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Die Islandreiter

Artur Jost Pfleghar: Die Islandreiter - Kapitel 5
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typefiction
authorArtur Jost Pfleghar
titleDie Islandreiter
publisherPaul Neff Verlag
year1939
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V

Es war lange her, daß die Rufe der Bergreiter über die Ebenen hallten.

Mühsam suchte wohl noch ein Schaf in den tief verschneiten Hängen seine Nahrung unter der weißen Decke hervor, eines, das vergessen worden war, als der Haufe seiner Brüder unter dem Jaulen der Hunde und den Hetzrufen der Reiter zu Tal wanderte. Und selbst die großen schwarzen Vögel, die den ganzen Sommer hindurch die Türme der Berge umflattert hatten, zogen sich in die Nähe der Höfe und lauerten um die Häuser, wenn die Mägde ihre Eimer mit Asche und Speiseresten zu den Abfallhaufen trugen und ihnen dann wieder den Rücken wandten, während sie dem Haus zuliefen, hüpften sie vorsichtig hinzu, die sonst die freien Räuber der Berge waren, und gruben und scharrten mit ihren scharfen Krallen in den vielerlei Dingen, ob sich etwas darunter fände, mit dem sie ihren Hunger stillen konnten. Der Winter war hart und stürmisch. Und er hatte kein Erbarmen mit den hungernden Mägen der Geschöpfe, wenn sich nicht die Menschen ihrer annahmen und sie betreuten.

Selten führten in dieser Zeit menschliche Spuren von den zerstreut liegenden Höfen des Markargebietes über die verschneite Steppe. So hart drückte der Winter auf das Land, daß selbst die Toten, die mancherorts in den Gehöften lagen, warten mußten, bis die gleißende Frühlingssonne ihnen den Weg bahnen würde zu ihrer Grube, die noch nicht geschaufelt war, weil niemand im Winter auf einen Zuwachs für den kleinen Friedhof von Hildarenda rechnete und außerdem der Boden bis in Metertiefe gefroren war, daß selbst die Hacke nur mühselig den Grund aufriß.

Still lagen sie also unter den Schneemauern, die man über ihnen errichtet hatte, die Toten, und warteten.

Die Berge ragten mit vereisten Kronen in den Nachthimmel, an dem bisweilen die grünen Strahlen des Nordlichts flammten wie eine Verheißung für den Frühling oder wie eine Überhöhung der Nacht. Helle Streifen und windende Schlangenkörper zeichnete es in das stumpfe Graublau des nächtlichen Firmaments. Zuckend fiel sein grünes Licht über Gletscher und Berge und Täler und verlöschte wieder. Hinter ihm blieb die Nacht. Und war danach schwerer denn je.

Der Sturm heulte um die Gehöfte der Menschen.

Und die Gemeinschaft der Lebenden schloß sich um so enger zusammen, wenn der Wind härter und im tiefen Brausen über die Schneefelder strich und an den Brettern der Häuser zerrte. Schwere Gesänge stiegen auf um die prasselnden Feuer. Lieder aus der stolzen Vergangenheit eines Volkes von Edelingen, das viele Künstler und Skalden geboren hatte, die einst lodernde Gesänge vor den Mächtigen des Landes gesungen hatten, leuchtend von Hingabe und von harter, wilder Kraft.

Schweigen sank danach wieder in die Seelen der Menschen, der Männer und Frauen. Und in diesem Schweigen wurde Neues und Großes gezeugt, weil es entstanden war aus der Achtung vor dem Höchsten, was ihre Väter vor ihnen geschaffen hatten, aus demselben Blut, das noch heute in ihren Adern floß und ihren Augen die Kraft gab zu sehen. Nicht nur das Bild zu sehen, sondern das Wesen und den Glauben dessen, der es geschaffen hatte.

Es war das große, schwere, tragende Schweigen der Einsamen, von denen die Kraft kommt.

Unstet wanderten die Wolken am Himmel. Zusammengeballt, wieder gelöst, in Fahnen und Fetzen. Und tief unter ihnen lagen die Gehöfte der Menschen, niedrig an die Erde geduckt, im Schnee, die kleinen Stätten der Menschen unter dem gewaltigen Schieben und Drängen der Wolkenmassen.

Im Westen stach der Schneeberg mit seiner schimmernden Krone aus der Nacht heraus, wenn das Licht des Mondes durch Spalten aus der zerrissenen, jagenden Wolkendecke zur Erde niederfiel. Er war die Heimat aller Toten und Friedlosen, die für immer um seine gleißende Strahlenkrone wandern mußten.

Der Glaube der Väter lebte noch, der Glaube der Alten. Es läßt sich nicht auslöschen, was dem Blut mitgegeben wurde für die Wanderung durch ein Leben. Und leicht sieht das Auge des Sohnes die weißen Gestalten der Abgeschiedenen um den Berg wallen, ewig und immer. Derer, die abberufen wurden. Der Väter, der Brüder, der Schwestern – – –

Nicht das heilige Buch sagt es, daß der Snaefell den Toten eine Ruhestatt gewährt unter seinen eisglitzernden Hängen und den wilden Schroffen, seinen steilen Hängen und Schrunden. Aber gab es einen besseren Platz für die Toten auf der großen Insel im Nordmeer? Kann man nicht von droben weit hinausschauen über das Land und die stürmenden, peitschenden weißen Kämme der See? Hoch droben mußte man stehen, um die Insel zu übersehen. Doch, der sie sehen wollte, mußte zuerst das dunkle Tor des Todes durchschreiten, denn kein Lebender konnte in diese Höhen gelangen.

Der richtige Platz ist der Snaefell für die Liebe der Toten zu ihrer einsamen großen Insel!

Die Liebe stirbt ja nicht mit dem Tod! Sie umschirmt die Menschen und das Land für immer, aus dessen Erde sie geboren sind. Wie ein Unsichtbares senkt sie sich in die Herzen der Neugeborenen und wurzelt sich fest in ihren kleinen unwissenden Seelen, daß sie reiche Früchte tragen sollen im Leben.

Die Toten vom Snaefell lieben und schirmen ihr Land. Was wunder, daß die Lebenden sie wiederlieben und sie nicht vergessen können, die Toten des Landes, aus deren Samen sie erst wurden!

Einst ritten sie über die Ebenen in West und Süd dahin. Staubwolken flogen hinter den Hufen ihrer Rosse auf. Sie saßen auf ihren Höfen zur Winterszeit, saßen um ein loderndes Feuer! Und hatten wenig Denken dafür, daß die Zelt zwischen ihren Händen wie feuchter Schnee zerschmolz!

Doch der mußte mit nie endender Klage über die leblosen Schneefelder des Landes wandern, der die erste Pflicht versäumt hatte, für das Leben zu schaffen und zu wirken und für sein Volk. Endlos sind die Reihen derer, die dahinziehen auf einsamen Wegen, sie scheuen sich nicht, den eilig Dahinreitenden auf der Kruppe seines Pferdes zu begleiten, wenn er auf gefährlichen Felssteigen trabt, und warnen ihn vor Rissen und Spalten, die auf ihn warten. Im Tod müssen sie wachen und wandern, Leben wahren und retten. Im Tod müssen sie tun, was sie im Leben versäumten.

Wenn ein schwankendes Boot sich im Sturm den Klippen nähert, stehen sie am Ufer und schreien durch die tobende Brandung, und die Männer auf den Planken fahren hoch aus ihrem dumpfen Brüten und Träumen und wenden ihr Steuer wieder in freies Wasser.

So wandern die Friedlosen und wachen, bis der Fluch ihres Säumens wieder von ihnen genommen ist.

Aber in den Höfen saßen die Lebenden und dachten an ihre Brüder und Frauen.

Mitunter zog es rauschend über die weiten Schneeebenen draußen, und Dröhnen hallte durch die Räume. Dann wußten sie, daß das Heer der Toten auf schnellen Rennern durch die Nacht stob, hohe Köpfe und flatternde Mähnen im stäubenden Weiß. Und sie neigten das Haupt, die Männer und Frauen in den einsamen Gehöften des Landes.

Das große Schweigen legte dann wieder seine drückende Faust auf ihre Schultern, und häufiger und mehr kamen die Gedanken, die ihre Schritte schleppend machten und ihre Augen müde werden ließen.

Der Winter des Nordens ist eine höhere Macht als alle Gewalten der Erde zusammengenommen.

Flatterte schon ein Lachen auf zwischen ihnen – es war kein Lachen, das die Brust sprengen wollte in seinem Übermut.

»Du siehst es, wir leben!« sagte dieses Lachen, »wir warten auf den Frühling!«

Das war es! – Sie warteten!

Kjarval saß in dieser Zeit viel in dem dunklen, kahlen Raum, den er einmal an die Außenwand des Hauptgebäudes angereiht hatte, weil sich viele Dinge nicht wohl unter den Augen und Ohren des Gesindes absprechen ließen. Er hatte auch noch einen andern Zweck damit verbunden, denn einmal kamen ja doch die Jahre, wo einem die Zügel aus der Hand genommen wurden von denen, die dann das Leben noch vor sich hatten. Und der Bauer wußte, daß das Alter nicht immer dem Leben der Jugend zusehen soll, weil sein Wort zu schwer ist und sein Auge zu scharf für das durchscheinende und oft durchlöcherte Gewebe junger Gedanken, die lange irren mögen, bevor ihre Kraft sich dem einen großen Ziel zuwendet und stetig an ihm weiterbaut.

Vielleicht hatte er sich diesen Raum umsonst erbaut, war ihm oft durch den Sinn gegangen, seit Asdis ihm geschrieben hatte, wie es um sie stand, seitdem sie von Leif geschrieben hatte. Vielleicht gab es für ihn keine Ruhe und kein Alter, bis ihn der Tod von der Arbeit rief und vom Hof. Und nachher würden sich fremde Hände um das kümmern, was er ein Leben hindurch aufgebaut hatte, bis es auf kräftigen Füßen stand und zum größten Besitztum des Landes wurde. Vielleicht würde Asdis nie wiederkehren, sondern würde mit dem Jungen in der Stadt leben. Die Stadt würde sie verschlingen, auch für immer.

Der Hof stand dann leer.

In den Nächten, die über Arnarholt gingen, nahm Kjarval oft eines der alten Bücher aus dem Schrein und legte es mit behutsamen Händen auf der dunklen Tischplatte nieder. Er schlug die gilben Blätter auf und las mit unbeweglichem Gesicht über die Seiten hin. Aber öfter glitten seine Augen über den Rand der Zeilen hinaus und versanken in der Dunkelheit. Dann las der Bauer nicht mehr in Vergangenem, sondern er suchte in der Zukunft. Doch wurden seine Gedanken nicht leichter davon.

Mitunter löste sich das eckige, grobe Antlitz des alten Pastors aus der dunklen Wand oder stieg aus den Buchstaben der gelben Seiten heraus. Und Kjarval dachte darüber nach, ob ihm der Alte von ??? Hilda Hlidarenda drüben, von dem kleinen Pfarrhof, ob er ihm vielleicht etwas zu sagen hätte wie damals, als sie sein Weib begruben.

Er ließ eines Tages sein Pferd satteln und ritt zu ihm hinüber. Vielleicht war es mehr, um seinen Gedanken zu entfliehen, als um eine Lösung zu finden.

Er traf Sera Egil im Aufbruch, denn hinten in Mulakott, kaum eine halbe Tagereise nach Osten, lag eine Kindsmutter und konnte ihr Leben nicht mehr bei sich halten, weil sie zuviel davon an ihr Kind gegeben hatte.

