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Die Islandfischer

Pierre Loti: Die Islandfischer - Kapitel 5
Quellenangabe
typefiction
authorPierre Loti
titleDie Islandfischer
publisherPhilipp Reclam jun
year
firstpub
translatorE. Bagge
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
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5.

Die zweite Begegnung hatte bei einer Hochzeit stattgefunden. Der junge Gaos war Gaud zum Brautherrn bestimmt und sollte sie führen. Zuerst hatte sie sich vorgeredet, ärgerlich darüber zu sein, daß sie am Arm dieses langen Menschen, der allen durch seine Größe auffiel, durch die Stadt ziehen sollte, und der sicher nicht wüßte, wie man sich zu unterhalten hat. Genau genommen, fühlte sie sich aber durch seine stolze und etwas wilde Art eingeschüchtert.

Zur festgesetzten Stunde war die Hochzeitsgesellschaft vollzählig versammelt und nur Yann fehlte noch. Man wartete, aber er kam nicht und endlich wurde beschlossen, nicht länger auf ihn zu warten. Da wurde Gaud inne, daß sie sich nur für ihn allein geschmückt hatte, und daß sie ohne ihn weder am Hochzeitszug, noch am Tanz Vergnügen finden würde.

Endlich erschien Yann und entschuldigte sich ohne Verlegenheit bei den Brauteltern. Der Grund seines Spätkommens bestand darin, daß von England aus eine große »Bank« Fische signalisiert worden war, die in der Richtung von Auvigny am Abend vorüber kommen mußte. Diese Nachricht hatte einen wahren Aufruhr in Ploubazlanec hervorgerufen, und was nur an Barken im Hafen war, mußte eilig bemannt und zum Fang hergerichtet werden. Selbst im kleinsten Dorf war alles auf den Beinen; häufig holten die Frauen ihre Männer aus dem Wirtshaus, und schoben sie vor sich her, damit sie ins Laufen kämen, ja, die Weiber halfen sogar die Segel in Bereitschaft setzen und allüberall mit Hand anzulegen.

Von den Gästen umringt, erzählte Yann auf ganz ungezwungene Art und begleitete seine Worte mit dem ihm eigentümlichen, lebhaften Mimenspiel. Sein Lächeln ließ prachtvolle Zähne sehen, und es war überaus drollig, wenn er, um die überstürzte Eile besser zu veranschaulichen, ein »Huh« hören ließ, jenen langgezogenen Ruf, mit welchem die Matrosen einander zur Eile anzuspornen pflegen. Yann hatte sich in aller Eile einen Stellvertreter suchen müssen und Mühe damit gehabt, daß der Eigentümer der Barke, dem er sich auf den Winter verheuert hatte, diesen annahm. So war es zugegangen, daß Yann so spät kam, und da er nicht auf die Hochzeit verzichten wollte, entging ihm sein Gewinnanteil am Fang.

Niemand zürnte Yann noch, denn die Fischer wußten alle, wie es bei solch seltenen Gelegenheiten zugeht; hängen sie doch alle vom Meer und dessen Unberechenbarkeit ab, von der Gunst oder Ungunst der Witterung und den geheimnisvollen Wanderungen der Fische. Die anwesenden Isländer von Paimpol bedauerten nur, nicht gleichzeitig mit den Gefährten von Ploubazlanec die Nachricht von diesem Vermögen erhalten zu haben, daß ihnen draußen auf dem Meer vor der Nase vorbeischwamm.

Mit bedeutender Verspätung wurde nun der Zug geordnet; lustig fiedelten die Violinen, und in fröhlicher Stimmung machte sich die Hochzeitsgesellschaft auf den Weg.

Dann hatte seiner Partnerin zuerst nur die bedeutungslosen Artigkeiten gesagt, wie sie bei festlichen Gelegenheiten üblich sind. Unter all den Gästen waren diese beiden allein einander fremd, denn sämtliche Paare waren entweder Vetter und Cousine, oder Verlobte, oder Liebesleute. In letzterer Beziehung wird nach Rückkehr der Isländer in Paimpol zuweilen etwas weit gegangen, die Leute pflegen aber so anständig zu sein, hernach einander zu heiraten.

