Ihren Stil, sagt er, guter Stil ist die Hauptsache. Schreiben Sie gewichtig, Schmock, sagt er, schreiben Sie tief, man verlangt das heut zu Tage von einer Zeitung, daß sie tief ist. Gut, ich schreiben tief, ich mache meinen Stil logisch. Wenn ich ihm aber die Arbeit bringe, so wirft er sie von sich und schreit: Was ist das? Das ist schwerfällig, das ist pedantisch, sagt er. Sie müssen schreiben genial, brillant müssen Sie sein, Schmock, es ist jetzt Mode, daß Alles angenehm sein soll für die Leser. – Was soll ich thun? Ich schreibe wieder genial, ich setzt viel Brillantes hinein in den Artikel; und wenn ich ihn bringe, nimmt er den Rothstift und streicht alles Gewöhnliche und läßt mir nur die Brillanten stehen.

Oberst. Ist so etwas möglich?

Schmock. Wie kann ich bestehen bei solcher Behandlung? Wie kann ich ihm schreiben lauter Brillantes die Zeile für fünf Pfennige? Dabei kann ich nicht bestehen. Und deshalb will ich sehen, daß ich aus dem Geschäft herauskomme. Wenn ich nur könnte verdienen fünfundzwanzig bis dreißig Thaler, ich wollte in meinem Leben nicht wieder schreiben für eine Zeitung, ich wollte dann mein eignes Geschäft anfangen, ein kleines Geschäft, das mich ernähren könnte.

Adelheid. Warten Sie einen Augenblick! (sucht in ihrer Börse.)

Oberst (eilig hervorkommend) Ueberlassen Sie das mir, liebe Adelheid. Der junge Mann will aufhören Journalist zu sein, das geht mich an! Hier, hier ist Geld, wie Sie sich wünschen, wenn Sie mir versprechen, von heute ab keine Feder mehr für eine Zeitschrift anzurühren. Hier, nehmen Sie!

Schmock. Ein preußisches Kassenbillett von fünfundzwanzig Thalern Courant? Auf meine Ehre, ich versprech's Ihnen, Herr Oberst, auf meine Ehre und Seligkeit, ich gehe noch heut zu einem Vetter von mir, welcher ein solides Geschäft hat. Will der Herr Oberst einen Schuldschein, oder soll ich ausstellen einen Wechsel auf mich selber mit langer Frist?

Oberst. Bleiben Sie mir vom Leibe mit Ihrem Wechsel!

Schmock. So will ich einen richtigen Schuldschein ausstellen. Es ist mir lieber, daß es nur ein Schuldschein ist.

Oberst (ungeduldig). Auch Ihren Schuldschein will ich nicht. – Herr, gehen Sie in Gottes Namen!

Schmock. Und wie wird's sein mit den Zinsen? Kann ich's haben gegen fünf Procent, so wäre mir's lieb.

Adelheid. Der Herr schenkt Ihnen das Geld.

Schmock. Er schenkt mit das Geld? Es ist ein Wunder! – Wissen Sie was, Herr Oberst, wenn ich nichts mache mit dem Geld, so bleibt es geschenkt; wenn ich mir damit aufhelfe, so bring' ich's Ihnen zurück. Ich hoffe, ich werde mir aufhelfen.

Oberst. Halten Sie das ganz nach Ihrem Belieben.

Schmock. Es ist mir ganz lieb so, Herr Oberst. Unterdeß danke ich Ihnen, und mög' es Ihnen vergolten werden durch eine andere Freude, die Sie haben. Ich empfehle mich Ihnen, meine Herrschaften.

Adelheid. Das Frühstück wollen wir nicht vergessen. (klingelt, Korb tritt ein) Lieber Korb! (spricht leise mit ihm.)

Schmock. Bitte sehr, lassen Sie doch das! (Schmock und Korb ab.)

Oberst. Und jetzt, mein Fräulein, erklären Sie mir diese ganze Unterredung; sie geht mich nahe genug an.

Adelheid. Senden hat sich gegen Andere taktlos über seine Stellung zu Ihnen und Ihrem Hause ausgesprochen. Dieser junge Mann hatte etwas davon gehört, und Billette von Senden in Besitz, in welchen einige unpassende Ausdrücke vorkommen. Ich hielt es für gut, diese Billette aus seinen Händen herauszuziehen.

Oberst. Ich ersuche Sie um diese Briefe, Adelheid.

Adelheid (bittend). Wozu, Herr Oberst?

Oberst. Ich werde mich nicht ärgern, Mädchen.

Adelheid. Das verlohnt sich auch nicht. Und doch bitte ich Sie, nicht hineinzusehen. – Sie wissen jetzt genug, denn Sie wissen, daß er mit seiner Umgebung ein so großes Vertrauen, als Sie ihm in der letzten Zeit gegönnt haben, nicht zu würdigen weiß.

Oberst (traurig). O pfui, pfui! – Ich habe in meinen alten Tagen Unglück mit meinen Bekanntschaften.

Adelheid. Wenn Sie Oldendorf mit diesem hier – (auf die Briefe weisend) in eine Klasse setzen, so haben Sie Unrecht.

Oberst. Das thue ich nicht, Mädchen. Den Senden habe ich nicht so lieb gehabt, und deshalb trage ich's leichter, daß er mich verletzt.

Adelheid (mild). Und weil Sie den Andern geliebt haben, deshalb waren Sie gestern so –

Oberst. Sprechen Sie's nur aus, Sittenprediger – so hart und ungestüm.