Der Pastor sagte es ihm in ganz nackten Worten, als sei das etwas, das alle Tage geschah. Er sagte auch nicht mehr, sondern hielt es wohl für selbstverständlich, daß der Bauer mit ihm ritt, und lenkte sein Pferd in den kalten Wintermorgen hinaus.

Sie trabten erst eine Weile auf dem hohen Markarufer hin und suchten sich nachher einen Weg zum Fluß hinab, weil eine Querschlucht ihren Weg verlegte. Das Wasser zog darauf in harter Strömung um die Leiber der Pferde und schwappte auch bisweilen bis zum Sattel hinauf, daß sich die Schäfte ihrer hohen Stiefel füllten. Im Osten stieg eine schneeig reine Bergspitze in den Himmel und war ihnen für den größten Teil des Rittes ein guter Wegweiser, bis sich auf der linken Seite des Flusses die Gehöfte zeigten, in denen man den Pastor erwartete.

Es war ein kleiner Hof, auf dem zwei Schwestern lebten, und seit einem Jahr auch noch ein Mann dazu, den sich die eine von ihnen auf das Anwesen geholt hatte. Es war dann nicht mehr so lange gegangen, bis die beiden starkknochigen Mädchen so weit waren, daß sie ein neues Leben in sich pulsen fühlten. Denn die andre hatte nicht tatenlos dabeistehen können und zusehen, wie die Schwester wuchs und aufblühte und schier wieder zu einem jungen Geschöpf wurde in der Lust des Lebens, die sie in späten Jahren noch kennenlernte.

Sie hatte also einem jungen Knecht Gelegenheit gegeben, zu sündigen, nun, was wir gerne Sünde nennen, solange wir abseits stehen oder vielleicht gar ausgeschaltet sind. Aber selbst aus dieser Sünde wurde doch Leben, und dieses Leben schrie und strampelte eigenwillig und vergnügt in den Kissen, während die Schwester nun sterben sollte, obwohl ihre Ehe von Egils Priesterhänden gesegnet worden war.

Seltsam kann das Schicksal durch die Reihen der Menschen tanzen, weil es kaum ein Gesetz erkennen will.

Die beiden Reiter koppelten ihre Pferde und traten dann durch den dunklen Flur des Hauses in die Stube, wo der Tisch wie zu einem Fest mit Kaffee und Gebäck und Fleischschnitten gedeckt war, während hinten in der Ecke die Schwester mit abwesenden Blicken zur niedrigen Decke hinaufsah und ihre verarbeiteten Schafferhände zwischen die Fäuste und Finger ihres Mannes krampfte, als ob sie sich bei ihm anklammern wollte, um nicht fortgeschwemmt zu werden von der Welle, die pochend im Fieber durch ihren Leib stieß.

Die Männer grüßten und setzten sich danach an den Tisch, für eine kurze Weile, wie es die Höflichkeit gebot. Dann stand der Pastor wieder auf und schlang sich den dicken Schal vom Hals, um an seiner Stelle den weißen gefältelten Priesterkragen umzulegen. Und nun trat er mit seinen schweren Reiterstiefeln über die Dielen und hielt vor dem Bett der Kranken.

»Sei gesegnet, mein Kind!« grüßte er die Fiebernde und gab ihr die Hand, während der Bauer des Hofes etwas zur Seite rückte, um ihm Platz zu machen.

»Du bist mir wie mein eigenes Kind, Lara, nicht wahr?« sprach er zu dem armen Weib, »ich habe dich getauft und konfirmiert und ich gab dir den Segen im letzten Jahr, Lara. Denkst du daran? Lara!«

»Ja, Sera Egil.«

»Ich will dich auch jetzt segnen.«

»Ja, Sera Egil«, flüsterte die Sterbende, während sie ihre Augen auf das Gesicht ihres Mannes heftete.

Für eine Weile sank die Stimme des alten Pastors in leises Murmeln hinab, und die Worte des Weibes tropften matt dazwischen, wenn er schwieg. Der Mann hatte sich erhoben und stand vorne am verschneiten Fenster. Er sah durch die fallenden Flocken auf die Bergspitzen hinaus, während die Schwester kerzengerade auf einem Stuhl saß und sich nur bisweilen verstohlen mit dem Handrücken über Nase und Augen fuhr.

»Meine liebe Tochter«, kehrte die Stimme Sera Egils zurück, »du gehst nun deinen weg zum Herrn, den wir alle einmal gehen. Das Glück erwartet dich beim Herrn!«

Die wächsernen Hände der Sterbenden glitten unruhig über die Decken, öffneten sich und krampften sich wieder zu Fäusten zusammen. »Sie sucht dich, Jon, komm her«, sagte der Alte, und er legte die Hände des Mannes in die des Weibes, wie schon zuvor einmal.–

Nachdem ritt er mit Kjarval wieder in den Strom hinaus, in den weißen Tag.

»Ihr habt die Antwort gesehen, die ich Euch geben kann auf alles, was Ihr mich fragen wolltet, Bauer!«

Sera Egil drehte sich dabei im Sattel um und sah auf den Bauern.

Und wieder schwieg Kjarval, – wie vor vielen Jahren.

»Ihr tragt Gram um Eure Tochter, Bauer!«

»Woher wißt Ihr es, Serga Egil?«

»Das Land ist klein. Kennt nicht jeder die Sorgen des andern?« wich der Pastor aus.

Und nach einer Weile: »Ihr kamt selten zu mir, Bauer, und nie kamt Ihr um Hilfe. Nun Ihr kommt, kann ich Euch nicht raten. Ihr sahet, das Leben anderer ist nicht in unsre Hand gegeben, wir können es nur segnen. Und warten. – So wenig Ihr den Tod aufhalten könnt, so wenig das Leben.

Wollt Ihr mir erzählen?« fügte er hinzu, als sie den Fluß wieder hinter sich gelassen hatten und dem Kirchlein zuritten.

Als die Frühjahrssonne wieder übers Land fiel und einen leuchtenden grünen Hauch über die Wiesen zauberte, die da und dort schon schneefrei um die Gehöfte von Arnarholt lagen, kam auch der lange Gudbrandur wieder aus dem Westen geritten. Er lenkte seine Pferde mit den Kisten bis dicht vor die Haustür und hockte grinsend im Sattel, bis der Bauer selbst herauskam und ihn begrüßte. Da zog er langsam einen Brief aus der Tasche und reichte ihn Kjarval aus der Höhe herab. Und wenn Gudbrandur auch dieses Mal nicht sagen konnte: »Ihr müßt Euren Namen auf diesen Zettel schreiben«, weil kein gelber Amtswisch den Brief begleitete, so war der neue Brief doch nicht weniger wichtig als der, den er im Herbst überbracht hatte, denn auf acht langen Seiten stand geschrieben, daß es nun kommen würde, das Mädchen Asdis. Und der Tag war auch schon genannt, an dem ihr Schiff im Handelsplatz einlaufen würde.

Der Postreiter schmunzelte, weil er es fertig gebracht hatte, eine so gute Nachricht zu bringen, und war ganz erheblich stolz. Er saß bis zum Abend und auch noch die Hälfte der Nacht hindurch wie ein Fürst zwischen den Knechten und Mägden und gab herablassende Antworten auf ihre vielen Fragen. Und als gar noch der Bauer hereinkam und sich anhörte, was er zu berichten wußte von den vielen Dingen, die während eines langen Winters in der Welt draußen geschehen waren, und bedächtig nickte, wenn der lange Gudbrandur etwas von Amerika erzählte oder von der Regierung, und daß nun ein neuer Präsident für das Allthing gewählt sei, und nun hätten sie in Deutschland Schiffe, die durch die Luft fliegen könnten. – »Hm, was eine Amtsperson nicht alles wußte«, krächzte die alte Kristin und wiegte nachdenklich ihren alten Kopf mit den verblichenen Haarzöpfen auf den Schultern, »hm, also eine Amtsperson! Und natürlich mußte das alles wahr sein, was Gudbrandur da erzählte!«

Gudbrandur sah schon wie der König selbst über seine Zuhörer hin, also über seine Untertanen. Aber in diesem Augenblick krächzte die alte Kristin wieder: »He, mußte es nun wahr sein?«

Die Mägde kicherten, und Gudbrandur rückte unbehaglich und empört auf seinem Stuhl umher und fluchte, daß es eine Art hatte. Und danach schwor er Stein und Bein, daß er alles selbst gesehen hätte, sogar den Präsidenten. Und was er nicht gesehen hätte, das wäre in den Zeitungen zu lesen, und was die Zeitungen schrieben, das sei nun ebensogut wie ein heiliger Schwur, und man könnte ruhig sterben im Vertrauen darauf.

Die Alte sah einige Zelt lang zweifelnd in der Runde umher, und es war ungewiß, ob sie noch etwas sagen wollte oder nicht, aber am Ende kroch sie mit nackten Füßen in ihr Bett und schwieg hartnäckig. Und gleich danach bot Kjarval Feierabend, denn es sei noch genug zu tun, bis die Tochter vom Hof käme.

»Ja, die Tochter vom Hof«, sagte Kjarval noch einmal nachdenklich und dachte dabei an die vielen sorglichen Wintertage, die er auf ihr Kommen gewartet hatte. »Hast du alles beisammen, Geir, was du für die Reise brauchst?« fragte er zu Geir hinüber. »He, es wird Zeit, Leute! Zeit!«

»Wann wirst du reiten?« wandte er sich noch einmal an den Burschen, bevor er hinausging.

»Mit Tagesanbruch. Fünf Tage sind es wohl bis zum Handelsplatz. Da muß ich früh aufbrechen, jau.

Jau, dann gute Nacht, Bauer!«

»Hm, geht jetzt schlafen, ihr!«

Im Morgendämmern ritt Geir vom Hof.

Der Bauer hatte neben ihm gestanden und sah ihm zu, wie er sein Pferd bereit machte für den langen Ritt zur Stadt. Er rückte auch wohl mit seiner schweren Hand an den Sätteln oder schob sie unter die Gurte, um zu prüfen, ob sie straff um die Rippen der Gäule saßen. Einmal hob er den Fuß des Grauen an, den der Bursche am Tag vorher noch mit einem blinkenden neuen Eisen versehen hatte. Er sah nach, ob der Hufstrahl richtig ausgeschnitten war. Nickte dabei. Ja, der Graue! Er war das Pferd des Mädchens, auf dem sie nun heimreiten sollte. Der Bauer richtete sich wieder auf und schaute durch den grauen Morgen.

Geir war unterdessen zu Pferd gestiegen und schob seine Stiefel durch die Bügel. Der Rote begann zu tänzeln und zerrte an den Zäumen, wechselte auf der Grasfläche hin und her.

»He, willst du schon reiten?« rief Kjarval.

»Es wird bald Zeit.«

»Jau«, murmelte der Bauer, »wird Zeit!«

Es war nichts weiter zu sprechen, sah es aus. Der Bursche nahm dem alten Oddur die Zügel der Packpferde aus den Fingern, Kjarval reichte ihm die Zäume des Grauschimmels. »Meinst du nicht, daß ich mitreiten soll«, fragte der alte Oddur, »warum sollte ich nicht mit dir reiten?«

»Das verstehst du nicht«, sagte der Bursche, »ich reite also allein!«

»Jau, er reitet allein!« knurrte der Bauer von der Seite her. »Das tut er. Du bleibst also hier! Fertig!«

»Hm!«

»Dann reit ich also!« lachte Geir gezwungen und sah über die Pferde, die sich aneinandergeschoben hatten und unruhig mit den Schweifen schlugen. Er hob die Peitsche und ritt in schnellem Trab los.

