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Die Islandfischer

Pierre Loti: Die Islandfischer - Kapitel 43
Quellenangabe
typefiction
authorPierre Loti
titleDie Islandfischer
publisherPhilipp Reclam jun
year
firstpub
translatorE. Bagge
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
created20080430
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7.

Da Gauds Wohnung allzu klein und ärmlich war, fand das Hochzeitessen bei Yanns Eltern statt.

Oben in der großen, neu aufgebauten Stube war ein langer Tisch für fünfundzwanzig Personen gedeckt: Das Brautpaar, Yanns Brüder und Schwestern; Vetter Gaos, der Lootse; Kapitän Guermeur, Keraez, Yvon Duff – alle von der alten »Marie,« die jetzt der »Leopoldine« angehörten, vier Brautjungfern, alles sehr hübsche Mädchen, die ihre Zöpfe um die Ohren gelegt trugen, wie einst die Kaiserinnen von Byzanz, und die muschelförmigen Hauben nach der neuen Mode; die Brautführer waren sämtlich Isländer, gut gewachsene Leute mit schönen stolzen Augen.

Im Erdgeschoß saßen alle jene Gäste bunt durcheinander, die oben nicht Platz gefunden hatten, und ein paar Kochfrauen aus Paimpol hantierten an dem großen Kamin mit ihren Kasserollen und Pfannen.

Yanns Eltern hatten ihrem Sohn eigentlich ein reiches Mädchen zur Frau gewünscht; aber dadurch, daß Gaud sich so tapfer in ihre veränderte Vermögenslage gefunden hatte, stieg ihr Ansehen bei ihnen, zumal da sie das schönste Mädchen landauf und landab war, und es schmeichelte den Eltern, daß ihr schöner Yann eine so gut zu ihm passende Frau bekam.

Nach der Suppe sagte der alte Gaos: »Nun giebt's noch ein paar Gaos mehr; Mangel ist bis jetzt in Ploubazlanec noch nicht an ihnen gewesen!« Dabei zählte er einem alten Onkel von Gaud an den Fingern her, wie viele des Namens er gekannt habe: seinen Vater, welcher der jüngste von neun Brüdern war; dieser hatte zwölf Kinder, die alle Vettern und Cousinen heirateten, was eine Unmenge von Gaosen ergab, obgleich ihrer viele in Island umgekommen waren. – »Und ich,« fuhr er fort, »habe auch eine geborene Gaos geheiratet, und wir haben vierzehn Kinder.« Stolz hob er dabei den Kopf, so sehr freute ihn der vielzweigige Stamm seiner Familie. Wohl war es ihnen schwer geworden, vierzehn Kinder durchzubringen, aber die Mehrzahl half sich bereits selber fort, und seit er das Glück gehabt, die zehntausend Frank an dem Wrack zu verdienen, war ja Wohlstand bei ihnen eingekehrt.

Nachbar Guermeur, der ebenfalls sehr vergnügt war, erzählte von Streichen, die er im »Dienst« verübt (so nennen die Küstenbewohner die fünf Jahre, welche sie in der Kriegsmarine dienen müssen), und gab Geschichten aus China, Brasilien, von den Antillen zum Besten, worüber die jungen Leute, denen die Dienstzeit noch bevorstand, gewaltig die Augen aufrissen.

Eine seiner liebsten Geschichten hatte sich an Bord der »Iphigenie« zugetragen. Da sollten einmal in der Abenddämmerung die Weinvorräte erneuert werden; der Schlauch, der den Wein in die Fässer hinableiten sollte, platzte jedoch, und anstatt dies zu melden, hatten sie sich ans Trinken gemacht, und getrunken, bis sie liegen geblieben waren.

Und die alten Seeleute lachten aus vollem Hals mit einem Beigeschmack von Ironie. »Es wird immer über den ›Dienst‹ geschimpft,« sagten sie, »wo könnte man aber köstlichere Streiche ausführen?«

Das Wetter hatte sich nicht gebessert, im Gegenteil, und der Wind peitschte den Regen durch eine stockfinstere Nacht. Trotz aller getroffenen Vorsichtsmaßregeln beunruhigte sich mancher Hochzeitsgast um sein Schiff oder seine Barke, obgleich sie gut verankert im Hafen lag, und sprach davon, heimgehen und nachsehen zu wollen.

Von unten herauf scholl Gelächter der Jugend; darunter mischte sich Freudengeschrei der Kinder, die vom ungewohnten Genuß des Apfelweins ausgelassen lustig waren.

