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Die Islandfischer

Pierre Loti: Die Islandfischer - Kapitel 7
Quellenangabe
typefiction
authorPierre Loti
titleDie Islandfischer
publisherPhilipp Reclam jun
year
firstpub
translatorE. Bagge
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
created20080430
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Zweiter Teil.

1.

Diese isländische Sonne hatte sich an Farbe und Aussehen verändert, und eröffnete den neuen Tag mit einem unheimlichen Morgen. Sie war gänzlich von ihrem Schleier befreit und zeigte große Strahlen, die sich wie Lanzen über den Himmel legten und schlimmes Wetter prophezeite. Es war in den letzten Tagen auch gar zu schön gewesen, als daß es nicht ein Ende nehmen müßte.

Der Wind blies in die vielen Schiffe hinein, als fühlte er das Bedürfnis, sie zu zerstreuen und das Meer von ihnen zu befreien; sie segelten auch schon so eilig fort, wie ein Heer, das sich auf ungeordnetem Rückzug befindet und um der Drohung zu entfliehen, die in der Luft geschrieben stand und über deren Bedeutung kein Zweifel war! Es blies immer stärker und durchschauerte Menschen und Fahrzeuge. Die noch kleinen Wellen liefen einander nach und thaten sich zu Gruppen zusammen; sie waren wie marmoriert mit weißem Schaum, der auf ihrer Höhe erst graupelnd niederfiel und dann als Gischt aufspritzte; man hätte glauben mögen, daß er darunter brennte und kochte, und das Rauschen und Zischen nahm von Minute zu Minute zu.

An Fischfang dachte jetzt niemand mehr, nur an Leitung der Schiffe. Die Angelgeräte waren längst weggeräumt. Sie alle beeilten sich fort zu kommen, die einen gedachten in den westlichen Fjorden Schutz zu suchen, andere versuchten noch die Südspitze von Island zu umschiffen, und zogen es vor, sich der hohen See anzuvertrauen, wo sie freien Raum hatten, sich vom Wind treiben zu lassen.

Noch waren sie für einander in Sicht, und da und dort tauchte hinter fernen Wolkenbergen ein Segel auf – ein armseliges, kleines, nasses Ding zwar, das sich aber brav aufrecht hielt, wie die Schiffchen, welche sich Kinder aus Fliedermark machen und die immer wieder aufstehen, wenn man sie umbläst.

Die Wolkenmasse, die sich in Inselform vor den westlichen Horizont gelagert, löste sich nun von oben her in Wolkenfetzen auf, die am Himmel dahinflogen, und deren Vorrat schier unerschöpflich schien; der Wind zog sie bald in die Länge, bald in die Breite, um sie endlich zu großen düsteren Flächen von weiter Ausdehnung zu gestalten; der Himmel zeigte jetzt ein helles Gelb von kaltem Ton, das sehr durchsichtig war.

Der Wind blies immer stärker, und wie er droben die Wolken jagte, so brachte er im Wasser immer größeren Aufruhr hervor.

Der Kreuzer war nach Island zu gefahren und die Fischerboote auf dem wilden Meer allein geblieben, das immer bedrohlicher ward und eine schreckliche Färbung zeigte. Aus den Schiffen beeilte man sich, alles für den Sturm in Bereitschaft zu setzen; die Entfernung zwischen ihnen ward immer größer und bald verloren sie einander ganz aus dem Gesicht. Die gekräuselten Wellen folgten eine der anderen in zunehmender Schnelligkeit, bäumten sich auf, türmten sich übereinander und zwischen ihnen bildeten sich grausige Tiefen.

Welch unheimliche Veränderung binnen wenigen Stunden! wo gestern lautlose Stille geherrscht, da toste jetzt der Sturm. Wozu dieser Aufruhr der Elemente, die sich zu blinder Zerstörung rüsteten?

Vom Westen her kamen schwere Wolkenmassen, die sich aufeinander türmten und den Himmel verdüsterten. Zerrissen die Wolken, so sandte die Sonne Strahlengarben hindurch, und das jetzt grünliche Wasser war vom Schaum gestreift, wie ein Zebrafell.

Zum Mittag war die »Marie« vollständig für den Sturm gerüstet und die Segel eingezogen; sie hob und senkte sich mit einer Leichtigkeit, als tanzte sie spielend über die Wellen dahin, wie die Delphine, denen es im wildesten Sturm am wohlsten ist. Nur das Focksegel war aufgesetzt, und, wie der seemännische Ausdruck heißt, floh die »Marie« vor dem Sturm, der hinter ihr her raste.

