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Die Islandfischer

Pierre Loti: Die Islandfischer - Kapitel 42
Quellenangabe
typefiction
authorPierre Loti
titleDie Islandfischer
publisherPhilipp Reclam jun
year
firstpub
translatorE. Bagge
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
created20080430
projectid3b5adcd0
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6.

Sechs Tage vor der Abfahrt nach Island kam der Hochzeitszug unter schwarzbewölktem Himmel aus der Kirche von Ploubazlanec.

Ein schönes Paar, und stolz wie die Könige! Arm in Arm schritten sie an der Spitze eines langen Zuges; ruhig und gesammelt waren sie so vom Ernst ihres Ganges beherrscht, daß sie nichts um sich her sahen. Sogar der laut heulende Wind schien sie zu respektieren, während er den Paaren im Zug übel mitspielte, die sich lachend gegen sein Ungestüm wehrten. Außer vielen jungen Leuten von überschäumender Lebenslust gab es auch grauhaarige Paare im Zug, die im Andenken an ihren eigenen Hochzeitstag zufrieden lächelten. Ganz zerzaust vom Wind, aber mit glücklichem Lächeln im Gesicht, feierte auch Großmutter Yvonne den Ehrentag ihrer Kinder; ein alter Oheim des Bräutigams führte sie und machte ihr altmodische Komplimente. Sie trug eine nagelneue Haube, die ihr zur Hochzeit gekauft worden war; der braune Shawl war zum drittenmal aufgefärbt worden – Sylvesters wegen schwarz.

Der Wind schüttelte die Hochzeitsgäste ohne Unterschied, bauschte die Röcke auf und schlug sie den Frauen über dem Kopf zusammen, riß manch einer die Haube vom Kopf und jagte Männerhüte vor sich her.

Der Landessitte gemäß hatte das Paar zur Vervollständigung des Brautstaats Sträuße aus künstlichen Blumen an der Kirchthür gekauft. Yann befestigte den seinen aufs Geratewohl auf seiner breiten Brust, er war ja einer von denen, welchen alles gut steht; bei Gaud merkte man jedoch noch das sorgfältig erzogene Fräulein in der Art, wie sie die armen grobgemachten Blumen zierlich am Busen zu befestigen verstand.

Den Geigenspieler, der dem Zug voranging, hatte der Sturm ganz wild gemacht; er fiedelte wie toll darauf los, und seine Weisen wurden vom Wind so zerrissen, daß sie nur in Bruchstücken vernommen wurden, die oft mehr einem Möwenschrei glichen, als lustiger Musik.

Diese Hochzeit beschäftigte die Leute so sehr, daß die ganze Umgegend auf den Beinen war; von weither waren sie gekommen, und wo nur ein Pfad in einen Kreuzweg mündete, hatte sich eine Gruppe aufgestellt, um auf den Zug zu warten. Die Isländer von Paimpol, Yanns Freunde, hatten sämtlich hier Posto gefaßt; sie grüßten das vorüberziehende Brautpaar und Gaud dankte ihnen in ihrer ernsten Anmut mit zierlichem Neigen des Kopfes. Den ganzen weiten Weg über wurde sie allgemein bewundert. Von den entferntesten Weilern, den verlassensten Hütten her waren Bettler gekommen, Krüppel, die an Krücken gingen, Blödsinnige und Narren; sie saßen alle am Weg, machten mit Leierkasten und Harmonika Musik und streckten die Hände aus, hielten den Hut oder eine Schale hin, um Almosen zu empfangen, welches ihnen Yann mit vornehmem Aussehen oder Gaud mit freundlichem Lächeln zuwarf. Unter den Bettlern waren hochbejahrte Leute, deren grauer Kopf ihr Lebelang hohl gewesen war; sah man sie so in einem Erdloch kauern, so schienen sie von gleicher Farbe wie die Erde, der sie unvollkommen entstiegen, und bald dahin zurückkehren sollten, ohne je einen vernünftigen Gedanken gehabt zu haben; die irren Augen dieser Unglücklichen beunruhigten wie das Geheimnis ihres ungezeitigten, nutzlosen Daseins, und ohne Verständnis sahen sie den fröhlichen Hochzeitszug vorüberziehen.

Dieser ging noch weit über Pors-Even und Yanns Elternhaus hinaus, denn man begab sich bis ans Ende der bretonischen Welt, in die Dreifaltigkeitskapelle, wie es bei Neuvermählten von Ploubazlanec der alte Brauch fordert.

Am Fuß der äußersten Klippen steht das Kirchlein auf einem Fundament niedriger Felsen, so nahe am Meer, daß es ihm bereits anzugehören scheint. Der einzige Pfad, der dahin führt, geht zwischen Felsblöcken abwärts und ist eigentlich nur für Ziegen gangbar. Auf dem schmalen Pfad dieses einsamen Kaps löste sich der Zug auf, denn nur einzeln war ein vorsichtiger Abstieg möglich, und zwischen den Felsenecken verloren sich lustige oder galante Worte unter dem Heulen des Windes und Wogenbrausen.

Die Kapelle zu erreichen, war unmöglich; bei diesem stürmischen Wetter war der Weg nicht sicher, und die See warf ihre großen Wogen weit herauf. Wie weiße Garben kamen sie heran, und überfluteten alles im Aufschlagen.

Yann war mit Gaud am weitesten voraus, und er war der erste, der vor diesen Wassermassen zurückwich. Seine Gäste befanden sich wie auf einem Amphitheater zerstreut zwischen den Klippen, und er schien wie dazu herzukommen, seine Braut dem Meer vorzustellen; dieses zeigte der jungen Frau aber ein bitterböses Gesicht!

Im Umkehren sah er den Geigenspieler hoch über sich auf einem Felsen sitzen, und bemüht, zwischen zwei Windstößen ein paar Takte seines Kontertanzes zu Gehör zu bringen!

»Hör' auf mit deinem Gefiedel, guter Freund!« rief ihm Yann zu. »Das Meer spielt uns heut' auf und seine Musik hält besser Takt als die deinige!«

In diesem Augenblick ging ein Platzregen nieder, der schon den ganzen Morgen gedroht hatte, und in voller Flucht, unter Lachen und Schreien begannen die Hochzeitsgäste die steile Klippe hinan zu klettern, um sich in Gaos' Haus zu flüchten.

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