Es gab gekochtes und gebratenes Fleisch, mehrere Sorten Fisch, Geflügel, Eierkuchen und feines Backwerk.

Man redete vom Fischfang und vom Schmuggeln, und erörterte die vielerlei Arten, auf welche man die Zollbeamten hinters Licht führen kann, die, wie jedermann weiß, die Feinde der Seeleute sind. Und droben am Honoratiorentisch wurde von merkwürdigen Abenteuern erzählt, und die lustigen Geschichten und witzigen Bemerkungen in bretonischem Dialekt flogen unter den Männern hin und her, die einer wie der andere in der Jugendzeit alle Erdteile gesehen hatten.

»Ah, und gewisse Häuser in Hongkong, wißt ihr – da aufwärts in den Gäßchen ...«

»Jawohl!« rief unten vom Tisch einer herauf, der sie besucht hatte, »man hält sich rechts vom Landungsplatz aus, nicht wahr?«

»Ganz recht! – Nun ja, da bei den chinesischen Damen. ... Na, wir waren unserer Drei, und haben's uns wohl sein lassen. – Aber häßlich sind sie, die chinesischen Weiber, puh, wie häßlich!«

»Was die Häßlichkeit anbetrifft, da muß ich dir recht geben,« sagte Yann nachlässig, der nach einer langen Seefahrt in schwacher Stunde diese Chinesinnen kennen gelernt hatte. »Nachher, wie es zum Bezahlen kam – wer hatte da Piaster?« fuhr der Erzähler fort. »Nun, wir suchen alle Taschen aus, aber keiner hat Geld, weder ich, noch du, noch er, keiner einen Sou! Wir entschuldigen uns recht schön und versprechen das Wiederkommen (hier verzog sich das gebräunte Seemannsgesicht zu einer gezierten Fratze, um das höchste Erstaunen einer Chinesin zu malen). »Das war der Alten aber nicht recht glaubwürdig, und sie fing an zu miauen und kratzte uns zuletzt mit den gelben Pfoten.« (Jetzt machte er das Gebelfer der zornigen Alten nach und verdrehte die Augen, bis sich das Weiße zeigte.) »Und die Chinesen – die zwei, denen die Bude gehörte, verstehst du – die schlossen das Gitterthor zu und ließen uns nicht hinaus. Kannst dir wohl denken, daß wir sie an ihren Zopfschwänzen gepackt und in einem Tanz herumgeschwenkt haben, daß ihre Köpfe an die Mauer flogen! Das hat aber Lärm gemacht, und wie aus der Erde gewachsen ist ein Dutzend gelber Kerls da, die ihre Ärmel aufstreifen, um über uns herzufallen. Furchtsam haben sie trotzdem ausgesehen. – Na, ich hatte eine Partie Zuckerrohr bei mir, das ich mir gerade als Reisevorrat gekauft hatte; es ist solid und bricht nicht, so lange es noch grün ist. Nun frage ich, ob du glaubst, daß es uns nützlich war, um die gelbe Bande damit zusammen zu hauen?!«

Der Sturm draußen hatte einen Grad erreicht, daß die Fenster klirrten, und der Erzähler erhob sich, um nach seiner Barke zu sehen. Sein Fortgang beeinträchtigte die Unterhaltung jedoch nicht.

»Ja, man erlebt mancherlei,« begann ein anderer, »ich habe in Aden auch etwas Nettes erlebt, wo ich auf der »Zenobia« Quartiermeister bei den Kanonieren war. Eines Tages kamen Händler mit Straußenfedern an Bord. »Guten Tag, Korporal,« sagten sie; »wir nicht Diebe, wir gute Kaufmänner.« Mit drei Sätzen jagte ich sie wieder zur Strickleiter und schrie einen an: »Laß dir sagen, guter Kaufmann, mache daß du mir einen Strauß Federn zum Geschenk bringst, darauf werde ich mir überlegen, ob ich dir mit deinem Bündel an Bord zu kommen erlaube!« – mit schmerzlichem Gesicht fuhr der ehemalige Quartiermeister fort: »Ich hätte bei der Rückkehr ein schönes Stück Geld aus den Federn lösen können, wenn ich nicht ein so gar dummer Kerl gewesen wäre. Aber ich war dazumal jung und hatte in Toulon eine gute Bekannte, die im Putzfach arbeitete ...«

Ein großer Lärm, der von unten kam, beraubte die Zuhörer des Genusses, die Listen und Kniffe zu erfahren, welche die Putzmacherin gebraucht, um in den Besitz der kostbaren Straußenfedern zu gelangen. Ein fürchterliches Geheul schnitt ihm aber das Wort ab: ein kleiner Gaos hatte im Essen und Trinken zu viel des Guten gethan und mußte zu Bett gebracht werden.

