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Die Islandfischer

Pierre Loti: Die Islandfischer - Kapitel 46
Quellenangabe
typefiction
authorPierre Loti
titleDie Islandfischer
publisherPhilipp Reclam jun
year
firstpub
translatorE. Bagge
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
created20080430
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2.

Der Quai von Paimpol war am anderen Morgen voller Leute. Schon seit dem vorgestrigen Tag hatte die Abreise der Isländer begonnen und bei jeder Flut ging eine Anzahl von Schiffen in See.

An diesem Morgen sollten mit der »Leopoldine« noch fünfzehn Schiffe absegeln, und die Frauen und Mütter sämtlicher Seeleute waren versammelt. Gaud kam es seltsam vor, sich unter diesen zu befinden, aber jetzt war sie ja das Weib eines Islandfischers, und um derselben traurigen Ursache willen hier wie die anderen. Ihr Geschick hatte sich in den letzten Wochen dergestalt überstürzt, daß sie kaum Zeit gehabt, sich der Wirklichkeit der Geschehnisse bewußt zu werden, und so war die unerbittliche Scheidestunde herangekommen, die sie ertragen lernen mußte so gut wie die übrigen, die sie schon öfter durchgemacht. Sie hatte das Abschiednehmen noch nie in der Nähe gesehen, daher war ihr alles neu und unbekannt. Unter den vielen Frauen war sie eine Fremde – die feine Erziehung, die sie genossen hatte, hing ihr in den Augen der Leute noch an und schied sie von ihnen.

Das Wetter war auch heute schön geblieben, draußen auf offenem Meer wogte es aber stark; es blies ja von Westen her.

Um Gaud her standen noch mehr junge Frauen und Mädchen, die hübsch, ja sehr hübsch waren und mit ihren Augen voll Thränen einen rührenden Anblick boten; es gab auch Gleichgültige, die niemand liebten, oder Herzlose, die lachende Mienen zeigten; hochbetagte Mütter, die ihr Ende nahe fühlten und bittre Thränen um ihre Söhne vergossen, die sie nicht wieder zu sehen glaubten; Verlobte in letzter Umarmung und einem langen Kuß. Manch ein Graukopf sang, um sich selber Mut zu machen, andere begaben sich so ernst und düster an Bord ihres Schiffes, als gingen sie zur Richtstätte.

Außer diesen herzbewegenden Dingen gab es aber auch seltsame Scenen hier: Unglückliche, die sich in der Schenke hatten überrumpeln lassen einen Kontrakt zu unterschreiben, und die nun von ihren eigenen Weibern und den Gendarmen zu einer Barke gebracht wurden, um mit Gewalt eingeschifft zu werden. Andere, von denen bei ihrer großen Körperkraft Widerstand zu besuchten war, waren aus Vorsicht schwer betrunken gemacht worden; sie wurden auf Tragbahren herbei gebracht, an Deck auf ein Brett gebunden und in den Schiffsraum hinab gelassen, gleich Toten.

Gaud entsetzte sich über diesen Anblick. Mit solchen Gefährten mußte ihr Yann leben? Wie schrecklich mußte doch das Handwerk der Islandfischer sein, wenn es selbst für Männer ein solches Schreckbild war!

Doch sah man auch ruhige, frohe Gesichter, die wie Yann ihren Beruf liebten und sich auf das Leben auf dem Meer freuten. Das waren die Guten, Leute mit edlen Zügen und von schönem Antlitz; waren sie noch ledig, so zogen sie unbekümmert hinaus und warfen den Mädchen einen letzten Blick zu, waren sie verheiratet, so umarmten sie Frau und Kinder in tiefem Ernst und der frohen Hoffnung, ihnen bei der Wiederkehr reichen Verdienst mit heim zu bringen. Es tröstete Gaud, lauter solche an Bord der »Leopoldine« steigen zu sehen, die in der That eine ausgewählt gute Mannschaft hatte. Zu zwei und zwei, oder vier und vier fuhren die Schiffe ab, von Schleppern aus dem Häfen gebracht. Sobald sie sich in Bewegung setzten, entblößten die Seeleute das Haupt und stimmten mit voller Kehle ihren Gesang an die Jungfrau Maria an: »Heil dir, Stern des Meeres.« Die Frauen blieben auf dem Quai und unter vielen Thränen schwenkten sie ihre Tücher den Absegelnden zum letzten Gruß.

Sobald die »Leopoldine« dahin schwamm, machte sich Gaud mit raschem Schritt auf den Weg zu Yanns Elternhaus; und nach einem Marsch von anderthalb Stunden langte sie bei ihrer neuen Familie an. Die »Leopoldine« sollte bei der großen Reede von Pors-Even noch einmal anlegen und erst am Abend definitiv in See stechen. Hier konnte sie ihn also noch ein letztes Mal sehen, und er kam mit einer Jolle seines Schiffes noch einmal für drei Stunden an Land.

Unwillkürlich schlugen sie denselben Weg ein wie gestern, und als sie in glücklichem Gespräch bis nach Ploubazlanec gekommen waren und vor ihrer Hütte standen, traten sie ein letztes Mal ein. Es war aber ein großer Schrecken für die Großmutter, sie zusammen erscheinen zu sehen, da sie nichts von der Möglichkeit einer kurzen Rückkehr gewußt hatte.

