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Die Islandfischer

Pierre Loti: Die Islandfischer - Kapitel 53
Quellenangabe
typefiction
authorPierre Loti
titleDie Islandfischer
publisherPhilipp Reclam jun
year
firstpub
translatorE. Bagge
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
created20080430
projectid3b5adcd0
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9.

Der Herbst ging zu Ende. Gaud schlief nicht mehr und vermochte nichts mehr zu essen. Nach dem Strande ging sie nicht mehr; sie blieb jetzt daheim, wo sie zusammengekauert auf einem Schemel saß, mit beiden Händen die Kniee umschlungen hielt und den Kopf an die Mauer gelehnt. Wozu früh aufstehen und abends sich niederlegen? Sie blieb Tag und Nacht in den Kleidern, und war sie ganz erschöpft, so warf sie sich, wie sie ging und stand, für eine Weile auf ihr Bett. Außerdem saß sie immer wie erstarrt da; sie fror bei der Unthätigkeit, und die Zähne schlugen ihr oft zusammen, als schüttelte sie der Frost. Der Kopf schmerzte, ihre Züge wurden schlaffer und die Lippen vertrockneten bei dem fieberhaften Zustand. Manchmal entrangen sich der Kehle heisere, seufzerartige Töne, die sich eine ganze Weile lang stoßweise mit der Atmung wiederholten, während der Kopf an die Mauer schlug.

Zu anderen Zeiten rief sie Yanns Namen leise und zärtlich, als wäre er dicht bei ihr, sprach zu ihm und sagte ihm süße Liebesworte. Morgen oder Abend war gleich: am Abend wars das Muttergottesbild von Steingut und das Weihwasserdecken darunter einen langen Schatten, der bis auf das Holzwerk ihres Bettes fiel. Sie wollte auch gar nicht mehr wissen, welcher Wochentag oder Datum es war, und rechnete sie, seit wann ihr Mann da sein kannte, da packte sie Verzweiflung und preßte ihr einen Angstschrei aus.

Für gewöhnlich hat man seine Anzeichen dafür, wenn ein Schiff in Island zu Grunde gegangen ist; entweder haben die Zurückkehrenden das Trauerspiel von fern mit angesehen, irgendwo landet eine Leiche oder ein Stück des Wracks, und man weiß alsdann, was geschehen ist. Von der »Leopoldine« wußte aber niemand etwas. Die Mannschaften der »Jeanne-Marie« waren die letzten, die sie gesehen hatten – das war am 2. August gewesen – danach mußte sie noch weiter nach Norden zum Fischen gefahren sein, und von da an blieb alles ein undurchdringliches Geheimnis.

Schrecklich, immer warten und warten zu müssen! Wann würde sie aufhören auf ihn zu hoffen? Lieber eine schreckliche Gewißheit, als das entsetzliche Hangen und Bangen! Gaud fing an eine baldige Entscheidung herbei zu sehnen.

Hätten die Menschen doch nur die Barmherzigkeit es ihr zu sagen, wenn er tot war! Könnte sie ihn doch nur sehen – oder was noch von ihm übrig war! – Möchte doch die Jungfrau Maria, die sie so heiß darum angefleht, oder ein anderer mächtiger Heiliger ihr die Gnade erweisen und ihr in doppeltem Gesicht Yann für eine einzige Minute sehen lassen wie er gerade war – gesund am Steuer und auf der Heimreise begriffen, oder tot auf dem Meeresgrund, aber nur wissen, wie es um ihn stand, ach, nur Gewißheit haben!

Manchmal bildete sie sich ein, das Segel der »Leopoldine« käme jetzt eben am Horizont in Sicht. Dann machte sie eine unwillkürliche Bewegung, um sich zu erheben – hinaus zu laufen und nachzusehen, ob es wahr sei – doch sank sie stöhnend auf ihren Sitz zurück. Wo war sie überhaupt, die »Leopoldine?« Im Meer von Island auf jeden Fall, wahrscheinlich aber verloren und verlassen, geborsten oder als Wrack dahintreibend!

Diese letztere Vorstellung setzte sich endlich so in ihrem fiebernden Hirn fest, daß sie Tag und Nacht davon gequält und gepeinigt wurde, ein halbzerstörtes Schiff auf grauem Meer treiben zu sehen: lautlos schaukelte es sanft wie zum Hohn in der schauerlichen Stille auf den toten Gewässern des Isländischen Meeres.

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