Projekt Gutenberg

Textsuche bei Gutenberg-DE:
Autoren A-Z: A | B | C | D | E | F | G | H | I | J | K | L | M | N | O | P | Q | R | S | T | U | V | W | X | Y | Z | Alle
Gutenberg > Pierre Loti >

Die Islandfischer

Pierre Loti: Die Islandfischer - Kapitel 6
Quellenangabe
typefiction
authorPierre Loti
titleDie Islandfischer
publisherPhilipp Reclam jun
year
firstpub
translatorE. Bagge
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
created20080430
projectid3b5adcd0
Schließen

Navigation:

6.

Es war etwa einen Monat später, im Juni.

Um Island herrschte das seltene Wetter, welches die Matrosen »weiße Stille« zu nennen pflegen, eine so absolute Windstille, als gäbe es gar keine Bewegung mehr in der Luft.

Der Himmel hatte sich mit einem großen, weißen Schleier überzogen, der sich gegen den Horizont zu in Bleigrau verdüsterte, das matten Zinnglanz trug. Und die regungslosen Wasser darunter warfen einen matten Spiegel zurück, der den Augen weh that und ein Gefühl von Kälte erzeugte. Ungeachtet der Bewegungslosigkeit des Wassers huschten beständig mattglänzende Reflexe darüber hin, die so seine Kreise hervorbrachten, als hauchte man gegen einen Spiegel; die ganze weite Wasserfläche schien bedeckt von schleierfeinen, unbestimmten Mustern, die sich fortwährend veränderten, unter einander liefen und schnell wieder verschwanden.

Man hätte kaum sagen können, ob es Abend oder Morgen war; eine Sonne die nicht mehr unterging und kein Zeitmaß mehr gab, stand immer da, als wollte sie Zeuge der matten Strahlung einer leblosen Öde sein; sie selber war nur noch ein mattscheinender Kreis, fast ohne Umrisse, nur durch einen trüben Hof ins Ungeheure vergrößert.

Yann und Sylvester fischten Seite an Seite und sangen »Jean-François von Nantes« dazu, ein Lied, das kein Ende nimmt, über dessen Eintönigkeit sie sich sogar noch belustigten und sie zu beleben suchten, indem sie beim jedesmaligen Wiederbeginn der Strophe sich einander anblinzelten und eine neue Betonung hineinzulegen suchten. Dann lachten sie über diese etwas kindische Spielerei, setzten sie aber vergnügt fort. Ihre Wangen waren gerötet von dem kräftigen Salzwasser und mit voller Brust atmeten sie die belebende, jungfräuliche Luft ein, diese Quelle aller Kraft und alles Daseins. Und doch war alles um sie her so tot, als wenn man am Ende aller Dinge, oder die Welt noch nicht geschaffen wäre. Das Licht spendete keine Wärme, und unter dem Blick dieses großen gespenstischen Sonnenauges nahmen sich alle Dinge leblos und wie auf alle Zeiten in Erstarrung versetzt, aus.

Der Schatten, welchen die »Marie« auf das Wasser warf, war lang wie ein Abendschatten und sah im Widerschein des weißen Himmelslichtes grün aus. In diesem Reich des Schattens, das der Spiegelung nicht unterworfen war, sah man bei der Durchsichtigkeit des Wassers, was in demselben vorging, ungezählte Mengen von Fischen, alle einander gleich, schwammen in Myriaden nebeneinander in gleicher Richtung dahin, als hätten sie auf ihrer ewigen Wanderung ein und dasselbe Ziel. Es waren Kabeljaus, die ganz exakt bestimmte Bewegungen übten; in dichten Massen glitten die Fische dahin, in unaufhörlich gleichem Wechsel der Bewegung, was den Zug der schweigenden Lebewesen als glänzende Flüssigkeit erscheinen ließ. Manchmal drehte sich einer mit einem schnellen Schlag des Schwanzes um, wobei der silberglänzende Bauch sichtbar ward, und derselbe Schwanzschlag und dieselbe Umdrehung ging augenblicklich durch den ganzen Zug, was den Eindruck hervorrief, als ob Tausende von Stahlklingen sich zwischen zwei Wassern befänden, und jede einen Blitzfunken emporschickte.

