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Die Islandfischer

Pierre Loti: Die Islandfischer - Kapitel 41
Quellenangabe
typefiction
authorPierre Loti
titleDie Islandfischer
publisherPhilipp Reclam jun
year
firstpub
translatorE. Bagge
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
created20080430
projectid3b5adcd0
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5.

Am Abend eines Regentages saßen sie nebeneinander am Kamin, während ihre Großmutter Yvonne ihnen gegenüber in ihrer Ecke schlief. Die Flamme, welche dürre Zweige verzehrte, malte ihre vergrößerten Schatten an die Decke.

Die Unterhaltung wurde leise geführt, wie es Liebespaare so gern thun; an diesem Abend entstand aber ein über das andere Mal ein verlegenes Schweigen; besonders von Yanns Seite, der mit halbem Lächeln den Kopf abwandte, um sich Gauds forschenden Blicken zu entziehen. Hatte sie ihm doch den ganzen Abend damit zugesetzt, ihr das Unverständliche in seinem früheren Benehmen gegen sie zu erklären. Mit Ausflüchten ließ sie sich nicht länger abweisen, und das kluge Mädchen hatte ihn so in die Enge getrieben, daß er sich gefangen sah.

»Die Leute hatten schlecht über mich geredet?« fragte sie.

Yann antwortete halb bejahend. »O – böse Zungen giebt's genug in Paimpol, so gut wie in Ploubazlanec!«

Als Gaud aber wissen wollte, worüber man sie bei ihm verleumdet habe, verwirrte er sich und wußte keine Antwort zu geben. Es mußte also etwas anderes sein.

»War es mein Anzug, Yann?«

Über diesen war freilich genug geredet worden! Die Leute hatten sie für eine künftige Fischersfrau viel zu geputzt gefunden. Yann war endlich gezwungen, zuzugeben, daß es auch das nicht sei.

»War es, weil wir damals noch für reich galten? Du meintest einen Korb zu bekommen?«

»O nein, das nicht!«

Die naive Sicherheit, die aus dieser Antwort sprach, belustigte Gaud. Ein neues Schweigen entstand, der Wind heulte und das Meer brauste.

Während sie ihn aufmerksam beobachtete, ging ihr ein Licht auf, und indem sie ihm fest in die Augen blickte, sagte sie mit siegesgewissem Lächeln: »Dann war es also gar nichts, mein Yann?«

Yann wandte zwar wiederum den Kopf weg, fühlte sich aber überwunden und brach in Lachen aus.

Also hatte sie das richtige gefunden: einen vernünftigen Grund wußte er nicht anzugeben, weil er nie einen gehabt, und es war, wie Sylvester einst gesagt, sein Dickkopf und weiter nichts! Wie war er aber auch mit ihr geplagt und gequält worden! Alle Leute hatten ihn mit ihr aufgezogen, die Isländer am meisten, Sylvester hatte ihm zugesetzt, seine eigenen Eltern ihn damit geplagt, endlich sogar Gaud selbst. Da hatte er angefangen eigensinnig Nein zu sagen, obwohl er tief im Herzen den Vorsatz hegte, daß später, wenn niemand mehr daran dächte, aus dem Nein schon noch einmal Ja werden sollte.

Und um dieser Kinderei ihres Yann willen hatte Gaud zwei Jahre lang ihr Leben vertrauert und sich den Tod gewünscht!

Yann hatte aus Verlegenheit darüber, sich ausgefunden zu sehen, zuerst gelacht, dann aber seine guten ehrlichen Augen fest auf Gaud gerichtet. Würde sie ihm auch verzeihen können? Er empfand aufrichtig Reue darüber, ihr ohne Grund so viel Kummer gemacht zu haben.

»Siehst du, Gaud, mein Charakter ist nun einmal so,« sagte er. »Zu Haus bei meinen Eltern ist's dasselbe: habe ich einmal meinen Dickkopf aufgesetzt, so gehe ich umher, als wäre ich bös mit ihnen und rede gleich einmal acht Tage mit keinem Menschen ein Wort. Und doch habe ich meine Eltern sehr lieb – das weißt du ja – und bin ich auch einmal brummig, so thue ich doch immer, was sie wollen, ich gehorche ihnen gewiß noch ebenso, wie in meiner Kindheit ... Glaubst du, es hätte mir gepaßt, mich nie verheiraten zu sollen? Nein, Gaud, ich wäre auf alle Fälle bald gekommen, dessen kannst du sicher sein!«

Ob sie ihm verzieh? Sie fühlte, daß ihr die Thränen aufstiegen, mit welchen der Rest ihres alten Kummers hinweg gewaschen ward. Ohne die vergangenen trüben Stunden wäre ihr die gegenwärtige vielleicht gar nicht so köstlich gewesen, und sie hätte die Erfahrung des Leides fast nicht missen mögen. Nach diesem Geständnis liebte sie ihren Yann um so mehr.

Nun war alles aufgeklärt und nicht ein Schleier stand mehr trennend zwischen ihren Seelen. Yann zog sie an sich, und eine lange Weile saßen sie so, Wange an Wange gelehnt, da; gesprochen wurde nicht – sie hatten der Worte jetzt nicht nötig! Ihre Umarmung war so keusch, daß sie ohne jede Verlegenheit in derselben Stellung weiter verharrten, als die Großmutter erwachte.

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