Kjarval winkte ihm noch mit der Hand zu, dann war er allein.

Der Bauer war für einen Tag nicht mehr zu sehen, als der Bursche weggeritten war. Er saß in seinem Raum und brütete vor sich hin. Als Sigga, die Magd, ihm am Abend das Essen hinüberbringen wollte, erschrak sie über das Aussehen des alten Mannes, der mit finsterem Gesicht bei ihrem Eintritt sich hinter dem Tisch erhob und zur Tür wies, durch die sie doch eben erst hereingekommen war. Sie verschwand eiligst wieder und ließ vor Bestürzung draußen den Napf fallen, den sie trug.

Am andern Tag stand Kjarval schon in aller Herrgottsfrühe bei den Knechten und meinte, daß die Schaufeln nun lange genug gefeiert hätten und die Hacken, heute sollte es ein Tagwerk geben, das sich sehen lassen könnte. Er hielt auch Wort. Erst als man in der Dunkelheit einen Spaten nicht mehr von einem Pfeifenstiel unterscheiden konnte, kamen die Männer vom Moor zurück, und Einar sagte nachher, daß es sogar drei Tagwerke geworden seien statt des einen, und wenn es so weiterginge, so wäre es keine Freude, den nächsten Tag zu erleben.

Und richtig war der Bauer am dritten Tag noch früher auf den Beinen. Einar wollte bereits zu murren anfangen, vielleicht sogar zu schimpfen, aber er verkniff sich seine Empörung noch einmal, denn diesmal galt es nicht das gleiche wie gestern. »Thorkill!« schrie der Bauer, »mach die Pferde fertig!«

Der Altknecht starrte mit verschlafenem Gesicht unter den Decken hervor auf den Bauern und stieg dann langsam und ebenso verschlafen in seine Hosenbeine hinein und in die Stiefel, während Kjarval schon wieder die Tür hinter sich ins Schloß geschlagen hatte und weg war. Als er darauf gähnend ins Freie trat und mit der Hand durch die zerzausten Haare strich, sah er neben der Haustür bereits Sattel und Zaumzeug und Peitsche liegen und auch den Kopfzaum für ein zweites Pferd. Lala! Da schien der Bauer einen Ritt vorzuhaben! Er zog Odinn, der als einziges Pferd vom ganzen Hof unter einem festen Dach schlief, aus dem Stall und holte noch ein Pferd dazu von der Weide. Kaum hatte er die beiden Tiere geschirrt, als der Bauer wieder aus seinem Haus trat und ihm die Zügel aus den Fingern nahm.

»Für ein paar Tage«, schrie er, als er wegritt, »sieh nach dem Rechten!« Und als er schon bald außer Hörweite war, wies er noch mit dem Arm zum Moor hinüber und nickte dabei, »dort das Moor, weiterarbeiten!«

Thorkill starrte ihm verblüfft nach und legte sich darauf wieder in die Decken, nachdem er von den Hosenbeinen und Stiefeln freigekommen war. Und als er aufstand im späten Morgen wußte er den Knechten nichts anderes zu berichten, als daß der Bauer eben weggeritten sei.

»Wohin also?«

»Hast du nicht gefragt?«

»Hat er viele Pferde mitgenommen?«

»Für einige Tage!« war alles, was der Altknecht zu sagen wußte.

Aber Kjarval ritt zu dieser Stunde bereits weit im Westen und holte aus dem Rappen heraus, was er konnte. Und nach drei Tagen war er dort, wo er sein wollte. Nachdem er um einen Bergvorsprung gebogen war, sah er vier Pferde vor sich traben, und der Reiter, der sie führte, war Geir.

Als der Bursche sich einmal umdrehte, riß er vor Verwunderung dem Roten die Zügel ins Maul, daß er wie eine Stakete über dem Boden stand und mit den Vorderhufen in der Luft fuchtelte. Was da hinter ihm geritten kam, er hätte schwören mögen, daß es Kjarval å Arnarholt sein müsse. Aber gleich darauf lachte er und gab dem Roten wieder den Weg frei, denn es war ja gar nicht möglich.

Aber er trabte doch etwas langsamer weiter und sah sich bisweilen um. Da sah er plötzlich, daß der andre hinter ihm den Arm hob und etwas zu rufen schien, und jetzt sah er auch, – Teufel, daß es doch der Bauer war!

»Weißt du, ich habe mir das nun doch anders überlegt«, knurrte er mit rauher Stimme zu Geir hinüber, »ich möchte doch dabei sein, wenn sie wieder in die Heimat kommt! Sicher hat sie gedacht, daß ich sie selbst abholen werde. – Ich bin ja ihr Vater!«

Er warf einen untersuchenden Blick auf Geir, der mit verwundertem Gesicht neben ihm weitertrabte. Hatte der Junge nun vielleicht verstanden, daß den alten Kjarval die Sehnsucht mit glühenden Zangen zwickte, so daß er durchaus Odinn aus dem Stall ziehen mußte, um nach dem Handelsplatz zu reiten? Er atmete schneller, der alte Bauer, und fummelte aufgeregt an seinen Zügeln herum.

»Natürlich wird sie froh sein, wenn Ihr selbst kommt, Sigurgeir Kjarval!«

»Gerade das, jau, gerade das hab' ich mir auch vorgestellt. Deshalb bin ich hinter dir her geritten«, er atmete erleichtert auf und straffte die Zügel wieder, »just deshalb!«

Der Ritt ging darauf schweigend weiter, bis nach einigen Stunden sich das Gelände hob und die Bauwerke eines Hofes vor ihnen auftauchten. »Dort hört das Land auf, bei diesem Hof!« sagte er und nickte zu den Häusern hinüber. »Bis dahin geht die neue Straße, die sie von der Stadt heraus gebaut haben. Von der Stadt! Es ist schlecht auf ihr zu reiten«, sagte er dann, »sie ist aus harten Steinen gebaut, wir werden über sie hinwegreiten, weil auf der anderen Seite drüben ein weicher Reitweg weiterführt, wie der, auf dem wir jetzt sind. Sie taugen nicht für unsere Pferde, die Stadtstraßen!« brummte er. –

Am Abend blitzten dann plötzlich im Süden Lichter auf. Ein ganzer Haufe von funkelnden Pünktchen, die leise zu zittern schienen. Sie zogen sich in schimmernden Linien über niedrige Hügel hinweg und in einem weitgeschwungenen Halbkreis an einer Bucht entlang, auf deren Wasser sie vereinzelt dahinschwammen und sich entfernten oder näherkamen.

»Dort sieht man schon die Stadt!« rief der Bauer und hielt sein Pferd an. »wir können uns nun Zeit lassen mit den Tieren! Sie wird ja erst morgen kommen, da bleibt uns noch viel Zeit!« wiederholte er und sah auf die Lichter und die grauen Umrisse hoher Türme, die bisweilen schon in der Dämmerung zu erkennen waren. Und während der Jüngere mit klopfendem Herzen das Fremdartige und Neue herankommen sah und unwillkürlich seine Pferde in einen schnelleren Trab hineintrieb, um ihm näherzukommen, sah der Alte in seinen Gedanken immer nur das eine Bild: wie er wieder heraustrabte aus den engen Straßen und Gassen und seine Tiere wieder aufs offene Land hinausführte. Und neben sich sah er seine Tochter reiten, sie sollte sich nicht umwenden nach den vielen Häusern, die dann hinter ihnen blieben, sie sollte ihre Augen dem Land zuwenden, das ihre Heimat war und ihre Heimat bleiben sollte.

Die Pferde drängten erschreckt zusammen, als sie nach einigen Stunden zwischen den grauen Wänden der Häuser dahintrabten wie in einem großen Käfig, in dem der weg nach allen Seiten verbaut war und keinen Blick mehr in die Ferne gab. Schnaubend wanden sie sich zwischen den vielen fremdartig gekleideten Menschen hindurch, die mit hastigen Schritten über die Straße liefen und oft dicht vor ihnen den Weg kreuzten. Seltsame, strenge Düfte trafen ihre Nüstern, und ein tiefes Summen begleitete sie wie das Reden und Schreien unzähliger Menschen. Mit gehobenen Köpfen und spielenden Schweifen gingen sie Schritt um Schritt weiter zwischen die Mauern hinein, die die Gassen säumten, und äugten mißtrauisch nach jedem Menschen, der ihnen entgegenkam. Durch den Sattel hindurch konnte man das Zittern spüren, das wie ein Krampf ihre Leiber erschauern ließ. Ihre Reiter saßen mit steifer Haltung in den Sätteln und wandten ihre Gesichter nicht aus der Richtung, in der sie ritten. Bauern von den weiten Grasländern im Osten! Die Stadtleute sollten nicht glauben, daß ein freier Bauer auch nur einen Blick hatte oder ein Wort für die Dinge, die sie mit geschäftigem Eifer und vielem Geschrei zusammengetragen hatten.

Nicht die Stadt war Island!

Und nur ein freier Bauer war ein Isländer!

Aber dennoch war dem Jüngeren ein tiefes Rot in den Wangen hochgestiegen, und seine Blicke suchten verstohlen das neue fremde Geschehen zu erfassen, das in einer erdrückenden Fülle um ihn war, seit sie in die Mauern der Stadt eingedrungen waren.

Andern Tags hatte sie plötzlich vor ihnen gestanden.

Kjarval hatte seinen Blick immer noch auf den Landungssteg des großen Schiffes geheftet und suchte nach dem Mädchen, bis zuletzt niemand mehr die Treppe herabschritt, außer einigen Beamten, die auf dem Schiff zu tun gehabt hatten und nun plaudernd wieder an Land gingen. Schiffsleute rannten auf dem Deck umher, und der Hebekran vom vorderen Mast schleppte Lasten und Bündel von Koffern aus den Ladeluken heraus und setzte sie auf der Hafenmauer nieder, wo eine Reihe von Gespannen wartete, um sie auf den zweirädrigen Karren wegzuführen, wie man sie überall in der Stadt sah. Die Menschenmenge, die auf die Ankunft des Islandbootes gewartet hatte, begann sich langsam zu zerstreuen und wieder der inneren Stadt zuzufließen. Da sah der Bauer noch immer mit bleichem Gesicht auf die Brücke, die von dem stählernen Leib des Bootes auf den Kai herabführte. Die schweren Rauchwolken aus den Schornsteinen wurden plötzlich fahler und dünner, bis nur noch eine kleine gelbe zitternde Rauchsäule aus ihnen zur Höhe stieg. Auch das Summen der Menge war kaum mehr zu hören, und die beiden Männer standen beinahe allein am Kai.

»Gehen wir!« sagte der Bauer schließlich, »es hat ja keinen Zweck, länger auf sie zu warten. Sie wird mit dem nächsten Boot kommen!«

Dem Jungen stak es wie ein Klumpen im Hals. Er nickte nur mit dem Kopf zu den Worten Kjarvals und sah wieder auf das Schiff, das mit Menschen beladen in den Hafen hereingezogen kam, mit Hunderten von Menschen. Aber das Mädchen Asdis war nun eben nicht unter ihnen gewesen.

Dann drehte er sich schweigend um und wollte dem Bauern in die Stadt folgen, aber sie hatten sich kaum gewandt, als sie einen jubelnden Ausruf hinter sich vernahmen, und eben da geschah es, daß das Mädchen Asdis plötzlich unter Lachen und Weinen ihrem Vater um den Hals hing, daß er gar keine Zeit mehr gefunden hatte, seine Arme auszubreiten.

