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Die Islandreiter

Artur Jost Pfleghar: Die Islandreiter - Kapitel 3
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typefiction
authorArtur Jost Pfleghar
titleDie Islandreiter
publisherPaul Neff Verlag
year1939
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III

Weit im Westen lag der Hof Kjarvals, des Bauern von Arnarholt. Unabsehbare Grasflächen dehnten sich um die kleine Erhebung, die die Hofgebäude trug, und zogen sich einige gute Meilen nach West und nach Osten, wo sie durch den Lauf der Markar, eines breiten Stromnetzes, von dem angrenzenden Sandgebiet getrennt wurden.

Kjarval war einer der Ersten unter den Bauern des Landes. Sein Wort wurde selbst im großen Thing der Isländer gehört, und die Bauern der Umgebung kamen zuerst zu ihm geritten, wenn es um eine wichtige Sache ging, die einen von ihnen oder alle zugleich betraf, – eine Sache, die wohl und bedächtig überlegt sein wollte.

Und Kjarval hatte die Achtung, die sie ihm entgegenbrachten, nicht etwa nur seinem Besitz zu verdanken, wie man es meist finden kann. Natürlich waren einige tausend Schafe und gut dreihundert Pferde, die in den Bergen liefen, wohl geeignet, einem Mann Ansehen zu geben, – hier dienten sie höchstens dazu, die Stellung zu unterstreichen, die Kjarval unter den Bauern der Insel und bis hin zu den Beamten der Regierung inne hatte.

Er war ein großer hagerer Mann, der Bauer, und wog seine Worte sorgfältig, ehe er sie an diesen oder jenen gab. Und wenn er sich im ??? allthing Althing des Volkes von seinem Platz erhob, weil er etwas zu sagen hatte, so sandte er einige Gedanken lang seinen grauen Blick wie forschend über die Männer, die mit ihm berieten, und auf das Volk, das zu der Versammlung gekommen war. Er stützte seine harten Bauernfäuste dabei auf den Tisch, vor dem er saß, und sah sich um. Erst dann sprach er, wenn die Gesichter aller bei ihm waren und warteten. Wohl!

Hatte er einen Gegner im Thing, so sagte er nicht: »Dies ist kein ganz richtiger Weg, den man eingeschlagen hat, und er müßte so sein – oder so. Und ich denke mir, daß man – vielleicht –«

Er stand auf und stand also und stemmte die Fäuste auf die Platte vor sich und rief: »Olafur Björnsson – du bist nicht im Recht mit dem, was du sagst. So muß es sein! – So!« Und er sprach dann langsam weiter und ließ seine Augen nicht von dem Manne, den er geziehen hatte. Selten war es geschehen, daß er dann nicht die runde Zustimmung der andern fand.

Aber aus seiner Schweigsamkeit zu schließen, daß er nun etwa ein finsterer Geselle war, – einer, von dem man nicht viel Gutes zu erwarten hätte, einer, der zuerst an sich dachte – das wäre ein verhängnisvoller Fehler gewesen. Kjarval war ein Spiegel des Landes, das ihn und seinen Hof umgab. Aus ihm sprach das Land.

Vor vierzig Jahren hatte er seinen Hof aus den Händen des Vaters übernommen. Vierzig Jahre Kampf und Sorgen lagen dazwischen, warum sollte er da nicht einem der grauen Balken gleichen, die die Eckpfosten seines Hauses ausmachten, wetterhart und starr und schweigend.

Doch natürlich kann ein solcher Vergleich nur dem Äußeren gelten. Der Oberfläche! Der Haltung! Kjarval war ein Mann, dem gleichwohl ein starkes Herz unter den Rippen pochte und dessen Blut genau so heiß werden konnte und so leidenschaftlich, wie das jedes andern. Aber ich glaube kaum, daß viele sich rühmen konnten, Kjarval von dieser Seite zu kennen. Aus seinem Gesicht war niemals viel zu lesen, ob da nun ein Mann vor ihm stand und über alltägliche Dinge mit ihm sprach oder ob das Weib eines seiner vielen Knechte ihm stolz ihren Jüngsten zeigte und ein anerkennendes Wort von ihm haben wollte, es war dasselbe, Und doch ging jeder von ihm, als hätte Kjarval ihm einen ganzen Bund von Worten und Versicherungen gegeben. Der Bauer hatte nun gesehen und gehört und dachte darüber nach, was in einer Sache zu tun war, – gerade in der seinen. Man konnte ruhig Tag und Stunde abwarten, da der Bauer kam und sagte:

»Ja, Pjetur – das also hab' ich mir gedacht. Du mußt das so anfassen – von der Seite! Dann wird es richtig sein!«

Oder er wandte sich an das junge Weib: »Hm, dein Jüngster, das ist ein Kerl, ein Prachtbengel. Den hast du richtig fertigbekommen.«

So war Kjarval.

