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Die Islandfischer

Pierre Loti: Die Islandfischer - Kapitel 29
Quellenangabe
typefiction
authorPierre Loti
titleDie Islandfischer
publisherPhilipp Reclam jun
year
firstpub
translatorE. Bagge
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
created20080430
projectid3b5adcd0
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10.

Zehn Tage nacheinander steckten sie diesmal ununterbrochen im Nebel, der sie dicht einhüllte. Der Fischfang war fortgesetzt gut, und bei solcher Thätigkeit kam keine Langeweile auf. Von Zeit zu Zeit, in regelmäßigen Zwischenräumen, stieß einer der Leute ins Nebelhorn, dessen Ton dem Brüllen eines wilden Tieres glich.

Zuweilen drang der Ruf eines anderen Nebelhorns als Antwort zu ihnen, und dann war man nach allen Seiten hin doppelt auf der Hut. Kam der Ton näher, so spannten sich alle Sinne an, um heraus zu bekommen, von welcher Seite her der unbekannte Nachbar käme, den man ohne Zweifel nie zu Gesicht bekommen würde, dessen Nähe aber gleichwohl eine Gefahr war. Man stellte Vermutungen über ihn auf, er ward zur Beschäftigung, eine Art Gesellschaft für die Einsamen, und im Wunsch ihn zu sehen, strengten sich die Augen an, den Nebel zu durchdringen, der in dichtgewebten Schleiern die Luft erfüllte.

Der Nachbar entfernte sich wieder, denn der Ton des Nebelhorns erstarb in der Ferne und man war wieder allein in der unendlichen Weite, wo der Nebel herrschte. Alles war von Feuchtigkeit durchdrungen, und überall rieselte es von Salzlake. Die Kälte wurde durchdringender; die Sonne war noch machtloser als vorher, und es gab jetzt wirkliche Nächte von ein oder zwei Stunden langer Dauer, die grau und eisig auf das Schiff herabsanken.

Jeden Morgen ließ man das Senkblei in die Tiefe, um sicher darüber zu sein, daß man der isländischen Küste etwa nicht allzu nahe kam. Alle vorhandenen Leinen erreichten aber den Meeresgrund nicht, also befand man sich noch in Sicherheit auf hoher See.

Das Leben war rauh aber gesund; die durchdringende Kälte vermehrte das Behagen, wenn man am Abend zum Essen und Schlafen in die warme Kabine hinab kam; den Tag über redeten die Männer wenig zusammen, deren Leben klostermäßiger war, als das der Mönche. Jeder hatte während langer Stunden mit der Angelschnur auf dem Posten zu stehen, und die Arme vermochten die Arbeit kaum zu bewältigen; die Kameraden waren zwar nur ein paar Meter weit weg, trotzdem sah oft keiner den anderen.

Die Ruhe im Nebelreich, dieses ewige Halbdunkel, schläferte den Geist ein; selbst das Singen der Matrosenlieder geschah nur halblaut und glich mehr einem Summen, damit die Fische nicht verscheucht würden. Die Gedanken formten sich langsamer und kamen seltener, als wollten sie sich dehnen, um ja für die lange Zeit diesen wesenlosen Lebens auszureichen. An die Weiber wurde gar nicht mehr gedacht, dazu war es schon zu kalt; die Gedanken beschäftigten sich nur noch mit unzusammenhängenden oder wunderbaren Dingen, wie es im Traum geschieht, und das Gewebe dieser Gedankenfäden war so lose, wie das der Nebelschleier.

Dieser nebelige Augustmonat pflegte alljährlich auf ruhige und traurige Weise den Aufenthalt in den isländischen Meeren zu beschließen. In Bezug auf das physische Leben war auch dies gesund, schwellte die Brust der Seeleute und machte ihre Muskeln straff.

Nachdem sich Yann ausgeweint, hatte er sich sogleich wieder in das alltägliche Leben hineingefunden, als wäre sein Schmerz um den Tod des Freundes gar nicht von Dauer; er war munter und wachsam, streng im Dienst und fleißig beim Fischfang, von trefflicher Körperhaltung, wie einer den kein Kummer drückt; mitteilsam war er nur in seltenen Stunden, und er trug den Kopf so hoch wie je, auf seine gleichgültige und doch so gebieterische Art.

Waren die Männer am Abend in der Kabine beisammen, wo die heilige Maria von Steingut thronte, und saßen sie mit aufgestützten Ellbogen vor einer dampfenden Suppe, so kam es wohl vor, daß Yann über die lustigen Schnurren der anderen einmal laut auflachte.

In seinem tiefsten Innern dachte er vielleicht auch ein klein wenig an Gaud, die ihm Sylvester in seinem letzten liebenden Gedanken gewiß zum Weibe gegeben – die reiche Gaud, die nun arm geworden war und nun niemanden mehr auf der Welt hatte. Mit solchen Gedanken war die Trauer um den Bruder untrennbar verknüpft.

Das Herz dieses großen Yann war eben jungfräulicher Boden, wenig gekannt und schwer zu regieren, wo Dinge vorgingen, die sich nach außen hin nicht zeigen.

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