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Die Islandfischer

Pierre Loti: Die Islandfischer - Kapitel 4
Quellenangabe
typefiction
authorPierre Loti
titleDie Islandfischer
publisherPhilipp Reclam jun
year
firstpub
translatorE. Bagge
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
created20080430
projectid3b5adcd0
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4.

Schon am Tag nach ihrer Ankunft hatte Gaud diesen Yann zum erstenmal gesehen. Es war am 8. Dezember, dem Fest Unserer lieben Frau von Bonne-Nouvelle, der Schutzpatronin der Fischer, an welchem die Fischer ihre Dankfeier für glückliche Wiederkehr begehen. Von der Prozession her waren die Straßen mit weißen Tüchern bespannt, auf welche Epheublätter, kleine Stechpalmenzweige und was es sonst noch an winterlichem Grün gab, zum Schmuck befestigt war.

Die Feststimmung an diesem Tag war etwas plumper und ausgelassener Art, eine Freude ohne wahre Fröhlichkeit, die aus Sorglosigkeit, trotzigem Auftreten, physischer Kraft und Alkohol zusammengesetzt war, und auch diese gezwungene Art von Freude beeinträchtigte die diesmal weniger verhüllte Todesahnung, unter der die Fischer beständig gelebt hatten.

In Paimpol ging es laut zu; nach dem Glockengeläut und Gesang der Priester tönte der rauhe Gesang monotoner Weisen aus den Schänken, jener Matrosenlieder, die so alt sind, daß sich selbst die Überlieferung nicht ihrer Entstehung erinnert. Gruppen von Männern gingen Arm in Arm im Zickzack über die Straße, was teils dem schwankenden Gang, wie man ihn bei Seeleuten am Land oft sieht, zum Teil der beginnenden Trunkenheit zuzuschreiben war; sie warfen den Frauen, die sie antrafen, kühne Blicke zu. Auch die Mädchen standen heute gruppenweise beisammen; unter dem enggeschnürten Mieder klopfte manch junges Herz stärker, und die Augen sprachen aus, woran den Sommer über gedacht worden war. Die alten Sandsteinhäuser und hohen Dächer sahen auf das Getriebe der Menschen herab; sie hätten erzählen können, wie sie ein paar Jahrhunderte lang gegen den Regen und Westwind gekämpft, der vom Meer kommt, und die starken Mauern wüßten auch davon zu sagen, wie viel Glück und Leid sie beherbergt und wie manches Liebesabenteuer sich unter ihrem Schutz abgespielt.

Die Kirchthüren standen noch weit offen, und mit dem Weihrauchgeruch zog gleichsam der Rest andächtiger Stimmung hinaus; auf den Treppenstufen lag noch das gestreute Grün und in dem weiten düstern Gewölbe flackerten die Kerzen; zahlreiche Votivtafeln hingen allerorts an den geweihten Wänden. Neben verliebten Mädchen kam ein Zug von Bräuten Verschollener und den Witwen der Schiffbrüchigen aus der Totenkapelle; und wie sie so mit gesenkten Augen, den glatten Weißen Häubchen und Trauershawls schweigend durch die bunte Menge schritten, mochte sie den Übermütigen wohl zu einer schaurigen Vorahnung dienen! Und ganz in der Nähe das ewige Meer, die große Ernährerin und Zerstörerin dieses kräftigen Geschlechtes; brausend schien es an seinem Teil das Fest mitfeiern zu wollen.

Von all diesen Dingen empfing Gaud nur einen verworrenen Eindruck; sie lachte zwar und war erregt, im innersten Herzen aber doch bedrückt davon, daß sie fortan hier leben sollte. Sie ging mit ihren Altersgenossinnen auf dem Platz umher, wo Spielbuden und Seiltänzerzelte aufgeschlagen waren; und die jungen Mädchen bezeichneten ihr die Männer aus Paimpol oder Ploubazlanec mit Namen. Vor den Liedersängern stand ein Trupp Isländer und hörte zu; einer darunter war von Riesengestalt, und als die Mädchen hinter ihnen vorbeigingen, sagte Gaud mit leichtem Spott: »Das ist aber ein großer!« der jedoch nicht ausgesprochene Gedanke war: »Wer den da heiratet, hat nicht viel Platz neben ihm im Haushalt!«

Der Riese hatte sich umgedreht und sie vom Kopf bis zu Fuß mit einem Blick gemustert, der zu sagen schien: »Wer ist denn das feine Mädchen in der Landestracht? man hat sie doch noch nie gesehen!«

Darauf hatte er höflich die Augen gesenkt, um sie nicht durch Anstarren zu beleidigen; er schien wieder aufmerksam dem Gesang zu lauschen und man sah weiter nichts mehr von seinem Kopf als das ziemlich lange und krause Haar.

Während Gaud nach dem und jenem Namen gefragt, hatte sie nach diesem nicht zu forschen gewagt: das feine Profil, der stolze, etwas scheue Blick, die prachtvollen braunen Augen hatten Eindruck auf sie gemacht und sie zugleich eingeschüchtert.

Das war also »der junge Gaos,« von dem sie bei den Moans stets hatte reden hören als von Sylvesters Freund! Am Abend desselben Tages waren ihr die beiden Freunde begegnet als sie mit ihrem Vater ging; sie gingen Arm in Arm und Sylvester blieb sofort stehen, um die Verwandten zu begrüßen.

Gaud hatte ihn stets als einen jungen Bruder betrachtet, und als entfernte Verwandte duzten sie sich. Sie hatte im ersten Augenblick mit dem Du gezögert, als sie den hochgewachsenen Siebzehnjährigen mit dem schwarzen Bart erblickte; als sie aber sah, daß die guten kindlich blickenden Augen dieselben geblieben, hatte sie sich schnell wieder mit ihm zurecht gefunden. Wenn er sonst nach Paimpol gekommen war, hatte sie ihn immer zum Essen dabehalten, denn bei ihm zu Hause ging es gar knapp zu und er hatte solch' guten Appetit!

Um der Wahrheit die Ehre zu geben, so war Yann bei dieser ersten Begegnung, die an der Ecke eines düsteren Gäßchens stattfand, nicht besonders artig gewesen. Er hatte sich darauf beschränkt, mit einer fast vornehm zu nennenden Art den Hut abzunehmen, und nachdem er sie schnellen Blicks noch einmal angeschaut, ließ er die Augen zur Seite schweifen, als wäre ihm die Begegnung unangenehm und als ob ihm daran läge, möglichst schnell weiter zu kommen. Ein starker Westwind fegte die grünen Zweige zur Seite, die bei der Prozession gestreut worden waren, er drehte die weißen Tücher zusammen, die immer noch an den Häuserwänden hingen; und der Himmel drohte Regen. Gaud erinnerte sich jetzt am Ende ihrer langen Träumerei, wie die lärmenden und singenden Leute sich vor dem Regen in die Schänke geflüchtet hatten ... und der Hüne da vor ihr ärgerte sich offenbar, ihr in den Weg gelaufen zu sein! Wie anders war es seit jenem Abend in ihr geworden!

Und welch' ein Unterschied zwischen dem Lärm jenes Festtages und der Stille an diesem Sonntagabend, wo die Stadt wie ausgestorben schien! Langsam senkte sich die Dämmerung herab und immer noch sah das verliebte Mädchen am Fenster, träumerisch und allein.

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