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Die Journalisten

Gustav Freytag: Die Journalisten - Kapitel 10
Quellenangabe
typecomedy
booktitleDie Journalisten
authorGustav Freytag
year1966
publisherVandenhoeck & Ruprecht
addressGöttingen
titleDie Journalisten
pages3-112
sendergerd.bouillon@t-online.de
firstpub1854
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Adelheid.

Adelheid (im Hintergrunde, dann gleichgültig eintretend). Hier sitzt er? Was ist das für eine Gesellschaft?

Kämpe. Man erzählt, der Professor Oldendorf hat große Aussicht gewählt zu werden. Es sollen Viele sein, die für ihn stimmen werden.

Piepenbrink. Ich sage nichts gegen ihn, aber für meinen Geschmack ist er zu jung.

Senden, später Blumenberg und Gäste.

Senden (im Hintergrunde). Sie hier, mein Fräulein?

Adelheid. Ich amusire mich, diese drolligen Leute zu beobachten. Sie thun, als wäre die übrige Gesellschaft nicht auf der Welt.

Senden. Was seh' ich? Das sitzt ja die Union selbst und bei einer der wichtigsten Personen des Festes! (Musik schweigt.)

Bolz (der sich unterdeß mit Frau Piepenbrink unterhalten, aber mit Aufmerksamkeit zugehört hat, zu Frau Piepenbrink). Ah, sehen Sie, die Herren können es doch nicht lassen, von Politik zu sprechen. Erwähnten Sie nicht den Professor Oldendorf?

Piepenbrink. Ja, mein lustiger Herr Doctor, so gelegentlich.

Bolz. Wenn Sie von dem sprechen, so bitte ich herzlich, reden Sie Gutes von ihm, denn er ist der beste, edelste Mensch den ich kenne.

Piepenbrink. So? Sie kennen ihn?

Kleinmichel. Sie sind wohl einer seiner Freunde?

Bolz. Mehr als das. Wenn heut der Professor zu mir sagte: Bolz, es ist mir nützlich, daß du ins Wasser springst, ich müßte hineinspringen, so unangenehm mir auch gerade jetzt wäre, im Wasser zu ertrinken.

Piepenbrink. Oho, das ist stark!

Bolz. Ich habe in dieser Gesellschaft kein Recht, über Wahlcandidaten mitzusprechen. Aber wenn ich einen Abgeordneten zu wählen hätte, er müßte es werden, er zuerst.

Piepenbrink. Sie sind ja sehr für den Mann eingenommen.

Bolz. Seine politischen Ansichten kümmern mich hier nicht. Aber was verlange ich von einem Deputirten? Daß er ein Mann ist; daß er ein warmes Herz hat und ein sicheres Urtheil, und ohne Schwanken und Umherfragen weiß, was gut und recht ist; und dann, daß er auch die Kraft hat zu thun, was er für recht erkennt, ohne Zaudern, ohne Bedenken.

Piepenbrink. Bravo!

Kleinmichel. Aber so ein Mann soll der Oberst auch sein.

Bolz. Möglich, daß er so ist, ich weiß es nicht; von Oldendorf aber weiß ich's. Ich habe ihm recht ins Herz hinein gesehen, bei einer Unannehmlichkeit, die mir widerfuhr. Ich war einmal gerade im Begriff zu Pulver zu verbrennen, da hatte er die Aufmerksamkeit, das zu verhindern. Ihm verdanke ich, daß ich hier sitze, er hat mir das Leben gerettet.

Senden. Er lügt abscheulich! (will vor.)

Adelheid (ihn zurückhaltend). Still! Ich glaube, an der Geschichte ist etwas Wahres!

Piepenbrink. Na, daß er Ihnen das Leben gerettet hat, war recht schön; indeß dergleichen kommt oft vor.

Frau Piepenbrink. Erzählen Sie doch, Herr Doctor!

Bolz. Die kleine Begebenheit ist wie hundert andere, und sie wäre mir gar nicht interessant, wenn ich sie nicht selbst erlebt hätte. Denken Sie sich ein altes Haus, ich bin Student und wohne darin drei Treppen hoch. In dem Hause mir gegenüber wohnt ein junger Gelehrter; wir kennen einander nicht. Mitten in einer Nacht weckt mich ein wüster Lärm und ein merkwürdiges Knistern unter mir. Wenn das Mäuse waren, so mußten sie einen Fackeltanz aufführen, denn meine Stube war hell erleuchtet. Ich springe an das Fenster, da schlägt die helle Flamme aus dem Stockwerk unter mir bis zu mir herauf, meine Fensterscheiben springen um meinen Kopf herum und ein nichtswürdiger Qualm dringt auf mich ein. Weil es unter diesen Umständen ungemüthlich wurde, sich zum Fenster hinauszulegen, so laufe ich an die Thür und öffne. Auch die Treppe kann die Gemeinheit nicht verleugnen, welche altem Holz eigen ist, die brennt in heller Flamme. Drei Treppen hoch und kein Ausweg, ich gab mich verloren! – Halb besinnungslos stürzte ich zum Fenster zurück, ich hörte, daß man auf der Straße rief: ein Mensch, ein Mensch! die Leiter her! – Eine Leiter wurde angelegt, sie fing im Nu an zu rauchen und zu brennen, wie Zunder, sie wurde weggerissen. Da rauschten die Wasserstrahlen aller Spritzen in die Flamme unter mir, ich hörte deutlich, wie jeder einzelne Strahl auf der glühenden Mauer anschlug. Eine neue Leiter wurde angelegt, es war unten totenstill und Sie können denken, daß auch ich keine Lust hatte, in meinem feurigen Ofen Spectakel zu machen. Unten riefen die Leute: »es geht nicht«, da klang eine volle Stimme durch: »höher die Leiter« – sehen Sie, ich wußte auf der Stelle, daß dies die Stimme meines Retters war. »Schnell«, riefen die Leute unten. Da drang eine neue Dampfwolke in die Stube, ich hatte genug von dem dicken Rauche verschluckt und legte mich am Fenster auf den Fußboden.

