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Die Islandreiter

Artur Jost Pfleghar: Die Islandreiter - Kapitel 4
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typefiction
authorArtur Jost Pfleghar
titleDie Islandreiter
publisherPaul Neff Verlag
year1939
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IV

Es kam wie ein neues Leben über den Hof Kjarvals, seit die Knechte aus den Bergen zurückgekommen waren. Die Mägde mit ihren bunten Röcken und den langen Zöpfen liefen wieder singend und lachend ihrer Arbeit nach, und die alte Kristin kriegte schier den Mund nicht mehr zu, soviel gab es zu berichten von diesem und jenem, von der langen Thorhildur zum Beispiel und Magnus, die zu dieser Zeit nie zu finden waren, wenn man sie rief. Und wenn sie dann endlich zum Vorschein kamen, so war es bestimmt nicht dort, wo sie eigentlich hingehört hätten. Und Thorhildur hatte rote Backen und schlug die Augen nieder, wenn sie dem Bauern einen Teller auf den Tisch setzte. Und Sigga wusch halbe Wochen hindurch drunten am Fluß, wo Einar einen neuen Schafpferch zusammenschlug. Manchmal stand dann der Waschkorb trostlos und verlassen am Ufer, und es war weit und breit niemand zu sehen. Am Pferch lag der große Holzhammer, und die Latten lagen im Gras verstreut. Über einem Pfosten hing Einars Hut, und sein Schimmel graste in der Nähe. Mehr war aber nicht zu sehen.

Etwas weiter hinaus kam einmal der Bauer zum Pferch geritten, um nach der Arbeit zu sehen. Er kniff erst das eine und nachher auch noch das andere Auge zu. Und am andern Tag hatte er zwei gute Meilen auf der andern Seite des Hofes eine andere Beschäftigung für Einar; man konnte ja endlich darangehen, den Torf aus dem Moor herauszuschaffen und ihn nachher unter Dach und Fach zu bringen. Wieder einen Tag später redete dann Sigga plötzlich davon, wie kalt das Wasser inzwischen geworden wäre, und man könnte sich leicht den Tod holen, wenn man Stunde für Stunde die Laken in den Fluß tauchte. Das Waschen hörte dann auf.

Es ging auch schon mächtig dem Winter entgegen.

Eines Tages hatten die Berge im Norden weiße Kuppen, und Tag um Tag breitete sich ihr neues Gewand aus, bis es die Ebene erreicht hatte und die Steppe überdeckte.

Von da an war es nicht mehr weit, bis die Knechte des Morgens mit den Schneeschaufeln den Weg zu den Hütten des Hofes frei machen mußten und das Leben sich in den Häusern hielt.

Oddur freute sich über jeden Tag, der ging, weil damit seine Befürchtungen immer mehr zusammenschmolzen, daß der Junge den Hof noch vor Wintereinbruch verlassen würde. Und dem Bauern ging es nicht anders, denn es hatte Hand und Fuß, was der Bursche aus dem Osten anfaßte. Und er tat sein Tagewerk nicht halb, sondern eher schon doppelt.

»Du bist doch kein Knecht«, sagte Kjarval einmal zu ihm, »gönn dir Ruhe!« Aber Geir hatte nur gelacht und seine Axt weiter auf den kantigen Balken niedersausen lassen, – er zimmerte an einem neuen Stall für die Rinder: »Der Winter wartet nicht, Bauer. Und man denkt weniger bei der Arbeit.«

»Jau«, meinte der Bauer, »aber hast du dir jetzt überlegt –eben – wegen des Winters? Bleib auf dem Hof!«

»Ja, ich habe nachgedacht. Es wird wohl so sein!«

»Bleib, solange es dir gefällt!«

»Jau!«

»Immer, wenn du willst.«

»Ihr scherzt, Bauer.«

»Gefällt er dir nicht, mein Hof?«

»Euer Hof?«

»Hm«, brummte der Bauer nachdenklich und ritt weg. Doch bevor er zum Hof zurückritt, trabte er noch einmal zu dem Burschen hin: »Höre, da läuft ein Hengst bei meiner Herde, Randur, ein roter Schimmel. Es ist ein Teufelspferd. Ich dachte daran, daß du ihn haben könntest, hast du mir doch die Schafe aus dem Berg geholt im Herbst. Willst du ihn haben?«

Die Augen des Jungen leuchteten auf. Er hieb die Axt ins Holz, daß die Späne flogen. »Ist das Euer Ernst, Kjarval à Arnarholt?«

»Ich wollte ihn selbst einmal reiten«, nickte der Bauer, »aber ich bin zu alt für derlei. Siehst du, es ist eben ein Teufelskerl. Einmal hatte ich ihn fangen lassen und in den Stall gebracht, aber andern Tags hing die Tür in Fetzen, und der Rote galoppierte frei in den Bergen. Er versteht keinen Spaß«, lachte er. »Du sollst ihn haben, wenn du ihn unter den Sattel bekommst.«

»Da gehört er mir, Bauer?«

Und als Kjarval wieder nickte, holte Geir Jacke und Mütze aus dem Haus und griff sich den Sattel vom Haken, während der Bauer ihm verblüfft nachstarrte.

»He, wohin?«

»Ich will ihn holen«, schrie Geir zurück.

»Warte noch ein wenig, morgen! Ich werde mit dir hinüberreiten«, brüllte der Bauer. »Morgen also«, lachte er und ritt durch die Umzäunung auf die Steppe hinaus, wo einige Knechte arbeiteten, während der Bursche enttäuscht wieder zu seinem Balken ging und die Axt wieder aufnahm.

»Er ist gerade so ein Teufelskerl«, lachte der Bauer noch hinterher, wie er weitertrabte, »aber er ist richtig. Es wäre ein Kerl für den Hof!« Er wurde dann plötzlich nachdenklich und hatte ein beinahe finsteres Gesicht, als er bei den Knechten anlangte. Schweigend sah er ihnen eine Zeit hindurch zu und ging wieder weg, ohne auch nur ein Wort gesprochen zu haben.

Einar spuckte sich in die Hände und griff nach seiner Hacke, schlug sie in den zähen lehmigen Boden. »Weißt du, was mit ihm los ist, mit dem Bauern?«, und er stieß dabei Magnus in die Rippen, »hm! Der Junge! Ich möchte meinen Kopf verwetten –«

»Halt's Maul!« rief der Altknecht zu ihm hinüber, »du! Aber vielleicht hast du recht!« knurrte er dann und schob sich den Hut aus dem Gesicht, »Jau! Und es wäre nicht das schlechteste, was er tun könnte!«

Der Bauer dachte dasselbe, indem er seinen Rappen nach Hause lenkte.

+++

In diesen Tagen ritt Gudbrandur Steffansson, der Postreiter, in der Richtung auf Arnarholt. Seine Augen schweiften über die Bergketten im Norden und blieben an den dampfenden Schwaden kleiner Geysire hängen, die da und dort in der Ferne standen und einen seltsamen Gegensatz zu dem Gewand des Winters ausmachten, das die Erde trug.

Die großen Postkisten, die der Reiter auf seinen Pferden mit sich führte, knarrten und klapperten auf ihren hölzernen Sattelgestellen, und ein rotes Posthorn, das unter ihren Deckelverschlüssen glänzte, schrie aufdringlich nach Respekt: »Achtung! Ein Beamter, der hier reitet!« Und sie waren auch wirklich nötig, diese Posthörner, am richtigen Platz und beim richtigen Mann. Denn niemand würde in dem mageren Gerippe mit dem schäbigen, verbeulten Hut, nun, verbeult, das wäre noch angegangen, aber er sah aus, als hätte er seinen Erdenwandel überhaupt nicht als Hut angetreten, sondern wäre erst im Laufe vieler Jahre zu einem solchen geworden, keiner also würde in Gudbrandur Steffansson einen Postreiter vermutet haben. Eher schon einen Posträuber vielleicht.