Am Abend beim Tanzen kam die Unterhaltung natürlich wieder auf das Ereignis des Tages, den Fischzug. Dabei hatte ihr Yann voll in die Augen geschaut und gesagt: »Es giebt kein Mädchen in Paimpol – nein, in der ganzen Welt, derentwegen ich heute zu Haus geblieben wäre. Nein, Fräulein Gaud, für keine andere hätte ich den Fang missen wollen!«

Gaud war im ersten Augenblick ganz starr darüber, daß ein einfacher Fischer so zu ihr zu sprechen wagte, die sich beinahe Königin hier dünkte. Diese hochmütige Regung machte aber einem wonnigen Gefühl Platz und sie hatte freundlich erwidert: »Ich danke Ihnen, Herr Yann; Ihre Gesellschaft ist mir auch lieber, als die eines andern.«

Das war alles gewesen, von diesem Augenblick an hatten sich die beiden aber auf eine ganz andere Weise zusammen unterhalten: mit leiserer Stimme und auf vertraulichere Art.

Geigenspiel und eine Drehorgel bildeten die Tanzmusik, nach welcher fast immer die gleichen Paare zusammen tanzten. Hatte Yann auch einmal mit einem andern Mädchen getanzt, so tauschte er ein freundliches Lächeln mit Gaud aus, wenn er zu ihr zurückkehrte, und sie nahmen den Faden der unterbrochenen Unterhaltung alsbald wieder auf, die sehr intim war. Dann erzählte ihr von den Anstrengungen seines Berufes, von den Lohnverhältnissen, und sprach offenherzig davon, wie viel Sorgen es früher in seinem Elternhaus gegeben habe, da er der Älteste von vierzehn Kindern war. Jetzt seien sie aber aus aller Not heraus, und hätten dies Glück zumeist einem Wrack zu verdanken, das sein Vater im Kanal La Manche »aufgebracht;« bei dem Verkauf desselben waren nach dem Anteil, den der Staat erhielt, zehntausend Frank für den alten Gaos bei der Sache herausgekommen.

Dieser Glücksfall hatte ihm ermöglicht, ein neues Stockwerk auf sein Haus zu setzen; das Haus hatte eine prächtige Aussicht auf das Ärmelmeer und lag in dem Weiler Pors-Even, ganz am Ende des Distrikts von Ploubazlanec.

»Unser Handwerk ist schwer,« hatte er gesagt, »und es kommt einem hart an, so alle Jahre schon im Februar wieder fort zu müssen; in Gegenden, wo es so kalt und düster und das Meer so tückisch ist!«

Langsam sank die Mainacht auf Paimpol herab, während Gaud die Erinnerungen an dies merkwürdige Ballgespräch an ihrem Geist vorüberziehen ließ. Sie erinnerte sich jedes einzelnen Wortes, als hätte sie es erst gestern vernommen. Wenn Yann keine Heiratsgedanken hatte, warum hätte er ihr denn diese Einzelheiten über seine Verhältnisse mitgeteilt? Sie hatte mit fast bräutlichem Interesse zugehört, Yann sah auch gar nicht aus wie einer, der zum ersten besten über seine Angelegenheiten schwatzte.

»Der Verdienst ist ganz gut,« war er fortgefahren, »ich möchte auch durchaus keinen anderen Beruf haben! Aber ein Jahr ist nicht wie das andere: stehe ich mich einmal auf nicht mehr als achthundert Frank, so werden mir ein anderes Jahr auch zwölfhundert bei unserer Rückkehr ausgezahlt, die ich dann meiner Mutter heimbringe.«

