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Die Islandfischer

Pierre Loti: Die Islandfischer - Kapitel 28
Quellenangabe
typefiction
authorPierre Loti
titleDie Islandfischer
publisherPhilipp Reclam jun
year
firstpub
translatorE. Bagge
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
created20080430
projectid3b5adcd0
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9.

Droben sah Yann um sich und betrachtete den wohlbekannten Umkreis, ehe er zu arbeiten begann. Die Unendlichkeit des Meeres stellte sich in dieser Nacht in den denkbar einfachsten Formen dar, in ganz neutralen blassen Tönen, die nur den Eindruck der Tiefe gaben. Dieser Horizont, der weder auf eine bestimmte Region der Erde, noch deren geologisches Alter schließen lies, wölbte sich über scheinbar wesenlosen Dingen, die gleichwohl von Ewigkeit zu Ewigkeit bestanden.

Hier war es ja niemals vollkommen Nacht, und die schwache Helligkeit schien von keiner bestimmten Richtung her ihren Ursprung zu haben. Die Meereswogen brausten wie immer, und das Schiff ließ das gewohnte Ächzen vernehmen; das Meer war grau – ein Grau, das sich im Hinschauen aufzulösen schien, und in dieser geheimnisvollen Ruhe verbarg sich das Meer unter Färbungen, denen der Mensch keinen Namen zu geben vermag.

An der Himmelswölbung war reichlich Wolkenbildung vorhanden, die verschiedene Formen annahm, denn irgend eine Form muß jedes Ding haben; in diesem Helldunkel flossen sie aber ineinander, und schienen nur noch einen Schleier zu bilden. Sehr tief am Horizont, fast da, wo er das Wasser zu berühren schien, machte sich ein Geäder in diesen Schleiern bemerklich, so schwach, als wäre es gar nicht dazu bestimmt, gesehen zu sein – von zerstreuter Hand wie durch Zufall gebildet, und bereit, wieder zu verschwinden. Dieses schwache Geäder war der einzige Punkt in der ungeheuren Weite, der etwas zu bedeuten zu haben schien; man hätte sagen mögen, daß der unerfaßliche, melancholische Gedanke dieser leblosen Sphäre dort eingeschrieben war, und ohne es zu wollen, blieben die Augen endlich auf ihm ruhen.

Yann verfolgte das seltsame Geäder immer aufmerksamer, wie es sich über den Himmel ausbreitete; dabei nahm es die Formen einer sich vorneigenden Gestalt an, die ihre Arme weit ausstreckt. Und nachdem er sich das Gebilde so zurecht gelegt, schien es ihm menschliche Formen anzunehmen und sich zu Riesengröße auszubreiten. Und in seiner Einbildungskraft, wo unklare Traumbilder und abergläubische Vorstellungen durcheinander fluteten, vermischte sich das seltsame Wolkengebilde, das der Finsternis entstiegen war, mit dem Gedanken an seinen toten Bruder, der ihm hier eine letzte Botschaft senden zu wollen schien.

Mit Worten hätte sich diese sonderbare Ideenverbindung nicht ausdrücken lassen; es geht dabei gerade so zu, wie bei den Träumen, von welchen man nach dem Erwachen oft nur noch rätselhafte Bruchstücke behält, die keinen Sinn mehr haben.

Indem Yanns Blicke von den ausgebreiteten Armen in Bann gehalten waren, überkam ihn eine tiefe Traurigkeit, ein unerklärliches Angstgefühl, das ihm das Herz erstarren machte. Er begriff jetzt, daß sein armer kleiner Bruder niemals wiederkehren werde, und der lang zurückgehaltene Kummer brach die rauhe Schale, die Yanns Herz umgab. Er sah Sylvesters sanftes Gesicht, die guten treuen Augen vor sich, und bei dem Gedanken, ihn zu küssen, legte es sich wie ein Schleier über seine Augen. Er machte sich zuerst gar nicht klar, was das war, da er seit seiner Kindheit nicht mehr geweint hatte, jetzt aber rollten dicke Thränen über seine Wangen, sie überströmten das Gesicht in schier unversiegbarer Menge, und ein heftiges Schluchzen erschütterte die starke Brust.