Eine Eigentümlichkeit hatte der Hof von Arnarholt in den Augen der Knechte und Mägde und der Leute, die in weiten Abständen da und dort auf einem Gehöft saßen. Sie hing nicht genau mit dem Hof zusammen und gab ihm doch ein anderes Gesicht, von den Menschen aus gesehen, die nie ihre engere Heimat verlassen hatten: die einzige Tochter des Bauern war weit in der Ferne zu dieser Zelt – nicht etwa nur auf einem fernen Platz der Insel oder auf den Westmännerbergen, die südlich Islands sich aus dem Meer heben, so hoch und steil, daß man sie bei klarem Wetter selbst vom Hof aus sehen konnte.

Nein, Asdis war über das Meer gefahren, viele Tage weit, bis zu der Königsstadt, in der mehr Menschen wohnten, als man auf der ganzen Insel finden konnte.

Es mußte eine große und vornehme Stadt sein, wenn selbst der König in ihr sein Schloß hatte, der König der Dänen. Und die Tochter des Bauern lebte nun in derselben Stadt.

»Sie kann den König Auge in Auge sehen!« hatte Kristin einmal gesagt, die so alt war, daß die meisten nicht mehr zählen konnten, ob es nun wirklich stimmte. Obendrein sah sie aus wie der Tod selbst, denn sie trug nur noch dünnes mageres Fleisch auf dem Leib und eine welke Haut, die so zerknittert war wie ein Stück Papier, das man in der hohlen Hand zusammenballt und es danach wieder entfaltet. Aber das mußte man ihr lassen, daß sie wie niemand anders das richtige Wort fand für alles.

Die Leute hatten zwar den Kopf geschüttelt, als die alte Kristin ihnen das erzählte, das mit dem König, aber einige Wochen danach war der Postreiter auf dem Hof gewesen und hatte dem Bauern Briefe aus der Stadt gebracht, und auf einen dieser Briefe waren Marken aufgeklebt, die man hierzulande bisher nicht gesehen hatte.

Dieser Brief war von Asdis gekommen, übers Meer. Als Kjarval ihn öffnete, fiel eine Postkarte heraus, die das Bild eines großen, schlanken Mannes mit vielen glänzenden Orden trug. Und der Bauer sagte nachher – »der König, hm« – ja, das sagte er! Und da war es richtig der König.

»Habe ich es nicht gewußt!« sagte der Alte, wie sie wieder einmal mit den Leuten zusammenstand. »Also der König! Wißt ihr, wie das werden kann? Wißt ihr?«

Und als die andern es nicht wußten, senkte sie ihre brüchige Stimme, daß sie schier geisterhaft an die Ohren der andern kam: »Und wenn er sie nun – habe ich nicht gesagt, daß es immer etwas Besonderes war mit Asdis – wenn er sie nun – heiratet?«

Gerade in diesem Augenblick humpelte ein alter Knecht an der Gruppe vorbei, die mit offenen Mäulern um die Alte sich geschart hatte. Etwas gebückt humpelte er vorbei und schickte nur einen schrägen blinzelnden Blick zu den Leuten hinüber. Und plötzlich lachte er laut heraus, denn er hatte gerade noch etwas von Kristins Worten erwischt. »He – altes Gerippe – he!« lachte er, daß ihm die Tränen kamen.

»Ein Gottloser!« kreischte die Alte, »selbst dem Pastor widerspricht er. Dem Herrgott stiehlt er die Tage! Und dem Bauern das Brot! Der fadenscheinige Heuchler! Hört nicht auf ihn! – Wißt ihr, was er tut«, flüsterte sie hinterher, »he – wißt ihr es? Er schreibt in ein Buch! Kann er denn schreiben, sage ich, der Tagedieb! Kann er –«

Sie fuchtelte mit ihrem Stock hinter dem Rücken des Knechts, der weitergehumpelt war, und senkte dann ihre Stimme zu einem leisen Gemurmel. Weiß der Teufel, was sie nun wieder wußte, die Leute sandten seltsame Blicke hinter dem Alten her.

Ja! Kristine hielt die Stellung. Und sie bestrafte hart, muß man sagen, wenn einer es wagte, mit einem wegwerfenden Lachen an ihr vorüberzustelzen.

Eine Weile stand sie noch und blickte mit glitzernden Augen hinter dem Knecht drein. Ihr faltiger Mund war hart und scharf wie ein Messer, wie der Mund eines Richters, der eben ein Urteil gesprochen hat, – vom Leben zum Tod.

Dann schaute sie wieder auf die Leute im Kreis und prüfte ihre Gesichter, ob sie etwa Schaden genommen hätten durch das Lachen des Alten, – ich meine, ob sie vielleicht den Respekt verloren hätten. Aber sie schien befriedigt von dem Ergebnis, denn sie stemmte ihren Stock wieder wie ein Schlachtschwert vor sich in den Boden und sagte dann: »Als sie noch so klein war, die blonde Asdis, da habe ich sie schon gestreichelt!« Alle schauten dabei auf den Stock und danach an der großen mageren Alten hinauf. »Hm, so klein! Und nun! Der König!« flüsterte sie, aber es war eine würdige Gelassenheit in diesem Geflüster, wie es sich eben geziemte für ein solches Wort. Sie schaute darauf gleichgültig an sich hinab und zog sich einen schwarzen Faden aus ihrem Wollschal, den sie sich im Herbst gesponnen hatte und danach gestrickt. – »He, jetzt streichelt sie vielleicht der König!« Sie knüllte den Faden zusammen und warf ihn weg, und das hieß nun wieder: »Eh, da rede ich vom König! Aber seht, ich reiße mir dabei einen Faden aus dem Schal und werfe ihn weg, werfe ihn weg! Pah, der König!«

Die alte Kristin wußte sich Achtung zu verschaffen. Alle waren stumm im Kreis. Kristin hielt die Stellung!