»Wie? Die Sie Ihrer Mutter heimbringen, Herr Yann?«

»Nun ja; freilich! und auch die ganze Summe; das ist so Sitte bei uns Isländern, Fräulein Gaud,« war die so natürlich gegebene Antwort, als spräche er von einer ganz selbstverständlichen Sache. »Und sehen Sie, so kommt's auch, daß ich eigentlich gar nie Geld habe. Will ich am Sonntag nach Paimpol gehen, so giebt mir die Mutter ein paar Franken, und in anderen Dingen ist's auch so: der Vater sorgt dafür daß man reputierlich aussieht, und hat mir jetzt den schönen Anzug machen lassen, den ich da anhabe. Mit meinen alten Kleidern vom vorigen Jahr wäre ich auch gar nicht zur Hochzeit gekommen – o nein, damit hätte ich nicht wagen mögen, Sie zu führen!«

In den Augen des Mädchens, das so lange in Paris gewesen war, erfreute sich Yanns neuer Anzug zwar keiner besonderen Bewunderung, war doch die Taille des Rockes entschieden zu kurz und die Weste von ziemlich altmodischem Schnitt; aber der prachtvolle Körperbau des Trägers war gleich wohl so ersichtlich, daß der Rock seiner äußerst stattlichen Erscheinung keinen Abbruch that. Bei allem was er sagte, blickte er Gaud so in die Augen, als wollte er ihre Gedanken ergründen; und er sah gut und ehrlich dabei aus, wie er in dem Bestreben sprach, sie über seine Verhältnisse klar sehen zu lassen.

Gaud sagte nicht viel, aber sie hörte um so aufmerksamer zu, und mußte sich über sich selber wundern, daß sie sich immer mehr zu ihm hingezogen fühlte. Welch seltsames Gemisch von Rauheit und einschmeichelnd kindlichem Wesen! Yanns Redeweise war mit andern entschieden, ja kurz angebunden; sprach er aber mit ihr, so klang es jugendfrisch und weich zugleich, und für sie allein wußte er seiner Stimme einen vibrierenden Klang zu geben, wie er Saiteninstrumenten eigen ist. Und wie eigentümlich, was sie eben, gehört, daß dieser große Mensch, der so zwanglos auftrat und der wirklich zum Fürchten aussah, daheim behandelt wurde wie ein Kind, und das noch dazu selbstverständlich fand! Der kühne Seefahrer, der die Welt gesehen und alle Gefahren und Schrecknisse des Meeres kannte, war seinen Eltern in absolutem Gehorsam und in Ehrerbietung unterthan.

Gaud verglich ihn mit ein paar Pariser Stutzern, die sie ihres Vermögens wegen mit Heiratsanträgen verfolgt hatten, und der Vergleich fiel zu Yanns Gunsten aus – er war nicht nur schöner, sondern er kam ihr auch besser vor als alle, die sie bisher kennen gelernt hatte.

Um sich mehr auf eine Stufe mit ihm zu stellen, hatte sie ihm erzählt, daß auch sie nicht in Reichtum geboren sei; ihr Vater sei einst auch Islandfischer gewesen und hätte sich eine große Hochachtung vor den Isländern bewahrt; und sie selber wäre nach ihrer Mutter frühem Tod barfuß am Strande herumgelaufen.

Gaud gedachte jenes wonnevollen Hochzeitsabends, der so entscheidend in ihr Leben eingegriffen hatte, fast schon wie eines fernliegenden Ereignisses. Ihre sämtlichen Tänzer von damals waren jetzt zerstreut auf dem Isländischen Meer, befanden sich in der ungeheuren Einsamkeit unter dem fahlen Licht der Mitternachtsonne, während in der bretonischen Heimat leise die Nacht herabsank und die Dunkelheit immer größer ward.