Yann legte Gaud die Sorgfalt für verschiedene Sachen ans Herz, die er in ihrem Schrank zurück ließ; besonders befahl er ihr an, seinen schonen neuen Hochzeitsanzug zuweilen heraus zu nehmen und in die Sonne zu legen. – An Bord der Kriegsschiffe lernen die Matrosen sorgfältig und geschickt mit vielen Dingen umgehen. – Gaud lächelte darüber, daß er ihr Sorgsamkeit für seine Sachen anempfehlen zu müssen glaubte: er konnte ganz sicher sein, daß alles was ihm gehörte mit der größten Liebe gehütet sein würde!

Dergleichen stand ihnen jedoch nur in zweiter Linie: redeten sie doch nur, um zu reden, und das beklemmte Herz damit äußerlich ruhig zu halten.

Yann erzählte, daß sie an Bord die Plätze zum Fischen ausgelost hätten, und er sei sehr zufrieden, einen der besten bekommen zu haben. Da Gaud nicht verstand was damit gemeint war, erklärte er es ihr. »Siehst du, Gaud,« sagte er, »an Bord unserer Schiffe sind auf dem Plattdeck Löcher in gewissen Abständen, wir nennen sie Blocklöcher, weil wir kleine Blöcke darin befestigen, über die wir unsere Angelruten legen. Um diese Löcher wird entweder gewürfelt, oder wir spielen sie durch Lose aus, die wir in die Mütze des Schiffsjungen thun. Nun zieht jeder ein Los, und den darauf bezeichneten Platz muß er während der ganzen Fahrt behalten, gewechselt wird nicht mehr. Diesmal ist mein Posten auf dem Hinterdeck des Schiffes, wo man die meisten Fische fängt, wie du wohl wissen wirst. Und dann hat mein Platz auch den Vorteil, daß er hinter den großen Wandtauen ist, wo man ein Stück Wachsleinwand oder Segeltuch oder sonst etwas zum Schutz für das Gesicht anbringen kann. Kannst glauben, daß man froh um der gleichen ist, denn Schnee und grobe Hagelkörner richten einem das Gesicht manchmal arg zu! Hat man irgend welchen Schutz, so bleiben die Augen länger gut.«

Sie sprachen leise und immer leiser, als fürchteten sie durch lautes Reden die kostbaren Augenblicke zu verscheuchen, die ihnen zugezählt waren. Ihre Unterhaltung drehte sich um alles andere als die Trennung, und die kleinsten und unbedeutendsten Dinge schienen ihnen geheimnisvoll und hochwichtig zu werden.

Der letzte Augenblick war da: Yann nahm sein junges Weib an sein Herz, und ohne ein Wort zu reden, nahmen sie in inniger Umarmung nochmals Abschied voneinander.

Yann bestieg seine Jolle und bald blähten sich die großen Segel in einer leichten Brise, die von Westen her kam. Er schwang die Mütze, wie sie es ausgemacht, und lange noch erkannte sie die geliebte Gestalt. Ja, das war ihr Yann, die klein und immer kleiner werdende menschliche Gestalt, die sich schwarz von den blaugrauen Wassern abhob. Nur noch ein schwarzes Pünktchen – ja, das war er – jetzt wurde es unklar, und das angestrengte Auge vermochte ihn absolut nicht zu erkennen, er verlor sich in der Ferne, wo der Blick nichts mehr festzuhalten vermag.

Wie von einem Magnet angezogen, lief Gaud am Fuß der Klippen hin, als könnte sie so dem Schiff nacheilen. Ihr Lauf wurde jedoch bald gehemmt, sie war am Ende der Landspitze angelangt, und setzte sich unter dem großen Kreuz nieder, das auf diesem äußersten Vorsprung unter Steinen und Ginster steht. Da der Platz erhöht war, schien das Meer ln der Ferne anzusteigen, und es sah aus, als ob die »Leopoldine« jene sanften Anhöhen von ungeheuer großem Umkreis hinaufsegelte. Große Wellen kamen heran, als wären sie Ausläufer einer wildbewegten See, die von weit, weit unter dem Horizont herkäme; im Gesichtskreis aber, wo ihr Yann noch weilte, blieb alles friedlich und still.

Gaud schaute immer noch unverwandt auf das Schiff, dessen Umrisse, Segel und Takelung sie sich einzuprägen suchte, damit sie es bei der Heimkehr von weitem wieder zu erkennen vermöchte.

In vollkommener Regelmäßigkeit kamen große Wellenreihen von Westen her, eine hinter der anderen, ohne Ruhe und ohne Aufhören, deren jede die unnütze Anstrengung erneuerte, den Strand zu überschwemmen, oder sich gurgelnd an dem Felsen zu brechen. Das Meer schien allzu voll und sich seines Inhalts auf die Ufer entleeren zu wollen.

Die »Leopoldine« ward immer kleiner und undeutlicher, sie mochte wohl in Strömungen gekommen sein, die sie so schnell davon trugen, denn die Brisen an diesem Abend waren schwach. Endlich war sie nur noch einem grauen Punkt gleich, der bald die äußerste Grenze des Sichtbaren überschritt, und sich von da an in die Ferne des kommenden Abenddunkels verlor.

Es war sieben Uhr, als sich Gaud erhob, um den Heimweg anzutreten. Obwohl ihr beständig Thränen über die Wangen liefen, so war sie doch ziemlich getrost, als sie die Hütte allein wieder betrat. Wie weit trostloser war es doch in den beiden verflossenen Jahren gewesen, wo er ohne ein Abschiedswort von ihr gegangen war! Das war jetzt anders, und die Gewißheit, daß Yann ihr völlig angehörte, milderte ihren Schmerz. Ungeachtet der langen Trennung wußte sie sich unsäglich geliebt, und die Zeit des Alleinseins würde ihr die Hoffnung auf das Wiedersehen im Herbst versüßen.

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