Der Alte, der eben vorüberging, war übrigens Oddur gewesen. Er war schon seit einem Jahr auf Kjarvals Hof. Nicht ein volles Jahr gerade, denn der Heumonat war erst vor kurzem gewesen. Aber es ging wieder auf den Winter zu, – jedenfalls war der Sommer vorbei.

Er ging noch gebeugter seit dem Unglück, das ihm sein Brot genommen hatte und ein ruhiges Alter an dem Ort, wo er ein Leben lang gearbeitet hatte und an dem alle seine Erinnerungen hingen. Unablässig sprach er vor sich hin, wenn er allein war, und führte dabei manchmal seine hageren Arme durch die Luft. Und gerade das hatte die alte Kristin mißtrauisch gemacht, denn was hatte ein armseliger Knecht durch die Luft zu fuchteln wie die Herren, die manchmal von der Regierung auf den Hof kamen, um mit dem Bauern zu sprechen. Ein Knecht! Das konnte nicht mit rechten Dingen zugehen.

Es kamen wieder Tage dazwischen, wo er niemanden zu sehen schien und wie ein Gespenst durch den Hof schlich, und wenn einer dann etwas von ihm haben wollte, so nickte er nur mit dem Kopf oder wies mit den Fingern zur Seite. Das war dann seine ganze Antwort auf alles. Es war nicht viel! Als der Bauer ihn einmal fragte, ob ihm etwas fehle, – das war in der ersten Zeit gewesen, – hatte er auch geschwiegen wie ein Stein. Und wenn auch der Bauer diese stumme Antwort mit einemmal verstand und an den Hof dachte im Osten und die Leute, die mit ihm begraben worden waren, und an den Sohn des Bauern, von dem niemand wußte, wo er sich befand, und sich dachte, daß der Alte Heimweh hatte nach alledem, – die alte Kristin hatte sich ihr Teil gedacht, und es kann ja kaum ein Mensch so unbarmherzig denken wie ein altes Weib, das schon in seine Grube sieht und das eigentliche Leben nicht kennengelernt hat Zeit ihres Daseins.

»Reit nach Arnarholt hinüber«, hatte der Junge zu Oddur gesagt, als es so weit war mit dem Sandfellhof und sie nur noch die Mur statt der Hütten fanden und keinen Tuchfetzen von einem Leben. »Hier kannst du nicht bleiben«, hatte er noch gesagt, »und auch bei mir nicht. Reit also hinüber, denn das ist ein großer Hof, und sie werden immer noch etwas für dich haben, Brot und Arbeit! Ja, reit nach Arnarholt! Und nimm den Rappen mit. Er gehört ja dem Mädchen – dem Mädchen! Ja!«

»Und was tust du?«

»Nun –«

»Was willst du tun?« hatte Oddur noch einmal gefragt. Doch der Junge schwieg.

Sie standen immer noch auf der Mur, die seine Heimat barg und alle die Menschen, die zu ihr gehörten. Sie mußten nun mit atemleeren, zerdrückten Körpern in der Erde liegen und konnten sich nicht wieder aus ihr befreien. Der Berg lag über ihnen und hielt sie auf den Boden gepreßt, daß sie nicht einmal ihre Gesichter wenden konnten, und so würde es immer sein. Sie würden warten und warten, und doch würde es keinen Tag mehr für sie geben und kein Licht. Sie würden vergebens warten eine Ewigkeit hindurch.

»Glaubst du, daß sie alle tot sind?« fragte Geir mit einemmal den Alten. »Vielleicht lebt noch einer » und vielleicht wartet er nun, – und wartet –«

»Pah«, machte Oddur und rückte etwas zur Seite, wo er stand. Aber er schaute unwillkürlich auf die gelben Lehmbrocken unter seinen Füßen und die Steine, die zwischen ihnen verstreut lagen, und trat dann ganz in Gedanken wieder einen Schritt weiter, weil er vielleicht einem weh tun konnte, der unter der Erde lag. Aber danach schalt er sich einen Dummkopf, denn über dem Hof lag ja jetzt ein Berg, ein neuer Berg, und es mochten einige fünfzig Meter sein, bis weit in der Tiefe drunten ein paar zermalmte Leichen lagen. Er drehte seinen Priem im Munde hin und her und wollte ihn dann ausspucken. Doch kam er nicht soweit, denn er besann sich im letzten Augenblick, daß man nicht auf die Gräber der Toten spuckte, wenn auch kein Zeichen über ihnen stand, das sie als Totenplatz kundgab.

