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Die Islandfischer

Pierre Loti: Die Islandfischer - Kapitel 31
Quellenangabe
typefiction
authorPierre Loti
titleDie Islandfischer
publisherPhilipp Reclam jun
year
firstpub
translatorE. Bagge
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
created20080430
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12.

Ende August, wo die ersten leichteren Morgennebel sich bildeten, kehrte die Flotte der Isländer zurück.

Die zwei Verlassenen in Ploubazlanec wohnten nun schon seit drei Monaten zusammen, und Gaud hatte den Platz einer Tochter in der armseligen Hütte des ausgestorbenen Geschlechtes Moan eingenommen. Dahin hatte sie bringen lassen, was ihr nach dem Verkauf des Vaterhauses übrig geblieben war: Das Bett mit den weißen Vorhängen und ihre schönen farbigen Kleider. Ein ganz einfaches schwarzes Trauerkleid hatte sie sich selbst gemacht, und trug, wie die alte Yvonne, eine Trauerhaube von dichtem Musselin, die nur Falten schmückten. Ihr Brot erwarb sie sich damit, daß sie zu den wohlhabenden Leuten in Paimpol aufs Nähen ging; legte sie spät am Abend den weiten Weg nach Ploubazlanec zurück, so hatte kein Bursche gewagt, sie mit einer kecken Anrede zu belästigen. Sie stand immer noch im Ansehen eines Stadtfräuleins, und grüßten sie die Männer, so zogen sie höflich den Hut.

Die kräftigende Seeluft that ihr Wohl, wenn sie an den schönen Sommerabenden heimging, und die sitzende Lebensart schadete ihrem Körper nichts, wie den vielen, die von früh bis abends über die Näherei gebückt sitzen. Beim Anschauen des Meeres streckte sich ihre schöne Figur und die Brust weitete sich; und schaute sie so in die Ferne, so gingen ihre Gedanken weiter und immer weiter zu Yann.

Ging man auf diesem selben Weg noch eine Meile weiter, so kam man nach Pors-Even, Yanns Heimatsdorf. Einmal im Leben war sie dort gewesen, und das genügte, um ihr die ganze traurige Gegend lieb zu machen. Sie würde wohl kein zweites Mal nach Pors-Even kommen; war Yann aber erst wieder daheim, so mußte er durch Ploubazlanec gehen, so oft er nach Paimpol wollte; von der Hausthür aus konnte sie den Pfad weithin über das kahle Gelände zwischen dem niedrigen Ginster hin verfolgen. Nun war sie ganz zufrieden damit, daß das Schicksal sie nach Ploubazlanec verschlagen hatte – ja, sie hätte gar nirgend anders leben mögen.

Zu dieser Zeit, gegen Ende August, scheint noch einmal ein warmer Odem aus dem Süden in dies rauhe Land herauf zu kommen; die Abende sind lange hell durch den Wiederschein der großen Sonne, die anderswo leuchtet, ihre Reflexe aber bis über das bretonische Meer heraufschickt. Dabei ist die Luft sehr oft ruhig und durchsichtig, und kein Wölkchen am Himmel zu sehen.

Zu der Zeit wo Gaud heimkehren konnte, sank aber bereits die Nacht herab, und alles zeigte sich nur noch in Umrissen. Auf den Höhen wuchs Ginster zwischen den Steinen, der im Halbdunkel als verzauster Büschel aufragte; eine Gruppe verkrüppelter Bäume in niedrig gelegener Stelle bildete eine düster aussehende Masse, oder ein Strohdach erhob sich da und dort. An den altersgeschwärzten, riesengroßen Kruzifixen, deren sich an jedem Kreuzweg eines findet, streckte die Gestalt des Gekreuzigten ihre Arme aus, als hinge wirklich ein Mensch am Kreuz, und ganz in der Ferne zeigte sich das Ärmelmeer als weiter gelber Spiegel an einem Himmel ab, der gegen den Horizont hin bereits dunkel zu werden begann. Aber selbst diese schönen ruhigen Abende sind schwermütig Hierzuland; eine leise Furcht scheint darüber zu schweben, die vom Meer her kommt, dem so vieler Menschen Leben anvertraut ist, und dessen gefährlicher Charakter bei schönem Wetter doch nur schlummernd liegt.

Gaud wurde ihr Weg niemals zu lang; sie atmete die salzige Luft, die vom Strand herauf kam, und freute sich am Duft der wenigen Blumen, die zwischen Klippen und Dornen ihr Dasein fristen. Ohne die Großmutter, die auf Gaud wartete, würde sie gern noch länger draußen geblieben sein – es ließ sich so gut dabei träumen!

Auf diesem Weg stieg ihr manchmal eine Kindheitserinnerung auf, doch war alles andere ganz verdrängt von ihrer Liebe, die Yann trotz allem als eine Art Bräutigam zu betrachten suchte, ein widerspenstiger, fliehender Bräutigam, den sie nie besitzen würde, dem sie aber mit zäher Ausdauer im Geiste treu blieb. Für den Augenblick war es ihr ganz lieb, ihn in Island zu wissen, auf dem Meer konnte er doch mit keiner anderen anfangen.