Es war so dunkel geworden, daß der Himmel einem erdrückenden geschlossenen Gewölbe gleich war, an welchem tiefgehende Wolken wie schwarze Flecke aussahen. Man mußte ruhig hinschauen, um zu erkennen, daß an dieser unbeweglich scheinenden, ungeheuren Wölbung alles in Bewegung war, und die Wolken in wilder Flucht dahin jagten, von neuen und immer dunkleren gefolgt.

Immer schneller floh die »Marie« vor dem Sturm – und auch der Sturm floh, als gälte es, einem grausigen Geheimnis zu entfliehen. Schiff, Meer und Wolken, alles befand sich in einem rasenden Taumel, einer wilden, sinnlosen Flucht. Die Geschwindigkeit des Windes war am größten; in zweiter Linie kam die der Wogen, welche das schnelle Schiff beständig überholten und ihre weißen Kämme darüber wegzuschlagen strebten. Die tapfere »Marie« lavierte aber geschickt, und die Furche ihres Kielwassers bildete ein Hindernis, an dem sich die Wut der Wogen brach.

Merkwürdig, daß man bei diesem Wirbel die Empfindung der Leichtigkeit hatte: stieg die Marie mit den Wellen in die Höhe, so ging das so leicht, als hebe sie der Wind, und ging es bergab, war es nichts anderes, als ein sanftes Gleiten, das nur den Schiffskörper so erbeben machte, wie man den scheinbaren Sturz der »russischen Schaukel,« oder einen jähen Fall im Traum empfindet. Die Wasserberge hinab ging es in tiefe dunkle Schlünde, die ihrerseits auch in Aufruhr waren und wütend in Schaum und Gischt am Schiff empor strebten und dann in nichts zerstoben. War es einer Sturzwelle entgangen, so kam schon die nächste, noch größere, hinter ihm her, durchsichtig grün und sich hoch aufbäumend, schien ihr Brausen auszudrücken: »Warte nur; sobald ich dich erwischen kann, begrabe ich dich unter mir!«

Aber nein; sie hob die »Marie« nur auf ihren Kamm, wie man durch Achselzucken eine dort ruhende Feder weiterblasen konnte; sie rollte unter dem Schiff weg und grub sich brausend ihren Weg in die Tiefe. Und so ging es fort, immer toller und ärger, die Wogen nahmen an Größe zu, kamen in ganzen Reihen, wie Gebirgszüge daher, deren Thäler Grausen einflößen mußten. Dazu verdunkelte sich der Himmel immer noch mehr.

Ein gefährlicher Sturm, bei welchem es aufpassen hieß! so lange man jedoch Raum zum Fliehen vor sich sah, mochte es noch gehen. Die »Marie« hatte gerade dies Jahr in den am meisten westlich gelegenen Fischereigründen verbracht, nun sie der Sturm pfeilgeschwind nach Osten zu vor sich her jagte, machte sie unbeabsichtigt gleich ein gutes Stück des Rückwegs.

Yann und Sylvester standen am Steuer; sie hatten sich mit den Gürteln festgebunden und sangen immer noch ihr Lied: »Jean-François von Nantes.« Von der wirbelnden Bewegung um sie her berauscht, sangen sie aus vollem Hals, lachten darüber, daß sie vor dem Tosen des Sturmes einander nicht mehr hörten, und es machte ihnen Spaß, den Kopf zu wenden und gegen den Wind zu singen, bis ihnen der Atem verging.

Aus der halbgeöffneten Luke tauchte eben das bärtige Gesicht des Kapitäns so plötzlich auf, daß es aussah, als wollte ein eingesperrtes Teufelchen aus seiner Atrappe schnellen.

»Ist wohl ein bißchen dicke Luft bei euch da droben, Kinder?« fragte er.

Nichts weniger als das, diese Luft! Sie hatten keine Furcht, Yann und Sylvester, denn sie wußten genau, was zu geschehen hatte und wieviel sich überhaupt thun ließ, dazu vertrauten sie auf die Festigkeit des Schiffes, auf die Kraft ihrer Arme und auch auf den Schutz der Jungfrau Maria, ihrer Patronin, die seit vierzig Jahren unten im Schiffsraum auf dem Wandbrettchen, immer lächelnd über den Blumensträußen stand, und manch schweres Unwetter mitgemacht hatte.

Jean-François von Nantes,
Jean-François,
Jean-François!

Weiter als ein paar hundert Meter konnte man nicht sehen, dort schien in unbestimmbarem Grauen alles aus zu sein. Man glaubte sich inmitten eines abgeschlossenen Raumes, dessen Aussehen beständig wechselte, obwohl der Wasserstaub, der mit ungeheurer Schnelligkeit flog, das Sehen erschwerte und unklar machte. Von Zeit zu Zeit zerrissen die Wolken im Nordwesten, wo der Wind umspringen konnte, dann schossen Streiflichter über die dunkle Wölbung des Himmels, die ihn nun noch schwärzer erscheinen ließen, und einen Blick auf das unendliche Meer gestatteten, das schreckliche, schaumgekrönte Wogen heranwälzte. Bei solch einem Ausblick in kurz andauernder Helle konnte sich wohl das Herz zusammenschnüren: gab er doch einen Begriff von der Unermeßlichkeit der Region, inmitten welcher der Mensch allein war unter der entfesselten Wut der Elemente.