Es war nun schon lange her, daß sie auf der Mur gestanden, dachte der Knecht, während er zu der großen Scheune hinüberhumpelte, oder besser zu dem Stall für die Milchrinder, der an sie angebaut war. Er sollte nach einer kranken Kuh sehen, die dort auf dem Lehmboden lag und seit bald zwei Tagen nicht mehr aufstehen wollte. Hm! Das hatte der Bauer gewollt, denn ein alter Knecht verstand mehr vom Vieh, ein Alter wie Oddur, als all die halbwüchsigen Burschen und die alten Weiber zusammen. Aber er hatte seine Gedanken noch nicht zu Ende gebracht, als er in den dunklen Stall hineinging und zum Stand der Kuh, die stöhnend und keuchend auf der Torfstreu ausgestreckt war. Er dachte weniger an die Kuh, obwohl er jetzt dicht vor ihr stand und ihr schwitzendes Fell roch, sondern er spazierte immer noch im Osten herum. Und immer noch auf demselben Platz. Dort, wo er den Sohn seines Bauern zurückgelassen hatte.

Er wäre damals nicht weggegangen von ihm, wenn Geir es ihm nicht befohlen hätte. »Einer schlägt sich leichter durchs Leben als zwei zusammen. Und er findet auch leichter Arbeit!« Aber das war alles nur eine Rede von dem Jungen gewesen, die den Alten gefügig machen sollte.

»Warum reitest du nicht mit? Sagtest du nicht, es sei ein großer Hof?«

»Warum kommst du nicht mit mir?« hatte er nochmals gefragt, als der Bursche schwieg und mit finsterem Gesicht in die Berge hinaufsah, in denen jetzt eine helle Bruchfläche stand, die Stelle, von der aus die Felsen ihre Wanderung begonnen hatten.

Er bohrte weiter mit seinen Fragen, als der Bursche immer noch nicht antwortete, bis Geir ihn schließlich barsch anfuhr: »Was geht's dich an. Warum fragst du? Warum kümmerst du dich darum? Kann ich nicht tun, was ich will? Und brauche ich dir Rede zu stehen?«

»Wenn es so ist, – so!« hatte der Alte traurig erwidert und kletterte in den Sattel, »hm – so!«

Der Junge hatte ein blasses Gesicht gehabt, als er Oddur die Hand gab. »Es waren nicht deine Eltern –« sprach er mit heiserer Stimme, »ich muß allein sein, siehst du!«

»Aber wirst du nicht kommen? Soll ich nicht auf dich warten?«

»Reit allein.«

»Wirst du nicht kommen, Geir?« fragte der Alte wieder und hielt sein Pferd zurück, das auf der Trense kaute und Schaum vor dem Maul hatte, »– nicht?«

»Einmal, – einmal werde ich schon kommen!« stieß der Bursche hervor und schickte seine Augen rund über den frischen Hügel, weil der Alte nicht sein Gesicht sehen sollte. »Reit zu!«

»Sei gesegnet!« knurrte Oddur und gab die Zügel frei. »Ich warte auf dich! Drüben in Arnarholt!«

»Sei gegrüßt und gesegnet!« erwiderte der Junge zum Abschied und blieb neben seinem Hengst stehen, bis der Alte schon bald den Fluß erreicht hatte.

Oddur sah ihn immer noch stehen. Für ihn stand er immer noch auf der Mur, unter der die Toten des Hofes lagen. Es war das letzte Bild, das er erblickt hatte von ihm, als er sich nach ihm umgedreht hatte und den Arm zum Abschied hob.

Seither war ein Jahr vergangen, und Geir war noch nicht gekommen, und er hatte auch nichts anderes von ihm gehört, als daß er auf einem Hof gearbeitet hätte während des Winters, als Knecht. Doch mit der ersten Sonne im Frühling sei er in die Berge geritten, in die Berge.

»– in die Berge!« murmelte der alte Oddur und starrte auf die Kuh hinab, die den Kopf nach ihm umdrehte und ein klägliches dumpfes Brüllen ausstieß.

»Halt dein Maul!« schrie der einäugige Alte entrüstet in das Gebrüll hinein. »Jau!« Oder glaubst du, daß du allein Grund hast, zu schreien – puh! He, warum schreist du nun eigentlich?« brummte er noch hinterdrein. »Laß sehen!«

Aber er konnte nichts weiter an dem armseligen Hornvieh entdecken. Vielleicht war es die Lunge, die dem klagenden Tier zu schaffen machte. Oder die Leber? Man mußte noch ein wenig zuwarten und sehen. Für alle Fälle ließ er drüben in der Küche einen großen Eimer mit warmem Wasser fertigmachen und mischte ein wenig Kleie und Terpentin in die Brühe. Die Kuh sträubte sich ja nicht wenig, als er ihr danach das Maul aufriß und den Eimer darüber ausstülpte, daß ihr der Saft zu beiden Seiten auf das Brustfell rann. Sie starrte ihrem Arzt mit großen vorwurfsvollen Augen nach, als er darauf brummend aus dem Stall humpelte und etwas knurrte von Weibern und dummen Kühen, mit denen kein Mensch etwas anfangen könnte.