»Vater!« stammelte sie, »Vater! Da seid Ihr den weiten Weg geritten! Da seid Ihr gekommen! Mein alter guter Vater!« Sie legte ihren schmalen Kopf mit den blonden wehenden Locken an seine Schulter und schien die erste Stunde des Wiedersehens nicht überleben zu wollen, so zuckte es über ihren Rücken von verhaltenem Weinen.

Kjarval stand da und redete ihr zu, oder vielmehr er wollte es wohl tun, denn richtig genommen bewegten sich nur seine Lippen, aber zu hören war mit dem besten Willen nichts. Und Geir versuchte ihm nach der ersten Überraschung zuzulächeln, als ob er sagen wollte, »eh, – sieh da – das dumme Mädchen! Da heult sie jetzt!« Aber auch sein Lächeln war nicht so richtig echt, und ihm selbst kam es vor, als ob es ein betäubendes unsägliches Glück wäre, wenn er nun mit Kjarval hätte tauschen können in dieser Lage.

Und weil ihn dieser Gedanke so plötzlich anfiel, war sein Lachen eigentlich hart an der Grenze dessen, was sich noch mit diesem Wort sagen ließ.

»Jau! mein Kind! Nun bist du ja da!« sagte der Bauer am Ende und löste sachte ihre Arme. Es mochte gerade die richtige Zeit gewesen sein, denn als das Mädchen Asdis darauf ihr Gesicht hob, da brachte sie es immerhin fertig, tapfer zu lächeln. Sie wischte sich dann auch die Tränenperlen von den Wangen, wie es sich gehörte.

»Da ist ja Geir Thors?« rief sie plötzlich. »Er ist mit Euch gekommen, Vater?«

»Jau«, murmelte Kjarval, »du weißt ja, er ist jetzt auf dem Hof.«

»Wie er sich verändert hat in diesem Jahr! Seit ich – seit ich auf Sandfell gewesen bin!«

»Sei gesegnet, Asdis!« entgegnete Geir in der gemessenen Sprache des Landes und reichte ihr die Hand, – ja, das war Asdis! Und nun kam sie auch zu ihm. Sie hatte ihn noch erkannt. Er versuchte, in ihrem Gesicht zu lesen, und wollte das Mädchen von ehedem in ihm wiederfinden.

»Asdis!« wiederholte er noch einmal schier unbewußt. Und als er ihren Namen genannt hatte, flog es wie ein Erstaunen über das Lächeln hin, das ihr Gesicht bedeckte. Sie ließ ihm ihre Hand, während sie ihn forschend betrachtete. Vielleicht war es nur die Ergriffenheit ihrer Seele, die gleich darauf etwas Träumerisches in ihr Gesicht zauberte. Die Stunde war mächtig, in der sie wieder den Boden der Heimat betreten hatte.

Der Bauer stand neben den beiden und schmunzelte ein über das andere Mal, denn die Sache ließ sich nicht übel an fürs erste, wollte es ihm vorkommen.

»Ich danke dir für dein Willkomm, Geir!« sagte das Mädchen endlich und wandte sich wieder zu ihrem Vater: »Erzählt doch, was alles geschehen ist, solange ich fort war. Was macht die alte Kristin? Hat sie wieder einmal Gespenster gesehen? Und die Mädchen, und die Knechte? Thorkill! wie geht es Thorkill? Der Onkel Arzt hat mir erst vor wenigen Tagen geschrieben, Erlingur von Hornafirdi! Aber jetzt erzählt mir doch!«

»Was sollen wir erzählen? Es ist nichts Neues geschehen bei uns. He, geschieht denn viel auf dem Lande?« brummte Kjarval. »Wo ist denn – hm, dein Begleiter? Ist er nicht mitgekommen?«

»Leif! Ja, wir müssen auf ihn warten. Er ist noch auf dem Schiff. Aber er wird sicher bald kommen!«

»Ja, da warten wir!« sagte der Bauer und verhielt seinen Schritt, und das Lachen war auch plötzlich aus seinen Zügen verschwunden nach der Freude des Wiedersehens. Er sah prüfend an seiner Tochter hinab: »Richtige Stadtleute seid ihr geworden, – das heißt, wenigstens du, – denn er, er ist ja wohl schon immer in der Stadt gewesen. Und Prediger ist er?«

»Sieh! Da kommt er!« flüsterte Asdis statt einer Antwort, »da kommt er schon!« Sie hatte unversehens rote Wangen und schickte, ganz ohne darum zu wissen, einen Blick zu dem Burschen hinüber.

Der Fremde kam mit einem sorglosen Lächeln die Schiffstreppe herabgeschritten und ging auf die andern zu. Erst als er nähergekommen war, rückte es ein wenig in seinem Gesicht. Es wurde feierlicher und vornehmer zugleich, wie es die Stunde erheischte und es seinem geistlichen Stande geziemte.

»Sicher ist das dein Vater, Asdis! Seid gesegnet, Sigurgeir Kjarval! Ich bin Pastor Leif! Eure Tochter hat Euch wohl geschrieben, – hm hm!« räusperte er sich und streckte dem Bauern eln weiße Hand entgegen, »Ihr seid ja nun mein Schwiegervater?«

»Guten Tag, Sera Leif!« antwortete der Bauer, »jau, ich bin der Bauer von Arnarholt!« Er ließ seine kühlen Augen auf dem Angekommenen ruhen und tat nichts dazu, um ihnen ein besonders freundliches Aussehen zu geben. »Nun können wir wohl gehen! Wir können im Weitergehen noch sprechen«, sagte er, nachdem er den Namen Geirs noch genannt hatte, um ihn dem Prediger vorzustellen.

»Geduldet Euch ein wenig, Sigurgeir Kjarval«, meinte der Pastor, »es ist noch ein wenig Gepäck an Bord zurückgeblieben. Man müßte erst jemanden suchen, der es in die Stadt bringt. Vielleicht könntet Ihr Eurem Knecht sagen, hm!«

»Meinem Knecht?« fragte der Bauer. »He, da müßt Ihr ihn schon selbst darum bitten!« fügte er mit leichtem Spott hinzu.

Asdis wollte ihn noch zurückhalten. Aber da stand Sera Leif schon vor dem Burschen und deutete nach dem Schiff zurück. »Er ist doch kein Knecht!« flüsterte das Mädchen hinter ihm und schickte Geir einen verlegenen Blick zu; doch der tat, als hätte er den Pastor überhaupt nicht gesehen.

»Hast du einen Wunsch, Asdis?« lachte er ihr entgegen und ließ den andern stehen, während Kjarval vergnügt die Entwicklung der Dinge betrachtete, denn hm, natürlich war es eine verdammte Sache, wenn einer einen Bauernsohn für einen Knecht nahm und ihm befehlen wollte.

»Einen Wunsch?« stammelte das Mädchen errötend. »Er hat es doch nicht gewußt.«

»Warte, ich will zum Schiff zurückgehen. Ich finde euch nachher in der Stadt!«

Damit ging er weg.

»Kommt, Sera Leif!« rief der Bauer und ergriff den Arm seiner Tochter, um sie mit sich fortzuziehen, »kommt nun! Aber ein andermal müßt Ihr nun wissen, Pastor, hm. Habt Ihr übrigens eine gute Überfahrt gehabt? Die Zeitung schrieb, daß Stürme über den Faröern gewesen seien.«

Anderntags lag Nebel über der Stadt. Ihre Gassen und Straßen waren wie kahle Gänge zwischen hohen Mauern, als könnte das Licht der Sonne sie nie wieder erreichen. Feucht kroch die Luft vom Meer über benetzte Scheiben hin und flatterte in Schwaden in der Höhe der Dächer. In der Frühe dieses Tages hielt Geir Thors mit seinen Pferden vor dem Haus, in dem Kjarval auf Arnarholt seit Jahrzehnten zu wohnen pflegte, wenn ihn ein unaufschiebbares Geschäft in die Stadt geführt hatte.

Die Tiere schlugen Funken aus dem holprigen Steinpflaster und waren ungeduldig, bis sie wieder das freie Land unter ihren Hufen haben würden und den weichen Steppenboden. Sie trugen schwere Lasten heute. Koffer und Kisten hingen auf beiden Seiten in den Holzgestellen der Packsättel. Aber die Rosse von Arnarholt hatten den ganzen Winter geruht, und sie versuchten nicht wie sonst oft, die Gurte mit Schütteln und Bäumen zu lockern, die die Lasten auf ihren Rücken festhielten. Geir Thors hatte da und dort noch zwischen den Tieren zu tun. Dort war noch ein Gurt zu straffen oder ein Tau festzuschlingen, bevor der Ritt begann. Der Ritt heimwärts.

Plötzlich wandte er den Kopf, weil die Tür des Hauses gegangen war. Er sah den Bauern heraustreten. Odinn schickte ein helles Wiehern in den Morgen, als er ihn erkannt hatte, und richtete seine klugen Augen auf ihn. Aber danach stellte er plötzlich die Ohren und sah mißtrauisch auf ein fremdes Mädchen, das hinter seinem Herrn gelaufen kam und mit einem hellen Aufschrei mit beiden Händen zugleich ihm in die Mähne fuhr. Er rückte und steilte an Geirs Hand und stieß den Dampf durch die Nüstern, als ob ihm der Teufel selbst erschienen wäre. Und Geir Thors stand daneben wie ein Stück Holz, hatte die Augen auf das lachende Gesicht des Mädchens gerichtet und konnte doch kaum ein Wort herausbringen. Er nickte nur auf ihren Gruß und hielt einen Augenblick lang ihre Hand und beruhigte den Rappen indessen. Dann schaute er mit abgewandtem Gesicht die Straße hinab.

»Da ist ja auch Greye – der alte Greye!« hörte er das Mädchen Asdis rufen, dicht neben sich, und wandte sich darauf wieder um, sah wieder in ihr Gesicht, weil er nicht anders konnte. Er deutete auf den leeren Sattel und reichte ihr mit einer hölzernen Bewegung die Zügel hin. »Wir haben ihn mitgebracht«, sagte er, »wir dachten, daß du dich freuen würdest darüber. Jau! Den Grauen!«

Als er es gesagt hatte, schaute er wieder seitwärts, als ob es da etwas anderes zu sehen gäbe als nur kahle graue Wände. Bügel klirrten. Sie saß im Sattel. Die Stimme des Bauern kam von hinten. »Reiten wir!«

Da bestieg er den Roten und zog die Packpferde mit sich fort. Helles Klirren und Trappeln rannte die Straße entlang, die Häuser flogen vorüber. Das letzte Haus! Sie kamen an der Koppel vorbei, in der die Pferde die Nacht verbracht hatten. Und dahinter tat sich das Land auf.

Viel Zeit verging, in der kein Wort fiel zwischen den Reitern. Langsam hob sich der Nebel vom Boden. Die Erde brach zu beiden Seiten des Weges in blutendem Rot aus dem Steppenboden hervor. Manchmal lag noch ein kleiner Schneerest hinter einem hohen grauen Steinblock oder unter einem der Brückenbögen, über die die Straße hinwegführte. Als das Mädchen sich einmal im Sattel umwandte, sah sie, schon weit entfernt, eine grauweiße Dunstwolke über den Häusern und Türmen des Handelsplatzes liegen. Schwarzer Rauch von den Schiffen, die im Hafen lagen, zog in großen schmutzigen Flecken durch die Wolke. Die Küste war schon weithin klargefegt von einem frischen Morgenwind, nur über der Stadt lag noch jene Wolke von Wärme und blakendem Dunst, die kaum je von ihr wich.