Die bereits sehr tief stehende Sonne sank noch mehr – es war also wirklich Abend. Jemehr sie in die bleifarbene Region kam, die dem Meer nahe ist, je gelber wurde sie und ihre Umrisse traten schärfer hervor; man konnte ebenso die Augen auf sie richten, wie man gewohnt ist es beim Mond zu thun, obgleich sie leuchtete. Sie schien erstaunlich nahe – wenn man mit dem Schiff bis zum Horizont fuhr, so hätte man glauben mögen, den mattleuchtenden gewaltigen Sonnenball nur ein paar Meter hoch über dem Wasser in der Luft schweben zu finden.

Mit dem Fischfang ging es tapfer vorwärts, und man konnte in dem stillen Wasser sehen, wie die Sache sich abspielte: von den Kabeljaus, die in Menge herbeikamen, schnappte einer nach dem andern gefräßig nach dem Köder, schüttelte sich ein wenig, wodurch der Angelhaken noch tiefer eindrang, worauf die Angelschnur schnell in die Höhe gezogen, das Tier losgemacht und dem Kameraden zugeworfen wurde, der das Ausnehmen und Plattschlagen zu besorgen hatte.

Die Flottille der Leute aus Paimpol hatte sich auf dem Spiegel zerstreut und belebte diese öde Wasserwüste. Da und dort erschien ein weißes Segel, das übrigens nur der Form halber aufgesetzt war, da sich ja kein Lüftchen regte, und die kleinen Segel hoben sich schneeweiß von dem grauglänzenden Horizont ab.

Der Beruf eines Islandfischers schien an diesem ruhigen Tag spielend leicht zu sein!

Jean-François von Nantes,
Jean-François,
Jean-François!

erklang der unermüdliche Gesang dieser beiden großen Kinder, und Yann machte sich offenbar recht wenig daraus, daß er so schön war und vornehm aussah; übrigens war er auch nur mit Sylvester ein Kind, mit dem allein er sang und spielte. Gegen andere war er verschlossen, stolz und fast düster zu nennen; brauchte man ihn, so war er sanft und hilfsbereit, sehr gut und dienstfertig, so lang ihn nur niemand zum Zorn reizte.

Während die beiden ihr Lied immer wieder von vorn anfingen, sangen zwei, die ein paar Schritte weit von ihnen fischten, ein anderes, und ihr Lied war ein Gemisch von Gesundheit, Schläfrigkeit und unbestimmter Schwermut. So verging die Zeit und Langeweile kam nicht auf.

In dem eisernen Ofen unten in der Kajüte glimmte immer das Feuer; gegenwärtig war die Ofenthür fest zugeschraubt, damit die Fischer, welche eben ihre Ruhestunden hatten, meinen konnten, es sei Nacht. Luft brauchten sie nicht viel zum schlafen – die weniger robusten Stadtleute würden mehr verlangen – wenn aber den ganzen Tag lang die Brust sich in dieser Unendlichkeit geweitet hat, da kriecht der müde Mensch fast wie das Tier in irgend ein kleines Loch und schläft so tief, daß er sich nicht rührt. Wann die Reihe zum Schlafen an sie kam, war den Leuten ganz gleich, bei der ewigen Helle hatten ja die Stunden ihre eigentliche Bedeutung verloren, und sie schliefen jenen gesunden Schlaf, den keine Träume stören und der den Menschen erquickt. Kam der Gedanke auf die Frauen, so regte er wohl die Schläfer auf, aber in sechs Wochen traten sie die Heimfahrt an, und dann wollten sie die Augen schon aufmachen, wenn es galt sich einen neuen Schatz zu suchen, oder den alten wieder in Besitz zu nehmen. Solche Dinge kamen ihnen aber nicht oft in den Sinn, vielmehr wurde der Frauen, Schwestern und Bräute meist in aller Ehrbarkeit gedacht. Mit der Gewohnheit der Enthaltsamkeit schlafen auch die Sinne ein, und zwar auf ziemlich lange Zeit.

