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August Wilhelm Iffland: Die Jaeger - Kapitel 4
Quellenangabe
typedrama
authorAugust Wilhelm Iffland
year1785
firstpub1785
publisherGeorg Jacob Decker
addressBerlin
titleDie Jaeger
pages184
created20110405
sendergerd.bouillon@t-online.de
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Zweiter Aufzug.

Erster Auftritt.

(Ein Jäger wischt die Tische ab. Dazu kömmt die Oberförsterin. Sie hat eine große Serviette vorgesteckt.)

Oberförsterin. Euer Abkehren mag Euch wenig werth sein, mein guter Freund! da sieht es noch bunt aus. Geht geschwind in die große Stube, heizt dort; man friert sonst, daß es nicht auszuhalten ist. (der Bursche geht.) Hört – nun so lauft doch nicht immer fort – wartet, bis man ausgeredet hat. Die Stühle wohl abgekehrt – die Fenster auch – daß kein Stäubchen wo zu finden ist! ich verlasse mich darauf. (der Bursche geht. Sie sezt sich.) Liegt doch auch Alles auf mir! – Das ist eine Last! Ich bin recht froh, daß das Mädchen endlich einmal wiedergekommen ist.

 

Zweiter Auftritt.

Oberförsterin. Kordelchen von Zeck.

Kordelchen. (die mit einer Fächernüanze und einem familiären Kopfnicken grüßt.) Guten Morgen, Frau Oberförstern.

Oberförsterin. (mit einer altmodisch ehrerbietigen Verbeugung.) Meine wehrteste Mademoisell – – ich – ich schäme mich wahrhaftig, daß ich noch nicht recht angezogen bin.

Kordelchen. Lassen Sie's gut sein. Sie wissen, ich bin nicht von Cerimonien und selbst noch nicht angekleidet. – Wo ist denn Monsieur Anton?

Obfstn. Den hat mir der Alte wieder fortgeschickt.

Kordelchen. Apropos – – Ich muß Ihnen doch sagen, wenn die Mariage zu Stande kömmt, so will mein Vater, durch eine sichre Konnexion in der Stadt, Ihrem Anton einen der ersten Dienste im Jagddepartement verschaffen.

Obfstn. Meinem Anton? Was Sie sagen!

Kordelchen. Nur muß Ihr Mann meinen Vater in seinem Geschäfte machen lassen und ihm nicht immer widersprechen. Sorgen Sie hübsch dafür, Mama – hören Sie?

Obfstn. Ia liebes Mamsellchen, dabei kann ich nichts thun. Mein Kommando geht nicht weiter, als von der Küche in den Krautgarten. Wenn ich mannichmal so in andre Sachen rede – so sieht er sich nur um! dann weiß ich gleich, was die Glocke geschlagen hat. Ei, glauben Sie denn, daß ich nur für meine Küche Wildpret haben könnte, wenn ich wollte? Nichts–es thäte oft Noth, ich kaufte welches.

Kordelchen. Der Mann thut sich mit seinem rauhen Wesen vielen Schaden – großen Schaden!

Obfstn. (besorgt.) Ich weiß wohl, aber – – Kind! ich darf nur nicht sprechen. Mein Alter ist gar zu wunderlich.

Kordelchen. Der Krug geht so lange zu Wasser, bis er bricht – Warlich – es könnte ihm einmal übel bekommen.

Obfstn. Das sollte ich denn doch nicht meinen. Alle Welt hat ihn lieb. In allen rechten Dingen ist er Niemanden hinderlich, läßt sichs auch sauer werden bei seiner Arbeit; das werden der Herr Amtmann wohl selbst wissen.

Kordelchen. Mannichmal aber –

Obfstn. Nun – man muß Geduld haben. Zeit und Stunde ist bei dem Menschen nicht gleich; wir wollen ia alle auch alt werden! Wenn Sie so was sehen, Kind, so reden Sie doch zum Besten. Ich thue das auch, so viel ich kann – schütte Wasser ins Feuer, wo ich es sehe. Es ist besser, denke ich, er brummt sich bei mir aus, als bei andern – Ach – wenn ich ihn nur noch lange brummen höre!

Kordelchen. Diesen Abend ist Ball bei uns – ich freue mich recht darauf. Ich habe Lust zu tanzen. Ich bin heute recht dazu aufgelegt. – Daß Herr Anton uns nur nicht wieder so früh wegschleicht. Was giebt es denn sonst Neues?

Obfstn. Neues? Apropos – meine Nichte ist heute aus der Stadt zurückgekommen –

Kordelchen. Heute? Ist denn heute der sechste?

Obfstn. Freilich. Heute hat sie ia kommen sollen. Sie ist Gottlob! frisch und gesund.

Kordelchen. Das freuet mich – ich bin ihr recht gut. (sie geht ans Fenster.) Es ist recht schlechtes Wetter. Der Herr Förster werden schlechte Jagd haben. Es ist so neblicht, daß man kaum die Hand vor den Augen sieht.

Obfstn. Das sagte ich auch; aber wie der Alte nun ist – Anton mußte mit Tagesanbruch fort.

Kordelchen. Ist sie hübsch?

Obfstn. Friedrikchen?

Kordelchen. Ia.

Obfstn. Hübsch? Ia, hübsch will gar viel sagen – aber sie ist ein artiges Mädchen.

Kordelchen. Es ist mir sehr lieb, daß sie wieder hier ist. – Sie hat in der Stadt singen gelernt?

Obfstn. Das weiß ich wirklich nicht.

Kordelchen. Sie singt, ich weiß es gewiß, ganz gewiß. Fräulein von Rechennauer hat mir davon geschrieben.

Obfstn. So muß sie es für sich gelernt haben; wir haben nichts dafür bezahlt.

Kordelchen. Aber ihr Klavierspielen soll besser, viel besser sein, als ihr Gesang.

Obfstn. Noch besser? Was Sie sagen! O erzälen Sie mir doch noch mehr – ich höre gar zu gern Gutes von dem Mädchen.

Kordelchen. Was ist denn aus ihrer Figur geworden? Sie war ein kleines Ding, als sie nach der Stadt geschickt wurde. Ist sie gewachsen?

Obfstn. Denken Sie nur – einen ganzen Kopf beinahe.

Kordelchen. Nun nun – warum nicht –

Obfstn. Sie werden sehen.

Kordelchen. O ich glaube es gern. Was ich sagen wollte – – – sie kann ia diesen Abend auf unsern Ball geschickt werden; denn vermutlich wird sie auch wohl tanzen?