Im Kamin heulte der Wind, wie die Seelen der Verdammten im Fegefeuer; er tobte mit schrecklicher Gewalt um das Haus und machte es in seinen Grundfesten erbeben.

»Man könnte meinen, der Wind erbost sich darüber, daß wir so lustig beisammen sind,« bemerkte der alte Lotse.

»Nein,« sagte Yann, indem er Gaud zulächelte, »der Wind nicht, aber das Meer ist's, was sich ärgert: hatte ich ihm doch die Ehe versprochen!«

Eine seltsame Ermattung fing an, sich ihrer zu bemächtigen; Hand in Hand saßen sie da und sprachen leise miteinander, unbekümmert um die Fröhlichkeit der Umgebung. Da Yann den Einfluß des Weines aus seine Sinne kannte, trank er an diesem Tag keinen Tropfen; doch wurde er sehr rot, wenn einer seiner Kameraden eine Anspielung auf die Brautnacht machte. Zuweilen zog auch ein ernster Schatten über sein Gesicht, wenn er daran dachte, wie sehr der arme Sylvester diese Hochzeit gewünscht. Um seinetwillen sollte heute auch nicht getanzt werden.

Man war jetzt beim Nachtisch angelangt, und nun mußte das Singen bald angehen. Vorher aber waren nach alter frommer Sitte die Gebete für die Toten aus der Familie zu sagen, ein Brauch, der bei keiner bretonischen Hochzeit versäumt wird. Daher ward es unter der eben noch so lauten Gesellschaft kirchenstill, als sich der Vater Gaos erhob und sein weißes Haupt entblößte.

» Das ist für Guillaume Gaos, meinen Vater,« sagte er, und indem er sich bekreuzte, fing er an für den Toten in lateinischer Sprache zu beten: Pater noster qui es in coelis, sanctificetur nomen tuum ... (Vater unser, der du bist im Himmel, geheiliget werde dein Name.)

Tiefes Schweigen herrschte oben und unten, sogar unter den Kindern, und alle Gäste sprachen bei sich dem ehrwürdigen Vater die ewig heiligen Worte nach.

» Das ist für Yves und Jean Gaos, meine Brüder, die im Meer von Island verschollen sind,« sprach der Alte beim zweiten Vaterunser. – » Das ist für Pierre Gaos, meinen Sohn, der an Bord der »Zélie« Schiffbruch erlitten hat. Nachdem für jeden einzelnen ein Paternoster gesprochen war, wandte er sich zur Großmutter Yvonne: »Und das ist für Sylvester Moan.«

Yann stürzten plötzlich die Thränen hervor, als der alte Mann dies letzte Vaterunser für den toten Freund betete und mit den Worten schloß: Sed libera nos a malo. Amen (sondern erlöse uns von dem Übel).

Nachdem der religiösen Pflicht genügt war, fing man an zu singen, zuerst mehrere von den Matrosenliedern, welche die jungen Leute im »Dienst« gelernt hatten; bei der Marine giebt es bekanntlich sehr gute Sänger. Einer der Brautführer begann seinen Vortrag mit dem Zuavenlied, und die übrigen Gäste fielen beim Hurra begeistert ein. Der erste Vers des Liedes heißt:

Ein' tapfere Schar wohl Zuaven sind;
Vergleicht sie uns – ist's Spreu vorm Wind
Dem echten Seemann, dem Braven,
Hurra, wie den tapfern Zuavenl
Hurra! Hurra! Hurra!

Das junge Paar hatte kaum Ohren für die Lieder; schauten sie einander an, so verwirrte sich der schimmernde Blick; ihre Unterhaltung ward in immer leiserer Stimme geführt. Eines hielt die Hand des anderen gefaßt, Gaud senkte häufig den Kopf, denn allmählich überkam sie eine Art süßen Bangens vor ihrem Herrn und Gebieter.

