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Die Islandfischer

Pierre Loti: Die Islandfischer - Kapitel 51
Quellenangabe
typefiction
authorPierre Loti
titleDie Islandfischer
publisherPhilipp Reclam jun
year
firstpub
translatorE. Bagge
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
created20080430
projectid3b5adcd0
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7.

Eines Morgens lagerte der erste Herbstnebel kalt und feucht über der Erde. Wie die Tage dahin eilten – es war wirklich Herbst. Die aufgehende Sonne fand Gaud auf der Schwelle der Totenkapelle sitzen; ihre Augen starrten ins Leere und der Kopf schmerzte sie, als wären die Schläfe mit eisernen Reifen zusammengeschnürt.

Schon seit zwei Tagen gab es früh Nebel, und das Anzeichen des nahenden Winters vermehrte Gauds Unruhe. Was lag an einem Tag auf oder ab? Kommt es doch vor, daß sich Schiffe um vierzehn Tage, ja um einen Monat verspäten.

Dieser Morgen mußte aber doch einen besonderen Grund dafür haben, daß sie hergekommen war, die Namen der vielen jugendlichen Schiffbrüchigen zu lesen, und sich so hoffnungslos traurig auf die Schwelle zu setzen.

Zum Gedächtnis
an Yvon Gaos, auf dem Meer umgekommen beim Norden-Fjord – – –

Heulend kam ein Windstoß vom Meer her und zugleich prasselte es wie Regen auf das Dach nieder. Es waren aber nur dürre Blätter, deren der Wind noch eine Menge zur Thür herein trieb; riß er sie heute doch den alten Bäumen unbarmherzig ab! Ja der Winter nahte!

– – – umgekommen in der Nähe des Norden-Fjord, beim

Orkan vom 4. zum 5. August 1880.

Gaud las mechanisch zu Ende; durch die Bogenwölbung der Thür schaute sie nach dem Meer, an diesem Morgen war es aber verschwommen mit dem Nebel, und ganz in der Ferne hing eine breite Wolle vom Himmel herab, wie ein Trauervorhang.

Ein neuer Windstoß trieb einen ganzen Schwarm tanzender Blätter herein. Das waren die Stürme vom Westen her, welche so manches junge Menschenleben draußen auf dem Meer vernichteten, und die Wände hier mit Tafeln füllten!

Wie gebannt hafteten ihre Augen unwillkürlich auf einem leeren Platz an der Mauer, und der schreckliche Gedanke marterte sie, daß eines Tages eine neue Tafel da aufgehängt werden würde – den Namen darauf wagte sie aber selbst nicht auszudenken.

Gaud fröstelte; sie blieb aber auf der Steinbank sitzen und lehnte den Kopf an die Mauer. Wiederum las sie:

... bei dem Orkan
vom 4. zum 5. August 1880
im Alter von 23 Jahren.
Er ruhe in Frieden!

Das düstere Island stieg vor ihren Blicken auf, das ferne, ferne Island, mit dem kleinen Friedhof unter der Mitternachtssonne.

Und plötzlich – immer auf dem leeren Platz an der Mauer da, der nur zu warten schien, stieg mit grausamer Deutlichkeit die Vision der neuen Tafel vor ihr auf: eine frischgemalte Tafel mit Totenkopf und gekreuzt liegenden Knochen, und darüber wie in Flammenschrift ein Name – der geliebte Name – Yann Gaos! ... Gaud sprang auf und stieß einen heiseren Schrei aus, wie eine Irrsinnige ...

Draußen herrschte immer noch Nebel und der Wind fuhr heulend in die dürren Blätter.

Schritte auf dem Pfad? Wer kam? Gaud richtete sich gerade auf, rückte ihre verschobene Haube zurecht und suchte ihre arbeitenden Züge zu beherrschen. Die Schritte kamen näher und schon war jemand an der Thür. Sie versuchte sich das Ansehen zu geben, als wäre sie zufällig hier, denn noch wollte sie um alles in der Welt nicht als die Frau eines Schiffbrüchigen gelten.

Und gerade mußte es Tante Floury sein, die Frau des Zweiten von der »Leopoldine!« Sie begriff augenblicklich, was Gaud hier machte, und sich vor ihr verstellen zu wollen, war unnütz! Stumm standen die unglücklichen Frauen voreinander, erschrocken und doch so unangenehm davon berührt, daß der Jammer der einen bloß vor der anderen lag, daß sie einander zürnten.

»Die von Tréguier und von Saint-Brieuc sind alle schon seit acht Tagen da,« sagte Fante Floury mitleidslos in gereiztem Ton und mit dumpfer Stimme. Sie brachte eine Kerze, um ein Gelübde zu thun.

Ein Gelübde! Gaud hatte noch nicht an dies Trostmittel der Verzweifelten denken wollen! Jetzt aber trat sie hinter Fante in die Kapelle ein, wo sie nebeneinander niederknieten wie zwei Schwestern.

Inbrünstige Gebete stiegen aus ihren Seelen zur Jungfrau Maria, dem Stern des Meeres auf. Bald aber vernahm man lautes Schluchzen, und die lange zurückgehaltenen Thränen fielen zur Erde.

Mit neuer Hoffnung und fast getröstet erhoben sie sich. Gaud strauchelte jedoch; Fante schloß sie in die Arme und küßte sie innig. Und nachdem sie ihre Thränen abgewischt, den Salpeterstaub von den Röcken geschüttelt und ihr Haar ein wenig geordnet hatten, traten sie nach verschiedenen Richtungen hin den Heimweg an. Es war kein weiteres Wort zwischen ihnen gewechselt worden.

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