Obfstn. (freudig.) O ia – scharmant tanzt sie – Madam Schmidt hat es gesagt – scharmant!

Kordelchen. Für ein Mädchen von solchem Stande ist sie doch fast zu vornehm erzogen.

Obfstn. Sie verlohr ihre armen Eltern früh. Ich bin Pathe zu ihr. Von Kindesbeinen an war sie gelehrig und brav; mein Mann hatte denn so seine Freude an ihr – darum haben wir gethan, was wir konnten, ohne uns weh zu thun. Sie ist übrigens bescheiden und gut – und wir wollen auch nicht etwa hoch mit ihr hinaus.

Kordelchen. (gleichsam zutraulich.) Das ist auch das Allerbeste. Daher riethe ich auch – doch ohne Ihnen vorzugreiffen – sie ließe die Stadtkünste hier weg. Solche Dinge gehören in keine Landhaushaltung. Tanzen? – Je nun – Sonntags wohl, aber sonst wahrhaftig nicht. Das Singen sollten Sie ihr als unanständig verbieten –

Obfstn. Ei, das Haus ist groß – die Kehle ist ihr. Wird es mir zu viel – so ziehe ich die Stubenthür zu. Meine Buchfinken schreien den ganzen Tag, daß ich mein eignes Wort nicht höre; ich verbiete es ihnen doch nicht. Bei mir müssen Menschen und Vieh lustig sein, sonst sind sie krank, oder haben ein böses Gewissen.

Kordelchen. Nur alles mit Maaß.

Obfstn. Ia, das versteht sich.

Kordelchen. Solche Mädchen werden oft in der Stadt verdorben, und machen nachher sich und ihre Männer auf immer unglücklich!

Obfstn. Man hat der Exempel, o ia.

Kordelchen. – Wenn unter uns alles richtig ist – Ich glaube, mein Vater schaffte dem Matthes einen guten Dienst – das wäre keine unebne Parthie für Friedriken.

Obfstn. Ei, wo denken Sie hin? Nein. Behüte uns in Gnaden! Matthes war sein Lebelang ein schlechter Kerl.

Kordelchen. Bedenken Sie, was Sie sagen! Er trägt iezt unsre Livree!

Obfstn. Kind – Hübsch kann einen ein Rock wohl machen; aber ehrlich nicht.

 

Dritter Auftritt.

Vorige. Friedrike.

Friedrike. (mit einem tiefen Knix.) Mademoisell – Sie sind mir zuvorgekommen; ich würde noch heute die Ehre gehabt haben, Ihnen aufzuwarten.

Kordelchen. (kurz.) Jungfer Friedrike – es ist mir lieb, Sie wohl zu sehen.

Obfstn. Ich will doch derweile einmal nach meiner Küche sehen. (ab.)

Kordelchen. Sie hat uns wohl viele neue Moden mitgebracht?

Friedrike. Wenig oder gar nichts.

Kordelchen. Sie hat doch das Haubenstecken in der Stadt gelernt?

Friedrike. Ia.

Kordelchen. Nicht wahr? Sie hat bei der la Breuze gelernt?

Friedrike. Ia.

Kordelchen. Ich will Ihr einige alte Hauben zum Waschen schicken, wenn Sie die mit Gout wieder arrangirt; so soll Sie Flor bekommen und Desseins von meiner Erfindung, die la Breuze selbst approbiren wird.

Friedrike. Ich zweifle nicht.

Kordelchen. Ich will Sie honett bezahlen; ich fordre nichts umsonst. Wie ist denn der Schnitt vom Kleide bei der lezten Puppe aus Lion?

Friedrike. Ich habe keine gesehen.

Kordelchen. Nicht einmal eine Puppe von Lion?

Friedrike. Ich habe keine gesehen.

Kordelchen. Nicht einmal eine Puppe von Lion? Ei bei der Frau von Karsthausen kommen sie ia iärlich zu Duzenden an; dort hätte Sie – – – zwar – – dorthin ist Sie wohl niemals gekommen.

Friedrike. Niemals.

Kordelchen. Ei Kind – Sie ist ia so verlegen – so wortkarg, so genirt – wie unsres Kirchvorstehers Tochter.

Obfstn. (kommt wieder.) Ein Glück, daß ich in die Küche kam. Die hätte mir alles Essen verbrannt.

Kordelchen. Ich sage eben zu Jungfer Friedriken, man muß Leuten von Distinktion mit Ehrfurcht begegnen – aber ohne sich wegzuwerfen. – Man muß mitreden.

Friedrike. Man schweigt auch mannichmal aus Ueberdruß und Langerweile.

Kordelchen. (es verbeissend.) Langeweile? Frau Oberförsterin! davon lassen Sie uns sprechen.

Obfstn. Hm! bei mir giebt es denn immer etwas zu thun. Ist es nicht dieß, so ist es das. Da geht denn die Zeit gar bald hin. So in den langen Winterabenden wohl. Da liest der Alte die Zeitung, und schläft richtig allemal dabei ein. Nun mag ich ihn denn doch nicht wecken – da sizze ich nun freilich in meinem Sorgestuhl, und kucke Stunden lang den Goliath auf unserm großen Ofen an – sonst aber wüßte ich eben nichts davon zu sagen.

 

Vierter Auftritt.

Vorige. Anton.

(Zugleich:)

Anton Riekchen! Ach Riekchen, mein Riekchen! bist Du da? Gott sei Dank!

Friedrike. Anton, lieber Anton!

(Beide umarmen sich.)

Kordelchen. (geht umher und rauscht so heftig mit dem Fächer, daß er davon zerreißt.)

Oberförsterin. Anton! – i Anton! Was ist das für Lebensart?

Anton. (ohne darauf zu hören.) Ach Riekchen – Mädchen – ich bin so erschrocken – ich kann – ich kann nicht sprechen. Ich glaubte diesen Mittag – aber Du bist die Nacht gefahren und das freuet mich so – so!

Obfstn. Junge bist Du närrisch? Komm doch zu Dir! – Anton, hast Du denn einen Trunk über den Durst gethan? Siehst Du nicht hier, Mamsell Kordelchen?

Anton. (sieht sich um.) Gehorsamer Diener. (sezt sich wieder in Fassung, wozu Friedrike ihm schon vorher leise ein Zeichen gab.)

Kordelchen. Ergebne Dienerin!

Obfstn. Dein Vater hat doch wahrhaftig Recht; ie älter Du wirst, desto läppischer wirst Du auch. Nimms nur nicht übel, Riekchen!