Jean-François von Nantes,
Jean-François,
Jean-François!

Ganz fern am grauen Horizont bemerkten sie jetzt kaum erkennbar einen schwachen Rauch, von etwas dunklerem Grau, als das des Himmels, fein wie ein mikroskopischer Schweif aus dem Wasser aufsteigend. Die geübten Augen, die in die Tiefe zu schauen gewohnt sind, hatten ihn aber sogleich erspäht.

»Ein Dampfschiff! dort! dort!« riefen sie.

»Ich denke mir,« sagte der Kapitän, nachdem er scharf hingesehen hatte, »es wird wohl ein Regierungsdampfer sein, der Kreuzer, der seine Runde macht.«

Die schwache Rauchsäule brachte Nachrichten aus Frankreich, und unter anderen auch einen gewissen Brief, den die Hand eines schönen jungen Mädchens für die alte Großmutter geschrieben.

Langsam näherte sich der Dampfer, und schon konnte man dessen Rumpf erkennen – es war allerdings der Kreuzer, der die westlichen Fjorde besuchte.

Da erhob sich eine leichte Brise und fing auf einmal an, da und dort die leblosen Wasser zu kräuseln; sie zog blaugrüne Muster über den leuchtenden Spiegel, die sich bald fächerartig, bald schweifförmig ausbreiteten, oder sich zu Sternkorallen verzweigten; ein Brausen begleitete die schnelle Veränderung dieser Gebilde, das wie ein Weckruf über die erstarrte Wasserfläche dahinfuhr. Da der Schleier vom Himmel wie weggezogen war, ward es auf einmal klar, und weil jetzt wieder Dunst aufsteigen konnte, ballten sich leichte graue Wolken zusammen, die den Horizont bald wie eine niedrige Mauer umschlossen. Nachdem vom spiegelnden Himmel von oben und vom Wasserspiegel von unten weggewischt war, was die Reinheit beider getrübt, gewannen sie ihre tiefe Durchsichtigkeit wieder. Die Witterung änderte sich, aber die Plötzlichkeit solchen Vorganges war nicht gut!

Von den verschiedenen Punkten her tauchten auf einmal Fischerboote auf, von allen französischen Schiffen aus der Bretagne, der Normandie, von Boulogne und Dünkirchen, die in diesen Gewässern Fischfang betrieben. Wie Vögel einem Lockruf folgen, so sammelten sie sich, und die kleinen grauen Segel bevölkerten auf einmal die öde Wasserwüste. Sie trieben auch nicht mehr langsam dahin, sondern hatten frische Segel aufgesetzt und segelten mit größtmöglichster Schnelligkeit, um den Dampfer zu erreichen.

Das ziemlich ferne Island war auch sichtbar geworden; es schien sich, gleich ihnen, nähern zu wollen, und je länger je mehr zeigten sich deutlich die großen Berge nackten Felsgesteins, die sich niemals anders als von einer Seite, von unten herauf und gleichsam widerwillig, sehen lassen. Sie setzten sich sogar in einem zweiten Island von ähnlicher Farbe fort, das allmählich schärfer hervortrat, aber diese noch gewaltigeren Berge waren ein Trugbild, und nichts weiter als zusammengeballte Nebel. Die ohnehin niedrig stehende Sonne, die sich nicht über Island zu erheben vermochte, bot einen kläglichen Anblick; sie hatte jetzt keinen Hof mehr und ihre runde Scheibe zeigte wieder scharfe Umrisse; es sah aus, als hätte sie sich vor dieser Wahninsel aufgepflanzt und bliebe unentschlossen da stehen; sie erschien dem Auge wie ein armseliger, gelber, hinsterbender Planet ...