Gaud saß immer noch am Fenster. Der Marktplatz draußen, der fast von allen Seiten von Häusern eingeschlossen war, sah um diese Stunde trübselig aus; die immer noch etwas lichte Wölbung des Himmels schien sich mehr und mehr über die irdischen Dinge zu erheben, deren Dasein sich einzig durch hohe Giebel und schwarze Dächer verriet, welche tiefschwarz aus dem Dunkel aufragten. Von Zeit zu Zeit hörte man das Schließen einer Hausthür oder eines Fensters; ein alter Seemann kam mit schwankendem Schritt aus der Schänke und verschwand in einem der dunklen Gäßchen. Ein paar Mädchen kamen von einem weiten Spaziergang mit großen Blumensträußen heim; eine von ihnen blieb einen Augenblick unter Gauds Fenster stehen, um ihr gute Nacht zu sagen, und sie hielt ihren Strauß hinauf, damit Gaud daran riechen sollte; man sah die hellen Heckenrosen noch ein paar Schritte weit, deren Duft sich mit dem des blühenden Geisblattes vermischte, das in den Hausgärtchen oder an Mauern blühte; zuweilen kam auch der Geruch des Seetangs vom Hafen herauf. Ein paar letzte Fledermäuse schwirrten vorüber, lautlos, als glitten sie im Traum dahin. Gauds Gedanken weilten immer noch bei der Hochzeit. Es war gegen Ende des Tanzes sehr heiß geworden, und manchem Tänzer wirbelte es im Kopf. Yann hatte mit der und jener getanzt, Frauen und Mädchen – die sich offenbar um seine Gunst bemühten, er hatte jedoch nur ein verächtliches Lächeln für ihr Entgegenkommen gehabt. Wie ganz anders als ihr war er jenen begegnet; – Yann war ein ausgezeichneter Tänzer, hochgewachsen, wie eine Eiche im Hag; er pflegte den Kopf leicht zurück zu werfen und drehte sich mit einer beinahe vornehmen Leichtigkeit. Das braungelockte Haar fiel auf seine Stirn, und berührte Gauds weiße Haube, wenn er sich zu ihr niederbeugte, um sie im Wirbel des Tanzes fester zu halten.

Des öfteren hatte er sie mit einem Augenzwinkern auf seine junge Schwester Marie und auf Sylvester aufmerksam gemacht, die miteinander tanzten. Yann lachte über das jungverlobte Paar, das so schüchtern that, ernsthaft sich gegen einander verbeugte und knickste, wobei sicher mit leiser Stimme zärtliche Worte ausgetauscht wurden. Yann würde es mißfallen haben, sie weniger zurückhaltend zu sehen, doch belustigte ihn, den Vielgereisten und Unternehmenden, die naive Art der beiden, und er tauschte lächelnde Blicke intimen Einverständnisses mit Gaud, welche aussprachen: »Wie komisch und wie nett sind doch unsere jungen Geschwister!«

Endlich ging die Hochzeitsgesellschaft auseinander, und die vielen Vettern und Cousinen, Brautleute und Liebespaare küßten sich alle untereinander herzhaft ab. Yann hatte Gaud nicht geküßt – das hätte sich wohl keiner gegen Herrn Mévels Tochter herausgenommen – vielleicht drückte er sie aber während des letzten Tanzes ein wenig fester an sich, und sie widerstand nicht, sondern lehnte sich mit hingebendem Vertrauen an die Brust des Mannes, dem sie ihr Herz geschenkt. Wohl kamen auch die Sinne der Zwanzigjährigen dabei ins Spiel, als sie bei rasendem Tempo in wonnevollem Entzücken so mit ihm dahin flog; aber jetzt hatte ihr Herz gesprochen.

»Habt Ihr gesehen, was für Augen ihm das unverschämte Ding macht?« hatten einige schöne Mädchen mit züchtig gesenkten Augen einander zugeraunt, deren jede einen, wenn nicht zwei Liebhaber unter den Tänzern hatte. Gaud ließ ihre Augen allerdings viel auf ihrem Tänzer haften, er war aber dafür auch der erste und einzige Mann, an dem sie Interesse gefunden.

Der Morgen graute, als sich die lustige Gesellschaft nach allen Seiten hin zerstreute, und Yann und Gaud hatten sich auf besondere Art voneinander verabschiedet, wie Brautleute, die sich am nächsten Tag wiedersehen werden. Als sie mit ihrem Vater heimging, fühlte sie sich nicht im geringsten ermüdet, sondern frisch und fröhlich. Voll Lebenslust atmete sie die kalte Morgenluft ein und fand das nebelige Tagesgrauen mild und köstlich.