Friedrike. O gar nicht.

Kordelchen. Das glaube ich.

Obfstn. (halb laut.) Du unmannierlicher Gast, mach Deine Grobheit wieder gut. Gleich geh hin und sprich ordentlich mit ihr. – Die Kinderzeit ist vorbei. Sie hat Lebensart in der Stadt gelernt. Sei hübsch höflich – daß unser einer nicht mit Schanden besteht.

Anton. Jungfer Muhme, wie befinden Sie Sich?

Friedrike. Recht wohl, Herr Vetter.

Kordelchen. Ich habe entsezliche Kopfschmerzen. Mama. – Gute Jagd gemacht, Herr Förster? (Pause.)

Anton. (sieht auf Friedriken und hört nicht.)

Obfstn. (zu Kordelchen.) Der Junge hört und sieht nicht. Er muß zu jäh aus der Kälte in die Hizze gekommen sein. Anton!

Anton. Was ist, liebe Mutter?

Obfstn. Mamsell haben Dich gefragt, was Du geschossen hast?

Anton. (sich schnell zu ihr wendend.) Eine wilde Kaze.

Kordelchen. In der That – ich befinde mich gar nicht zum besten!

Obfstn. Es wird hier zu heiß sein; das Volk legt immer einen Wald in den Ofen. Ich will die Thür aufmachen. (sie reißt die Flügel auf.)

Kordelchen. Gott! Nun zieht es ia, daß man kontrakt werden könnte. Es wird mir immer schlimmer. Herr Förster, geben Sie mir Ihren Arm – ich will versuchen, nach Hause zu kommen.

Anton. Das ist zum Gehen zu weit – viel zu weit.

Obfstn. I, das arme Kind!

Anton. Ich schicke hin, und lasse Ihre Kutsche bestellen. Rudolph! – he! Rudolph! –

Kordelchen. (verdrießlich.) Lassen Sie nur –

(Zugleich:)

Anton. Nein, der Weg ist wahrhaftig zu weit. (geht nach der Thür.)^

Obfstn. Wenn ich doch nur helfen könnte!

Anton. Rudolph, Rudolph! (Rudolph kommt.). Rudolph, lauf – lauf wie ein Bliz aufs Amt. Die Mamsell wäre noch nicht fort – wollte fort!

Kordelchen. (stampft mit dem Fuße.) Es ist nicht nöthig, sage ich Ihnen.

Anton. Sie wäre krank, die Kutsche sollte kommen.

Rudolph. Ganz wohl.

Anton. Gleich kommen; gleich den Augenblick kommen.

Rudolph. (im Abgehen, schon halb draussen, laut.) Will schon treiben.

Kordelchen. (fast wüthend.) Mein Gott, Sie werden das ganze Amt in Aufruhr bringen!

Anton. Aber auch so eine plözliche Krankheit!

Kordelchen. (halbheulend.) Ich bin nicht krank! Wer sagt denn, daß ich krank bin? Ich war nur unpaß. In die frische Luft wollte ich; die frische Luft hätte mir am besten gethan. Ich kenne mich.

Anton. Liebe Mutter, Sie sollten doch der Mamsell von Ihrem Melissengeist geben.

Kordelchen. Mein Gott, den kann ich nicht riechen.

Obfstn. Melissengeist? Ia, so wahr ich lebe, Anton, das ist ein kluger Einfall, ein scharmanter Einfall. Kommen Sie – erst nehmen Sie von dem Melissengeist, und dann führe ich Sie in unser Gärtchen an die frische Luft.

Kordelchen. Ums Himmels willen! – ich kann die starken Sachen nicht vertragen.

Obfstn. Ia mein gutes Kind! stark oder schwach, danach wird bei der Medizin nicht gefragt. O mit dem Melissengeist habe ich viele Leute kurirt. Unsre Magd, Kathrine –

Kordelchen. Ich ersticke vor Wuth!

Obfstn. Sie werden wieder schwach? Kommen Sie heraus – Kommen Sie. (indem sie mit höflicher Gewalt sie fortschleppt) Kathrine – Kathrine – he! Melissengeist, geschwind Melissengeist! – Wie gehts, Kind, wie gehts? (ab mit Kordelchen.)

 

Fünfter Auftritt.

Friedrike. Anton.

Anton. Gott Lob, daß sie fort ist!

Friedrike. Du bist etwas rauh mit ihr gewesen.

Anton. Ich hätte es keine Minute länger mit ihr ausgehalten.

Friedrike. Sie hat mir viel Sorgen um Dich gemacht

Anton. Riekchen! (bedeutend.) und mir ihr Bruder um Dich. Er hat Dir wieder geschrieben?

Friedrike. Woher weißt Du das?

Anton. Durch Matthes, der seit heute dort dient.

Friedrike. Dient er dort? Nun ist mir es begreiflich, warum mich der Mensch immer mit Briefen und Geschenken von dort her ängstete. Ich nahm keines – aber den lezten Brief hielt er mir offen vors Gesicht. Dich wollte ich schonen – ich kenne Deinen Argwohn – also gab ich gar keine Antwort, und reiste die Nacht durch, um ihm nicht zu begegnen.

Anton. Das dachte ich gleich, wie ich Dich so früh fand. Habe Dank. – Also Herr Matthes hat Dir die Briefe gebracht?

Friedrike. Der Mensch hat mir manche böse Stunde gemacht mit Nachrichten von Dir. Gott vergebe es ihm!

Anton. Was hat er Dir denn von mir gesagt?

Friedrike. Hm! – Es kann nicht wahr sein. Du liebst mich – alles ist vorbei, und ich bin herzlich zufrieden, da ich wieder bei Dir bin.

Anton. Wenn ich den Kerl treffe, so ist er unglücklich!

Friedrike. Nicht doch. Laß ihn laufen. Ach ich bin ohnehin so unruhig – er hat überall in der Stadt schreckliche Drohungen gegen Dich ausgestoßen! Geh ihm aus dem Wege – geh nicht allein – ich bitte Dich.

Anton. Was könnte es denn geben?

Friedrike. Ich bin so angst – ich weiß, der Kerl ist zu iedem Bubenstück fähig. Der alte Friz, den er vom Amte weggelogen hat, war vorhin bei mir und winselte schrecklich. – Ich gab ihm ein Allmosen – Er sagte, ich sollte Dich ia vor dem bösen Matthes warnen.

Anton. Nun – laß Matthes, Matthes sein, und laß uns von unsrer Liebe sprechen.