Frau Piepenbrink. Armer Herr Doctor!

Piepenbrink (eifrig). Weiter!

Senden (will voreilen).

Adelheid (ihn zurückhaltend). Bitte, lassen Sie ihn ausreden, die Geschichte ist wahr!

Bolz. Da faßt mich eine Menschenhand am Genick, ein Seil wird mir unter die Arme geschlungen und eine kräftige Faust hebt mich vom Boden. Im Augenblick darauf war ich auf der Leiter, halb gezogen, halb getragen, mit brennendem Hemd und ohne Bewußtsein kam ich auf dem Steinpflaster an. – Ich erwachte in dem Zimmer des jungen Gelehrten. Außer einigen kleinen Brandwunden hatte ich nichts in die neue Wohnung herübergebracht. Alle meine Habe war verbrannt. Der fremde Mann pflegte mich und sorgte für mich, wie ein Bruder für den andern. – Erst als ich wieder ausgehen konnte, erfuhr ich, daß dieser Gelehrte, der mich bei sich aufgenommen hatte, derselbe Mann war, der mir in jener Nacht auf der Leiter seinen Besuch gemacht hatte. – Sehen Sie, der Mann hat das Herz auf dem rechten Fleck, und deshalb wünsche ich ihm, daß er jetzt Deputirter werde, und deshalb könnte ich für ihn thun, was ich für mich selbst nicht thäte; ich könnte für ihn werben, intriguiren und ehrliche Leute zum Besten haben. – Dieser Mann ist Professor Oldendorf.

Piepenbrink. Das ist ja ein unbändig ehrenwerther Mann. (aufstehend) Er soll leben, hoch! (Alle stehen auf und stoßen an.)

Bolz (sich gegen Alle freundlich verneigend, zu Frau Piepenbrink.) Ich sehe warme Theilnahme in Ihren Augen glänzen, edle Frau, ich danke Ihnen dafür! – Herr Piepenbrink, ich bitte um die Erlaubniß, Ihnen die Hand zu schütteln. Sie sind ein braver Mann. (Klopft ihm auf den Rücken, umarmt ihn.) Geben Sie mir Ihre Hand, Herr Kleinmichel! (Umarmt ihn.) Sie auch, Herr Fritz Kleinmichel! Möge Ihnen nie ein Kind im Feuer sitzen, wenn es aber darin sitzt, immer ein wackerer Mann bei der Hand sein, der es heraus holt; kommen Sie näher, ich muß Sie umarmen.

Frau Piepenbrink (gerührt). Piepenbrink, wir haben morgen Kalbsbraten. Was meinst du? (spricht leise mit ihm.)

Adelheid. Er wird sehr übermüthig!

Senden. Er ist unerträglich, ich sehe, daß Sie empört sind wie ich. Er fängt uns die Leute, es ist nicht länger zu dulden.

Bolz (der um den Tisch gegangen war, zurückkehrend, vor Frau Piepenbrink stehen bleibend). Es ist eigentlich Unrecht, hier still zu halten. Herr Piepenbrink, Hausherr, ich frage an, ich bitte um die Erlaubniß, die Hand oder den Mund?

Adelheid (ängstlich auf der Seite rechts nach vorn). Er küßt sie wahrhaftig!

Piepenbrink. Nur zu, alter Bursch, Courage!

Frau Piepenbrink. Piepenbrink, ich erkenne dich nicht wieder!

Adelheid (geht in dem Augenblick, wo Bolz Frau Piepenbrink küssen will, wie zufällig bei ihnen vorbei, quer über die Bühne, und hält ihren Ballstrauß zwischen Bolz und Frau Piepenbrink; leise, schnell zu Bolz): Sie gehen zu weit, Sie sind beobachtet. (Von links nach dem Hintergrund und ab.)

Bolz. Eine Fee intervenirt!

Senden (der schon vorher einige andere Gäste, unter ihnen Blumenberg, geschäftig angesprochen hat, in demselben Augenblick geräuschvoll vor, zu der Tischgesellschaft:) Er ist anmaßend, er hat sich eingedrängt!