Der Tag war erst im Werden, als er diese Arbeit hinter sich hatte. Es war um die Mitte des Morgens, und er mußte zusehen, daß er noch zu einem Häppchen Handwerk gelangte für den Rest des Tages, denn er wollte nicht umsonst das Brot des Bauern essen. Für den Augenblick gab es allerdings nichts zu tun. Er war wohl zu der breiten Scheune hinübergelaufen und stand mit zwinkerndem Blick vor ihren großen Torflügeln still. Trat noch einen Schritt näher, um besser sehen zu können, hing nicht eine der Türen schief in den Angeln? Vielleicht hatte sich ein Nagel im Rahmen gelöst? Er kramte in seinen tiefen Taschen und brachte einen starken vierzölligen Nagel ans Licht, einen Hammer noch dazu. Aber als er nun an den Holzleisten rüttelte, die die Türe umgaben und hielten, – pah, die saßen fest wie noch nie. Er mußte sich getäuscht haben. Hier gab es nichts zu tun.

Er hockte sich danach vor der Scheune ins Gras und ließ die Augen in den Himmel klettern, angefangen von den Halmspitzen, die sich in den Horizont zeichneten und leicht im Winde schwankten, bis zu einigen leichten Wölkchen, die im Zenith schwammen. Eben schickten sie sich an, über den Sonnenball hinwegzuwandern, und ein breiter matter Schatten flog über das gewellte Land und die duftenden Wiesen, die den Hof umgaben. Die Farben erloschen.

Der Alte dachte nach.

Da sprang plötzlich Hufgeklapper in seine Gedanken hinein. Und als er sich umdrehte, schoben sich einige Pferde in schnellem Trab den lehmgelben Reitweg hinauf, der zu Kjarvals Haus führte. Die Pferde hatten wild die Köpfe hochgeworfen und stachen aufgeregt mit ihren Käufen über den Boden. In ihren Sätteln hockten ein paar junge Reiter mit sonnverbrannten Gesichtern und verstaubtem Zeug. Die Kerle mußten von weither geritten kommen, sah es aus.

Oddur richtete sich ein wenig auf aus dem Gras und starrte zu den Leuten hinüber, die vor dem Hauptgebäude aus dem Sattel sprangen und im Haus des Bauern verschwanden. Aber mit einemmal stand er auf und humpelte mit schnellen Schritten los, hinüber zu den Pferden. Auf halbem Weg blieb er stehen, als wollte er seinem alten verkniffenen Auge nicht trauen und sah zweifelnd auf ein Tier, das eben mit schleifenden Zügeln aus der Reihe der andern heraustrabte und einer Stelle zuschritt, wo das Gras üppiger und fetter wuchs als auf dem niedergetretenen Platz vor dem Haus. Der Alte stolperte weiter über Gräben und Fässer, – der Falbe! Ist das nicht der Falbe?

Einen gellenden Pfiff stieß er durch die Finger und hielt wieder an. Aber der Falbe kümmerte sich nicht um den Knecht, unbekümmert lief er drauflos und hatte nur die saftigen Gräser im Auge, bis plötzlich der Alte bei ihm war und ihn am Halfter hatte. Aufgeregt fuchtelte er mit seinen dürren Armen in der Mähne des Tieres herum, daß der Staub wie eine kleine Wolke aus den Haaren stob. Das Pferd legte die Ohren zurück und wollte steigen, es hatte immer noch nicht verstanden, wer der Kerl war, der da plötzlich auf ihn zugelaufen kam und ihn in den Haaren riß und wie närrisch auf die Rippen klopfte, die noch weich waren vom Satteldruck und höllenmäßig schmerzten. Aber Oddur drückte ihn mit einem vielgeübten Griff auf die Erde zurück, und dann hörte der Falbe plötzlich ein Wort, das ihn aufhorchen ließ: »Geir – Geir.« Der Alte mit dem leeren Auge mußte ein Freund sein.

Er stand mit einemmal ruhig und bewegte nur lauschend die kurzen gedrungenen Ohren. Schließlich faßte er sogar mit seinen gelben Zähnen den Alten am Ärmel und schnupperte mit offenen weichen Nüstern. Es roch vertraut, das Tuch! Es roch nach dem Hof, den sie einmal nicht wiedergefunden hatten im Osten. Der am gleichen Tag verschwunden war, als die Erde zu zittern und zu rollen begann. Gut roch das Tuch.

Oddur sah gespannt auf das Pferd und das Spiel in seinem Gesicht. Gerade als er wieder zu sprechen anheben wollte, rückte der Falbe plötzlich näher und rieb seinen schönen Kopf an der Schulter des Knechts.

»Hehe, Alter, heee«, brummte Oddur und strich ohne Aufhören über den Hals des Hengstes mit seiner ungefügen schweren Hand, »weißt du nun, hast du nun gemerkt? Aber wo hast du den Jungen gelassen, – den Jungen?«

Drinnen saß Kjarval á Anarholt inzwischen seinen Knechten gegenüber und hatte ein Gewitter über den Falten seiner Stirn.

»Ihr sagt, daß es unmöglich ist, zu ihnen hinüberzukommen?«

Magnus, der eine der Knechte, zuckte die Schultern: »Hm, Bauer, schwer für einen einzigen Mann. Der Fels ist steil gerade an dieser Stelle, keine Stufen, keine Griffe!« Er sah sich dabei nach seinem Kameraden um, der hinter ihm stand und bedächtig den langen Riemen seiner Peitsche in den ungeschlachten Händen umherwand und Knoten in ihn flocht.