Friedrike. Nein, Anton – nicht eher, als bis Du mir versprichst, daß Du keine Händel mit ihm anfangen willst. Versprichst Du mirs?

Anton. Nun ia.

Friedrike. Nicht so. – Fest, gewiß – ernstlich und –

Anton. Auf mein Wort! – Ich will ruhig sein. Ei Mädchen, mein Leben ist mir zwanzig mahl lieber, als sonst, da Du es so lieb hast.

Friedrike. Wirst Du mich immer lieben?

Anton. Warhaftig!

Friedrike. Ich weiß nicht, wie es zugeht, sonst war mir leichter zu Muthe; aber iezt bin ich mannichmal so traurig, daß ichs nicht genug sagen kann – Dann fallen mir Dinge ein! Dinge! O es wäre hart, wenn etwas davon wahr werden sollte.

Anton. Was ist es? – sag es mir. – Wenn Du mir gut bist: so sagst Du es.

Friedrike. Es ist Nichts, wirst Du sagen; aber mich quält es gewaltig. Ich habe Dich nun so herzlich lieb – ich denke auf Nichts, als wie ich Dich so glücklich machen soll, als ich armes Mädchen kann. Ich habe deswegen manches in der Stadt gelernt, um Dir nicht langweilig zu sein – – Ich weiß – das ist es nicht, was ich sagen sollte – aber es gehört doch dazu – und dann –

Anton. Du weinst? – ist es denn so traurig, was noch nachkömmt? Weine nicht. Wenn Du weinest, so thut mir es in der Seele weh! Nun sprich – –

Friedrike. Anton – Deine Eltern sind dreißig Jahre verheirathet und leben heute noch so glücklich, als am ersten Tage ihrer Heirath. So oft ich sie ansehe, denke ich, ob wir wohl auch so glücklich – und so lange glücklich sein werden? Anton – mein ganzes Leben ist in Dir. Wäre es möglich, daß Du einmal mich weniger liebtest, als heute? – Wenn ich Eltern hätte, sie würden Dich an meiner Stelle fragen. Nun bin ich eine Waise, und mein Leben ist in Deiner Hand. Wäre es möglich – so laß uns gleich abbrechen. Es wird mir das Leben kosten, das weiß ich; aber ich sterbe doch sanfter, als wenn – – – (sie bedeckt sich das Gesicht. Anton umfaßt sie mit einem Arm.) Ach Anton!

Anton. Riekchen – Riekchen, sieh mich an! (sie sieht ihn innig an, er legt ihre Hand auf sein Herz.) Gott weiß, es ist kein Falsch in mir.

Friedrike. Hast Du Dich geprüft, ob es wirklich Liebe ist, was – – –

Anton. Ich habe mich nicht geprüft. Das ist nicht nöthig. Als Du nicht hier warst, da war mir Nichts lieb, immer war ich verdrießlich. Nun Du wieder hier bist, gefällt mir wieder Alles, ist mirs überall wohl. Das macht, weil ich Dich liebe. Warum sollte sich das aber ändern? Sieh – ich könnte Dir ia theure Eide schwören, aber ich glaube, Dir wäre dabei nicht besser. Einem ehrlichen Mann ist sein Wort heilig. Ein Mann, der einem Weibe sein Wort bricht, ist doppelt schändlich!

Friedrike. Anton! – So – so höre ich Dich gern.

Anton. Dazu sind wir auf dem Lande, und können eine gottlose Ehe nicht mit der Mode verbergen. Nein – ich habe wenig, vornehm bin ich nicht, es kann auch sein, daß ich das Pulver wohl nicht erfände – aber so viel gesunden Sinn, als man fürs Haus braucht, traue ich mir zu – und das hier – (auf das Herz zeigend.) da gebe ich keinem Menschen auf der Welt etwas nach! – So stehts. Nun frage ich Dich ordentlich – Riekchen, willst Du mich heirathen?

Friedrike. Deine Eltern – –

Anton. Die wollen wir heute noch fragen. – Nun und Du?

Friedrike. (Mit zärtlichem Blick auf ihn und mit dem Erröthen eines guten unfaconnirten Mädchens:) Frag Deine Eltern!

Anton. Dank – Riekchen. Mein künftiges gutes Weib, der ich treu bin bis in den Tod! Dank, tausend Dank!

Friedrike. Aber lieber Anton, Du must nun auch gut werden. Du bist so wild – – –

Anton. Ich wild? – bewahre Gott! Da haben sie Dir was weiß gemacht.

Friedrike. Wenn ich nur an Deine Briefe denke! stand doch fast in iedem: – wenn das nicht geschieht, so gehe ich fort und werde Soldat. Wenn Du mir das nach zwei Jahren einmal sagtest!

Anton. O ia – so bald Du mir untreu wirst.

Friedrike. Und dann must Du auch nicht so auffahren. Man lebt dabei in tausend Aengsten. Die Jäger sind ohnehin ein wildes ungestümes Volk.

Anton. Riekchen, halt die Jäger in Ehren, sonst kömmst Du nicht gut weg.

Friedrike. Es ist wahr, es kann kein gutes Haar an Euch sein. Alle Tage quält und mordet Ihr das arme Vieh.

Anton. Gelt, das hat Dir ein Stadtpatron gesagt. So ein Kerl, der den ganzen Tag hinter dem Ofen hockt, mit haut gouts und Liqueurs das Blut verbrennt und aus verschrumpftem Herzen mit dem Gänsekiel die Menschen quält? – Nein. Kein ehrlicher Kerl quält das Vieh. Alle Tage gehen wir hinaus, leben in frischer Luft. Das giebt frisches Blut und ein gesundes Herz! Wenn ich dann so Abends nach Hause komme, frölich und guter Dinge, und bringe Dir einen Braten in Deine Küche, und fordre einen Kuß – wirst Du mir ihn verweigern?

Friedrike. Ich küsse keinen Mörder.

 

Sechster Auftritt.

Vorige. Pastor Seebach.

Pastor. Guten Morgen, Kinder.

Friedrike. (läuft ihm entgegen und küßt ihm die Hand.)

Anton. Guten Morgen, lieber Herr Pastor.

Pastor. Herzlich wieder willlommen bei uns, liebe Tochter!

Friedrike. Wie Sie in Ihren Jahren doch noch so wohl aussehen!

Pastor. Ia? meinen Sie?

Friedrike. So recht heiter.