Piepenbrink (mit der Hand aufschlagend und sich erhebend). Oho! das wäre mir was! Wenn ich meine Frau küsse, oder küssen lasse, so geht das Niemanden etwas an. Niemanden! Kein Mann und kein Weib und keine Fee hat das Recht, ihr die Hand vor den Mund zu legen.

Bolz. Sehr richtig! ausgezeichnet, hört! hört!

Senden. Verehrter Herr Piepenbrink! Nichts gegen Sie, die Gesellschaft ist sehr erfreut, Sie an diesem Orte zu sehen. Nur Herrn Bolz wollen wir bemerken, daß seine Gegenwart hier Aufsehen erregt. Er hat so entschieden andere politische Grundsätze, daß wir sein Erscheinen bei diesem Fest als ein unpassendes Eindrängen betrachten müssen.

Bolz. Ich hätte andere politische Grundsätze? Ich kenne in Gesellschaft keinen andern politischen Grundsatz, als den einen, mit braven Leuten zu trinken, und mit solchen, die ich nicht für brav halte, nicht zu trinken. Mit Ihnen, mein Herr, habe ich nicht getrunken.

Piepenbrink (auf den Tisch schlagend) Das war gut gegeben.

Senden (hitzig). Sie haben sich hier eingedrängt!

Bolz (entrüstet). Eingedrängt?

Piepenbrink. Eingedrängt? Alter Junge, ihr habt doch eine Eintrittskarte?

Bolz (mit Biederkeit). Hier ist meine Karte! Nicht Ihnen zeige ich sie, sondern diesem Ehrenmanne, mit welchem Sie mich durch Ihren Ueberfall in Unfrieden bringen wollen. – Kämpe, geben Sie Ihre Karte Herrn Piepenbrink! Er ist der Mann, über alle Karten der Welt zu urtheilen.

Piepenbrink. Das sind zwei Karten, die ebenso richtig sind als meine. Ihr habt sie ja allenthalben ausgetragen, wie sauren Most. – Ho ho! ich sehe wohl, wie die Sache steht. Ich gehöre auch nicht zu eurer Geschichte, mich aber wollt ihr haben. Deshalb seid ihr mir zwei oder dreimal ins Haus gelaufen, weil ihr dachtet mich zu kapern. Weil ich Wahlmann bin, deshalb liegt euch an mir; aber dieser Ehrenmann ist kein Wahlmann, an dem liegt euch nichts. Solche Schliche kennen wir!

Senden. Aber Herr Piepenbrink –

Piepenbrink (ihn unterbrechend, heftiger). Ist es recht, deshalb einen ruhigen Gast zu beleidigen? Ist es recht, meiner Frau den Mund zuzuhalten? Das ist eine Ungerechtigkeit gegen diesen Mann, und er soll jetzt hier sitzen bleiben, so gut wie ich! und neben mir soll er hier bleiben! Und wer sich untersteht, ihn anzugreifen, der hat es mit mir zu thun!

Bolz. Eure Faust, braver Herr! Ihr seid ein treuer Kamerad. So Hand in Hand mit dir, trotz' ich dem Capulet und seiner ganzen Sippschaft.

Piepenbrink. Mit dir! Hast Recht, alter Junge. Komm her, sie sollen sich ärgern, daß sie bersten. Auf Du und Du! (Trinken Brüderschaft.)

Bolz. Vivat Piepenbrink!

Piepenbrink. So, altes Haus! und weißt du was? weil wir so gemüthlich beisammen sind, so denke ich, wir lassen diese hier machen, was sie wollen, und ihr alle kommt zu mir nach Hause, dort braue ich eine Bowle, und wir sitzen lustig zusammen, wie die Staare. Ich führe dich, ihr Andern geht voraus.

Senden (und Gäste). Aber hören Sie doch, verehrter Herr Piepenbrink!

Piepenbrink. Nichts will ich hören, abgemacht!

Bellmaus, noch mehr Gäste.

Bellmaus (eilig durch den Haufen). Hier bin ich!

Bolz. Mein Neffe! Holde Madame, ich stelle diesen unter Ihren Schutz! Neffe, du führst Madame Piepenbrink. (Frau Piepenbrink faßt Bellmaus kräftig unter den Arm und hält ihn fest. Polka hinter der Scene.) Lebt wohl, ihr Herren, ihr seid nicht im Stande, uns die Laune zu verderben. Dort beginnt die Musik. Wir marschiren im Festzuge ab, und noch einmal ruf' ich zum Schlusse: Vivat Piepenbrink!

Die Abziehenden. Vivat Piepenbrink! (marschiren im Triumph ab. Fritz Kleinmichel mit seiner Braut, Kämpe mit Kleinmichel, Frau Piepenbrink mit Bellmaus, zuletzt Bolz mit Piepenbrink.)

Oberst.

Oberst. Was geht hier vor?

Senden. Ein nichtswürdiger Skandal! Die Union hat uns die beiden wichtigsten Wahlmänner entführt!

Der Vorhang fällt.

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