Nach einer Weile fiel Kjarval, der die Spitze hielt, von der Straße ab und lenkte Odinn, den Hengst, an losen Zügeln in den Steppenboden hinaus, auf dem sich ein schmaler Pfad vom Grunde abhob, der wie eine dünne Linie nach Osten führte. Wasser schoß in die Stapfen der Pferde, und der Boden gab leicht nach unter ihren Schritten. Prustend griffen die Pferde aus, mit wehenden Schweifen zogen sie über das Land. Nur noch leise war das Stampfen ihrer Hufe zu hören. Und sie liefen zugleich schneller und williger.

Die Stadt war hinter ihnen verschwunden.

Asdis dachte an ihren Verlobten, der nun in ihren Mauern zurückblieb. Einmal stellte sie sich vor, wie er jetzt neben ihr reiten könnte und mit ihr weiterritte bis zum Hof, und dann fiel ihr ein, daß er nie von dem Land gesprochen hatte, durch das sie nun trabten, in den frischen Morgen hinein, sondern immer von der Stadt. Und in der Stadt würde sie wohl einmal zu ihm ziehen und die Frau des Pastors sein, von dem die Bürger mit Stolz sprachen, von seinen wohlgesetzten und tiefgründigen Worten und Gedanken.

Wohl dachte sie an die Worte ihres Vaters, die er an den jungen Prediger richtete: an Sera Leif: »Es ist Zeit genug, bis Ihr zu mir um Asdis kommen könnt. Und erst dürfte es das wichtigste sein, daß Ihr eine Pfarre habt, bevor Ihr in den Stand der Ehe tretet. Bis dahin braucht niemand um die Abmachung zwischen Euch und Asdis zu wissen, und wenn dann das Mädchen noch des gleichen Sinnes ist, so mag es recht sein, wenn Ihr sie von ihrem Vaterhof holt.«

»Aber Sera Leif, wir reiten morgen und – und ein Vater will sein Kind bei sich haben, solange er kann. Asdis reitet mit mir, morgen!«

Und: »Es ist spät geworden, und man geht früh ans Werk auf dem Land. Ihr würdet gut tun, wenn Ihr jetzt Abschied von dem Mädchen nehmen wolltet. Wir reiten so früh, daß morgen keine Zeit dafür sein wird.«

Das hatte er noch dazu gesagt.

Sera Leif war nicht des gleichen Sinnes gewesen, und auch Asdis nicht, aber das Wort Sigurgeir Kjarvals war ein Wort, dem man gehorchen mußte. Das hatte Asdis nicht vergessen, seitdem sie von Arnarholt weggeritten war vor einem Jahr. Und sie hatte als seine folgsame Tochter ihrem Verlobten die Hand gereicht und ihm zugeflüstert: »Wenn du kommst, wenn du mich abholen kommst –«

Danach war er gegangen.

Der Bauer atmete wieder freier. Er reckte sich im Sattel und lächelte seiner Tochter zu, die dicht hinter der Kruppe seines Rappens ritt.

»Findest du dich noch zurecht? Wir sind auf dem Weg nach Skålholt. Dort werden wir die Nacht Quartier nehmen, wenn der alte Gunnar uns aufnehmen will. Auf dem Herweg sind wir über Thingvellir geritten, doch jetzt wollen wir uns mehr bei den großen Höfen halten. Es ist behaglicher für dich!«

»Glaubt Ihr, daß ich es in der Zwischenzeit verlernt habe, einen ordentlichen Weg hinter mich zu bringen, Vater?«

»Nun, du sitzt nicht schlecht im Sattel, wenn man bedenkt, wie lange es her ist seit dem letztenmal!« rief er aus. »Darin hat sich wohl nichts geändert!«

»Darin –« fügte er noch hinzu, während das Lachen in seinem Gesicht matter und blasser wurde. »Reit einmal an meine Seite heran!« winkte er ihr und schaute wieder voraus auf seinen Weg. Sie gehorchte und setzte ihren Grauen neben ihn, so dicht, daß ihr Zügel mit dem des Bauern zusammenklirrte. Sie tat auch noch mehr, sie löste ihre Rechte vom Zügel und legte sie besänftigend auf die knochige Hand ihres Vaters, weil sie sah, daß sein Gesicht sich in strenge Falten gerafft hatte. Sie ahnte, was er auf dem Herzen hatte. Es sollte wohl eine Fortsetzung des Gesprächs werden, das schon den größten Teil der vorhergehenden Nacht gewährt hatte.

»Wie kamst du denn eigentlich zu ihm?« forschte er nun.

»Wie ich zu ihm kam? Nun, ich war bei einer seiner ersten Predigten gewesen, und die Base sagte, er sei Isländer und hätte die ganze Zeit im Land studiert. In seinen frühen Kinderjahren bereits hätte sein Vater Island verlassen, um im fremden Land ein Amt zu übernehmen. Doch der Sohn wollte jetzt wieder nach seiner Heimat zurück. Ob ich dächte, daß sie ihn vielleicht einmal zum Tee einladen sollte«, berichtete das Mädchen Asdis weiterhin und blickte über das wellige Grasland, durch das manchmal breite Striche von erstarrter Lava sich zogen und überall wild hingestreute Felsblöcke lagen, von denen ein Kolkrabe oder ein Regenpfeifer aufflog, wenn die Pferde ihm zu nahe kamen, während die Wolken getürmt über die Ketten der Berge im Norden hinwegeilten.

»– zum Tee eingeladen?« schlug Kjarval ihre letzten Worte fest, und das klang so seltsam hier auf dem offenen Land, durch das nun eben ein paar halbwilde Schafe hinflüchteten, während der Kolkrabe wieder aufgeblockt war und mit trägem Quarren zu ihnen hinüberlinste und am Ende entrüstet schimpfte, weil ihm durch die Schuld der Reiter eine Maus entgangen war, die sich eben noch vor ihrem Loch gesonnt hatte und dann plötzlich, erschrocken von dem Lärm der Hufe und dem Dröhnen im Grund, wieder unter ihren Stein zurückgeschlüpft war.

»Und –« stammelte das Mädchen errötend, »er hat von der Heimat gesprochen und –«

»Ja so – von der Heimat!« knurrte Kjarval.

»Und dann – wir haben uns auch wiedergetroffen danach! Eigentlich hatte er schon bald nachdem reisen wollen, aber nun schob er seine Abfahrt hinaus. Und als ich ihn fragte, warum er noch im Land bliebe, da begann er von dem ersten Nachmittag zu reden, Ihr wißt, bei der Base, – und von mir –« sprach sie errötend weiter und schwieg daraufhin, als ob das wohl genügen würde.

»Und deshalb –« räusperte sich der Bauer, »hm, und da hast du mich vergessen?«

»Ihr könnt das nicht verstehen, Vater?« flüsterte das Mädchen. »Als ich ihn sprechen hörte, von der Kanzel, und die vielen Menschen in der Kirche seinen Worten lauschten, – wie er eine ganze Welt vor ihnen ausbreitete und mit leuchtenden Blicken das Strahlen und Wirken des göttlichen Geistes vor ihren Augen erstehen ließ und ihre Herzen aufrief, dafür zu beten und zu arbeiten, daß auch den ärmsten und nacktesten gnadenlosen Heiden sein Licht erstrahlen möchte, das einzige Licht der Welt in ihrem höllentiefen Dunkel –«

»Hm!« brummte der Bauer und sah zu ihr hinüber, in ihre Augen, die noch widerzuleuchten schienen, und auf ihren Mund, »hm, du bist ja selbst schon ein Prediger geworden!« knurrte er noch hinterdrein. »Aber schau, da ist es plötzlich wieder wolkig und verhängt, dort im Norden, und der Regenpfeifer springt und hüpft wie unklug zwischen den Gräsern herum, also, ich schätze, daß wir uns etwas schärfer an den Weg halten müssen. Die Wiesen sind jetzt noch feucht genug, und wenn noch von oben die Brühe herabfällt, so macht das keinen richtigen Spaß mehr. Also wollen wir uns mal dazuhalten.« Damit gab er den Rappen frei und ließ ihn die Hacken fühlen, und mehr brauchte es bei Odinn nicht, daß er loszog wie ein Gewitter.

»Richtig verdreht hat er sie mit soviel schönen Worten«, brummelte er, als er allein war und nur das Getrappel der andern noch hörte, aber nichts mehr von ihnen sah, weil sie noch hinter einem kleinen Hügel ritten, während Odinn auf seiner anderen Seite die Tiefe gewonnen hatte. »Und am besten«, sagte er sich dann, »man redet nicht weiter davon, sondern läßt das den andern übrig!«

Und während er das dachte, blinzelte er mit einem halben Auge zurück, wo nun Geirs Pferde auf dem Kamm erschienen, und dann der Kopf des Grauen, der neben ihn hertrabte.

Man mußte es den Jungen überlassen, sich zu ordnen.

»Ich?« sagte Geir hinten zu Asdis und schaute vor sich hin. Und danach langte er zu seinem Packpferd hinüber, um den Koffer ein wenig besser zu befestigen, der bei jedem Schritt rumpelte und knarrte. »Ich? Das kann dich doch nicht kümmern!«

Asdis schürzte die Lippen und ritt eine Weile stumm neben Geir. Und dabei dachte sie an die Stadt zurück, wo die Männer mehr Lebensart hatten und auch eine Antwort, wenn man sie etwas gefragt hatte. Aber kaum war sie ein wenig weiter und trabte nun genau vor dem Burschen her, da verwandelte sich sein abweisendes Gesicht. Seine Wangen färbten sich, und er achtete weder auf den Grund mehr und auf den Weg oder auf die Wolken am Horizont. Er sah immerfort nur das Mädchen, das schlank und mit schmalen Hüften vor ihm auf und nieder zu tanzen schien unter den schnellen Schritten des Grauen, während ihre wehenden langen Haare im gleichen Takt wippten, wie das Pferd ging.

Und indessen er die Zügel des Roten mit aller Kraft halten mußte, da der Hengst nicht gerne ein Pferd vor sich sah, sondern lieber hinter sich, weil er über bald zwei Jahre niemals ein Tier seiner halbwilden Herde auch nur neben sich geduldet hatte, – indessen er also den Kopf des Roten mit aller Macht zurückhielt, mußte er gleichzeitig sich selbst nicht weniger an die Trense nehmen, sonst wäre auch er zu ihr hingestürzt und hätte ihre Hände ergriffen, und hätte ihr erzählen müssen von einer Stunde nach der andern und vielen Tagen und zuletzt Wochen oder einem ganzen Jahr, wo er sie in seinen Träumen und Wünschen und Gedanken so vor sich gesehen hatte wie eben jetzt und hier. Und in denen er sich ausgemalt hatte, was er zu ihr sagen würde, wenn er sie träfe, – wie er langsam vom Pferd steigen und auf sie zugehen und ihre Hand ergreifen würde, um sie nicht mehr loszulassen, bevor sie ihm nicht auch ihren Mund geboten hatte.

Als sie einmal zurückblickte, fand er keine Zeit mehr, seine Augen von ihr zu nehmen, sondern hatte nur ein überraschtes Lächeln, das seinen Gedanken entsprungen war, weil er sich eben bei der Begegnung im Osten aufgehalten hatte und das große gleißende Gletscherbild im Geiste vor sich sah und den schimmernden Bach, in dem sich das Mädchen Asdis gespiegelt hatte.