Pastor. Je nun – Gott Lob! Sorgen habe ich nicht – überdem bin ich gern an dem Orte –

Anton. Jedermann liebt Sie, wie einen Vater –

Pastor. Nun so muß ich ia wohl froh und gesund sein. Der Herr Oberförster – –

Anton. Er ist ausgeritten, Holz anzuweisen,

Pastor. Mein Besuch gilt ihm nicht. Ich bin eigentlich gekommen, Friedrikchen zu sehen. Liebe Tochter, wir haben die guten Nachrichten von Ihnen allemal zusammen gelesen, und es freuet mich recht, daß Sie so gut geworden sind.

Friedrike. Würdiger Mann – Sie nehmen noch so vielen Antheil an mir, ungeachtet –

Pastor. Ungeachtet? Kind – errathe ich, was Sie sagen wollten – so haben Sie mich betrübt.

Friedrike. Wie so?

Pastor. Ungeachtet wir verschiedner Religion sind; – nicht wahr, das wollten Sie sagen?

Friedrike. Dann müste ich Sie nicht kennen, wenn ich es auch nur gedacht hätte. Ungeachtet meiner langen Entfernung, wollte ich sagen.

Pastor. Ich halte mich für den besondern Freund eines ieden aus diesem Orte; der Kummer und die Freude eines ieden gehen mich nahe mit an. Was thut Entfernung zur Sache? Wo mein Rath, meine Hülfe nicht hinreichen, hören doch meine guten Wünsche nicht auf.

Anton. Das ist gewiß, das weiß ich. Aber den Dank, den Sie dafür verdienen – –

Pastor. Wollte ich meine Pflicht bloß auf die Zeit meines unmittelbaren Unterrichts, meine Liebe allein auf meine Gemeinde einschränken – O Kind – so wäre ich ein armer Mann – mit einem engen, engen Herzen.

Anton. Ia, Sie nehmen Antheil an uns – wir erkennen es. Es ist Niemand unter uns, dessen Herz Ihnen nicht offen stünde, der Sie nicht wie einen Vater liebte! Ach, ich bin nicht der Lezte unter diesen, Sie wissen es.

Pastor. Ia, mein Sohn.

Anton. Ich hatte ein Geheimniß vor Ihnen – aber iezt will ich mich Ihnen anvertrauen. Es ist die wichtigste Angelegenheit meines Lebens – Sie werden mir helfen. Ich liebe Friedriken – sie liebt mich. Meine Eltern sind gut; aber sie könnten dagegen sein, andre Absichten haben – und ich kann, ich kann keine andere lieben; und Riekchen niemanden, als mich – sie hat es gesagt. Wir wären Beide unglücklich! Sprechen Sie für uns – sagen Sie ihnen das, und machen Sie ein glückliches Paar!

Pastor. Ihr liebt Euch?

Anton. Ia.

Pastor. Und Sie, liebes Kind?

Friedrike. Ich vereinige meine Bitten mit den seinigen.

Pastor. Sollte aber das Zutrauen des Sohnes nicht zuerst den Eltern gebühren?

Anton. Nun, ich habe ia dieses Zutrauen auch.

Pastor. Ist das gut, wenn der Vater in dem wichtigsten Vorfall des Lebens die Wünsche und den Gehorsam des Sohnes durch einen Fremden erfährt?

Anton. (mit Wärme.) Ist es denn ein Fremder, den ich darum bitte?

(Man hört Geräusch.)

Pastor. Nun ich will davon sprechen – so bald ich Ihren Vater sehe – heute noch.

Anton. Das ist mein Vater – ich kenne ihn am Gange. Reden Sie iezt mit ihm. Ob Du dableibst? – Nein – geh mit – Komm! Oder – doch ia, geh mit. (geht ein Paar Schritte.) Nun, vergessen Sie es nicht – ich kann nicht leben ohne das Mädchen. Sehen Sie, die Thränen kommen mir aus den Augen – es ist wahrhaftig wahr. Komm, Riekchen. (ab mit Friedriken.)

Pastor. Guter, ehrlicher Anton!

 

Siebenter Auftritt.

Pastor. Oberförster.

Oberförster. (von aussen.) Nur gleich besorgt! – (im Kommen.) Ich will denn schon weiter sorgen, wie – – Ei, sieh da! Willkommen Herr Pastor! Sie haben gewiß das Mädchen besucht?

Pastor. Ia. Freude, innige Freude habe ich an Ihrer guten Bildung.

Obfstr. Nicht wahr? Ia das Mädchen ist brav! (er packt seine Pfeife, Tobacksbeutel und Papiere aus.) Nun meine Frau wird Ihnen ia wohl gesagt haben – – Sie sind unser Gast diesen Mittag.

Pastor. Noch hat sie mich nicht gesehen. Ich danke indeß für die Einladung.

Obfstr. Also Sie kommen?

Pastor. Ia.

Obfstr. Brav, brav so! Wir wollen recht vergnügt sein, denke ich.

Pastor. Es ist mir lieb, Sie bei so guter Laune zu finden. Ich habe denn wieder so dieses und ienes Anliegen an Sie.

Obfstr. An mich? Wie – warum – wie? –

Pastor. Sie sollten es doch schon gewohnt sein, daß ich immer für iemanden bettle, wenn ich komme –

Obfstr. Nun was ist es? – Was ich helfen kann –

Pastor. Der alte Friz, der schon bei dem vorigen Amtmann – – – der schon dreißig Jahre auf dem Amte ist, hat gestern seinen Abschied bekommen.

Obfstr. Das ist schlecht vom Amtmann. Einen Hund schaffe ich nicht ab, wenn er auch noch so alt ist, wenn er auch kein Glied mehr rühren kann; und der Amtmann – Pfui!

Pastor. Was mir leid thut: man ist von allem Ihrem Gesinde des Guten so gewohnt, und Ihr Matthes hat durch boshafte, tückische Streiche den Mann vom Amte weggebracht.

Obfstr. Nun, der Matthes entläuft seinem Galgen nicht. Da hat es –

Pastor. Der arme alte Mann hat die kranke Frau – die vielen Kinder! Es ist denn doch ein schreckliches Schicksal – In seiner Jugend – Husar, fast zum Krüppel gehauen und keine Pension – auf seine alten Tage auch aus dem Dienste noch verabschiedet! Er soll wie verzweifelnd im Orte herumgehen.

Obfstr. Armer, armer Teufel!

Pastor. Wenn man ihn nur erst den Winter durchbrächte. – Ich habe darum eine kleine Kollekte veranstaltet – –

Obfstr. Das lohne Ihnen Gott! Ich will denn das Meinige auch dazu geben. – Hm – Wer bald giebt, giebt doppelt. Das hier – habe ich Riekchen geben wollen, dort wäre es auch gut gewesen; aber hier thut es Noth! Da –

Pastor. (ohne es einzustecken.) Das ist viel.