Der Kreuzer hatte jetzt gestoppt und war aus weitem Umkreis von der Plejade der Isländer umgeben. Von jedem ihrer Schiffe ward eine Nußschale von Boot herabgelassen, die langbärtige Männer in ziemlich wildem Aufzug an Bord brachten. Fast wie Kinder hatten sie alle um etwas zu bitten: um Verbandzeug für kleine Wunden, Flickzeug, Nahrungsmittel, Briefe.

Andere waren von ihren Kapitänen geschickt, um sich wegen meuterischen Betragens in Eisen legen zu lassen, was ihnen ganz selbstverständlich schien, da sie alle bei der Marine gedient hatten. Und wie ihrer vier oder fünf mit der Kugel am Fuß auf dem schmalen Achterdeck lagen, und der alte Steuermann, der sie geschlossen hatte, sagte: »Legt euch doch quer, Kerls, damit man vorbei kann,« da thaten sie es gehorsam und lächelten dazu.

Diesmal gab es viele Briefe für die Isländer! Zwei davon waren für die »Marie,« Kapitän Guermeur, bestimmt, der eine an Yann Gaos, der andere an Sylvester Moan. Dieser war über Dänemark nach Reikyavik gelangt, von wo ihn der Kreuzer zur weiteren Besorgung mitgenommen hatte.

Der Wiegemeister langte tief in den Briefsack aus Segeltuch und verteilte die Briefe; er hatte zuweilen Mühe, die Adressen zu entziffern, die oft von sehr ungeübter Hand geschrieben waren.

»Vorwärts, Leute!« sagte der hinzutretende Kapitän, »eilt euch! das Barometer sinkt.« War es doch keine Kleinigkeit für ein Seemannsherz, diese Menge von Nußschalen schnell umschlagender Witterung ausgesetzt zu wissen!

Yann und Sylvester pflegten ihre Briefe gemeinschaftlich zu lesen, und diesmal geschah es beim toten Schein der Mitternachtsonne. Dazu saßen sie in einem Winkel der Schiffsbrücke, jeder mit einem Arm die Schulter des Kameraden umschlungen, als wollten sie die Nachrichten aus der Heimat recht gründlich auskosten. Sylvester fand in Yanns Brief Nachricht über Marie Gaos, sein Bräutchen, während Yann in des Freundes Brief die köstlichen Geschichten mit genoß, welche die Großmutter zum Vergnügen des abwesenden Enkels hatte schreiben lassen. Und die Schlußworte des Briefes galten ihm: »Meinen Gruß an den jungen Gaos.«

»Eine schöne Schrift, nicht wahr?« sagte Sylvester schüchtern und tippte mit dem Finger auf die letzten Zeilen, um dann die Hand schätzen zu machen, die sie geschrieben.

Wem diese Hand angehörte, das wußte Yann sehr wohl: anstatt zu antworten, zuckte er aber nur mit den Schultern und stand auf, als wollte er damit sagen, es langweile ihn, daß Sylvester ihm immer wieder mit dieser Gaud käme. Langsam und vorsichtig faltete Sylvester seinen lieben verachteten Brief zusammen, steckte ihn wieder in den Umschlag und barg ihn unter seiner gewebten Jacke, dicht an seinem Herzen.

»Sie werden sich nie heiraten,« dachte er traurig. »Was kann nur Yann gegen sie haben?«

Auf der Schiffsglocke des Kreuzers schlug es Mitternacht, aber noch immer saßen die beiden da, dachten an ihre fernen Angehörigen, an das Heimatland, und tausend Dinge zogen wie im Traum an ihnen vorüber.

Da stieg die ewige Sonne langsam am Himmel wieder auf, es war also Morgen.

 << Kapitel 5  Kapitel 7 >> 






TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.