Es herrschte ein wahrer Höllenlärm, und wie mit tausend Stimmen brüllte es von oben, von allen Seiten, aus der Tiefe herauf, und sie alle trachteten den Menschen zu betäuben und ihm Schrecken einzuflößen, ihn zu blenden und seine Kraft zu lähmen.

Das Toben des Sturmes nahm zu und die Wogen fielen über das Schiff her, als wollten sie es verschlingen; sie türmten sich zu unsinniger Höhe auf und trotz der schweren Wassermassen zeigten sie höchst unregelmäßige Formen, davon grünliche Wasserfetzen niederfielen, die der Wind nach allen Seiten hin verspritzte. Mit dumpfem Knall schlugen die Sturzwellen auf die Schiffsbrücke und die »Marie« erbebte davon, wie in körperlichen Schmerzen. Infolge des herumspritzenden weißen Gischtes konnte man endlich gar nichts mehr unterscheiden, und der heulende Wind bildete Wirbel davon, die er aufwärts führte, wie den Straßenstaub im Sommer. Dazu fiel jetzt noch ein starker Regen in schrägen, fast wagerechten Streifen, der schmerzhaft ins Fleisch schnitt, als würde es mit Riemen gepeitscht.

Yann und Sylvester hatten Mühe, sich auf den Füßen zu halten, obwohl sie festgebunden waren; ihre Teerjacken waren hart und glänzend wie Haifischfelle, denn alles Wasser lief an ihnen ab, und sie hatten sie an Hals, Handgelenken und Knöcheln mit geteerter Schnur zugebunden, damit kein Wasser eindringen konnte. Wurde der Regen allzu heftig, so krümmten sie einmal den Rücken und stemmten die Füße ein, um sich aufrecht zu halten. Die Haut ihrer Wangen brannte aber und der Atem ging keuchend. So oft eine Welle klatschend auf sie niedergegangen war, blickten sie einander an und lächelten darüber, wie viel Salz sich in ihren Bärten angesammelt hatte.

Die unaufhörliche Wut des Sturmes zu ertragen, ward aber mit der Zeit ungemein anstrengend! Bei Menschen und Tieren erschöpft der Zorn sich mit der Zeit und vergeht, das rasende Toben der Elemente aber, das ohne Ursache und Ziel ist, kann lange währen, und erscheint uns so geheimnisvoll, wie Leben und Tod.

Jean-François von Nantes,
Jean-François,
Jean-François!

Noch immer kam das alte Lied über die bleich gewordenen Lippen, aber matt und klanglos, wie von Zeit zu Zeit halb unbewußt wieder aufgenommen. Das Übermaß von Getöse und Bewegung erzeugte endlich Taumeln, und so jung und kraftvoll beide auch waren, so verzerrte sich das Lächeln endlich zum Grinsen, der Körper bebte so, daß die Zähne aufeinander schlugen, und die Augen blickten starr unter den brennenden und zuckenden Lidern hervor. Wie zwei Marmorsäulen standen sie da, an das Steuer festgebunden, fast ohne noch denken zu können; die blaugefrorenen und verkrampften Hände machten aus reiner Gewohnheit der Muskeln noch die nötigen Bewegungen. Ein Rest ursprünglicher Wildheit regte sich in den zwei Menschen, die da um ihr Leben kämpften, und mit den wassertriefenden Haaren und verzerrtem Mund sahen sie ganz schrecklich aus.

Sehen konnten sie einander nicht mehr, sie hatten nur das Bewußtsein, daß sie noch da waren, Seite an Seite standen. In den gefährlichsten Augenblicken, so oft sich eine haushohe Woge hinter ihnen aufrichtete und mit Brüllen und Krachen auf das Schiff schlug, erhoben sie unwillkürlich eine Hand, um das Zeichen des Kreuzes zu machen. Sie dachten an nichts mehr, weder an Gaud noch ein anderes Weib, noch ans Heiraten. Der Sturm hatte allzu lange gewütet und die Denkfähigkeit gelähmt, sie fühlten nur noch die wirbelnde Bewegung, in der sich alles befand, Übermüdung und Kälte. Das waren nur noch zwei Säulen erstarrten Fleisches, zwei wilde Tiere, die sich instinktiv an ihrem Steuer anklammerten, um nicht fortgerissen zu werden und umzukommen.

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