Obfstr. Der Winter ist hart.

Pastor. Es ist wirklich viel. Lieber weniger Geld und etwas Holz.

Obfstr. Das Holz gehört dem Fürsten; das Geld ist mein. – Nun – was giebt es denn sonst Neues?

Pastor. Neues? Je nun – noch eine Bittschrift an Sie.

Obfstr. Bittschrift?

Pastor. Mündliche Vorstellung durch mich.

Obfstr. Von wem?

Pastor. Von Ihrem Sohn.

Obfstr. Was will er?

Pastor. – Heirathen. –

Obfstr. Hoho!

Pastor. Ein Mädchen, das er herzlich liebt, und die ihn wieder liebt.

Obfstr. Herr Pfarrer – wen er will – wer es sei – nur Mamsell Kordel vom Amte nicht. Wenn es die ist – so –

Pastor. Nein – es ist Riekchen.

Obfstr. Ia? warhaftig? Es ist nicht möglich! Hat der Junge das Mädchen lieb? Und sie –

Pastor. Sie ihn nicht minder.

Obfstr. Topp! die soll er haben – nur versteht sich – noch nicht. Aber die soll er haben. Ei – wenn hat er Ihnen denn das gesagt?

Pastor. Vor wenig Minuten.

Obfstr. Da wollen wir ihn gleich rufen. (thut ein Paar Schritt.) Zwar nein. – das geht nicht so.–Hollaho! da hätte ich was Schönes angestellt!

Pastor. Wie so?

Obfstr. Ei – hahaha, ich muß doch meine Hausehre mit in den Rath ziehen.

Pastor. Iawohl, iawohl.

Obfstr. Heda – Rudolph! – he!

Rudolph. Herr Oberförster!

Obfstr. Meine Frau soll kommen. (Rudolph ab.) Ia wenn wir das vergessen hätten, Herr Pfarrer – der offenbare Krieg wäre angegangen. Und beim Licht besehen – gilt ia ihr Wort dabei so viel, als meines.

Pastor. Richtig.

Obfstr. Ueber den Bliziungen! Nun das ist noch der gescheuteste Streich, den er in seinem Leben gemacht hat – Dafür hat er Kredit bei mir.

Pastor. Anton ist gut.

Obfstr. Aber wild – wild wie der Teufel. Zwei runde Jahre muß es mit der Heirath doch noch anstehen, wenn es gut gehen soll.

Pastor. Dazu rathe ich nicht, denn – – –

 

Achter Auftritt.

Vorige. Oberförsterin.

Oberförsterin. Was giebts? doch kein Schaden, kein Unglück? Dienerinn von Ihnen. – Eben habe ich hingeschickt, habe mir die Ehre ausbitten lassen, auf dies – – –

Oberförster. Bestellt und angenommen.

Obfstn. Danke vielmals. Nun was soll ich – warum bin ich gerufen?

Obfstr. Du kannst Dir was zu Gute thun. Du bist gerufen, um Rath zu geben – das ist Dir denn doch lange nicht begegnet.

Obfstn. (schlägt die Hände faltend zusammen.) Nun warlich, dann muß guter Rath theuer sein!

Obfstr. Richtig. Darum suchen wir ihn wohlfeiler.

Obfstn. Nur geschwind, denn ich muß in meine Küche – was solls geben?

Obfstr. Sieh, Du bist eine kluge Frau, aber mit Antonen – hast Du Dich gewaltig verrechnet.

Obfstn. Verrechnet? – Mit Antonen? Wie so? worinn? Wenn ich mich in dem irre, so sind alle Menschen falsch.

Pastor. Der Irrthum entsteht oft durch unser Verschulden.

Obfstn. Nein – für meinen Anton stehe ich; der denkt nichts, was ich nicht wüßte. Für den stehe ich.

Pastor. Man kann für Niemand stehen und – (er lächelt.) in gewissen Fällen gar nicht.

Obfstr. Lassen Sie mich. Ich habe es so in der Art, ihr Fragartikel aufzusezzen. Die beantwortet sie scharmant. Am Ende sind wir immer Beide einig.– Nicht wahr – wenn Anton ein Mädchen liebte; so müßtest Du es gemerkt haben?

Obfstn. Richtig. Das behaupte ich.

Obfstr. Nun – das behaupte ich auch. »Wenn er heirathen wollte, so müste er es Dir am ersten sagen –«

Obfstn. Dabei bleibe ich noch.

Obfstr. Gut. »Er wird Dir es auch am ersten sagen?«

Obfstn. O das – das behaupte ich.

Obfstr. Das behaupte ich nicht! Der Junge soll heirathen; das will er auch. So weit ist die Sache richtig. Er soll Mamsell Kordelchen heirathen? die will er nicht – er will eine andre heirathen. Sieh, da hast Du Dich verrechnet, darum zerreiß Dein Exempel – es ist falsch. Hahaha!

Obfstn. – Was? –

Obfstr. Ia, ia.

Obfstn. Anton heirathen! Nun warhaftig das muß er klug gemacht haben –

Obfstr. Weil Du es nicht gemerkt hast? Ia, der Klügste kann sich irren.

Obfstn. Nun nun – erlebt man nicht Dinge! Je – wen denn?

Pastor. Ihre Friedrike.

Obfstn. Was? (ernst.) Nein! (mit einem Uebergange.) Aber nun geht mir erst ein Licht auf! Vorhin wie – und da –! Aber wo habe ich denn die Augen gabt? Nein, das ist zu toll! So was ist mir all mein Tage nicht begegnet!

Obfstr. Was denn?

Obfstn. Denken Sie nur – – – nein, es ist wirklich zu arg.

Pastor. Was war es denn?

Obfstn. Es ist noch nicht lange her – Mamsell Kordelchen war da – Kömmt der Junge von der Jagd – da stand ich; hier wo Du stehst, Mamsell Kordelchen; und dort, wo der Herr Pastor steht, stand Riekchen.

Obfstr. Und – wo standest Du?

Obfstn. Hier – –

Obfstr. Nun nur weiter.

Obfstn. Kömmt er von der Jagd – rennt auf das Mädchen zu, grade zu, grade zu. Ich alterire mich, daß der Junge so grob ist, sage, er soll doch hübsch sein Kompliment machen und manierlich sein – nun, so steht er doch leibhaftig da, wie ein Stock! Ia – nun, auf die Art – –

Obfstr. Bist Du also nun dahinter gekommen? Nun sag uns Deine Meinung von der Sache.