»Aber der Fremde meinte, daß man es wagen könnte, wenn man genügend Seile hätte. Und die Schafe brauchten dann nicht verloren zu sein. Er verstehe sich auf derlei, meinte er. Aus dem Osten sei er –«

»Der Fremde? Von wem redest du denn?«

»Keiner kennt ihn, Bauer. Er war plötzlich einmal vor meinem Zelt und frug, ob wir Seile hätten.«

»Wo kam er her?«

»Wir wissen es nicht. Er sagte, er hätte ohnedies eine Rechnung mit dem da – hm, mit dem Berg!«

»Mit dem Berg?«

»Ja«, sagte der Knecht und sah ungewiß auf den Bauern, »wir meinten auch zuerst, es sei nicht ganz richtig mit ihm, im Kopf«, – Magnus wartete einen Augenblick, ob der Bauer etwas dazu zu sagen hätte, – »aber nachdem sprach er wieder ganz vernünftig, und er sagte auch, daß er sie herausholen wollte. Wir sollten auf den Hof reiten und Seile holen. Da hat der Altknecht uns reiten geheißen, wir sollten uns noch vor Abend auf den Rückweg machen.«

Der Bauer sah nachdenklich vor sich hin. Er hatte seine Fäuste auf die breite Tischplatte gelegt und schien die Knöchel der Finger zu betrachten. Dann schloß er die Hände zusammen, daß es in ihren Gelenken krachte.

»Es ist nicht wert, daß einer seine Haut dabei wagt. Am Ende sind es nur Tiere. Wieviele, sagtest du?«

»An die sechzig! Aber wir konnten sie nicht genau zählen. Man kann die Stelle im Berg nicht einsehen.«

Der Bauer stand auf. »Geht jetzt und laßt euch Essen geben. Ich werde mitkommen!«

»Es ist ein schwerer Ritt, Bauer, einen Tag, nachher noch die ganze Nacht hindurch«, wandte Magnus ein und schob mit einer schwerfälligen Bewegung seinen Stuhl zur Seite. Er war so müde, daß er wie betrunken auf den Dielen schwankte, jetzt, nachdem er eine Zeitlang still gesessen hatte. Die Beine wollten ihm nicht mehr gehorchen.

»So. Nun geht. Macht euch fertig, wir werden frische Tiere holen müssen, aber das läßt sich während des Reitens machen, die Herde steht nicht weitab vom Weg. Läßt sich ordnen!«

Er ging zur Tür danach und wollte die Mägde rufen, aber wie er die Hand auf die Klinke legte, wurde sie von draußen geöffnet, und Oddur stand atemlos auf der Schwelle, daß er um weniges dem Bauern auf den Leib rannte.

»Der Falbe, Bauer!«

»Der Falbe?«

»Es ist Geirs Hengst!« Er lief an Kjarval vorüber zu den beiden Knechten hin: »Wo habt ihr ihn her, den Falben?« brüllte er sie an, als Kjarval mit seiner harten Faust nach ihm langte: »Was hast du, Alter? Was gibt's?«

»Geirs Pferd ist draußen!«

»Geirs –? So, nun red aus und laß uns dann zufrieden, wir haben keine Zeit, reiten in den Berg, stehen sechzig Schafe auf dem Spiel!«

»Ich würde ihn unter Hunderten wiedererkennen, – die Narbe am Maul und der kleine gelbe Hornfleck am Huf.«

Kjarval baute sich drohend vor ihm auf.

»Und was soll das? Jetzt?«

Oddur starrte dem Bauern mit seinem einen Auge ins Gesicht, seine dünnen Haare hingen ihm wild in die Stirn: »Natürlich wißt Ihr von dem Bergsturz, jedes Kind weiß davon. Und habe ich Euch nicht alles selbst berichtet? Säße ich hier und äße Euer Brot, wenn nicht, – he, wenn nicht – habt Ihr nicht Thorgrimur Trygvasson selbst gekannt, den Bauern?«

»Ein andermal, Oddur. Keine Zeit«, wollte ihn Kjarval beruhigen, »wir müssen reiten.«

»Das ist es gerade. Ich will mit Euch reiten, Bauer. He, wo habt ihr ihn gesehen?« brüllte er wieder den beiden Burschen zu. »Geir, – Geir Thors!«

»Geir!« tat der Bauer verwundert, »was redest du von ihm?«

»Von ihm, ja, – von ihm«, schrie Oddur, »von ihm rede ich. Aber Ihr wolltet es ja nicht hören!«

»Er sagte, wir sollten den Falben reiten, waren nicht alle Pferde zur Hand.«

»Wer sagte es?«

»Nun, der Fremde!« knurrte Magnus und blinzelte den Bauern an, »da nahmen wir den Falben und ritten los!«

»Wo ist er jetzt?«

»Bei den Schafen wartet er, bis wir zurückkommen!«

»Ich reite mit euch«, rief der Alte und wollte zur Tür.

»Du?« sagte Magnus gedehnt.