In seinem Gesicht stand eine Nase, die wohl zum Brotschneiden getaugt hätte. Und wirklich! Keiner konnte einsehen, daß Gudbrandur eine solche Nase haben mußte. Abgrundtief lagen ihm die Augen im Kopf und waren außerdem meistens überhaupt nicht zu sehen, wenn da nicht ein kräftiger Windstoß sich erbarmte und die Vorhänge der weißstrahlenben Brauen zur Seite wehte. Gerade diese Brauen waren es, die im Verein mit der Nase dem Gesicht Gudbrandurs eine beinahe umheimliche Note gaben, denn sie schienen die Augenhöhlen völlig zu überkleben und standen wie weiße Inseln in der braunen faltigen Haut. Blind schien er zu sein, der Alte. Und wenn man die Sache von dieser Seite her betrachtete, so neigte man vielleicht dazu, in Gudbrandurs Gesicht sogar etwas wie Würde zu sehen.

Doch weit danebengegriffen. Die Seher des Postreiters waren scharf wie selten. Trotz der Vorhänge! Und auch trotz seines Alters. Und das mit der Würde! Nun, ich kannte ihn zu gut, den alten ledernen Gesellen. Jedenfalls wäre das ein verteufelt hochtrabender Ausdruck für den langen verschmitzten Mund Gudbrandurs gewesen.

Was man nicht alles redete, nun, die Tage waren lang, jetzt im Winter. Die Arbeit rief einen nicht aus dem Bett wie im Sommer und im Herbst. Sicher hatten die Leute nun Muße, sich dies und jenes zu erzählen. Aber der Teufel wollte, daß der lange Gudbrandur oft genug eine gewisse Rolle in diesen Gesprächen zu spielen hatte, viel zu oft. Das konnte schließlich seinen Grund darin haben, daß der Postleiter beinahe die einzige Verbindung darstellte zwischen der großen Stadt im Westen und den einsamen Höfen an der Markar, und daß er darüber zu einer öffentlichen Person geworden war wie nicht viele im Land, den Präsidenten des Allthings natürlich ausgenommen, natürlich! Aber sicher hatte es noch einen anderen Grund daneben, hm. Nun, Gudbrandur konnte zwar keinem braven Weibsbild mehr gefährlich werden, aber er liebte sie nun einmal, verdammt, – er wollte es nie und nimmer wahrhaben, daß er nichts mehr bei den glatten Mädchen zu suchen hätte. Er! Eine Amtsperson!

Nichts konnte Gudbrandur davon überzeugen. Und das ist ja schon allerhand von einem Beweis, wie wenig richtigen Erfolg er auf diesem Gebiet in den letzten Jahren gehabt haben mochte. Wirklichen Erfolg! Denn sonst liebten es die verdammten Töchter Evas, ihn an seinen borstigen Barthaaren zu zupfen und mit ihm Schindluder zu treiben, seit sie seine große Leidenschaft kannten. Und eigentlich, wer konnte nachrechnen, wie lange das schon her war. Jahre! Viele Jahre! Aus Säuglingen waren in diesen Jahren hübsche Mädchen geworden, die mit heißen Wangen den Burschen nachsahen und ihren kecken Blicken nicht mehr auswichen. Und wenn nun gerade kein Bursche um den Weg war, so konnte es geschehen, daß sie auch Gudbrandur mal am Bart zupften, wie ich schon sagte.

So war es.

Der Postreiter ritt also munter vor seinen klappernden Postkisten über das verschneite Land, bis er plötzlich seinen Renner zügelte und aufmerksam nach Norden hinübersah, wo am Fuß der Berge sich einige dunkle Punkte bewegten. Für einen gewöhnlichen Sterblichen waren das Punkte, allenfalls Steine. Für einen Bauern mußten es Pferde sein. Und wenn er schon einen Reiter auf einem der Tiere erblickt hätte, vielleicht auch noch einen dazu oder zwei, so war es von da an noch ein weiter Weg bis zu der Überzeugung, daß einer dieser Reiter vielleicht Kjarval à Arnarholt sein könnte, oder daß er es gar wirklich war.

Gudbrandurs Leidenschaft mußte seine Augen geschärft haben, daß er schon auf weiten Halt erkennen konnte, was Hosen trug oder Röcke, und was dieser war oder ein anderer, denn er hatte kaum diese Punkte bemerkt, als er die Peitsche durch die Luft zog und in einem scharfen Winkel aus seinem bisherigen Kurs fiel. Was tut man nicht, wenn man einen Brief in der Tasche hat, der oben in der linken Ecke ein großes rotes fettgedrucktes R trägt, was soviel heißen sollte wie »rekommandiert«, oder hatte der Postvorsteher nicht so gesagt? So viel wie »wichtig«, immerhin so viel, daß man ihn unter keinen Umständen verlieren durfte, wenn man nicht einen Höllenkrach haben wollte nach der Rückkehr in die Stadt. Hm, und dazu sollte er obendrein noch eilig bestellt werden!

Zwei, drei Stunden hatte er sich deswegen extra von seinem Schlaf abgezwackt in den letzten Nächten, einmal vorne und das andere Mal hinten, und hatte eine gute Gelegenheit vorübergehen lassen, eine außerordentlich günstige, die Thorhild vom letzten Hof in ihre prallen Beine zu kneifen, als sie auf einem Stuhl stand und die Fenster wusch.

»Ein Brief! Hier! Ein Brief! Von Asdis! Seht!« brüllte er dem Bauern zu, der seinen Rappen angehalten hatte, um auf ihn zu warten. Er fuhrwerkte in seinen Taschen herum und brachte endlich aufatmend einen weißen, schmalen Umschlag zum Vorschein, den er mit seinen gichtigen Krallen schmunzelnd dem »Empfänger« überreichte.

Es geschah nicht alle Tage, daß Gudbrandur so deutlich zeigen konnte, was für ein Mann er eigentlich war und wie weit seine Macht reichte. Er rückte sich im Sattel zurecht und räusperte sich: »He, Bauer! Eigentlich müßtet Ihr mir den Brief sofort wiedergeben, denn Ihr habt ihn noch nicht unterschrieben. Unterschreiben müßt Ihr, jawohl, daß Ihr ihn bekommen habt! Denn wo käme sonst die Post hin, hm hm, wenn da die Leute einfach solch einen Brief nehmen. Und vielleicht können sie nachher sagen, daß sie ihn überhaupt nicht bekommen haben!« Dabei breitete er einen gelben Amtswisch auf einer der Postkisten aus, nachdem er ihren unlustigen Träger mit einem scharfen Zügelruck zu sich herangeholt hatte. »Hier müßt Ihr Euren Namen hinschreiben, Kjarval!« Der Stolz knisterte geradezu aus den rötlichen Barthaaren, die wild um die Lippen des Postreiters strahlten. Hatte er nicht gesagt: »Ihr müßt, Bauer! Ihr müßt!« Aber sein erhabenes Gesicht sank jäh wieder in graue Falten zusammen, als Kjarval den Kopf hob von dem kleinen gelben Fetzen und dem postreitenden Beamten seinen blauen abgebissenen Tintenstummel zurückgab.