... Es war jetzt völlig Nacht. Gauds Fenster war wohl das einzige, das noch offen stand, und die wenigen spät Heimkehrenden, denen nur die Weiße Haube ihre Anwesenheit verriet, dachten: »da sitzt eine noch so spät und träumt von ihrem Schatz.« Das traf zu; Gauds Augen starrten in die Nacht hinaus; ihre Zähne gruben sich in die Unterlippe, denn das Weinen kam ihr an. Warum war Yann seit jener Hochzeit nicht zu ihr zurückgekehrt? welche Veränderung war mit ihm vorgegangen? bei zufälliger Begegnung sah es aus, als wolle er sie am liebsten fliehen, denn er hatte die Augen abgewandt.

Gaud hatte mit Sylvester Moan gesprochen, der diese unleugbare Veränderung so wenig verstand, wie sie selbst.

»Und doch dürftest du gar keinen anderen als Yann heiraten, Gaud,« hatte er gesagt. »Dein Vater würde wohl nichts dagegen haben, denn es giebt landauf und landab nicht seinesgleichen. Er ist viel solider, als er sich den Anschein giebt – es kommt selten einmal vor, daß er zuviel trinkt. Wie gut er ist, kannst du dir gar nicht vorstellen. Und welch ein Seemann! die Kapitäne reißen sich alle Jahre um ihn!«

Der Einwilligung ihres Vaters hätte Gaud ziemlich sicher sein können, denn er war ihren Wünschen im ganzen Leben noch nicht zuwider gewesen, und daß Yann unvermögend war, würde ihm nichts ausmachen; hatte er doch Besseres in die Wagschale zu legen: Ein geringer Vorschuß würde hinreichen, um ihn einen Steuermannskursus von sechs Monaten durchmachen zu lassen, und er gäbe einen Kapitän, dem die Schiffseigner ihre Fahrzeuge gern anvertrauen würden.

Daß Yann ein halber Riese war, machte ihr nichts mehr aus; der Frau kann Überlänge als Fehler angerechnet werden, beim Mann hingegen thut sie der Schönheit keinen Eintrag. Unter der Hand hatte Gaud sich auch bei einigen Mädchen erkundigt, welche die Liebesgeschichten der ganzen Gegend kannten, und sie erfuhr, daß Yann sich noch nirgends gebunden habe, aber nach rechts und links ging er, wo er willkommen war, in Lézardrieux sowohl wie in Paimpol.

An einem Sonntagabend, zu sehr später Stunde, hatte ihn Gaud unter ihrem Fenster vorbeigehen sehen, mit einer gewissen Jeannie Caroff, die er im Gehen fest an sich gedrückt hielt. Sie war zwar hübsch, stand aber in äußerst schlechtem Ruf. Daß Yann diese Person heim begleitete, hatte Gaud einen grausamen Schmerz bereitet. Sie erfuhr auch, daß er zuweilen jähzornig sei; in einem Kaffeehaus, wo die Isländer ihre Gelage hielten, sollte er einmal einen starken Marmortisch gegen die Thür geschleudert haben, die man ihm nicht hatte aufmachen wollen.

Gaud hatte ihm alles dies verziehen – man weiß ja wie die Seeleute sind, wenn es über sie kommt – wenn er aber so guten Herzens war, warum hatte er sich in ihr ahnungsloses Herz geschlichen, um es darauf von sich zu stoßen? Warum hatte er während des ganzen Festabends sie allein mit seinen wunderbaren Augen angeschaut, mit dem lieben Lächeln und in so treuherziger Weise ihr Dinge erzählt, die man nur einer Braut anzuvertrauen pflegt? Es war zu spät dazu, ihr Herz wieder von ihm losreißen zu können. Als Kind war ihr oft ihr Eigensinn vorgehalten worden, niemand hatte ihn aber ausgerottet, und so hielt sie auch als erwachsenes Mädchen zäh an allem fest, was sie sich einmal in den Kopf gesetzt.