Es war das einzige Bild, in dem sich seine ganze Erinnerung bis dahin verankert hatte, und das Bild, in dem auch ihr Name sich für ihn verkörperte.

Asdis ließ plötzlich ihr Pferd zurückfallen und sah in einer Art ständigen Suchens auf ihn, als sie neben ihm hertrabte. Geir bemerkte wohl ihre Nähe, und er fühlte sie noch mehr, sie hüllte ihn ein wie eine Wolke, die auf seine Hände sich niedergesenkt hatte und auf sein Gesicht und an ihm hängen blieb und ihn lähmte. Er saß seltsam starr im Sattel, befangen und linkisch, und wagte kaum, von den Ohren des Roten aufzusehen.

»Du!« sagte sie einmal zu ihm, und er fühlte, wie sein Herz rasend zu pochen anfing wegen dieses kleinen unbedeutenden Wörtchens, »der Vater ist anders, als ich ihn verlassen habe. Und auch du warst ein anderer Bursche, als ich dich in Sandfell sah; wenn es auch schon lange her ist, ich weiß es doch noch, siehst du, als wir –.« Aber weiter redete sie dann nichts, sondern sah wieder von der Seite auf Geir.

»Was ist es denn mit euch?« stieß sie danach hervor, »mit Vater – und auch du tust, als seien wir uns fremd und hätten uns jetzt zum erstenmal gesehen?«

»Jau, wie zum erstenmal!« nickte Geir.

»Was, zum erstenmal?«

»Nun, ich meine in Sandfell –«

»Wir kennen uns schon lange«, fiel sie ihm ins Wort. »Man sollte es jedoch nicht glauben, nach dem, wie du zu mir bist! Wie bist du denn überhaupt auf den Hof meines Vaters gekommen, nachdem der Berg – Oh!« sagte sie leiser, »es war ein großes Unglück – deine Eltern! Ich habe oft an dich denken müssen danach. Oft!« flüsterte sie nachdenklich. »Der ganze Hof und die vielen Menschen. Und was konntest du nun beginnen?«

Aber plötzlich lief ein glühendes Rot über ihre Wangen hin, und sie griff verwirrt in die Zäume. Und gleich darauf hob sie den Kopf und schickte ihre Augen über das Land voraus. Sie waren schon wieder hell, ihre Augen.

»Wo reitet denn mein Vater, Geir Thors?« rief sie und reckte sich noch ein wenig höher und schien eifrig zu suchen.

»Er muß weit vorausgeritten sein, man kann ihn nicht mehr sehen!«

»Weißt du«, sagte Asdis und sah ihm fest in die Augen, »natürlich kann man nicht daran vorbeigehen, wenn so viele Menschen umkommen. Und dann, ich habe ja deinen Vater und deine Mutter gekannt, weil ich doch mit Erlingur, meinem Onkel, zu eurem Knecht ritt. Auch die Knechte kannte ich und Sigrid. Natürlich ist es etwas anderes, wenn man einige Wochen vorher noch mit jemanden zusammen war, und dann kommt ein solches Unglück über sie.«

Nach einer Stunde langten sie bei dem Bauern an, der den Rappen abgesattelt hatte und ihn grasen ließ. Man mußte von Zeit zu Zeit den Pferden ein wenig Ruhe geben, das lohnte sich auf einem langen Ritt.

Vor Skålholt legte sich ein kleines flaches Gewässer in ihren Weg, in das die Pferde nur langsam hineinschritten, während sie wieder und noch einmal die Köpfe auf das Wasser niederstreckten, um zu trinken, bis sie endlich planschend und spritzend das jenseitige Ufer erreichten.

Die alte hölzerne Bischofskirche stand im Dämmern des Abends und sah stumm und ehrwürdig über das Land, das nun bald zum Schlafen ging, und vom Hof Gunnars herüber hörte man Rufe und Hundegebell als Zeichen, daß man die drei Reiter schon gewahrt hatte.

Kjarval wies durch den blauen Schein der Dämmerung zu dem alten Kirchlein hinüber, das einst dem tapferen Bischof Arason samt einigen Häusern des Skålholthofes als Sitz gedient hatte, bis er unter dem Beil seiner Gegner verblutete und unweit des eisenbeschlagenen Portals zwischen den Gräbern seiner Gläubigen begraben wurde. »Die Leute wollen wissen«, sagte Kjarval, während sie darauf zuritten und der kleine Glockenturm dunkel gegen den Himmel stand, »daß, wenn einer vorüberreitet, der – der –«

Ein schütternder Glockenton wehte während seiner Worte durch die Abendluft, verebbte wie der Atem aus dem Mund eines Sterbenden.

»Was wolltet Ihr erzählen, Vater?« fragte das Mädchen.

»– der«, flüsterte der Bauer, und seine Lippen wollten nicht zu den Worten passen, die er sprach, »der hochzeiten will, mein Kind, so läuten die Glocken, ohne daß eine Menschenhand sie berührt.«

»Habt Ihr gehört, Vater, sie läuteten. Ich habe es deutlich gehört!« Sie riß ihren Grauen herum und sah zu dem schiefen Dach der Bischofskirche hinauf und auf den Turm, in dessen Gestühl ein paar Glöcklein hingen. »Wartet doch, vielleicht läuten sie zum andern Male!«

Aber Kjarval streifte mit seinem Rappen zu ihr hin und riß ihr die Zügel aus den Händen.

»Komm!« schrie er, »sie erwarten uns auf dem Hof!«

»Der Herr bewahre dich!« murmelte er seitwärts, »sie ist ja alles, was ich noch habe!«

Während des Weiterritts am nächsten Morgen hielt sich Kjarval bei seiner Tochter. Schweigend trabte er neben ihr über das Land, und wenn er sprach, so kam seine Stimme wie von weit her zu ihr, und seine Worte fanden nur mühsam den Weg über die Lippen. Er ließ das Mädchen kaum aus den Augen den ganzen Tag hindurch, schaute bald auf den Grauen und wieder auf das junge Weib. Und wenn ein Fluß sich in die Quere legte mit schnell ziehenden Wassern, so erlaubte er ihr nicht, daß sie selbst die Zügel führte, sondern nahm den Kopf des Grauen dicht an seine Faust und hielt wohl auch den Arm des Mädchens, bis die stärkste Strömung vorüber war. Geir mußte einige Schritte oberhalb der Furt reiten, damit sein Hengst den heftigen Druck des Wassers abfing. Und Kjarval ritt dann mit Asdis in seinem Stromschatten. Und jedesmal atmete er auf, wenn sie einen der blinkenden Flußläufe hinter sich gebracht hatten.

Schuld daran waren die Glocken von Skålholt.

Doch Geir zerbrach sich umsonst den Kopf darüber, warum der Bauer sich so sonderbar gebärdete und warum er lieber einige Kilometer an einem Flußlauf entlangritt, um ein Boot zu finden, das sie übersetzte, als daß er wie sonst mit einem leichten unbekümmerten Lachen in das Quirlen und Schäumen eines Strombetts hineinritt, – mit leuchtenden Augen, so oft der Rappe prustend gegen die heranlaufenden Wellen kämpfte.

Selbst als sie auf dem Hof angekommen waren und die Tage in fröhlicher Kurzweil und vielerlei Plaudern dahingingen, wurde Kjarval nicht anders. Er konnte stundenlang neben dem Mädchen Asdis sitzen und sah ihren flinken Händen zu, die an einem Tuch stickten. Und wenn er sich endlich erhob, um nach der Arbeit der Leute zu sehen, so konnte es wohl sein, daß er die Tochter aufforderte, mit ihm zu reiten, aber zumeist war es das Gegenteil. »Bleib im Hof!« sagte er und sah sie ernst an, »hm, bei den Leuten! Daß du nicht wegreitest! Nicht?«

Ein andermal beugte er sich plötzlich zu ihr hinab und küßte sie auf die Wange, ehe er ging. Und nur er wußte, was das für einen Sinn hatte. Nicht die Leute! Denn die schauten ihm nur immer verwundert nach und versuchten, bei sich allerhand zu erklären und zu deuten, wenn sie auch alle nicht das Richtige trafen und nicht die Angst ahnten, die hinter dem ernsten Gesicht Kjarvals zitterte. Ja, zitterte, weil er etwas ahnte, und weil etwas in ihm lebte, Ungewisses, Trauriges, etwas, dem er nicht entrinnen konnte, etwas, das im Begriff war, lähmend in sein Leben einzugreifen.

Der schütternde dünne Klang der Bischofsglocken verfolgte ihn, der Glocken, die Tod und Sterben und wieder den Tod verkündet hatten seit den Zeiten ihres ermordeten Herrn...

Er sprach auch nicht wieder von Sera Leif, dem Prediger. Nie wieder rührte er an ihm und seinem Namen. Und wenn er zu den Sonntagen nach Hlidarenda hinüberritt, zum Kirchlein unter dem Berg, so blickte er oft wie erschrocken nach oben, wenn das Gebälk des Glockenturms zu knarren und zu knistern begann, und wenn danach die Glocken über die weite Stromfläche des Markar riefen.

Unversehens faßte er einmal nach der Hand des Mädchens, das neben ihm auf der Bank saß, als die Glocken anschlugen. Und Asdis fühlte, wie seine Hand zitterte. An jenem Tag fragte sie ihn mit ängstlicher Stimme: »Vater!« flüsterte sie, »Vater! was ist Euch, Vater?«

Doch Kjarval brachte es fertig, ein sorgloses Lachen über seine Lippen zu schicken, ein leises Lachen nur, wie es sich für die Kirche geziemte: »Du warst lange fort vom Hof, meine Tochter!« sagte er sachte, »es macht mich froh, wenn ich dich neben mir sehe!«

»Guter alter Vater!« flüsterte das Mädchen zurück und sah liebevoll in seine Augen. Was in ihnen Trauer war, in seinen Augen, das hielt sie nachdem für Freude, und die Angst, die sie verdunkelte, konnte sie nicht lesen, weil es in ihrer jungen Brust von anderem Vernehmen zitterte, von anderem!

In der fünften Woche nach ihrer Rückkunft auf den Hof und in die Heimat bat der greise Pfarrer den Bauern einmal zu sich in die Pfarrstube, als der Dienst am Herrn zu Ende war und die Bauern von den umliegenden Gehöften ihre Pferde zum Nachhauseritt sattelten.

»Auf eine Tasse kommt Ihr herüber? Und bringt die Jugend mit?« lächelte er, »Jau, die Jugend! Es tut alten Augen wohl, Eure Tochter zu sehen!« sagte er noch und lächelte wieder, als Asdis errötend von ihrem Pferd herüberblickte, weil sie die Worte des alten Pastors wohl vernommen hatte.

Dann schritt er voraus, dem Pfarrhaus zu, wo er unter der Tür auf die beiden wartete.