»Wie steht es mit dir, Gulli?« fragte der Bauer respektlos, »du reitest ja noch wie ein Junger!« Als ob man so etwa einen anredete, der eben noch eine Amtshandlung vorgenommen hat! Gudbrandur richtete sich im Sattel hoch und schien die Berge zu betrachten. Aber dann wandte er sich mit einem Ruck wieder zu dem Bauern. »He, wollt Ihr ihn nicht lesen, den Brief!« rief er, weil er von der Seite gesehen hatte, daß Kjarval den weißen Umschlag in seiner Tasche verschwinden ließ, ohne ihn zu öffnen. »Er eilt! Kjarval å Arnarholt!«

Gudbrandur war beileibe nicht neugierig, aber denke dir, welchen Eindruck es machen mußte, wenn er den andern erzählte: »Ja, da hatte ich einen kleinen Eilbrief für den Bauern, ich fand ihn gerade noch, als er in die Berge reiten wollte. Er war schon zwei gute Stunden von seinem Hof! Welch ein Glück, daß ich ihn noch erwischte, denn seht, hm, was meint ihr, was also in dem Brief stand? Der Bauer kriegte Augen, sage ich euch! Und nachher, nachher.«

Gulli war beileibe nicht neugierig. Aber wozu trug man seine Hörner an den Kisten? Schließlich war man eine Amtsperson! Und hatte man nicht Vertrauen zu Amtspersonen? Natürlich hatte man das! Geradezu eine Beleidigung war es, wenn man einen Brief so mir nichts dir nichts in die Tasche steckte. Und dabei eilte er doch! »Er eilt, Lauer!« sagte er nochmals in strengem Ton, – genau wie der Postmeister in Reykjavik sprach, wenn er einen Untergebenen rief, »vielleicht ist er wichtig! Sicher sogar! Nicht wahr, Geir? Man kann eben nie wissen, was in so einem Brief steckt, in solch einem!« Dabei starrte er den Burschen an, der neben dem Bauern hielt.

Kjarval sah lächelnd auf den eifrigen Alten und holte den Brief wieder aus seinem Mantel. Er riß die papierne Kante ab und zog ein Bündel von Blättern heraus.

Sie schrieb wie immer, das Mädchen. Natürlich gab es nichts wichtiges, das sie schreiben konnte, was sollte es auch sein? Es war herrlich in der Stadt. Doch das wollte sie ihm alles erzählen, wenn sie zurückkäme, denn sie hatte Sehnsucht bekommen nach dem Hof und nach dem Silberschimmel. Ob er richtig fraß und munter war. Und der Rappe?

Aber sie kam nicht allein, – nicht. Denn sie hatte – sie hatte also –. Der Bauer las noch etwas weiter und schob dann langsam den Umschlag wieder in seine Tasche. Er schickte dabei einen Blick zu dem Jungen hinüber, einen seltsamen Blick. Abwesend und unsicher. »He, Gulli, du kommst wohl mit auf den Hof? Es wird dir nicht schaden, wenn du etwas in deinen Magen bekommst. He, hm. Und Geir, – du kannst allein mit Oddur weiterreiten. Du weißt ja, wo der Falbe steht. Viel Glück auch!« Danach setzte er seinem Rappen die Hacken ein und trabte den Weg zum Hof zurück.

Der Postreiter wackelte erstaunt mit dem dürren Kopf, daß der Bauer es so eilig hatte. Aber mit dem Erzählen würde es nun doch nichts werden, denn der Brief schien nichts Gutes zu enthalten, Und Gudbrandur wollte nun doch nicht mit den Sorgen anderer hausieren gehen. »Friede!« grüßte er die Zurückbleibenden feierlich, »he, schneller! Du verdammtes Luder!« Das galt seiner rasenden Stute, die steil die Ohren aufgesteckt hatte, als der Hengst Kjarvals davontrabte. »Bauer! Wartet ein wenig, ich komme mit!« schrie er hinter Kjarval drein.

Die Postkisten schaukelten stürmisch auf den Rücken seiner Gäule und klapperten, als ob Mühlsteine über lockere Dielen hüpften. Oddur spuckte verächtlich in den Schnee, wie er hinter dem postlichen Gespann hersah. »Postreiter, hm, solche Pferde! Hast du schon solche Pferde gesehen? Eine Schande für das Land!«

Wie gesagt, Oddur konnte die Beamten nicht leiden.

»Hast du gesehen, Geir, – der Brief, den Asdis geschrieben hat– ich sage immer, hm, Briefe! Man weiß nie, was sie nun bringen können. Man sollte sie wegwerfen!«

Oddur hatte nie selbst einen Brief bekommen. Aber er konnte Briefe nun einmal nicht leiden.

Der Bauer war nicht schlafen gegangen in der folgenden Nacht. Er hockte in seinem Raum und starrte ins Dunkel hinaus, horchte wohl auch mitunter, ob der Junge mit Oddur noch nicht bald zurückkäme, vielleicht war es ihnen gelungen, den Hengst zu fangen. Geir würde den ganzen Winter vor sich haben, um den Starrsinn des halbwilden Tieres zu brechen und den Hengst unter den Sattel zu bringen, bevor die Arbeit des Sommers im Ernst einsetzte. Und wahrhaftig würde es keine leichte Arbeit sein, bis er soweit gekommen war und das Pferd willig unter seinen Schenkeln ging.

Aber Kjarval horchte vergebens, obwohl die Mitternachtsstunde bereits vorüber war. Er dachte sich danach, daß die beiden wohl kein Glück gehabt hatten mit dem Falben und nun in der kleinen Schutzhütte im Berg den Tag abwarteten, um die Jagd von vorne zu beginnen.

Der langsame Schritt eines Pferdes zog unter seinem Fenster vorüber, daß die Scheiben leise klirrten von den Tritten des schweren Körpers. Kjarval stand auf und versuchte, das Tier zu erkennen, aber er konnte nur noch seinen Schatten sehen, der im Mondlicht auf der mattleuchtenden Schneedecke lag und über die Wehen hinglitt. Es mochte eines von Gudbrandurs Tieren sein. Der Postreiter schlief in dieser Nacht auf dem Hof, und weil er schon in den frühen Morgenstunden weiterreiten wollte, hatte er seine vierbeinigen Kameraden gekoppelt bei den Gebäuden zurückgelassen. Es verging viel Zeit, wenn man die Pferde erst im großen Umkreis aufsammeln mußte, bevor man wegreiten konnte.

Vom Dach herab kam das schläfrige Schreien eines Vogels. Vielleicht war es eine Möwe, oder eine Krähe. Es war irgendein charakterloses halbersticktes Geräusch. Vielleicht war auch die Katze über einen Sperling gekommen, wer konnte es sagen?

Der Bauer stand noch eine Weile am Fenster und sah in das Land hinaus, wo die Berge nur noch wie graue Schatten im Osten standen und alles ausgelöscht war, was am Tage in tausend einzelnen Dingen über der Landschaft lag und sie vertraut machte. Unwirklich und wesenlos hängt alles im schwarzen hohlen Mantel der Nacht. Auch die Gedanken sind andere, als der Tag sie sieht. Schwerer sind sie und drücken, sie schmerzen auch, die Gedanken.

Einmal griff er in seine Rocktasche und holte den Brief des Mädchens aus ihr hervor. Das starke Papier knisterte im Dunkel. Da war also der Brief! Er hatte nur wissen wollen, ob er noch da war, als er in seine Tasche griff. Zu lesen brauchte er ihn nicht. Er hätte im Schlaf noch gewußt, was er enthielt. Die Buchstaben hätte er nachmalen können, steil geschrieben, mit leichter Hand, ungenau und flüchtig, seit heute. Auch die Buchstaben hatten ein anderes Gesicht, seit heute.

