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Die Islandfischer

Pierre Loti: Die Islandfischer - Kapitel 44
Quellenangabe
typefiction
authorPierre Loti
titleDie Islandfischer
publisherPhilipp Reclam jun
year
firstpub
translatorE. Bagge
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
created20080430
projectid3b5adcd0
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8.

Seit sechs Tagen waren sie Mann und Frau.

Die ganze Gegend war mit der nahen Abreise der Isländer beschäftigt. Tagelöhnerinnen schafften die Salzvorräte an Bord der Schiffe; die Männer hatten mit der Takelung zu thun; in Yanns Elternhaus arbeiteten Mutter und Schwestern am Fertigmachen seiner diesjährigen Ausrüstung. Das Wetter war düster und die See unruhig und aufgeregt, fühlte sie doch schon das Kommen der Äquinoktialstürme.

Gaud erfüllten die unerbittlich vorwärts schreitenden Vorbereitungen mit innerer Angst, die Tage und Stunden ihres Glückes flohen ja so schnell, und sie sehnte den Feierabend herbei, wo Yann nach vollbrachtem Tagewerk ihr ganz allein angehörte.

Würde er die anderen Jahre auch fortgehen? Sie hoffte ihn zurückhalten zu können, wagte jedoch keine derartige Anspielung, obwohl seine Liebe zu ihr täglich zunahm. Was sie an ihm entzückte, war, ihn so sanft, so kindlich zu finden. Den Mädchen in Paimpol, die ihm so auffällig entgegengekommen, hatte er zuweilen seine Verachtung gezeigt, ihr aber begegnete er stets mit einer achtungsvollen Höflichkeit, und sobald ihre Augen einander begegneten, erschien jenes herzige Lächeln auf seinem Gesicht, das sie so sehr beglückte. Diese einfachen Menschen haben einen angeborenen Respekt vor der Heiligkeit der Ehe und der sittlichen Stellung der Ehefrau; es liegt ein Abgrund zwischen ihr und einer Geliebten, dem verächtlichen Geschöpf, das man nach genossenem Vergnügen beiseite werfen kann, wie ein überdrüssiges Spielzeug. Das Glück der armen Gaud war sehr mit Unruhe gemischt; es war ihr zu unverhofft gekommen, als daß sie mehr Beständigkeit davon erwartet hätte, als von einem beglückenden Traum.

Wenn sie daran dachte, was sie von Yanns früheren Liebesabenteuern und von seiner Heftigkeit gehört, so beschlich sie ein Bangen: würde er immer dieses achtungsvolle Benehmen, diese unendliche Zärtlichkeit für sie behalten?

Sechs Tage des Ehestands waren doch so gut wie nichts bei einer Liebe wie die ihrige: eine fieberhaft erraffte Abschlagszahlung auf das Glück einer langen Lebenszeit. Sie hatten ja kaum erst gelernt sich zu verstehen und einander anzugehören, und alle Pläne für ihre häusliche Einrichtung und künftiges Leben mußten notwendigerweise auf den Spätherbst verschoben werden. Ein anderes Jahr wollte sie ihn um keinen Preis wieder mit fort lassen! Aber wovon sollten sie denn leben, da eins wie das andere ohne Vermögen war? Und dann liebte er seinen Beruf doch auch so sehr! Wie schrecklich aber, alljährlich den Frühling mit Bangen herankommen zu sehen, Sommer um Sommer in schmerzlicher Angst hinbringen zu müssen! Jetzt, da sie ihn so grenzenlos liebte, konnte sie nur mit Grauen an die Qual künftiger Jahre denken.

Sie hatten einen einzigen Frühlingstag, einen allereinzigen! Es war am Vorabend von Yanns Abreise, und da an Bord alles in Bereitschaft war, durfte er an diesem letzten Nachmittag bei ihr bleiben. Arm in Arm spazierten sie dicht aneinander geschmiegt auf den schmalen Wegen einher, und wer sie sah, blickte ihnen lächelnd nach. »Das neugebackene Ehepaar!« hieß es.

Dieser letzte Tag in der Heimat war ein rechter echter Frühlingstag, der in solch' rauhem Küstenland besonders dankbar geschätzt wird.

Es war völlig windstill und das Meer lag in blaßblauer Färbung ganz ruhig da. In weißschimmerndem Glanz schien die Sonne auf das rauhe bretonische Land, das in diesem ungewohnten Genuß zu schwelgen schien; dem lachenden Sonnenschein, der selbst die ödesten Winkel aufsuchte. Die Luft war so wonnig mild, als konnten rauhe und stürmische Tage gar nicht wiederkehren. Die Landspitzen und Buchten, über welche jetzt keine wechselnden Wolkenschatten mehr hinhuschten, zeichneten ihre großen, unbeweglichen Linien im Sonnenschein; auch sie schienen sich in der wohlthätigen Stille auszuruhen. Schon zeigten sich Schlüsselblumen an den Rändern der Gräben, nebst zarten, noch geruchlosen Veilchen ... die Natur schmückte sich ihrem Liebesfest zu Ehren.

»Wie lange wirst du mich lieb behalten, Yann?« fragte Gaud unvermittelt.