In allernächster Zeit mußte er ja nun zurückkehren, dem sah sie diesmal aber ruhiger entgegen als vorher. Ihr Gefühl sagte ihr, daß Yann sie um ihrer jetzigen Armut willen nicht geringer achten würde, war er doch nicht wie andere; Und dann mußte sie doch auch der Tod des armen Sylvester näher bringen; gewiß würde er die Großmutter seines Freundes einmal besuchen; dann wollte sie schon daheim sein; und wenn sie das Vergangene als abgethan betrachten würde, so vergab sie sich nichts dabei. Sie konnte ja mit ihm reden, wie man zu einem langjährigen Bekannten spricht; durfte sogar herzlich sein, wie gegen Sylvesters Bruder, so recht natürlich. Und wer weiß, ob es nicht möglich war, den Platz einer Schwester bei ihm einzunehmen; da sie jetzt so allein in der Welt stand, hätte sie sich in seiner Freundschaft geborgen fühlen, dieselbe erbitten mögen, so aufrichtig, daß er keinen Hintergedanken ans Heiraten bei ihr befürchten sollte. Sie hielt ihn nur für scheu, aber für sanftmütig und offen, und fähig das Beste zu begreifen, das vom Herzen kommt.

Was mochte er wohl empfinden, wenn er sie so arm wiederfand, hier in dieser Hütte, die beinahe in Trümmer fiel? Jawohl, sehr arm, denn die Großmutter Moan war zu schwach um noch aufs Waschen zu gehen; sie aß jetzt gar wenig, und Gaud vermochte sie mit durchzubringen, ohne jemand zur Last zu fallen.

Es war Nacht, als Gaud heim kam; die letzten paar Schritte führte sie ihr Weg die ausgetretenen Stufen im Fels hinab zu der Hütte, die gegen ihn gelehnt an dem Pfad stand, der zum Strand führte. Die kleine Behausung war fast ganz versteckt unter ihrem altersbraunen Strohdach, das buckelig und gewölbt aussah, wie der Rücken eines großen, borstigen Tieres. Die Mauern hatten genau die Farbe und Rauheit der Felsen; in den Steinfugen sproßte Moos und Löffelkraut. Drei ausgetretene Stufen führten zur Hausthür; aus einem Loch in derselben hing die Schlinge eines Tauendes, vermittelst welcher man den innenliegenden Holzriegel heben konnte. Der Thür gegenüber war das Fensterchen, das aussah wie in eine Schießscharte gefügt, und Ausblick auf das Meer gewährte, von welchem ein letzter gelber Schein her kam. In dem großen Kamin flackerten wohlriechende Tannenholzreiser und kleine Buchenzweige, von der alten Yvonne gesammelt. Sie saß vor dem Feuerchen und paßte auf die Abendsuppe auf; im Haus trug sie jetzt nur eine Kopfbinde, um ihre Hauben zu schonen. Das noch immer hübsche Profil ward von der Feuersglut beleuchtet, und als Gaud eintrat, erhob sie die einst braunen, jetzt wie verwaschen aussehenden Augen, deren Blick unsicher und etwas verwirrt war. Sie begrüßte Gaud einen Abend wie den anderen mit den gleichen Worten: »Ach Gott, meine liebe Tochter, wie spät kommst du heim!«

»Nicht doch, Großmutter, es ist gewiß nicht später als andere Tage,« entgegnete Gaud, die daran gewöhnt war.

»So, mein Kind? Ich dachte es wäre heute viel später geworden!«

Still aßen sie ihre Suppe an dem alten Tisch, und das Heimchen verfehlte nie, ihnen dazu sein Lied zu zirpen.

Die eine Seite der Hütte nahm eine Holztäfelung von grober Schnitzerei ein; sie barg die Schrankbetten, in welchen mehrere Generationen der Moans geboren und gestorben waren.

An den schwarzen Deckenbalten hingen sehr alte Küchengeräte, Kräuterbündel, Holzlöffel und geräucherter Speck. Auch ein paar alte Netze hingen noch seit jenem Schiffbruch da, der dem letzten Sohn der Witwe Moan das Leben gekostet hatte; in der Nacht kamen manchmal Ratten und zernagten die Maschen der Netze.

In einer Ecke stand Gauds schönes Bett mit den weißen Musselinvorhängen; und der frische und elegante Gegenstand nahm sich in der armseligen Keltenhütte ganz merkwürdig aus.

An der Mauer hing eine eingerahmte Photographie, die Sylvester als Matrosen darstellte; die Großmutter hatte seine Kriegsdenkmünze darunter befestigt, nebst einem Paar der Anker aus rotem Tuch, wie sie die Matrosen auf dem linken Ärmel tragen, und die von Sylvester herrührten. Gaud hatte ihm einen Totenkranz aus schwarz und weißen Perlen gekauft, womit man in der Bretagne die Bilder der Verstorbenen schmückt. Hier war das kleine Mausoleum, das alles enthielt, was seinem Andenken in der Heimat geheiligt war.

An den Sommerabenden zündeten die Frauen aus Sparsamkeit kein Licht an; war das Wetter schön, so setzten sie sich noch ein Weilchen auf die alte Steinbank neben der Thür, und unterhielten sich damit, die Leute zu sehen, die auf dem Pfad einher kamen, der über ihren Häuptern ins Dorf führte.

Darauf kroch die Großmutter in das Schranklager und Gaud legte sich in ihr Fräuleinsbett; sie schlief schnell ein, denn sie hatte fleißig gearbeitet und zweimal einen tüchtigen Marsch gehabt; an die Heimkehr der Isländer dachte sie wie ein recht vernünftiges Mädchen und ohne sonderliches Bangen.

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