Jetzt ging der Vetter Lotse herum und bot einen ganz besonderen Wein an, den er mitgebracht; er hielt die Flasche sehr sorgfältig, damit sie ja nicht geschüttelt würde; und der Korb mit den liegenden Flaschen war mit großer Mühe transportiert worden. An diesen Wein knüpfte sich eine Geschichte, die er mit demselben zum Besten gab. Er hatte eines Tages beim Fischfang ein treibendes Stückfaß angetroffen; es an Bord zu bringen, war seiner Größe wegen unmöglich, daher hatten sie es auf offener See angezapft, und was sie nur an Gefäßen hatten, mit Wein gefüllt; da man aber lange nicht alles fortbringen konnte, hatte man andere Lotsen und Fischer durch Signale herbeigerufen, und alle Segler in Sicht waren herbeigeeilt und scharten sich um den Fund. »Ich weiß mehr als einen, der an jenem Abend besoffen nach Pors-Even kam!« schloß der Vetter Lotse mit Lachen.

Das Kindervolk unten vergnügte sich mit Rundtänzen; die jüngsten Gaoskinder waren zwar längst zu Bett gebracht, die anderen machten aber einen Heidenlärm; Laumec und Fantec (bretonische Abkürzung für Guillaume und François) stifteten die kleine Bande zum Lärmen an; sie wollten durchaus draußen herumspringen und machten alle Augenblicke die Thür auf, was den Windstößen Eingang verschaffte, die so heftig waren, daß sie die Lichter verlöschten.

Der alte Lotse erzählte weiter, daß sein Anteil an der Beute vierzig Flaschen betragen habe; man möge ihm aber den Gefallen thun und nicht davon reden, damit ihm der Herr Kommissar auf dem Marinebureau nicht nachträglich etwa noch Ungelegenheiten darüber machte, weil er damals den Fund nicht angezeigt habe. »Der Wein hätte nur gut gepflegt werden müssen,« schloß er seine Geschichte. »Hätte man ihn ordentlich abziehen können, so wäre es ein herrlicher Tropfen geworden, denn es ist vielmehr Traubensaft darin, als in den Kellern der Weinhändler von ganz Paimpol zusammen.«

Wo mochte dieser Wein, der von einem Schiffbruch herrührte, wohl gewachsen sein? Er war von dunkelroter Farbe und sehr stark, aber mit Seewasser vermischt, und hatte daher einen salzigen Geschmack behalten. Nichtsdestoweniger fand er großen Beifall und mehrere Flaschen wurden geleert.

Bei den meisten drehte es sich ein wenig im Kopf; die Stimmen wurden unklar, und die Burschen fingen an, die Mädchen zu umarmen. Gesungen wurde immer noch, es war aber keine rechte Ruhe dabei, denn die Männer machten einander Zeichen und tauschten sorgenvolle Bemerkungen über die Schiffe aus.

Das Unwetter draußen tobte ärger denn je, und der Sturm brüllte dermaßen, als wenn tausend wütende Bestien aus vollem Halse schrieen, drohend knurrten und schnarrten, ein Getöse, das wie ein fortgesetzter gräßlicher Schrei klang. Man meinte auch die großen Strandkanonen schießen zu hören, die dumpfen Schläge rührten aber ebenfalls vom Meer her, das den Strand von Ploubazlanec so furchtbar peitschte – nein, daß Meer war ganz entschieden sehr erzürnt, und das Herz zog sich Gaud bei der entsetzlichen Musik zusammen, die niemand zu ihrer Hochzeit bestellt hatte.

Nach Mitternacht ließ der Sturm etwas nach. Yann hatte sich leise erhoben und machte Gaud ein Zeichen, daß sie zu ihm hinauskommen möchte – sie wollten jetzt heim gehen. Gaud war sehr rot darüber geworden, weil sie aufgestanden war; sie meinte, es sei unhöflich, schon fort zu gehen und die Gäste allein zu lassen.

»Nein, wir können gehen,« sagte Yann, »der Vater hat's erlaubt.« Dabei zog er sie über die Schwelle und sie machten sich leise davon, in die kalte Nacht hinaus. Es war stockfinster. Auf der Höhe des Pfades verriet das unheimliche Toben, wo das Meer lag – sehen konnte man es nicht. Yann faßte Gaud bei der Hand und sie fingen an zu laufen wie die Kinder, oft aber hatten sie Mühe, sich gegen den Wind auf den Füßen zu halten, und obwohl sie die Hand vor den Mund hielten, mußten sie manchmal stehen bleiben und sich umwenden, um einmal atmen zu können. Damit das neue Kleid und die Brautschuhe aber nicht zu Schaden kommen sollten, hob er Gaud manchmal bei der Taille ein wenig in die Höhe, später nahm er sie ganz auf den Arm, legte ihren Kopf an seinen Hals und lief nun um so schneller. Nein, er hatte entschieden nicht gedacht, daß er sie so lieb haben könnte! Dreiundzwanzig war sie und er fast achtundzwanzig Jahre alt – seit zwei Jahren hätten sie verheiratet und so glücklich sein können, wie an diesem Abend!