Den ganzen Winter über hatte sie vergeblich daraus gehofft, Yann wiederzusehen, und selbst bei der Abreise nach Island hatte er nicht Abschied von ihr genommen. Gleichwohl erfüllte er ihr ganzes Sein, und die Zeit schien sich träge hin zu schleppen, bis er wieder kam – dann aber wollte sie erfahren, wie sie mit ihm daran war.

Mit der besonderen Klarheit, wie sie die Glockentöne in stillen Frühlingsnächten annehmen, schlug es vom Rathausturm Elf. Das ist sehr spät in Paimpol, daher schloß Gaud endlich das Fenster und zündete ihre Lampe an, um zu Bett zu gehen.

Vielleicht war es nur Yanns wilde ungezähmte Natur, die ihn ferne hielt? oder fürchtete er, der auch seinen Stolz hatte, eine Abweisung, da sie zu reich für ihn sei? sie hätte ihm am liebsten die Frage selbst vorgelegt, Sylvester fand es aber unstatthaft für ein junges Mädchen: es möchte ihr in Paimpol übel ausgelegt werden, wo die Leute ohnehin über ihr Wesen und städtischen Anzug redeten.

Mit der Langsamkeit einer Person, die mit ihren Gedanken anderswo ist, steckte Gaud die Musselinhaube ab und zog ihr Kleid aus, das sie achtlos über einen Stuhl warf. Dann kam das lange Korsett an die Reihe, und sobald der Körper nicht mehr zusammengepreßt war, nahm er seine natürlichen Formen an. Die Linien der jugendlichen Gestalt waren voll und weich, so schön, wie an einer Marmorstatue, jede Bewegung änderte die Form und in jeder Stellung war die Gestalt tadellos schön. Das kleine Lämpchen ließ mit schwachem Schein Brust und Schultern der prachtvollen Figur sehen, die noch keines Menschen Auge geschaut; wenn Yann sie nicht wollte, so würde ihre Jugendfülle eben welken und vergehen.

Ihres hübschen Gesichts war sich Gaud wohl bewußt, von der Schönheit ihres Körpers hatte sie jedoch keine Ahnung. Diese ist übrigens bei den Töchtern der kraftvollen Islandfischer fast zum Typus geworden, man merkt aber wenig davon, denn selbst diejenigen, die sich am wenigsten schüchtern zeigen, würden nicht daran denken, mit ihren körperlichen Reizen zu prunken, sondern verhüllen sie schamhaft. Nur Stadtdamen messen ihren Körperformen so viel Wichtigkeit bei, daß sie sie künstlich formen oder gar malen lassen ...

Gaud wickelte ihre Zöpfe von den Ohren los und legte sie kranzförmig um den Kopf, was bequem zum Schlafen ist, und jetzt glich sie mit ihrem geraden Profil einer römischen Jungfrau. Sie spielte mit den Enden der schweren Flechten, dann aber riß sie die schöne Krone herunter, flocht sie eilig auf und hüllte sich in die wallende Haarmasse, die bis über die Hüften ging, und jetzt sah Gaud aus wie eine Waldnymphe. Immer noch biß sie fest auf die Unterlippe, um die Thränen zurückzudrängen, der Schlaf forderte aber endlich sein Recht und Gaud legte sich nieder, indem sie ihr Gesicht in dem seidenweichen Haar verbarg.

In ihrer Hütte in Ploubazlanec war auch die Großmutter Moan, die an der Grenze des Lebens stand, endlich eingeschlafen; nachdem sie lange an ihren Enkel und an den Tod gedacht.

Die beiden aber, um die sich an diesem Abend so viel liebende Gedanken gedreht, Yann und Sylvester, befanden sich an Bord der »Marie« auf dem Eismeer, das sehr aufgeregt war; sie lagen zur selben Stunde bei fast taghellem Licht dem Fischfang ob, und sangen vergnügt dazu.

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