Obfstn. (bedenklich.) Meine Meinung? (mit leichtem Achselzucken.) Ia, – – Riekchen ist ein gutes Kind, ein braves Mädchen, das ich wie meine Tochter liebe, die uns keine Schande machen würde, die –

Obfstr. »Aber« – Spann den Hahn nicht so lange, schieß ab!

Obfstn. Aber sie hat denn doch auch gar nichts. – – Erstlich. Man muß bedenken –

Obfstr. Weib! Zähle doch die Glückseligkeit nicht immer nach harten Thalern.

Obfstn. Aber ohne Geld lebt es sich doch einmal nicht.

Obfstr. Tausend Sapperment! (er geht umher.)

Pastor. Liebe Frau, in Heirathssachen ist schwer zu rathen. Ich vermeide es so gar, darum befragt zu werden. Aber wenn der Fall so klar ist, wie hier – kann man es ohne Anstand. Wenn Sie daher sonst kein Hinderniß wissen – –

Obfstr. Als wir uns heiratheten, waren wir arm – nun, wir sind noch nicht reich – aber wenn uns nun iemand der harten Thaler wegen hätte von einander iagen wollen? he?

Obfstn. Das mag alles gut sein. Aber – ich muß mich über Dich wundern, daß Du an Nichts denkst. – Verstehst Du mich?

Obfstr. Nein.

Obfstn. Wir können diese Heirath vor unserm Gewissen nicht verantworten.

Obfstr. Weswegen nicht?

Obfstn. Da Riekchen andrer Religion ist, als Anton; so dürfen die Beiden nimmermehr –

Obfstr. O Weib, Du – das hätte ich – Weib! – Herr – iezt ist die Reihe an Ihnen. (ab.)

 

Neunter Auftritt.

Pastor. Oberförsterin.

Oberförsterin. Nein, das geht nicht. Alles Liebes und Gutes; aber das – Nun und nimmer nicht!

Pastor. Haben Sie keine Einwendung gegen diese Heirath, als daß Riekchen nicht unserer Religion ist?

Obfstn. Nein. Sonst keine.

Pastor. Auch keinen Widerwillen, keine Abneigung irgend einer Art?

Obfstn. Nein.

Pastor. So sind Sie verbunden, diese Heirath zuzugeben.

Obfstn. Was? das sagen Sie mir?

Pastor. Ich. Es ist Ihre Pflicht.

Obfstn. Sie sind unser Herr Pastor, und sollten sich dawider sezzen; Ihre Pflicht fordert –

Pastor. Meine Pflicht ist, Glückseligkeit befördern, Duldung verbreiten – nicht verfolgen.

Obfstn. Verfolgen? Ei behüte Gott, das sage ich nicht, das denke ich nicht einmal. Machen Sie mich doch nicht zu so einem gottlosen Weibe! Ich wünsche aller Welt Gutes – ich verfolge sie ia nicht.

Pastor. Menschenglück hindern – ist das nicht verfolgen?

Obfstn. Ach, Herr Pastor – ich wäre ia recht glücklich, wenn ich es zugeben könnte. Aber mein Gewissen – mein Gewissen darf ich doch auch nicht verlezzen.

Pastor. Sie glauben, diese andre Religion würde Ihren Kindern ein unglückliches Leben machen?

Obfstn. Ia, das glaube ich. Das glaube ich und dabei bleibe ich.

Pastor. Hat Friedrike Sie geehrt, geliebt wie eine Mutter?

Obfstn. Ia, das muß ich bezeugen. – Sie ist ein dankbares Kind.

Pastor. Ist sie sanft, gut – wohlthätig?

Obfstn. O ia. Ia, das ist sie.

Pastor. Ist sie aufrichtig – fromm – sittsam?

Obfstn. Das ist sie warhaftig. Aber – –

Pastor. Nun, dann beruhigen Sie Ihr Gewissen. Eine Religion, die diese Tugenden lehrt, macht auch das Leben nicht ungücklich – Geben Sie die Heirath zu.

Obfstn. Wenn ich auch wollte – nein, ich kann es wahrhaftig nicht zugeben – ich kann nicht.

Pastor. Gute Frau – veraltetes Vorurtheil ist nicht Gewissen. Wer Eigensinn Religion nennt, versündigt sich.

Obfstn. Versündigen –

Pastor. Auf Alles, was Elternliebe thun kann, haben Sie ihr einmal Anspruch gegeben. Sie können sie iezt ganz glücklich machen – und wollen es nicht. Bedenken Sie die Folgen. Verbieten Sie die Heirath – so muß Friedrike aus dem Hause.

Obfstn. (gerührt.) Wenn es dahin kommen sollte – so soll es ihr doch an nichts fehlen.

Pastor. An nichts fehlen? – O wir sind arme Menschen, wenn man uns das Bedürfnis unsres Herzens nimmt! Ihr Sohn? – der iunge Mensch ist heftig, – Sie entreissen ihm ein tugendhaftes Mädchen, das er innig liebt. Sie sind eine gute Mutter. Wollten Sie alles das auf Ihr Gewissen nehmen, wozu heftiger Schmerz den Jüngling verleiten könnte?

Obfstn. (die Hände ringend.) Ach Gott, wie quälen Sie mich.

Pastor. Nun, muthig im Guten – Ihr Herz behalte die Oberhand, da die Vernunft ihm sagt, daß man Gott nicht ehrt, wenn man Menschenglück vernichtet.

Obfstn. Es thut mir leid – es zerreißt mir das Herz, ich weine vor Angst. Aber man muß seine Schuldigkeit thun, ohne Menschenfurcht, Herr Pastor – ohne Menschenfurcht. Sie aber hätte ich für viel zu brav gehalten, als daß Sie sich von dem neumodischen Leichtsin hätten hinreissen lassen.

Pastor. Neumodisch? – Menschenliebe ist so alt, als die Religion. – Nun meine lezte Vorstellung. Sie sind alt – Ihr Sohn kann diese Heirath verschieben – wollen Sie ihn zwingen, von dem Tage Ihres Todes an sein Glück zu rechnen?

Obfstn. Will er so gottlos sein – Gott mag es ihm vergeben! – ich kann nicht anders.