»Wir haben keine Zeit zu verlieren«, sagte der Bauer. »Nun, du kannst mit uns reiten«, setzte er nach einigem Nachdenken hinzu und wandte sich, um zu gehen.

»Hol Odinn von der Weide, meinen Rappen«, befahl er noch in der Tür, »zäum ihn auf! Und laß dir Mundvorrat geben von den Mägden.«

»Laßt mich den Falben reiten, Bauer!«

»Wir müssen neue Pferde nehmen für den Ritt«, brummte Kjarval.

»Ich kenne ihn, Bauer, es macht ihm nichts, solch ein Ritt! Nichts. Er ist stark, der Falbe!«

»Reit ihn«, sagte der Bauer und ging.

Sie ritten in den Abendnebel hinein und gönnten den Pferden kaum eine halbe Stunde Zeit, um sich auszuruhen, als der Bauer schon wieder den Befehl zum Aufbruch gab.

Nach einer Weile begann der alte Oddur im Sattel zu brummen und zu murmeln und hielt den Kopf schief auf die Seite, als ob er Musik vom Himmel vernommen hätte, wie ein feines Läuten und Klingen lag es über den Bergen im Norden. »Hört Ihr, Kjarval, hört Ihr?« sagte er einmal und hielt sein Pferd an. Ja, er hatte schon lange gehört.

»Hier müssen noch Schafe sein!« brummte Oddur wieder. Kjarval schwieg darauf, bis er nach einiger Zeit den Kopf hob und aufmerksam nach vorne sah.

»Wir haben es geschafft«, sagte er mit einem, »dort vor uns sind sie«, dabei zeigte er mit ausgestrecktem Arm auf die sanften Hänge eines Berges, »dort ist die Herde!«

»Es kann nicht sein«, schrie der eine der Knechte, »sie müssen noch weit im Berg sein!« Aber gleich darauf senkte er beschämt den Kopf, daß er so voreilig geredet hatte, denn in diesem Augenblick stieg eine ganze Wolke von Geschrei und Blöken auf und flog ihnen mit dem Wind entgegen. Und was den Reitern beim Näherkommen zu Augen kam, konnten ja nicht gut Steinblöcke sein, weil Steine nicht in den Halden herumliefen und mit den Stummelschwänzen wedelten. Und sie bauten auch keine Zelte, weil sie das weiß Gott nicht nötig hatten.

Zwischen den Zelten waren dazu noch Pferde zu sehen, die ruhig über das Gras schritten und weideten. Und vor einer der Blahen saß ein ganzer Haufen von Männern, die sich erhoben und die Hüte schwangen, als sie die Reiter drunten im Tal bemerkt hatten. Alles in allem schien nicht gerade eine Begräbnisstimmung unter ihnen zu sein, denn sie schickten fröhliche Rufe aus der Höhe herab.

Magnus und Helge, die beiden Knechte, die hinter einem Haufen von Seilen in den Sätteln saßen, mit denen man nun die wildgegangenen Hammel aus dem Berg heraufziehen wollte, hoben überrascht die Köpfe und glaubten zu träumen, denn drüben schwang sich ein Mann in den Sattel und kam die Halden herabgeritten. Und als er nähergekommen war, sahen sie, daß es kein anderer als Thorkill war, der mit dem Fremden im Fels zurückgeblieben war und noch einen Tagesritt fast von ihnen entfernt sein mußte, wenn alles seine Richtigkeit haben sollte.

»So ist es!« lachte der Altknecht, als er nähergekommen war und den andern auseinandersetzte, was er zu berichten wußte. Einfach genug war es gewesen, und der Bauer konnte gleich wieder zurückreiten, wenn er Lust hatte, denn die Schafe hatten sie wieder herausgeholt aus dem Dreck. Wozu hatte man die Zäume und Bauchgurte und Zeltschnüre, konnte man nicht ein handfestes Tau daraus fertigen? Das hatte der Fremde gesagt! Nun, es war ja nicht jedermanns Sache, meinte Thorkill und schickte dabei ein Grinsen zu Magnus hinüber, weil der am lautesten davon geredet hatte, daß man die Schafe Schafe sein lassen sollte und den Fels den Fels, und seinetwegen sollte alles der Teufel holen, ehe sich ein anständiger Kerl das Genick deswegen brach. Es war also nicht jedermanns Sache, meinte er, sich an ein solches Tau zu hängen, denn natürlich konnte es leicht reißen. Aber es war nun eben nicht gerissen, als der Fremde daran über den Fels hinauskletterte und eines nach dem andern der Schafe drunten festband, bis sie beinahe alle Tiere wieder auf festem Boden hatten.

»Einige der Tiere hatten zwar die Läufe gebrochen, und wieder einige waren schon tot gewesen, als der Fremde drunten angekommen war, aber sonst war alles gut abgelaufen –«

»Das war so!« fügte der Altknecht abschließend hinzu und dachte an den langen Kerl aus dem Osten, der ihm mit seiner waghalsigen Kletterei in zwei Stunden das Grauen beigebracht hatte, daß er noch nächtelang davon träumen würde.