Doch zwischen den flüchtigen Zeilen stand ein Schatten, der nicht zu der Schrift passen wollte. Schwer und unbekannt und groß. Es kroch aus den Blättern und klammerte sich an der Brust des Bauern fest, daß sich seine Stirn im Unwillen verdüsterte und eine steile Falte aus der Nasenwurzel heraustrat. Wie die Krümmung einer Sichel zog sich diese Falte auf die rechte Stirnseite hinüber und machte das Gesicht Kjarvals sorgenvoll und müde, und mit jeder Stunde wuchs der Schatten, bis er dunkler wurde als die Nacht, die den Raum füllte. Er griff über den Hof hinaus und reichte bis zu der großen Stadt im Westen und streckte einen mageren Arm nach seiner Tochter aus. Der Bauer starrte finster vor sich hin.

Sie war das Beste, das er besaß. Seine Erinnerung war sie und seine Zukunft. Man durfte nicht mit einigen leichten Federstrichen über diese Zukunft verfügen, weil sie mehr war, als ein unerfahrenes junges Mädchen von ihr wissen konnte. Sie war die Zukunft des Hofes zugleich, und man schrieb nicht das Schicksal von vielen Generationen mit leichten Strichen auf einige lose Blätter.

War sie nicht die einzige, die noch sein Blut trug! Asdis!

Gleich nach der Geburt ihres kleinen Bruders war ihre Mutter neben dem dürftigen Holzkirchlein von Hildarenda begraben worden. Einige Tage später hatte man ihr Grab wieder geöffnet, und was sie der jungen Mutter als Grabgabe hinzulegten, war der Leib des Neugeborenen gewesen.

Der Bauer bekam harte Augen, als er die Vergangenheit wieder ausgrub und die Toten und die Jahre vor sich ausgebreitet liegen sah; die doch seit langem in die Ewigkeit versunken waren.

Er schüttelte seinen grauen Kopf, als er daran dachte, wie der Pastor des Kirchleins auf seinen Hof geritten kam, – es war kaum ein halbes Jahr danach vergangen.

»Der Herr will nicht, daß Ihr in Eurer Manneskraft allein seid, Sigurgeir Kjarval!« sagte er in der Sprache, wie sie den Predigern anhängt. »Es sind viele Frauen im Land, die Ihr Euch wählen könnt. Frauen, die wohl Euer Leben teilen wollen und die Eurer Wahl würdig sind. Laßt Euch neue Frucht schenken aus dem Schoß eines Weibes!«

Aber der Bauer hatte den Kopf abgewandt und verneint.

Keine konnte auf Asdis folgen, die sie begraben hatten.

Und der Pastor war gegangen.

Als er den Sattelgurt um den Bauch seines Pferdes festzog und den Dorn der Schnalle durch den Riemen stach, hatte er sich noch einmal nach dem Bauern umgesehen, der ihm das Geleit gab.

»Denkt an den Hof, Kjarval! Denkt an den Hof!«

Und als der Bauer keine Antwort auf seine Worte hatte, meinte er, schon im Wegreiten, und holte die Zügel seines Pferdes dabei an: »Ein ungewiß Spiel ist es, nur ein Pfand in der Hand zu haben, Bauer! Ein ungewiß Spiel, wenn die Fäuste zu schwach geworden sind, ein zweites oder mehr dazu zu schaffen. Das wollt Ihr bedenken, Kjarval! Denkt an Euren Hof!«

Dann war er weggeritten. –

Über ein Jahr kam der Pastor wieder. Ein Jahr danach.

Die Hände des Bauern spielten nachdenklich mit den knisternden Blättern, die er jetzt vor sich auf dem Tisch liegen hatte, obschon er nicht in ihnen las. Es war zu dunkel im Raum. Die Sichel grub sich tiefer in seine Stirn. Ja, er war wiedergekommen.

Doch sprach er nicht viel beim zweiten Gang.

Kjarval hielt mit seinem Pferd östlich der Farm, wo einige der Knechte dabei waren, einen Abzugsgraben anzulegen, um einen moorigen Strich zu entwässern.

»Ihr habt Zeit, Bauer?« fragte der Pfarrer.

Und Kjarval wandte sein Pferd.

Sie durchritten das weite Gebiet, das zu Arnarholt gehörte. Gedankenvoll saß der Pastor im Sattel und lenkte sein Pferd nachlässig über die Unebenheiten des Bodens. Er hatte weiße Hände, der Prediger, die nicht wohl zu den abgenutzten und verschrammten Zügeln passen wollten, die zwischen ihren Fingern liefen. Kjarval entsann sich, daß diese schmalen Hände einmal über Asdis' Haupt gelegen hatten und auf seiner Schulter – »daß ihr verbunden seid in Lust und Not!« der Bauer entsann sich dessen, als ob es gestern gewesen wäre. Sie standen vor dem Altar des kleinen Kirchleins, der Ton der Glocken hallte vom Gestühl herab, Räuspern kam aus den Kirchenbänken, und vor ihnen stand Sera Egil, legte ihre Hände zusammen und wickelte die Stola um sie.

Der Bauer wußte plötzlich, was er dem Pfarrer entgegnen mußte, wenn er wieder zu sprechen anhob. Aber es war, als hätte Sera Egil seine Gedanken erraten, denn es fiel kein weiteres Wort während des ganzen Rittes. Erst als sie sich trennten, um jeder nach seinem Hof zu reiten, sagte der Pastor leichthin, als wäre es ganz absichtslos gesprochen:

»Schwer, wenn der Winter über dem Land liegt, Bauer!«

Kjarval hatte über die Graswellen gesehen, die sich bis zu den Füßen der Berge hinzogen. Die Spitzen der Halme begannen schon zu gilben. Der Herbst kam über Steppe und Hof.

»Ihr vergeßt den Frühling, Pastor. Folgt der Frühling auf jeden Winter!«

»So habt Ihr Euch endlich entschlossen, Bauer«, sagte Egil überrascht. »Der Herr gebe, daß Ihr glücklich werdet!«

»Ich dachte an meine Tochter«, murmelte der Bauer und richtete seine grauen Augen dabei auf den Pastor.

Das war das letzte Wort geblieben.

Während er nachher allein seinem Hof zuritt, dachte er an Asdis, die blond und licht herangewachsen war wie eine junge Birke. Aus ihren Augen sah ihm die Liebe seines toten Weibes entgegen, das wiedergeboren war in ihrer Tochter. Vielleicht trug das die Schuld daran, daß er kein anderes Weib auf den Hof führen konnte. Und weniger, je höher sie wuchs und mit jedem Jahr der verstorbenen ähnlicher wurde.

Der Bauer stützte müde sein Gesicht auf die Hände. Der Tag wollte noch nicht kommen. Endlos lang waren die Winternächte. Er sah mit geschlossenen Augen das Bild des Mädchens vor sich, ihre hellen Augen und das blonde lichte Haupthaar, das ihr im Eifer oft über die Wangen fiel und schimmernd weich um die Schultern lag, daß er es mit seinen schweren Bauernhänden kaum zu berühren wagte. Oft hatte er das gleiche gefühlt, lange vordem. Als Asdis noch lebte. Die andere Asdis! Lange vordem –

Doch plötzlich verblaßten die hellen Augen des Mädchens, und ihre Züge standen nur noch undeutlich im Dunkel. Sie wurden durchkreuzt von starken kräftigen Linien, die sich formten und zusammenschlossen. Braun füllten sich die Flächen zwischen ihnen und wurden zu Geirs Gesicht. Und je länger der Bauer in diesem Gesicht las, desto freier wurden seine Gedanken, und zuversichtlicher. Und er schalt sich bald seines trüben Sinnens wegen, bis sein Blick sich wieder öffnete und auf die Blätter fiel, die vor ihm auf der Tischplatte lagen. Nüchtern, weiß, klar. Die Blätter schnitten alles entzwei. Grausam und kraß.