Pastor. (mit edlem Eifer.) O Vorurtheil! stärker als Mutterliebe für den einzigen Sohn – bist du so Herr über die besseren Menschen? Was kann man vom Haufen erwarten! Sie lassen mich bekümmert von hier gehen. – Nur das sage ich Ihnen noch – ehren Sie diese verderbliche Beharrlichkeit nicht mit dem Namen Religionseifer. Jener ist erhaben und mild; was Sie äußern, ist Groll gegen Menschen, die – – nicht glauben, wie wir glauben. Meiner Vernunft und meinem Herzen bleibt hier nichts übrig, als der Wunsch – Besserung.

(im Gehen begegnet ihm der Oberförster.)

 

Zehnter Auftritt.

Oberförster. Vorige.

Oberförster. (gutmüthig.) Ist sie zur Vernunft gekommen?

Pastor. Sie wird sich besinnen – ich hoffe es.

Oberförsterin. Ich will keine Friedensstörerin sein – in Gottes Namen – thue was Du willst; aber laß mich bei meiner Meinung.

Obfstr. Nein. Du sollst was bessers meinen. Das ist unchristlich, gottlos – heidnisch!

Pastor. Gelassen, lieber Mann, gelassen!

Obfstr. Nein – dabei bin ich nicht gelassen. Wäre ich es, so sollten Sie keinen Schuß Pulver auf mich geben!

Pastor. Ihr weiches Herz wird die Oberhand behalten.

Obfstr. Ihre gesunde Vernunft soll die Oberhand behalten. Duldung ist Religion; die bitte ich nicht von ihr, die fordre ich. Die mehrsten Weiber, die in den Kirchen viel heulen, sind boshaft ausser der Kirche. Treibst Du mich so weit, daß ich Dich dafür halte. – sieh – so lange wir auch zusammen gelebt haben – ich – – – scheiden laß ich mich! Jezt geh hinaus und besinne Dich eines beßeren!

Obfstn. Gott weiß – ich bin nicht boshaft! Ich wünsche aller Welt Gutes; aber ich kann mich nicht überzeugen, daß das sein darf. Warum werde ich nun darüber so gequält? Ach wer mir das vor einer Stunde gesagt hätte –

Obfstr. Jezt geh – länger taugen wir nichts zusammen. Geh fort.

Obfstn. Ach ich unglückliches Weib. (ab.)

 

Eilfter Auftritt.

Pastor. Oberförster.

Oberförster. Nun – was sagen Sie? Wie gefällt Ihnen das?

Pastor. Ich gebe noch nichts auf – und wenn sie erst die Kinder selbst spricht –

Obfstr. Sie soll sie nicht sehen – sie soll nicht aus Mitleiden gut sein; gut, weil es gut ist: oder ich habe keinen Respekt vor ihr. Solchen boshaften Unverstand leide ich nicht! – Wenn ich nur die beiden iungen Leute aus dem Hause hätte! Ich schäme mich, wenn sie es merken: denn – –

 

Zwölfter Auftritt.

Vorige. Anton.

Anton. (freudig.) Nun, Vater?

Oberförster. Wer hat Dich gerufen?

Anton. O sagen Sie mir nur mit einem Worte.

Obfstr. Geh an Deine Arbeit, es ist hier nichts für Dich zu thun.

Anton. Nichts zu thun? – Vater! Um Gottes willen.

Obfstr. Geh Deiner Wege.

Anton. Die Mutter weint und antwortet nicht. – Nichts zu thun? – O Herr Pastor, Sie – –

Pastor. Nur ruhig – es kann vielleicht noch werden.

Anton. Ich unglücklicher Mensch! – O Du armes Mädchen!

Obfstr. Geh hin auf das Amt und bitte den Amtmann, die Amtmannin, die Tochter und den Sohn zum Mittagsessen. Dann geh und – –

Anton. Vater, das kann ich nicht.

Obfstr. Warum nicht?

Anton Vater, ich kanns wahrhaftig nicht!

Obfstr. Du gehst gleich hin.

Anton. Alles in der Welt, nur nicht aufs Amt, nur iezt nicht aufs Amt.

Pastor. Schicken Sie Rudolfen hin.

Obfstr. Er soll hin.

Anton. Mit rothen Augen? Dem Jungen zum Spott? Nein – und sollte ich niemals wieder ins Haus kommen und sollte es mein größtes Unglück werden, und sollte mein Leben darauf stehen! Aufs Amt kann ich nicht gehen und Riekchen lasse ich nicht – Vater! Ich lasse sie wahrhaftig nicht.

Obfstr. Junge, laß Dich nicht wieder vor mir sehen.

Anton. Gut, ich wills. Es soll geschehen. Sie machen mich unglücklich, Riekchen dazu, verstoßen uns – gut ich gehe – Adieu Vater – ich gehe. (ab.)

 

Dreizehnter Auftritt.

Pastor. Oberförster.

Pastor. Beßter Mann! Sie waren zu hart.

Oberförster. Ich weiß nicht, was ich thue; solcher Dinge bin ich nicht gewohnt. Uebrigens mag er aufs Amt gehen – er mag es bleiben lassen; nur fort soll er. Ich kann es nicht leiden, wenn Kinder die Fehler ihrer Eltern sehen – und vollends solche Fehler. –

 

Vierzehnter Auftritt.

Vorige. Friedrike.

Fr. O lieber Vater, was ist das?

Obfstr. Was?

Fr. Anton kam heraus, küßte mich dreimal, die Thränen strürzten ihm aus den Augen, er riß den Hut von der Wand, und stürzte zum Hause hinaus.

Obfstr. Teufelskind! – Riekchen geh oben hinauf, bis ich Dich rufe, und sei ganz ruhig. – Hörst Du? – ganz ruhig.

Frr. Aber –

Obfstr. Ganz ruhig. Es wird schon werden.

(Friedrike ab.)

 

Funfzehnter Auftritt.

Oberförster. Pastor.

Oberförster. Mir ist wunderlich zu Sinne!

Pastor. Freund! Ich will mit Eifer arbeiten

Obfstr. Bringen Sie alles wieder ins Gleise. Aber bald – Mir ist bange ums Herz. Das ertrage ich nicht lange – Ich greife durch – da geht mirs denn mannichmal zu geschwinde von der Hand. Ich hätte es denn gern so mit Ehre und Frieden – Nun – Sie thun nichts halb. – Sie werden es schon machen mit dem Weibe – Ich gehe aus dem Hause.

Pastor. Laß uns den Irrenden sanft zurecht weisen.

Obfstr. Adieu.

Pastor. Gott befohlen.

(Auf verschiednen Seiten ab.)

 

Ende des zweiten Aufzugs.

 

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