»Los!« befahl der Bauer, als er den Bericht gehört hatte und ritt die Halden hinauf, wo die übrigen Knechte warteten. Auf halber Höhe sah er bereits den alten Oddur bergauf traben.

»Geir! Geir Thors!« hörte er ihn rufen und blickte mit einem leisen lächeln dem Alten nach, der wie ein Wilder im Sattel herumrutschte und mit den Armen fuchtelte. In seiner Aufregung hatte er dem Falben die Zügel über den Hals geworfen und ließ ihm unablässig seine dürren Beine gegen die Rippen prasseln, »Geir Thors, Geir Thors!«

Mit fliegender Eile ließ er sich droben aus dem Sattel und lief auf einen der Burschen zu, »da bist du gekommen, Geir!«

»Jau!« sagte der Lange gerührt, als er die zuckenden alten Hände des Knechts in seinen Fäusten spürte. Er beugte sich zu dem Alten hinab und legte seine Arme um ihn, wie es die Sitte der Väter war, »jau, Oddur, da sind wir! Hast du es gut gehabt in der langen Zeit, seit wir vom Hof sind? Jau!« schloß er unvermittelt und zog die Stirne kraus.

Plötzlich war es ihm wieder ganz nahe, das Geschehen, das ihn zum Bettler gemacht hatte und ihm das Erbe nahm und seinen Vater. »Jau!« murmelte er wieder und sah an dem Alten vorbei, den er noch in seinen Armen hielt. Da gewahrte er seitlich die hohe Gestalt des Bauern von Arnarholt, der auf ihn zugeschritten kam. Kühle, graue Augen in einem scharfgeschnittenen Gesicht. Er hob überrascht den Kopf, denn es war ihm nicht anders, als ob sein eigener Vater ihm dort entgegenkäme. Die gleiche Gestalt und derselbe Gang. Starr sah er dem Bauern entgegen.

»Der mußte es sein!« dachte Kjarval seinerseits, »der Sohn Thorgrimur Truggvassons! Der Sohn eines Bauern!«

»Du hast mir einen großen Dienst erwiesen, Geir Thors«, sagte er langsam und sah dem Burschen ins Gesicht.

»Redet nicht davon, Bauer! Ihr hättet wohl dasselbe getan! Eile tat not, wenn die Tiere nicht umkommen sollten. Da dachte ich an die Gurte und Zäume. Es konnte ja lange dauern, bis Eure Knechte zurück waren vom Hof. Zwei Tage! Wer weiß, was in zwei Tagen geschehen konnte.«

Die Knechte hatten um den Bauern aufgeschlossen und hörten zu, wie er mit dem Fremden sprach.

»Deinen Vater kannte ich, Geir!« sagte der Bauer in seiner langsamen, bedächtigen Art, »du bist aus dem gleichen Holz wie er. Man könnte stolz auf dich sein!«

»Meinen Vater –«

»Ich weiß, Junge!« nickte Kjarval à Arnarholt, »weiß! – Es nützt nicht, zu trauern. Und die Toten stehen nicht mehr auf. Und jeder von uns hat einen zu betrauern, der seinen Mund nie mehr öffnen wird. Jeder von uns! Aber über den Toten steht doch das Leben.«

»Komm auf meinen Hof!« fügte er plötzlich hinzu, »warum kamst du nicht schon vor einem Jahr? Hat nicht mein Bruder dir gesagt, der Arzt, daß du kommen solltest? Aber du gingst in die Berge! Konntest du nicht wissen, daß du auf Arnarholt willkommen warst?«

»Wohl, Bauer«, nickte Geir und sah auf Oddur, der wie unklug zu grienen begann, als er die Worte des Bauern hörte.

»So komm, du wirst mir sein wie ein Sohn!« sagte Kjarval und sah unverwandt auf den Burschen, der lang und knochig vor ihm stand.

»Der Bauer hat recht«, warf Thorkill, der Altknecht, in das Gespräch, »und er meint, was er sagt, wenn er Euch bietet, so nehmt!«

»Überlegt es wohl!«

»Ich will zum Osten zurückreiten, zum Hof!« gab der Bursche Zur Antwort.

»Zum Hof?«

Die Knechte sahen von einem zum andern.

»Er ist doch meine Heimat. Man könnte ihn aufbauen. Erst eine Hütte, wieder eine. Ich bin noch jung!«

»Du hast Zeit, darüber nachzudenken, Geir Thors«, sagte der Bauer und reichte ihm die Hand, »brecht die Zelte ab, Leute, wir reiten zurück!«

Allerorts sanken die Blahen zur Erde nieder, die Knechte liefen nach ihren Pferden und warfen ihnen die Lasten über ihre Kruppen; Hunde jaulten in das Treiben hinein. »Du kommst mit zum Hof jetzt, denk' ich mir«, sagte er noch einmal mit gedämpfter Stimme zu dem Jungen.

Und Geir nickte.

Den ganzen Tag hindurch ritten sie hinter dem gelben Fluß von trippelnden Füßen und wolligen Rücken. Eine Wolke von Staub zog mit den müden Reitern bergab, bis die Ebene im Süden sich vor ihnen auftat und weit in der Ferne die Gehöfte von Arnarholt herübersahen.

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