»Ich habe mich ihm versprochen, Vater. Du mußt uns deinen Segen geben. Ein Prediger ist er«, – so stand es in den Blättern.

Aber sie hatte nicht an den Hof gedacht, als sie ihm die Hand reichte, und vielleicht – als sie sich ihm gab. In der Stadt im Westen. Und nicht an ihren Vater hatte sie gedacht. Daß seine Hände einmal müde werden mußten. Und der Hof brauchte feste Hände. Fäuste brauchte er! Die harten Fäuste eines Jungen! Er wollte sie bei der Hand nehmen und ihr den Hof zeigen. Er würde von ihrer Mutter sprechen und von dem Glück, aus dem sie hervorgegangen war. War sie nicht noch ein Mädchen! Mußte sie nicht sehen, daß ihr Wille nichts bedeutete angesichts alles dessen, das er geschafft hatte? Und seine Väter vor ihm? Und wenn sie nicht sehen konnte, so sollte sie sehen lernen! Es gab kein Wort außer dem seinen. Und war sie nicht noch ein Kind?

Aber danach dachte er an sein Weib und ihren stolzen starken Sinn, und wußte, daß er dem Mädchen nichts einreden konnte, nichts befehlen, weil sie ihre Tochter war. Selbst mußte sie zum Ziel kommen. Das Land mußte sie rufen, die Steppe, die Berge. Und das Land war gegen die Menschen aus der Stadt. Feindlich war es ihnen und ließ sie nicht heimisch werden, weil es mehr Kraft verlangte, als einer aus der Stadt zu geben vermochte.

Der Tag begann um den Hof zu grauen. Licht floß von den Bergen und kroch zur Ebene nieder. Aber Kjarval saß immer noch am Tisch. Er hatte sich tief über den Tisch gebeugt, daß man nicht sehen konnte, ob er schlief. Im Nebenraum begann Feuer auf dem Herd zu prasseln. Die Mägde hatten sich ans Tagwerk gemacht. Es dauerte danach nicht mehr lange, bis draußen der lange Gudbrandur fluchend seinen Pferden nachrannte und ihnen endlich die Postkisten mit den rotgemalten Posthörnern vor die Kruppen sattelte. Und nach einer Weile sah man ihn mit seinen Tieren über die verschneite Steppe dem Osten entgegentraben.

Da erhob sich der Bauer und ging vor sein Haus, um ihm noch ein Abschiedswort zuzurufen, dem mageren Alten. Der Teufel wußte, daß er ein schweres Handwerk hatte, jahraus und -ein ritt er die halbe Küste ab trotz der sechzig Jahre, die seinen Rücken versteift hatten, in Sturm und Schnee und Regen. Ein treuer Kerl. Aber Kjarval konnte ihn kaum mehr sehen, als er draußen war. Es hatte begonnen zu schneien. Dichte Schleier sanken aufs Land herab. Er hörte nur noch die Rufe durch das Schneetreiben herüber, mit denen der Alte seine Gäule in Fahrt hielt.

Sein ganzes Leben ritt Gudbrandur so den schmalen Reitweg zum Osten, ritt ihn wieder zurück, auf derselben Spur, bis er einmal aus dem Sattel sinken würde und neben seinen Pferden liegenblieb. Es konnte nicht anders sein, als daß der Alte einmal im Sattel starb, der lange Gudbrandur, der die glatten Mädchen über alles liebte.

Der Bauer nickte vor sich hin und hatte ein kleines Lächeln. Die Wolken verschwanden beinahe von seiner Stirn über den Gedanken, die der lederne Postreiter in ihm zum Leben gebracht hatte, der unermüdlich über die Berge und Ebenen Islands trabte.

Fast zur gleichen Zeit wurde es lebendig in der kleinen Hütte, die beinahe unsichtbar am Rücken eines mächtigen Berges lehnte. Erst begann es in ihr zu rumoren, und schließlich hörte man Flüche durch die Bretter herauskommen, und wer jemals den alten Oddur fluchen gehört hat, konnte sich nicht verhehlen, daß die Flüche von ihm stammen mußten, denn Oddur hatte die seltsame Angewohnheit, mit Ausdauer, sozusagen serienweise zu fluchen. Man hätte auch sagen können, daß er mit Genuß fluchte. Und darüber hinaus wollte er eben möglichst lange seine eigenen Worte hören. Für ihn war es wie eine Predigt, wenn er so loslegte. Und in gewissem Sinne hatte er recht damit, denn er sorgte dafür, daß sogar die Namen ganz unbekannter heiliger Personen in seinem Eid vorkamen, insofern war seine Sache also beinahe erbaulich und christlich zu nennen.

Plötzlich brach Oddur jedoch ab, und es hörte sich darauf an, als ob von innen ein Sattel gegen die Tür knallte. Man sieht, Oddur war wach geworden und schritt jetzt zur Handlung. Tatsächlich steckte er auch eine Minute später seinen Kopf durch die Tür und starrte wütend mit seinem lebenden Auge über das schneeweiße unschuldige Land hinaus.

Er wischte sich einmal mit seinem grobtuchigen Jackenärmel über das Gesicht und wollte damit eine symbolische Waschung kundtun. Dann krächzte er wie ein Rabe, dem man einen Bindfaden an den einen Ständer gebunden hat und der doch gerne fliegen mochte:

»Wir reiten also zum Hof zurück! – Oder denkst du vielleicht daran, in einem solchen Wetter auf Pferdefang zu gehen? Etwa? Am besten, wir reiten also sofort zurück!«

Geir fuhr drinnen aus den Decken und in seine schweren Stiefel und kam zur Tür gepoltert.

»Wird nichts daraus, Lieber!« erklärte er kurz und bündig, als er einen Blick über die Berge hingeschickt hatte. »Da ist Schnee«, wies er vor die Tür, »steck ihn in die Kanne und koch den Kaffee. Heute muß er dran glauben, der Hengst. Ich gehe die Pferde holen, und wenn ich zurück bin, wird losgeritten. Also!«

Man konnte leicht sehen, daß Oddur an diesem Morgen keine rosige Laune hatte, und sie wurde auch nicht besser von dem, was der Bursche eben gesagt hatte. Er blieb noch eine Weile brummend im Türrahmen stehen, bis Geir hinter einem kleinen Hügel untergetaucht war. Dann humpelte er in den Schnee hinaus und sammelte mit hohlen Händen von ihm auf, soviel er konnte. Er knurrte auch noch weiter, bis der Schnee über dem Feuer zu kochendem Wasser wurde und der Kessel behaglich zu summen begann. Und weil gleichzeitig mit diesem Summen ein wunderbarer Kaffeeduft durch die Hütte schwebte und gemächlich sogar in der Ecke zu spüren war, wo Oddur sich derweil wieder auf sein Lager niedergelegt hatte, brach er plötzlich seinerseits das Brummen ab. Und am Ende war er sogar nicht übel vergnügt – hoi, heißer Kaffee war doch ein Segen für die geplagte Menschheit. Er machte alles wieder hell und froh, was eine zugige Nacht in der engen Hütte an einem gesündigt hatte. Oder war es nicht wunderbar zu leben, mit der Tasse in der einen Hand und einer Hammelkeule in der anderen? Es schmeckte sogar etwas Sprit aus der Tasse heraus. Sprit, hm! Oddur fühlte sich wohl. –

Aber sein Glückstraum konnte nicht lange dauern. Er richtete vorwurfsvoll sein Auge auf die Tür, die eben aufging. Aufbruchbereit stapfte Geir über ihre Schwelle herein. Er schenkte sich eine Tasse mit dem braunen Saft voll und nahm dem Alten vorsorglich die Hammelkeule aus der Hand. Und während er noch kaute und schlang, stieg er schon in den Sattel und rief aus seiner Höhe: »Es geht also los, Oddur. Los!«

Dem Alten blieb keine Wahl. Er trabte mürrisch zu seinem Gaul und zog sich an seiner Mähne in den Sattel hinauf. Und er brummte schon wieder dabei.