Als sie nachher drinnen in der Pfarrstube saßen und schon eine gute Weile über allgemeine Dinge geredet hatten, wie sie jeder Unterhaltung vorangehen, da kam der Pfarrherr endlich mit dem heraus, was er sagen wollte. Vielmehr, er ging erst zu seinem Schreibtisch hinüber und kramte in einer Schublade, sah verschiedene Papiere und Briefe durch, bis er einen weißen Umschlag herausnahm und ihn Kjarval entgegenhielt. »Wir haben ja kaum ein Geheimnis in unserem Beruf, wie wir keines in der Pfarre haben. Gibt es denn Geheimnisse auf dem Land, he? Nun, also lest, was mein Amtsbruder schreibt.«

»Er schreibt –«, begann er wieder und blickte lächelnd auf das Mädchen, aber als er darauf auf den Bauern sah, war das Lächeln wie weggewischt, »nun denn, was er schreibt: Er soll auf meine Pfarre kommen und mir behilflich sein. Man meint in der Stadt, glaub' ich wohl, man meint, daß ein Landpfarrer im Alter von seinen Bauern geht und sich zur Ruhe setzt. Hm, wie die in der Stadt vielleicht!«

»Gehen wollt Ihr, Sera Egil?« »Nicht gerade, Bauer, nicht gerade, seht Ihr«, lächelte der alte Prediger, »nur so ein Wink von den Vorgesetzten, müßt Ihr verstehen, daß es bald Zeit ist. Übrigens, wenn Ihr genau hinseht, so steht da ein Name auf dem Papier. Und mir scheint, als ob Ihr meinen Nachfolger schon kennt, zumindest Eure Tochter! Asdis!« drohte er scherzend mit einem Leuchten in seinen hellen Greisenaugen. »Du kennst ihn wohl, Asdis!«

»Meint Ihr Leif?« stammelte das Mädchen errötend, »Leif? Will er – will er nach Hlidarenda kommen?« Dann warf sie einen Seitenblick auf ihren Vater, der mit gerunzelten Brauen das Schreiben aus der Hand legte und an dem Pastor vorbei zum Fenster hinaussah, als sei er allein im Zimmer.

»In dem Brief steht Leif Halldorsson, Kandidat der Theologie. Es wird wohl derselbe sein, den du meinst?« sagte Egil.

Das Mädchen sah wieder auf ihren Vater.

Kjarval hatte noch kein Wort über die Nachricht verloren. Aber nun schien er sich besonnen zu haben. Er wandte dem Mädchen seine Augen zu und hob an zu sprechen; wenig war es, was er sagte: »Komm, Tochter!« sagte er und stand auf: Habt Dank für Eure Gastfreiheit, Sera Egil!« würgte er hervor und griff nach seiner Mütze: »So komm, Mädchen!

Nein, es war nicht viel, was er sagte an jenem Sonntagmorgen, an dem die Sommersonne nah und fern in den Gräsern funkelte und gleißend die weißen leichten Wolken am Himmel umränderte.

Während des Heimritts stieg sein Rappe mitunter wie von einem scharfen Peitschenhieb getroffen. Und ein andermal war zwar das Pferd ruhig und trabte mit dem gleichen ausdauernden Paßschritt wie immer über die Grashügel und Gräben der Steppe, aber statt seiner konnte der Bauer plötzlich im Sattel zusammenzucken, als ob ihn das Fieber gepackt hätte.

»Tochter!« rief er einmal, wie er so dahinritt. Er wandte nicht einmal den Kopf dabei.

»Ja, Vater?«

»Tochter!« sagte er nochmals.

Das Mädchen war an seine Seite getrabt und wartete, was er von ihr wollte. Aber sie wartete wieder umsonst. Die blassen Lippen Kjarvals schwiegen.

Von da an ritt das Mädchen Asdis mit gesenktem Kopf und sah nicht mehr die kleinen Blumen, die zwischen dem kargen Gras wuchsen mit farbigen Sternen, und sie hörte auch nicht mehr das muntere Trillern und Flöten des Regenpfeifers, der zwischen den Steinen umherhüpfte. Selbst durch den Strom ritt sie, als sei er gar nicht vorhanden mit seinen Wellen, die bis an den Sattel heraufschlugen und die Schäfte ihrer Stiefel füllten.

Oddur war diese ganzen Wochen mißvergnügt gewesen wie ein altes Roß, das ein ganzes Leben lang die feinsten Zäume trug und eine silberne Trense, und eines schönen Tages sehen muß, wie all die Herrlichkeiten einem jungen, unerzogenen und kaum zugerittenen Hengst zugesprochen werden. Als Geir Thors auf den Hof kam, hatte der Alte sich vor Freude und Stolz in die Brust geworfen und war noch mit sechzig Jahren um einen Viertelzoll gewachsen, und selbst sein Humpeln hatte sich bald verloren. Als schließlich das Mädchen wieder da war, da wäre aus dem Viertelzoll bald ein halber geworden, und das Humpeln war so gut wie verschwunden, daß man es kaum mehr merkte.

Und jetzt?

Jetzt war er mißvergnügt. Und je länger er es war, desto kleiner wurde er wieder. Aus dem Viertelzoll waren zwei Zoll geworden, und diese zwei Zoll gingen dem Boden zu. Er war zusammengeschrumpft bis fast zur alten Kristin hinab, und sein Bein schleppte er hinter sich her, als ob es eigentlich gar nicht mehr zu ihm gehörte. Es waren schlechte Zeiten für den alten Oddur gekommen! Oder was sollte es heißen, wenn er endlich schlüssig geworden war, was er arbeiten wollte und sich anschickte, einen Balken quer über den Hof zu schleppen, – pah, ein paar zwanzig Meter, meinetwegen auch noch weniger, es waren überhaupt nur fünfzehn von der Scheune bis zur Schmiede. Da kam also eines Tages der Jungknecht gerannt, der dafür galt, daß er kaum den Rappen des Bauern am Zügel halten konnte, wenn er ein wenig tanzte, da kam er also herbeigelaufen und sagte zu dem alten Oddur: »Wo soll denn der hin, der Balken?«

»Wo der hin soll? Was geht das dich an? Wie kannst du einen alten Mann fragen, wo ein Balken hinkommen soll?«

»Du Naseweis!« schimpfte er noch.

Da sagte dieser Bengel: »Warum schreit Ihr denn so, Alter? Wo ich Euch doch sonst den Balken hinübergetragen hätte, wo er hingehört! Warum schreit Ihr da? Kommt, ich werde ihn nehmen!«

Oddur stand mit mahlenden Kiefern und schaute entgeistert auf den Jungen. Er war so erstaunt, daß er das Langholz aus der Hand ließ, und sah sogar noch zu, wie der Jungknecht mit ihm weglief. Und erst als der Bursche schon ein paar Schritte fort war und fragte: »Jau, wohin denn jetzt mit dem Holz?« – erst da begann er plötzlich zu zetern und humpelte schnell hinter ihm drein, riß ihm den Balken aus den Armen, gerade als Asdis aus dem Hause kam, gerade da. »Scher dich fort!« schrie er und spuckte und krächzte empört, und der Jungbursch blieb verdattert stehen und wußte nicht, was er aus sich machen sollte.

»Was gibt es denn?« fragte Asdis und lief zu den beiden hin. Dem Jungen schickte sie einen strafenden Blick zu, denn natürlich ist ein Junge immer schuld, wenn ein Alter mit ihm schilt. »Was hat er denn getan, der?« erkundigte sie sich darauf bei Oddur.

»Er, er wollte mir helfen, – den Balken da, er wollte ihn forttragen!«

»Weil er doch zu schwer für ihn ist«, sagte der junge Larus dazwischen.

»Der Frechdachs!« begann Oddur wieder zu krächzen und hob drohend seine Faust. »Gerade als ob ich keinen Balken mehr heben könnte! Aber so sind nun die Jungen!« schrie er und zockelte einige Schritte weiter. Und der Balken klirrte, weil sein anderes Ende über ein paar Steine schleppte.

»Die Pest!«

»Aber was schimpfst du denn nun noch, Oddur?«

»Als ob man nicht schimpfen sollte! Wenn, nun ja! Und Ihr, Jungfer! Überhaupt Ihr!«

»Ich?«

»Hm, jau!« Oddur ließ das Holz fallen und wischte sich die Hände an den grauen Hosen ab. »Überhaupt!!!«

»Was stehst du denn da?« brüllte er den Jungknecht an. »Da steht er und horcht. Aber, aber ich habe mit Euch zu reden, Jungfer Asdis! Jetzt gleich. Jau! Da hat man gedacht, hat man gedacht, – der Bursche geht da auf dem Hof herum, und gerade Euretwegen ist er erst nach Arnarholt gekommen.«

»Von wem redest du denn, Alter?« fragte das Mädchen zurück, obwohl ihr bei den Worten Oddurs das Blut in die Wangen geschossen war.

»Von wem denn, eh, von wem also? Natürlich von Geir Thors! Wie Ihr da fragen könnt, in einem solchen Fall, in solch einem!« Er zerrte wild an dem Balken und schleppte ihn wieder ein paar Meter weit von dem Mädchen fort, seinem Bestimmungsort entgegen: »Was fragt Ihr da überhaupt mich, eh! mich?« knurrte er dann herüber und lud den Balken auf seine Schulter, mit Ächzen und Stöhnen, weil er dachte, daß er ihn so vielleicht besser wegschaffen könnte. »Ich wüßte schon, wen ich da zu fragen hätte, bei Gott! Wenn ich ein Mädchen wäre wie Ihr, Jungfer! Hölle und Teufel! So ein Mädchen!« dann griente er und spuckte und keuchte schließlich und war weg, um die Hausecke herum, während das Mädchen Asdis immer noch am gleichen Platze stand und ihm verwundert und halb ärgerlich nachstarrte.

Oddur war heute verteufelt in Fahrt. Von ihm aus hätten es zehn Balken sein können statt des einen, was sage ich, hundert oder gar tausend am Ende!

So war es nun die ganze Zeit gewesen, bei allen neunschwänzigen Teufeln: Ging der Bursch in das Haus hinein, so kam das Mädchen heraus. Ging das Mädchen zu den Pferden, so konnte man seine Seligkeit darauf verwetten, um nicht zu sagen, einen alten Hut, daß Geir Thors just dann aus der Koppel ritt und vor der Nacht nicht mehr zurückkam.

Und saß der Bursche vor der Scheune und flickte an seinem Sattel, so konnte das Mädchen zwar mit den Mägden zusammen Wäsche aufhängen, aber sie ging eher rückwärts hinaus und stolperte über einen Stein, als daß sie in der Richtung auf den Burschen sah, wo sie doch auch den Stein erblickt hätte und nachher nicht einen vollen Tag mit verrenkten Knöcheln im Bett hätte liegen müssen.

Oddur wußte bei sich, daß das alles einmal ein Ende nehmen mußte, wie ein Gewitter bebte es in seinem hohlen Auge, und das lebende schoß die Blitze dazu, die nun einmal bei einem Gewitter sein mußten. Bei einem richtigen, versteht sich!

Und nun hatte er auch noch etwas läuten hören, – zuerst war es ja wohl nur ein Klingeln gewesen. Aber es hatte einen schlechten und häßlichen Klang gehabt für Oddurs Ohren. Aber wahr mußte es sein, jau, und der Teufel mußte auch seine Hand im Spiel haben, wenn es das war. Und warum redete der Bauer nicht und war überhaupt ein ganz anderer geworden? Warum sah er nicht mehr nach den Knechten und stieg kaum mehr in den Sattel, ausgenommen am Sonntag? Und er lachte auch nicht mehr!