Erstaunt sah er ihr voll in die Augen. »Auf immerdar,« war die Antwort, die in ihrer Schlichtheit um so mehr überzeugte.

Übertrafen diese zwei Worte nicht alles, was sie je an Glück erträumt hatte? Gaud stützte sich auf seinen Arm und lehnte sich an den geliebten Mann, der, ach, nur heute noch ihr gehörte! Morgen um diese Zeit war er schon unerreichbar weit fort.

Dies erste Mal war es unmöglich gewesen, nächstes Jahr aber sollte er nicht wieder von ihr gehen.

Von diesem hochgelegenen Pfad aus übersah man den ganzen Küstenstrich; hie und da zwischen den Felsen sah ein Fischerhäuschen hervor. Gaud erzählte ihm von den wunderbaren und merkwürdigen Dingen in Paris, wo sie so lange gelebt hatte. Yann wußte ihre Mitteilungen aber nicht zu würdigen, denn er erwiderte darauf: So weit weg von der Küste – Land, nichts als Land – das muß ungesund sein! Wo Häuser in Tausenden stehen, die alle voll Menschen stecken, da muß es ja Krankheiten geben! Dort möchte ich um keinen Preis leben – nein, das wäre nichts für mich!« Und Gaud lächelte über die kindlichen Ansichten dieses großen lieben Menschen.

Wo der Pfad in eine geschützte Bodensenkung führte, da gab es wirkliche und natürlich entwickelte Bäume; das modernde Laub am Boden strömte einen feuchtkalten Geruch aus, der Ginster war aber hier schon grün! An diesen tiefgelegenen Orten hatten sich auch einzelne Häuser versteckt; zwischen zerbröckelnden niedrigen Mäuerchen führte der Pfad wieder aufwärts, und oben auf der Höhe empfanden sie angenehm die belebend frische Luft und den unbegrenzten Ausblick auf das weite Meer.

Yann seinerseits erzählte Gaud von Island, von den Sommern die keine Nächte haben, der geringen Leuchtkraft einer schrägstehenden Sonne die nicht mehr untergeht. Gaud verstand das nicht recht und er suchte es ihr auf seine naive Weise zu erklären.

»Weißt du, die Sonne macht ihren Weg rundum,« sagte er, indem er einen weiten Kreis mit dem Arm beschrieb. »Sie steht sehr niedrig, sie hat gar nicht mehr die Kraft zu steigen; um Mitternacht taucht sie ihren Rand nur ein wenig ins Meer, und gleich darauf fängt sie ihren Rundlauf an. Manchmal erscheint auch der Mond auf der entgegengesetzten Seite am Himmel, dann plagen sie sich um die Wette mit Leuchten ab, man kennt sie aber nicht leicht auseinander, denn in dieser Gegend sind sie sich zu ähnlich.«

Um Mitternacht die Sonne sehen können! Und die Fjorde? Gaud hatte das Wort auf den Gedächtnistafeln in der Totenkapelle gelesen, darum verband sich für sie die Vorstellung von etwas Schrecklichem damit.

»Die Fjorde sind große Buchten, wie zum Beispiel die von Paimpol,« erläuterte Yann; »der Unterschied besteht aber darin, daß sie von hohen Bergen eingefaßt sind, so hoch, daß man ihre Spitze nicht sehen kann, weil immer Wolken darauf lagern. Ein trauriges Land ist das, Gaud! Steine, und nichts als Steine, und was Bäume sind, wissen die Leute auf der Insel gar nicht. So um Mitte August geht's mit dem Fischfang zu Ende, und da muß man machen, daß man fort kommt, denn die Nachte treten ein und verlängern sich sehr schnell. Dann sinkt die Sonne ganz unter den Erdball hinunter, und auf der Insel ist's den ganzen Winter über Nacht.«

»In einem Fjord an der Küste giebt's aber auch einen kleinen Gottesacker,« fuhr er fort. »Dort begraben wir die Leute, die während des Fischfangs an Bord sterben. Es ist geweihte Erde, so gut wie hier bei uns, und man setzt den Toten ein Holzkreuz mit dem Namen auf ihr Grab. Die zwei Goazdiou liegen dort, und auch Guillaume Moan, Sylvesters Großvater.«

Bewegten Herzens stellte sich Gaud den kleinen Friedhof vor, der auf einem weltfernen Flecken, unter dem bleichen Licht einer nie untergehenden Sonne lag. Wie traurig, die einsamen Schläfer in endloser Winternacht unter Eis und Schnee zu wissen!

»Und ihr fischt die ganze Zeit ohne Unterbrechung?« fragte sie!

»Die ganze Zeit. Mit dem Steuern haben wir aber auch zu thun, denn dort ist das Meer nicht immer gut. Müde wird man aber, sage ich dir; man kriegt tüchtig Appetit bei der Arbeit, und kommt die Abendsuppe, so verschlingt man sie!«

»Langeweile kommt dann wohl gar nicht vor?«

»Niemals!« rief er so überzeugt, daß es ihr bis ins Herz ging. »An Bord oder auf der See wird mir die Zeit nie, nie lang!«

Traurig senkte Gaud den Kopf; sie fühlte sich vom Meer überwunden.

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