»Hol der Teufel das Wetter und die Hütte und den Burschen dazu!« fluchte er. Aber weil der Bursche nun einmal die Laune hatte, über den wohlgemeinten Morgengruß des Alten zu lachen, blieb Oddur wieder keine andere Wahl, genau wie vorher, und auch er verzog deshalb sein Gesicht zu einem schiefen Grinsen. »Eine gute Miene machen!« nannte er das. Aber ein altes Weib wäre in Gicht gefallen über den Ausdruck um seine Nase herum. Sie ritten danach schweigend den nächsten Hügel an und verschwanden hinter ihm. Arbeiteten sich höher im Berg. Lustig begannen Schneeflocken um sie zu stäuben. Die Umrisse der Landschaft wurden weicher, verschwammen zuletzt. Und es schneite stärker mit jeder Stunde, die sie ritten. Richtig ein Wetter war es, um sich im Sattel vornüberzulehnen und seinen Gedanken freien Lauf zu lassen, während der schwere Körper des Pferdes unter einem durch den Schnee pflügte.

Von Spuren sahen sie nichts. Die Schneedecke lag unberührt, so weit ihre Augen reichten. Nur ihre eigene Fährte stand hinter ihnen. Oddur war richtig zusammengesackt auf seinem Gaul, mit trüben Vorahnungen bis an den Rand seines Pelzkragens gefüllt. Und es lag ja auch ein hartes Stück Arbeit vor ihnen. Erst mußte man die Herde natürlich haben, bevor man den Hengst aus ihr herausfangen konnte, knurrte der Alte, und sicher gingen die Pferde ab wie die Windsbraut, wenn sie Lunte rochen. Dann konnte man von vorne beginnen, einen Tag um den andern.

»Hörst du!« flüsterte Geir plötzlich und hielt an. »Hast du gehört? Da! Jetzt, – jetzt wieder!« Der Alte nahm die Zügel auf und suchte das Gelände ab, aber er konnte mit dem besten Willen nichts erkennen.

»Zu spät«, knurrte der Bursche plötzlich, während Oddur noch seine großen Ohren nach allen Winden wackeln ließ, bis auch er fluchend seinem Gaul die Hacken einsetzte und davonjagen wollte. Aber Geir fiel ihm mit einem schnellen Griff in die Zügel.

»Bleib!«

Aus einer Mulde heraus polterten plötzlich weißverschneite Rücken durch den Schnee, warfen sich in hastigen Sprüngen durch die stäubende Fläche. »Bleib hinter ihnen«, hörte Oddur den Jungen rufen, »ich will ihnen den Weg verlegen.«

Er spuckte grimmig über den Kopf seines Braunen und sah dem Burschen nach, wie er seitlich davonsetzte. Der Braune unter ihm war kaum zu halten. Er riß in den Zügeln, daß der Alte seine äußersten Kräfte aufbieten mußte, um in einigem Abstand von den flüchtenden Tieren zu bleiben, deren Wiehern und Stampfen die Luft füllte.

Nach einiger Zeit sah er Geir in großem Abstand eine Berglehne hochkommen. Er hatte in einem weiten Bogen die Herde umritten und hob nun die Arme zum Zeichen, daß der Alte anreiten sollte, um ihm die Pferde zuzutreiben. An der Spitze der Herde trabte der Leithengst mit flatternder Mähne und schnellen aufgeregten Sätzen, – Raudur, der Rote. Er steilte mitunter wie ein Hirsch über einen Graben und riß den ganzen Strom der dickfelligen Tiere geschlossen hinter sich her, wohin er seine Hufe setzte. »Der und eine Trense«, brummte der Alte und sah mit zwinkernden Lidern zu ihm hin, »Teufel, der hat noch lange keine Trense im Maul.« Es würde wohl nichts anderes übrigbleiben, als die ganze Versammlung der Vierbeiner auf den Hof zu treiben, gute fünfzig Kilometer zurück. Vielleicht konnten sie dann den Roten aus ihnen fangen, im Gatter! Aber hier, hm, jetzt?

Doch plötzlich standen zu seinem Erstaunen die Tiere hart an, Köpfe fuhren zu ihm herüber, Unruhe kam in die losen Gruppen. Es war an der Zeit! Die Kerle hatten bemerkt, daß der Angriff nun von zwei Seiten kam. Doch sie zögerten nur einen Augenblick. Dann entstand vorn in der Spitze eine Bewegung, und wie ein Spuk waren die Tiere in wenigen Sekunden hinter dem nächsten Hügel verschwunden.

Oddur hieb seinem Gaul die Hacken in die Weichen, daß er unwillig und zornig grunzte. Richtig, da kamen sie wieder hoch, näher am Berg als bisher. Sie hatten den Kurs gewechselt! Noch einmal machte die Spitze des Zuges eine Schwenkung, Geir stand drüben aus dem Schnee heraus. Er hatte sich hoch in den Bügeln aufgerichtet. Wie ein Stier brüllte er über die Köpfe der Herde hinweg, daß die Tiere erschreckt und ratlos zu ihm hinüberstarrten.

Er sperrte ihren Fluchtweg.

Nun fing auch der Knecht Feuer. Sein Auge begann zu leben in dem verwitterten Gesicht.

»Er hat sie!« brüllte er plötzlich, als hätte ihn einer von rückwärts mit dem Messer gekitzelt. »Wahrhaftig, die Herde ist auseinandergegangen!«

Das war an sich nicht dasselbe, so oder so, aber es spielte ja keine Rolle, was der Alte brüllte.

Die Herde war zerrissen! Drei Pferde suchten drüben einzeln am Hang hinauf, um über einen scharfen Grat ins Nebental zu entfliehen. Und einer von diesen dreien war der Rote. Er hetzte erst wie eine Gemse in den Hängen hoch, aber allmählich wurde er ruhiger, weil er keinen Verfolger mehr hinter sich sah. Oddur ritt ja zu dieser Zeit noch in weitem Abstand von ihm.

Er stand also, der Rote. Auf groben Geröllplatten im Steilhang hielt er und sah mit unruhigem Kopf nach unten, wo er vorher Geir gesehen hatte. Aber plötzlich zerriß ein heller Schrei die Morgenluft, ein greller Pfiff jagte hinterdrein. Und als der Rote erschrocken seinen Kopf in die Höhe drehte, sah er den Fluchtweg über den dampfenden Grat des Berges gesperrt. Er spähte darauf nach allen Seiten und ließ seine unbeschlagenen Hufe über die Steine tanzen. Mit spielenden Lauschern sah er unten den Alten näherkommen. Da warf er sich seitlich herum, um nach Westen auszubrechen, aber der Fels dort war steil und unzugänglich.

Von oben und aus der Tiefe kamen die beiden Männer geritten. Rasch näherten sie sich! Da stürmte der Rote plötzlich los, querab durch die verschneiten Halden, daß der Schnee wie eine Wolke um ihn flog, einem Gesims zu im Fels, das einen Ausweg zu bieten schien. Aber gleich darauf hielt er schnaubend bei einem hohen Steinblock, der die Fortsetzung des Weges zuriegelte. Er drehte mit funkelnden Lichtern seinen Kopf auf dem kräftig gebogenen Hals und spähte nach einem Ausweg.