Und vor einem Tag kam der junge Geir zu dem alten Oddur und stellte sich neben ihn und sah ihm bei der Arbeit zu. Und was sagte er nachher? »Du kannst hier bleiben, wenn du willst, Alter. Hier hast du einen ruhigen Platz. Aber ich muß nun wohl bald wieder reiten. Es soll vielleicht wieder ein Hof unter den Bergen vom Vatna stehen. Braucht man nicht eine Heimat, Alter?«

»Jau, natürlich brauchte man das!«

»Das hab ich auch gedacht! Oddur!«

»Aber warum solltet Ihr nicht hier bleiben?« hatte er dann den Burschen gefragt, »wo doch, hm, die – die Tochter? Und, und glaubt Ihr vielleicht, daß ich nicht wüßte, daß Ihr sie, die Tochter –?«

Da war der Bursche mit einem trüben Lächeln weggegangen. So war es. Und wenn man nun kalkulierte, was die andern wußten, eh? Jau, hmhm?

»Kalkulieren« nannte Oddur das.

In der folgenden Nacht geschahen seltsame Dinge auf dem Hof von Arnarholt.

Geir Thors lag auf seinem Lager ausgestreckt und sagte sich zum hundertsten Male, daß es jetzt nur noch eines für ihn gebe. Und das eine war eben, daß er den Hof verließe, ehe er dastehen mußte und zusehen, wie ein anderer hier aus und ein ging. Morgen wollte er dem Bauern seinen Beschluß mitteilen. Auch den Roten wollte er ihm wieder zurückgeben, den er in den Bergen eingefangen und mit vieler Mühe zugeritten hatte. Er wollte nichts mit sich nehmen, das ihn an Arnarholt erinnerte und an das Mädchen. Und wenn er sich erst eine kleine Hütte an der Stelle gebaut hatte, wo ehedem der Hof seines Vaters stand, so mochte es für den Winter genügen, wenn er ein paar Schafe hielt, und er brauchte dann keine Not zu leiden. Überdies hatte er noch einen Teil des Sommers vor sich und den ganzen Herbst, und es ließ sich ja wohl etwas arbeiten in dieser Zeit. Vielleicht konnte er einem Bauern beim Schaftrieb helfen, wenn der Sommer zu Ende ging. Auch dabei war eine kleine Summe zu verdienen, für die man Proviant und Geräte kaufen konnte.

Als er so weit in seinen Überlegungen gekommen war und nüchtern und klar Zug um Zug erwogen hatte, was seine nächsten Schritte sein mußten, – von Hornafirdi wollte er Bretter und Balken nach Sandfell bringen, und vielleicht konnte er an der Küste auch Treibholz finden, es schwammen ja oft da und dort ein paar Stämme oder Balken in der Brandung oder wurden auch an den Strand geworfen, und mitunter waren sogar recht schöne Stücke darunter, übrigens hätte er bald vergessen, daß wenige Meilen nur von Sandfell eine spanische Fischerbark auf Grund gelaufen war und noch mit ihrem halben Rumpf aus der See ragte, von dem man eine Menge guter Bretter lossägen konnte, – nun wohl, es ließ sich wohl machen fürs erste, wenn er sich an die Arbeit hielt und von früh bis spät werkte.

Als er so weit gedacht hatte, ging es wie ein Aufatmen durch ihn, weil sich nun doch ein Weg fand, ein Weg! Und es konnte wohl kein anderer sein, weil er doch mit all seinen Gedanken immer in Sandfell war, unterm Gletscher.

Er sah sich wieder den schmalen Pfad in den Berg reiten. Erst ritt er ihn zwar allein und kam zu der Stelle, wo das Gras trotz der Sommerhitze nicht vergilbt war, sondern grün und frisch sproßte. Dann kam er zum Bach, der tief in der Schlucht seine Bahn zog, mit klaren schimmernden Wellen, ein Spiegel, in dem sich die Wolken besehen konnten und der hellgrüne gleißende Gletscher. Und mehr noch, – das Bildnis eines jungen Mädchens stieg aus dem Wasser.

Ohne sich zu rühren, wie erstarrt, lag Geir auf seinem Lager und sah immerfort auf dieses Bild. Es war sonderbar, daß er erst jetzt das Mädchen selbst gewahrte, von dem jenes Bild ausging. Bis zu den Knien stand es in dem ruhig fließenden Bach, und ihre Augen waren auf ihn gerichtet mit einem Ausdruck, den er sich nicht zu erklären vermochte, – Angst lag in den Augen, oder Verwundern, oder was lag sonst in ihnen? Zorn! Oder war es nur ein Lächeln gewesen, fröhliches, unbekümmertes Lachen? »Warum kommst du nicht, Geir Thors? Herrlich wird es sein!«

Er war so gebannt, daß er länger auf sie sah.

Lange, lange betrachtete er sie.

Ein Knecht begann im Nebengelaß zu husten. Es war wohl der alte Magnusson, – ja, es ging bald zu Ende mit ihm. Das Fieber saß ihm in den Knochen seit der Zeit, da er durch den Gletscherbach gegangen war, in seinem Alter!

Plötzlich richtete der Bursche sich auf und sah um sich. Aus dem Knechteraum nebenan kam wieder das Husten. Einer schnarchte, gleichmäßig und unbeirrt. Die Leute schliefen.

Er hatte geträumt, er hatte geschlafen.

Er sah kein Bild mehr, nicht das Mädchen! Und Magnussen war seit langem tot. Der ganze Hof war ja tot. Ausgelöscht, überrannt vom Berg, was hatte er denn am Abend gedacht? Er wollte gehen, ja! Und er hatte sich vorgestellt, wie er eine Hütte unterm Vatna baute. Das Holz wollte er von der spanischen Bark holen, und auch Treibholz natürlich, wenn es sich fand. Vielleicht lieh ihm der Händler von Hornafirdi einige Pferde, denn es würde viele Holzlasten geben. Und wenn man noch den Proviant und die Geräte dazurechnete, so mußte er oft reiten, bis er alles herangeschafft hatte.

Jau! Das war klar!

Er hörte den Nachtwind draußen um das Gehöft streichen. Eine Weile lauschte er seinem gleichmäßigen Ziehen und Singen. Leichter Wind aus West! Es war bald wie ein Atmen, das kam und ging. Es schwoll und verebbte, dann war eine Pause. Bis es wieder anstieg.

Er fühlte, wie sein Körper wohltuend erschlaffte mit diesem Singen und Ziehen. Die Gedanken wichen. Je länger er auf den Wind hörte, der gegen die Holzwände des Hauses fiel, um so mehr war es ihm, als ob zum Leben kein Wille mehr gehörte, als brauchte man sich nur tragen zu lassen mit geschlossenen Augen und tatenlosen Händen, durch die Zeit, durch die Jahre. Das Leben war von selbst gekommen und lief von selbst weiter, und auch das Ende kam wie von selbst heran. Man brauchte nur zu warten und zu liegen, bis es sich erfüllte.

Er träumte weiter, verhehlte sich aber nicht, daß er auf dem Hof von Arnarholt lag und sich überlegte, was alles zu tun war, ehe er reiten mußte. Der Knecht, der im Nebengelaß manchmal hustete, war auch nicht Magnusson, sondern es war Ole. Die Leute hatten die ganzen letzten Wochen im Moor gearbeitet, und Ole hatte sich dabei wohl erkältet.

Aber er träumte dennoch. Er wollte träumen!

Er warf dem Falben den Sattel über den Rücken und band den Bauchgurt fest. Es sollte einen Ritt in den Berg geben. Er ritt hinter Asdis, bis er sie erreicht hatte. Dann führte er sie in die halbe Höhe der Berge hinauf, wo der Bach floß.

Plötzlich war ein seltsames Singen in seinem Körper, aber er wußte, daß es nur von dem Wind herrührte draußen. Er achtete nicht weiter darauf, sondern wandte seine Blicke wieder dem Mädchen zu. Oh, er wußte, daß er nur träumte, denn zu der Zeit lag Asdis ja drüben in ihrem Zimmer und schlief.

Aber das Bild aus den Bergen wollte nicht wiederkehren, als er daran dachte. Der Gletscher wollte nicht auftauchen hinter dem Bild des Mädchens Asdis. Auch der Bach floß nicht mehr, er war verschwunden.

Es blieb nur der Anblick des Mädchens.

Er festete sich dabei und betrachtete sie. Sie war ihm jetzt ganz nahe gekommen. Ein ungewisses Lächeln lag über ihrem Mund. So, als wartete sie, daß er mit ihr sprechen sollte. Er sollte ihr etwas sagen!

Da murmelte er ihren Namen.

Es war nur ein trockenes Flüstern. Doch er schämte sich sogleich, daß ihm das Wort über die Lippen geglitten war. Unbeherrscht! Eine warme Welle lief durch seinen Leib. Das war die Scham. Er lag mit offenen Augen und sah auf das matte nächtliche Fenster. Er atmete langsam, atmete mit dem Ziehen des Windes, der um die Bretter der Außenwand strich. Am Ende reckte er sich, schlug die Decken zurück, sein Körper war heiß.

Wie er so lag, glitten seine Blicke an seinem Leib hinab, schwer und stark waren seine Glieder. Auch sein Atem wurde schwerer.

Und plötzlich sah er wieder das Bild des Mädchens vor sich. Nicht der Gletscher stand hinter ihr, sie lag auch nicht drüben in ihrem Gemach, sie war hier, sie war gekommen! Er streckte seinen Arm nach ihr aus, zog sie an sich, wie im Traum, unbewußt, gezwungen. Er umfing sie.

Da erwachte er.

Das Fenster stand kalt in der Nacht. Grau. Starr. Mit seinen Kanten und dem kleinen Kreuz in seiner matten Fläche.

Sein Blut sang, überdröhnte das Ziehen des Windes. Es rauschte, sein Blut! Taumelnd stand er auf. Er wollte sich ankleiden, hinausgehen in die Nacht. Die Peitsche nahm er, die Mütze. Ging leise an den schlafenden Knechten vorbei auf den Flur hinaus. Immer noch zitterten seine Glieder wie im Krampf. Trieben ihn. Ja, er wollte reiten, sein Pferd holen!

Doch als er im Gang stand und sich bücken wollte, um den Sattel aufzuheben, kam er nicht so weit! Seine Hand schloß sich um eine Klinke. Er drückte sie nieder und stand vor dem Lager des Mädchens Asdis.

– – – –

Asdis lag und schlief.

Die weichen Wellen ihres Haares lagen um ihr weißes Gesicht wie ein Kranz. Leicht geöffnet waren ihre Lippen, und die Lider träumten.

Einmal öffneten sie sich zu einem kleinen Spalt, als ob sie wach geworden wäre.

Durch das Dunkel sah sie zur Tür hin, und es war darauf, als ob ein Lächeln um ihre Lippen flöge. Sie schob die Decke von ihrem Hals, um freier atmen zu können, die runden Formen ihrer Brüste hoben sich. Jetzt sah sie Geirs Gesicht im Dunkel und lächelte wieder. Dann war das Lächeln mit einem verflogen. Ihr Kopf fiel auf die Seite, und die Augen schlossen sich. Frierend raffte sie die Decke wieder über ihre Brust und schlief weiter.

Sie hatte geträumt: Geir Thors hätte an ihrem Lager gestanden.

Geir Thors!

Wie hatte der alte Oddur gesagt?

Seltsam, sie fühlte immer noch die Augen Geirs auf sich ruhen, als sie nun schlief.

Ein Geräusch weckte sie kurz danach aus ihrem Träumen. Ein leises Knarren, als ob die Tür sich in den Angeln drehte.

Müde hob sie den Kopf ein wenig aus den Kissen.

Doch sie hörte nur den Wind draußen um das Gehöft streichen.

Auch Asdis horchte lange auf sein eintöniges Singen ...

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