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Die Islandfischer

Pierre Loti: Die Islandfischer - Kapitel 35
Quellenangabe
typefiction
authorPierre Loti
titleDie Islandfischer
publisherPhilipp Reclam jun
year
firstpub
translatorE. Bagge
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
created20080430
projectid3b5adcd0
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16.

Nach langen düsteren Wochen war der Februar herbeigekommen, und es gab schon ziemlich schöne und milde Tage.

Yann war bei seinem Reeder gewesen, um sich seinen Anteil am Fang des vergangenen Sommers zu holen – fünfzehnhundert Frank – die er nach Familiengebrauch seiner Mutter bringen wollte. Das Jahr war gut gewesen und er war zufrieden.

Als er Ploubazlanec erreicht hatte, sah er eine alte Frau mit ihrem Stock in der Luft herumfuchteln, umgeben von einem Haufen schreiender und lachender Kinder, die sie offenbar verhöhnten ... Die Großmutter Moan! ... Die gute Großmutter, die Sylvester angebetet hatte, jetzt schmutzig und zerrissen, war zum Kinderspott geworden! ... Das schnitt Yann ins Herz. Die bösen Buben hatten ihre Katze getötet; sie bedrohte sie mit dem Stock und schrie voll Verzweiflung: »Ach, wenn nur mein armer Junge noch da wäre, dann hättet ihr das nicht gewagt, ihr nichtsnutzige Bande!«

Die arme Großmutter mußte wohl gefallen sein, indem sie den ungezogenen Jungen nachlief um sie zu prügeln, denn die Haube saß ganz schief und ihr Kleid war voll Schmutz. Und da sagten die Rangen noch, daß sie betrunken sei, was in der Bretagne bei armen alten Frauen zuweilen vorkommt, die viel Unglück erlebt haben.

Yann wußte, daß das nicht wahr war, war ihm doch ganz genau bekannt, daß die achtungswerte Frau ihr Lebelang nichts als Wasser getrunken hatte. »Schämt ihr euch nicht?« fuhr er die Buben an, die vor den zornigen Augen des großen Gaos nach allen Seiten hin auseinander stoben.

Gaud, welche mit Näherei für den Abend eben von Paimpol zurückkehrte, sah von weitem ihre Großmutter und den Haufen Kinder. Sie beschleunigte den Schritt, um zu erfahren was ihr für ein Leid geschehen sein mochte, begriff aber, sobald sie die tote Katze erblickte.

Sie erhob frei die Augen zu Yann, der die seinigen diesmal nicht abwandte; jetzt dachte keines daran, vor dem anderen zu fliehen, nur wurden sie alle beide rot, verwirrt darüber, daß sie einander so nahe waren, schauten sie sich an, aber ohne Groll, vom gemeinsamen Gefühl des Mitleids und der Teilnahme bewegt.

Schon seit langer Zeit hatten die Schulkinder einen Haß auf den armen Kater, bloß weil er ganz schwarz war. »wie ein Teufel;« es war aber ein sehr liebes Tier, das ein gutmütiges Gesicht hatte, zärtlich und anhänglich war. Die abscheulichen Buben hatten es jetzt durch Steinwürfe getötet und ihm ein Auge ausgeworfen.

»O, mein lieber Junge,« schluchzte die arme Alte, »mein guter Junge! Das wäre mir nicht angethan worden, wenn er noch lebte!« Thränen flossen über das runzliche Gesicht, und die Hände mit den großen blauen Adern zitterten heftig.

Gaud rückte ihr die Haube zurecht und suchte sie mit sanften Worten zu trösten. In Yann stieg ein Grimm auf; war es möglich, daß es so boshafte Kinder gab, die der unglücklichen Frau ihr einziges Tier töten konnten? Auch ihm kamen beinahe die Thränen – nicht um das tote Tier, denn wenn solch ein rauher junger Mensch auch gern mit Tieren spielt, so kennt er doch keine Empfindsamkeit in Bezug auf sie – aber es zerriß ihm das Herz, jetzt hinter der kindisch gewordenen Greisin her zu gehen, die ihre tote Katze am Schwanz trug. Yann dachte daran, wie innig Sylvester seine Großmutter geliebt hatte und welchen bittern Kummer es ihm bereitet haben müßte, sie geistesschwach und im Elend zu wissen.

Gaud glaubte sich über ihr Aussehen bei Yann entschuldigen zu müssen.

»Sie muß hingefallen sein, daß sie so aussieht!« sagte sie leise zu ihm. »Das Kleid ist ja schon alt, aber wir sind eben nicht reich, Herr Yann; ich habe es erst gestern geflickt, und ehe ich heute früh fortging, habe ich sie ganz ordentlich und sauber angezogen.«

Yann schaute sie mit einem langen Blick an; diese entschuldigenden Worte hatten ihn vielleicht mehr gerührt, als eine künstlich gesetzte Rede oder Vorwürfe und Thränen es vermocht hätten. Schweigend gingen sie nebeneinander her, der Hütte der Moans zu. – Schön war Gaud ja immer gewesen, schöner als alle anderen, das wußte er wohl, Armut und Trauer hatten es aber noch mehr zur Geltung gebracht. Sie war viel ernster geworden; die grauen Augen blickten zurückhaltender und schienen doch zugleich so durchdringend, als könnten sie einem Menschen bis auf den Grund der Seele sehen. Auch ihre Gestalt war gereift, sie war fast dreiundzwanzig, und in der Blüte ihrer Schönheit.

Jetzt war sie gekleidet wie jede andere Fischerstochter, in ganz schmucklosem schwarzen Kleid und einfacher Haube, so einfach, daß man gar nicht wußte, woher ihr noch das vornehme Aussehen kam, etwas so Verborgenes, Innerliches, daß man ihr kaum einen Vorwurf daraus machen konnte. Vielleicht kam es daher, daß sie gewohnt war, sich fest anzuziehen, wodurch Busen und Schultern sich so schön entwickelt hatten? Aber nein, es kam doch wohl von innen heraus und von ihrem Blick und der ruhigen Stimme.

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