Das Gesims war eine Falle. Das hatte er zu spät bemerkt. Blieb kein anderer Weg mehr, als die Reiter zu überrennen, sich schnell an ihnen vorbeizudrängen oder durch ihre Reihe zu brechen. Geir und der Alte kamen schon keuchend auf den Weg zugestürmt, der zum Gesims hinaufführte. Es war nur ein schmaler Felssaum, der kaum Platz für die Tiere bot. Drei Pferde standen hintereinander auf diesem Saum. Drei gegen zwei.

Mit tückischen Augen sah der Hengst auf die Reiter, deren Pferde müde und angestrengt nach der tollen Jagd verschnauften und ihre zitternden Nüstern im kühlen Schnee badeten. Seine Ohren hatte er nach hinten gelegt und schnaubte aufgeregt, daß der Dampf vor seinem Maul stand und die langen einzelstehenden Haare seiner Nase verreiften.

»He, Oddur, sie können uns nicht mehr entgehen!« schrie Geir und starrte bewundernd auf die Tiere, die sich dicht an den Fels gedrängt hatten und mit hohen Köpfen auf sie blickten. »Sie können nicht mehr weiter. Absteigen! Die Seile!«

Oddur warf ein paar kräftige Taue von seinem Sattelbug und kletterte vom Rücken des Braunen. Geir nahm die Seile auf und schritt mit ihnen langsam auf die Wildlinge zu. An dem kräftigen Hals des Rotschimmels spielten die Muskeln. Die Lefzen waren leicht über die Zähne hochgeschoben, wie er es bei Pferden gesehen hatte, die in hartem Strom hinter dem Boot schwammen, wenn man über einen reißenden Fluß setzte. Schaum tropfte aus den Lippen auf die Brust herab und auf die Vorderhand, grüner, flockender Schaum.

Plötzlich gab der Schnee unter dem Burschen nach. Er knickte leicht zusammen in den Knien. Und als er sich mit demselben Schwung wieder erhoben hatte, sah er einen der braunen Kerle in einem Sprung vorbeischießen, und noch einen. Unter ihm brüllte Oddur wie der Teufel und schwang seinen langen Peitschenriemen. Die Pferde standen für einen Augenblick hart auf. Aber dann duckte sich der Knecht mit einer Geschwindigkeit, die ihm keiner zugetraut hätte. Und er tat es gerade noch in der letzten Minute, bevor die beiden über ihn wegsetzten im Sprung.

Die Erregung hatte sie sinnlos gemacht. Aber die Flucht war gelungen, suchend starrte Oddur hinter ihnen her, wie sie sich tiefer schoben im Berg und zuletzt verschwanden.

»Laß sie laufen«, schrie ihm Geir zu, »hier, den Roten, den haben wir! Was liegt an den andern!«

Oddur strich sich brummend die Hinterhand, weil er hart auf einen Stein zu sitzen gekommen war, als er dachte, in weichen Schnee zu fallen.

»Haben wir!« schimpfte er, »hast du ihn vielleicht? Ha?«

»Hast du ihn?« krächzte er noch einmal in heller Wut, als er sah, wie der Hengst in einem kurzen Sprung sich gegen den Reiter aufbäumte, als wollte er ihn annehmen.

Aber da strich Geir dem Roten mit seiner schweren Peitsche über Hals und Gesicht, und der Hengst fiel wieder zurück.

Der Bursche stapfte näher.

Mit leisen Worten, die Raudur beruhigen sollten. Das Toben des Hengstes schien nun der Verzweiflung gewichen zu sein, denn sein Kopf fuhr wie hilfesuchend nach allen Seiten.

Er sah die steile Felswand zu seinen Häupten hinauf und glitt wieder zurück. Dann schien er die Tiefe unter seinen Hufen zu prüfen.

»So, mein Junge! Du mußt ruhig sein, – ruuuhig. Es ist ja doch alles versperrt! Jau, mein Junge! Komm jetzt!«

Auf drei Schritt stand er ihm schließlich gegenüber. Mit gesperrten Hufen der Hengst. Geir hatte sich vorgebeugt. Jetzt hob er die Schlinge an, wollte sie werfen, da schoß der Rote plötzlich in einem verwegenen Sprung über den Felsen hinaus.

»Teufel! Der Teufel!«

Der Fleck war längst leer, auf dem der Hengst gestanden hatte, aber Geir lehnte immer noch an die Felswand gedrückt und hatte auch immer noch die Schlinge in der gehobenen Hand.

»Mach schnell! Er steckt fest!« brüllte plötzlich der Alte von unten herauf, »er sitzt! Gut sitzt er!«

»Hahaha, richtig sitzt er!«

Oddur rannte wie verrückt bergab.

»Alle vier Beine hat er in den Schnee gestochen! Er kann nicht mehr heraus! Da ist er!«

Als Geir einen Stein umging, sah er den Alten im Schnee liegen. Nach allen Richtungen wurde er durchgebeutelt, der arme Oddur. Aber er ließ nicht locker. Und unter ihm schnaubte der Hengst und peitschte das weiße Pulver mit seinem Schweif.

»Das Kopfgeschirr, hol es von meinem Pferd derweil! He, ich habe ihn!« brüllte der Alte in seinem Feuereifer und stöhnte dazwischen von herber Lust, wenn ihm der Rote seinen Kopf gegen die Rippen knallte in seinen Bemühungen, sich zu befreien.

Es war verblüffend einfach gewesen. Der Hengst war in ein tiefes Schneeloch gesprungen, an die drei Meter bergab, und dabei war er mit seinen langen Beinen in ihm versunken. wie ein Blitz hatte der Alte sich über ihn geworfen, hatte ihm den Kopf in den Schnee gepreßt und hielt ihn fest. Es war leicht, den Roten nun zu fesseln.

Etwas anderes war es schon, ihn nachher zum Hof zu schaffen. Aber endlich kam doch die Zeit, wo in sinkender Nacht die Schatten der Häuser von Arnarholt vor ihnen aus dem dunkeln Schnee traten.

Ein kleines gelbes Licht schimmerte noch aus einem der Fenster.

Der Bauer wachte.

»Wir fesseln ihm die Vorderbeine und pflocken ihn an. Das wird genügen.«

Das Gatter der Umzäunung schlossen sie sorgfältig hinter ihrem Gefangenen.

»Raudur soll er heißen«, sagte Geir noch, indem sie mit schweren müden Schritten den Gebäuden zustapften, »wie er draußen kämpfte, der Rote!«

Hinter ihnen schaute der Rote mit traurigen Sehern in die Nacht und in die Berge zurück. Er konnte nicht verstehen, was das geflochtene Hanftau um seine Fesseln bedeuten sollte, es hemmte seinen Schritt und ließ nur kurze, abgerissene Sprünge zu, ein plumpes Hüpfen. Er grub seine starken Zähne in die Fasern des Taues und zerfetzte sie, bis seine Läufe wieder frei waren, aber als er nun losjagen wollte in voller Freiheit, da rückte ihm plötzlich das Eisen ins Maul, daß er stöhnend zusammenbrach. Der alte Knecht hatte den Pflock drei Fuß tief in den Boden gehauen, an dem er angebunden war. Ruhelos trabte der Hengst in der Runde und blieb nur von Zeit zu Zeit stehen, um still und unbeweglich in die Nacht und in die Berge hineinzutrauern.