Endlich war die feuchtkalte, armselige Hütte erreicht. Yann zündete Licht an, zweimal blies es ihm aber der Wind wieder aus.

Die alte Großmutter hatte man heim geführt, ehe das Singen anging; seit zwei Stunden schon lag sie in ihrem Schrankbett, dessen Thüren sie geschlossen hatte. Das junge Paar trat heran und guckte durch die Ausschnittslöcher, um ihr gute Nacht zu sagen, falls sie noch wach wäre, ruhig und mit geschlossenen Augen lag aber das ehrwürdige Haupt in den Kissen – sie schlief bereits oder stellte sich schlafend, damit sich die Heimkehrenden nicht von ihr gestört glauben sollten.

Jetzt fühlten sie sich zum erstenmal allein zusammen. Yann beugte sich nieder, um seine junge Frau auf den Mund zu küssen; ohne die Bedeutung dieses Kusses zu ahnen, kam ihm Gaud aber zuvor und küßte ihn eben so keusch, wie in der Brautzeit auf die Wange, die noch eiskalt war vom Sturm.

Wäre Gaud noch im Besitz ihres einstigen Vermögens gewesen, mit welcher Freude würde sie das Brautgemach schön ausgestattet haben! Sie konnte sich immer noch schwer an die nackten Steinmauern und das rohe Aussehen der paar Möbelstücke gewöhnen. Hier stand sie auf feuchtem, festgestampften Boden einer sehr niedrigen kalten Hütte, aber ihr Dann war ja da, und seine Gegenwart ließ sie die Armseligkeit der Umgebung so vergessen, daß sie nichts sah, als ihn.

Jetzt hatten sich ihre Lippen gefunden; stumm hielten sie sich umschlungen unter einem nicht endenwollenden Kuß. Die etwas erregte Atmung beider vermischte sich, und sie erschauerten wie im Fieber; es schien ihnen an Kraft zu gebrechen, die lange Umarmung zu lösen, und es war, als ob ihnen nichts weiter bewußt sei, sie nichts mehr außer der Seligkeit dieses Kusses wünschten.

Verwirrt machte sich Gaud endlich los. »Laß doch, Yann, Großmutter Yvonne könnte uns ja sehen,« wehrte sie, da er aufs neue ihre Lippen suchte. Er lächelte aber nur und küßte sie immer wieder, wie ein Verdurstender, dem man für einen Augenblick den Becher mit frischem Wasser weggenommen hatte.

Gauds Abwehr hatte den Reiz wonnevollem Zögerns unterbrochen. Zuerst hätte er vor ihr knieen mögen, wie vor einem Heiligenbild, jetzt aber überflutete die Leidenschaft sein ganzes Wesen. Verstohlen blickte er nach dem Bettschrank der Großmutter, und ohne einen Augenblick das Küssen einzustellen, faßte er hinter sich nach dem Tisch, wo der Leuchter stand, und löschte mit dem breiten Handrücken das Licht aus, wie vorhin der Wind gethan.

Stürmisch nahm er sie in die Arme; er hielt seine Lippen fortwährend auf die ihren gepreßt, fast einem wilden Tier gleich, das die Zähne in seine Beute schlägt. Diesem gebieterischen Fordern gegenüber war kein Widerstand mehr möglich; Gaud gab sich ihm mit Leib und Seele, willenlos unter der Flut seiner Liebkosungen. Er trug sie im Dunkeln zu ihrem schonen weißen Bett hin, das nun zum Ehebett werden sollte.

Zu der Brautnacht drinnen spielte das unsichtbare Orchester in den Lüften draußen seine schauerliche Musik; bald pfiff es leiser, als dächte es nachzulassen, bald kam es in langgezogenen Tönen wieder als unheimliches Heulen daher.

Und ganz in der Nähe befand sich das große wogende Grab der Seeleute, das erschreckend hoch gegen die Klippen anstürmte. Daß es eines Tages auch ihn verschlingen und in seine grausige Nacht hinabziehen werde, das wußten sie beide gar wohl!

Im Augenblick aber war er an Land und sicher geborgen, wenn auch in armer Hütte, durch die der Wind strich. Und unbekümmert um Tod und Welt berauschten sie sich an den Wonnen der Liebe.

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