Adelheid. Mehr als das, Sie waren ungerecht.

Oberst. Ich habe mir in dieser Nacht dasselbe gesagt, wenn ich an Ida's Zimmer trag und das arme Ding weinen hörte. Ich war ein gekränkter, zorniger Mann und hatte Unrecht in der Form, in der Sache selbst hatte ich doch Recht. Mag er Deputirter sein, er paßt dazu vielleicht besser als ich; daß er ein Zeitungsschreiber ist, das trennt uns.

Adelheid. Er thut doch nur, was Sie auch thaten.

Oberst. Erinnern Sie mich nicht an diese Thorheit! – Wenn er als mein Schwiegersohn den Lauf der Welt anders beurtheilte als ich, so könnte ich's wohl ertragen. Wenn er aber alle Tage Gefühle und Gesinnungen, die den meinen entgegenstehen, laut in die Welt ruft, und ich das lesen müßte, und überall hören müßte, wie mein Schwiegersohn von meinen Freunden und alten Kameraden deshalb verspottet und gescholten wird, und das alles hinunterschlucken müßte, sehen Sie, das kann ich nicht!

Adelheid. Und Ida? Weil Sie das nicht ertragen wollen, deshalb wird Ida unglücklich.

Oberst. Mein armes Kind! Sie ist jetzt unglücklich gewesen, die ganze Zeit hindurch. Das halbe Wesen zwischen uns Männern hat schon lange nichts getaugt. Es ist besser, daß es mit einem großen Schmerz ein Ende nimmt.

Adelheid (ernst). Noch sehe ich das Ende nicht. Ich werde es erst sehen, wenn Ida wieder so fröhlich lacht, als sie sonst that.

Oberst (aufgeregt umhergehend, ausbrechend). So werde ich ihm mein Kind übergeben und mich allein in einen Winkel setzen! – Ich dachte meine letzten Tage anders, aber verhüte Gott, daß mein geliebtes Mädchen durch mich unglücklich werden sollte! Er ist zuverlässig und ehrenhaft, er wird sie gut halten. – Ich werde wieder in die kleine Stadt ziehen, aus der ich hergekommen bin.

Adelheid (seine Hand ergreifend). Mein würdiger Freund, nein, das sollen Sie nicht. Weder Oldendorf noch Ida würden ihr Glück einem solchen Opfer verdanken wollen. – Wenn nun Senden und seine Freunde dem Professor die Zeitung unter den Händen fortziehen, wie dann?

Oberst (freudig). Dann wäre er kein Journalist mehr! – (unruhig) Ich will nichts von dem Plane hören, das hinterlistige Handeln gefällt mir nicht.

Adelheid. Mir auch nicht. – (herzlich) Herr Oberst, Sie haben mir oft ein Vertrauen geschenkt, das mich glücklich und stolz gemacht hat. Sie haben mir auch heute gestattet, rücksichtsloser zu sprechen, als einem Mädchen sonst wohl erlaubt ist. Wollen Sie mir noch einen großen Beweis Ihrer Achtung geben?

Oberst (ihr die Hand drückend). Adelheid, wir wissen, wie wir mit einander stehen. Sprechen Sie.

Adelheid. Sein Sie heut auf eine Stunde mein getreuer Ritter. Erlauben Sie mir, daß ich Sie mit mir führe, wohin es auch sei.

Oberst. Was haben Sie vor, Kind?

Adelheid. Nichts Unrechtes, nichts, was Ihrer und meiner unwürdig wäre. Es soll Ihnen nicht lange Geheimniß bleiben.

Oberst. Wenn es sein muß, ich gebe mich gefangen. Aber darf ich nicht ungefähr wissen, was ich zu thun habe?

Adelheid. Sie sollen mich bei einem Besuch begleiten und sich dabei an das erinnern, was wir jetzt so verständig mit einander besprochen haben.

Oberst. Bei einem Besuch?

Korb.

Adelheid. Bei einem Besuch, den ich in meinem eigenen Interesse mache.

Korb (zu Adelheid). Herr von Senden wünscht Ihnen seine Aufwartung zu machen.

Oberst. Ich will ihn jetzt nicht sehen.

Adelheid. Ruhe, Herr Oberst, wir haben nicht Zeit, auch mit dem zu zürnen. Ich werde ihn auf einige Augenblicke annehmen müssen.

Oberst. Dann gehe ich fort.

Adelheid (bittend). Um mich sogleich zu begleiten? Der Wagen wartet.

Oberst. Ich gehorche dem Commando. (Ab nach links.)

Adelheid. Ich habe einen schnellen Entschluß gefaßt, ich habe etwas gewagt, was für ein Mädchen wohl zu keck war, denn ich fühle jetzt, wo die Entscheidung naht, daß mein Muth mich verläßt. – Ich mußte es thun um seinetwillen und für uns alle. – (zu Korb) Bitten Sie Fräulein Ida, sich bereit zu halten. Der Kutscher soll sogleich umkehren sie abzuholen. – Lieber Korb, denken Sie an mich. Ich gehe einen wichtigen Gang, alter Freund. – (Adelheid ab.)

Korb (allein). Tausend! glänzen der die Augen! Was hat sie vor? Sie will doch nicht gar den alten Oberst entführen? Was sie auch vor hat, sie setzt's durch. Es gibt nur einen, der mit ihr fertig werden könnte. O Herr Konrad, wenn ich reden dürfte! (Ab.)

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