Als Geir mit dem Knecht in den niedrigen Gang des Hauses eingetreten war, öffnete sich die Tür zu Kjarvals Raum, und der Bauer stand in ihrem Rahmen. Er hielt eine Petroleumlampe in der Hand, wie man sie hierzulande auf den abgelegenen Höfen seit der Zeit der Väter brannte. Ihr gelbes Licht fiel in die Gesichter der beiden und blendete sie nach der warmen Dunkelheit der Nacht. So blieben sie stehen, wo sie gerade standen. Aber als Geirs Augen sich nachdem an den hellen Schein gewöhnt hatten und er weiterschreiten wollte, hielt er von neuem seinen Schritt an und blieb stehen, betroffen von dem müden zerfallenen Ausdruck, der über dem Antlitz Kjarvals lag.

»Hast du ihn, mein Junge«, fragte der Bauer aus seiner Ecke heraus »den Hengst?«

»Es ist ein prachtvolles Pferd, Bauer, ein feines Tier!« antwortete der Bursche und sah auf den Bauern. »Und ich soll ihn haben?«

»Wenn du ihn reiten kannst, Geir«, entgegnete der Bauer lächelnd.

»Glaubt Ihr es nicht?«

»Es war nur ein Scherz«, murmelte Kjarval mit plötzlich veränderter Stimme, »komm herein! Oder bist du müde? Ich habe mit dir zu reden!« Und als der Junge verwundert seinen Worten folgte, deutete der Bauer auf den Brief. »Das ist es, – ich habe mit dir zu reden. Er ist von ihr, der Brief. Von Asdis!« setzte er hinzu und ließ seine kühlen grauen Augen auf dem jungen Burschen ruhen, »du hast sie ja gekannt!«

»Was ist mit ihr?« fragte Geir.

»Sie ist gesund«, sagte der Bauer und nahm seine Augen wieder von dem Burschen.

»Sie will nun kommen!« sagte er noch dazu und ließ sich schwer in einen Stuhl fallen. Er schwieg dann und wartete darauf, daß der Bursche etwas sagen sollte. Grübelnd starrte er auf die zerknitterten Seiten des Briefes, nahm sie mit seinen harten Bauernhänden vom Tisch und ließ seine Blicke noch einmal über die Linien laufen, mit denen sie beschrieben waren, bis er die Worte fand, deretwegen er nun die zweite Nacht auf die Rückkehr des Jungen gewartet hatte.

»Ja, es geht ihr gut.« Er räusperte sich, als er das gesagt hatte und fuhr mit den Fingern über sein graues Schläfenhaar. »Hm, also – da schreibt sie, daß sie kommen will.«

Geir sah bald auf den Bauern und wieder auf den Brief und konnte sich nicht zusammenreimen, warum Kjarval so sorgenvoll auf die Blätter sah. Als er den Kopf hob, wandte ihm der Bauer fast gleichzeitig sein Gesicht zu und öffnete den Mund, um zu sprechen. Aber er sagte doch nichts, sondern schob nur mit einer unwilligen Bewegung den Brief auf den Tisch zurück und schien nachzudenken. Geir betrachtete sein müdes Gesicht und die Hände, die schwer auf der Tischplatte lagen, schwer wie das ganze Wesen des Bauern an diesem Tag. Er hatte ihn noch nie so gesehen.

»Was ist mit dem Brief, Kjarval å Arnarholt? Freut Ihr Euch nicht, daß Eure Tochter kommt?«

Doch der Bauer gab keine Antwort.

»Habt Ihr schlechte Neuigkeit?« fragte er am Ende, der Bursche.

Kjarval löste eine seiner gekrümmten Hände vom Tisch und wehrte ab. »Wie sollte ich mich nicht freuen. Über ein Jahr ist sie nun fort! Es ist nun über ein Jahr, daß sie mich bat, daß sie reisen dürfte, hinüber zu den Däneninseln. Sie wollte fremde Menschen sehen und das Meer und die Welt! Die große Stadt!« Dann brach er ab.

»Sie war gerade aus dem Osten gekommen, von Erlingur, dem Arzt, – damals also.«

»Ich habe mir gedacht, Junge«, fuhr er nach einer Pause fort, »sie ist meine Tochter, siehst du, die einzige. Und du kennst den Hof und – ich habe also gedacht, daß du einmal Bauer auf diesem Hof sein würdest!« stieß Kjarval plötzlich hervor und sah ernst auf den Jungen: »Du! Hast du nicht dein Erbe verloren – und – sie ist ein Mädchen und braucht jemanden, der nach dem rechten sieht. Eine Frau kann den Hof nicht halten. Siehst du!«

»Bauer –«

»Rede nicht!« befahl der Bauer barsch. Aber das habe ich wohl noch nicht gesagt: der andere ist ein Prediger – he – ein Pfaffe –. Ist kein Bauer wie du und ich!«

»Von wem sprecht Ihr, Kjarval å Arnarholt!«

»Von ihm«, sagte der Bauer langsam, »und von dem Mädchen!«

»Von wem?«

»Lies den Brief! Du kannst ihn lesen.«

»Lies ihn!« wiederholte er und schob ihm die Seiten hinüber, »bist du nicht so gut wie einer von der Familie! Nicht? Doch! Du bist es!« stieß er dann hervor. »Jetzt bist du es! Lies! Beim Teufel!«

»Habe ich nicht gesagt, daß du ein Bauer für den Hof sein würdest«, murmelte er noch, »und jetzt, da hat sie sich mit einem versprochen. Ich will nicht umsonst gearbeitet haben, das will ich nicht. Es soll nicht wahr sein!«

Er sah wieder auf den Jungen, der die Blätter in den Händen hatte und doch nicht las in ihnen.

»Was soll ich lesen, Bauer«, sagte er gepreßt und reichte ihm die Seiten zurück, »Was sollte ich! Habt Ihr nicht gesagt, was in dem Brief steht?«

In steifer Haltung saß er am Tisch und sah an dem Bauern vorbei zum Fenster. Es war das erstemal, daß sie zusammen von Asdis sprachen. Ein und das andere Wort war gefallen, wohl, etwa so: »Greye frißt nicht mehr richtig, seit das Mädchen weg ist.« Greye war das graue Pferd, eine weiche Stute, die das Mädchen oft geritten hatte. Auch damals war sie dabei gewesen, in Sandfell. Unterm Vatna.

»Auch damals!« nickte der Bursche vor sich hin. »Da hatte es angefangen. – Und jetzt?« Er wußte nicht, daß er laut gesprochen hatte.

»Jetzt?« echote der Bauer.

»Ich dachte nur, Kjarval.«

»Was?«

»Zuerst sah ich Asdis in Sandfell, über ein Jahr ist es nun. Sie würde mich kaum wieder kennen!«

»Pah«, machte der Bauer wegwerfend.

Geir schwieg.

»Sie hat von dir gesprochen, als sie zurückkam«, sagte Kjarval nach einer Weile, »das hat sie.« Dabei schickte er wieder einen prüfenden Blick zu dem Jungen, dem ein feines Rot in die Wangen gestiegen war. Doch Geir sah zur Seite, als er die alten Augen auf sich fühlte. »Sie sprach gut von dir!« fügte Kjarval hinzu. Und endlich: »Es war das erstemal, daß sie zu mir von einem Burschen sprach. Vorher hatte sie das nie getan.«

»Es geht jetzt um den Hof, Junge! Hätte ich sonst mit dir geredet! Hätte ich vielleicht?«

»Nein, Bauer.«

Er verfiel in Schweigen darauf, der Alte. Es gab nichts weiter zu sagen über diese Sache.

»Geh jetzt!« nickte er nach einiger Zeit zu dem Burschen hinüber, »es ist spät geworden. Geh!«

Und der Junge schritt hinaus, zu der Gesindestube hinüber, wo Oddur am Tisch saß und mit vollen Backen kaute.

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