Dabei fuhr er fort zu fischen, ja er verlor keinen Augenblick Zeit bei der Arbeit. Seine beiden Gefährten gaben sich den Anschein als merkten sie nichts; keiner wandte den Kopf bei dem lauten Weinen, wußten sie doch wie verschlossen, aber auch wie reizbar Yann war.

Seinem Denken nach hörte mit dem Tode alles auf, und obwohl er nicht an das Weiterleben der Seele glaubte, geschah es ihm jetzt, daß er in tiefer Bewegung leise die Totengebete sprach. Die Matrosen unter sich reden oft genug in absprechender Weise über religiöse Dinge; noch dazu so entschieden, wie über etwas allgemein Bekanntes. Das hindert aber durchaus nicht, daß ihnen eine unbestimmte Furcht vor Gespenstern inne wohnt; sie haben ein Grauen vor Friedhöfen, aber ein um so festeres Vertrauen in ihre Schutzheiligen, und eine unbedingte Verehrung für die Kirche und die geweihte Erde, die sie umgiebt.

Für sich selber zweifelte Yann nicht daran, daß ihn das Meer einst verschlingen werde – als wenn diese Todesart um so sicherer ewig zu vernichten möchte – und der Gedanke, daß Sylvester auf der anderen Seite der Welt, in fremder Erde, ein Grab gefunden, machte seinen Kummer noch viel trostloser. In seiner Verachtung der Menschen schämte er sich daher weder seiner Thränen, noch that er sich Zwang an, und weinte, als wäre er ganz allein mit seinem Schmerz.

Obwohl es kaum zwei Uhr war, begann das nächtliche Grau zu erbleichen und weißlich zu werden; zugleich erweiterte, dehnte sich die Umgebung immer mehr aus und verlor sich in ungemessene Fernen. Mit dieser Art von Morgengrauen öffneten sich die Augen weiter und der geschärftere Geist konnte das Ungeheure der Entfernungen besser beurteilen; die sichtbaren Grenzen des umgebenden Raumes waren weit, unermeßlich weit hinausgerückt, und schienen immer noch mehr zurückzuweichen.

So bleich das Morgenlicht auch war, nahm es doch stetig zu, und schwache Streifen schienen es ruckweise zu verstärken; die ewig gleichen Dinge schienen durchsichtig erleuchtet, als würden hinter den Wolken weißleuchtende Lampen langsam höher geschraubt, und zwar mit geheimnisvoller Vorsicht, als fürchteten sie, die düstere Ruhe des Meeres zu stören.

Die große weiße Lampe unterhalb des Horizonts, das war die Sonne, die so früh am Morgen anfangen mußte, um ihren langsamen und kalten Weg über die unendlichen Wasser herauf zu machen.

An diesem Tag sah man nirgends einen Schein von Morgenröte, alles blieb farblos und traurig. Und an Bord der »Marie« fischte ein Mann unter bitterlichem Weinen emsig weiter.

Diese Thränen des großen Yann, eines rauh gearteten Bruders, und die tiefe Melancholie in der Natur, das war die Totenfeier für den armen, jungen Helden auf den Isländischen Meeren, wo er seine halbe Lebenszeit verbracht hatte ...

Als es heller Tag war, horte Yann auf zu weinen, und wischte sich die Thränen unter ungestümen Bewegungen mit dem Jackenärmel ab. Er schien fertig mit seinem Leid und so mit allem Eifer bei der Arbeit, als dächte er an nichts anderes mehr. Übrigens war der Fischfang auch so ergiebig, daß man gar nicht Hände genug hatte.

Die Welt hatte mittlerweile wieder ein anderes Aussehen angenommen. Nachdem das großartige Schauspiel des heraufziehenden Tages zu Ende war, schienen sich die Fernen wieder zusammenzuziehen. Wie hatte man vorhin nur das Meer von so schrankenloser Ausdehnung halten können? war doch jetzt der Horizont so nahe, daß es einem an Raum zu mangeln schien! Was vorher Leere gewesen, füllte sich zusehends mit flachgespannten Segeltüchern, deren manche dahintrieben, andere sich in lange Fetzen zerteilten oder deutlich gefranst schienen. Lautlos sanken sie herab wie schlaffgewordener Musselin; nicht einzeln, sondern überall mit gleichmäßiger Schnelligkeit senkte er sich herab, als wollte er eilig alles unter sich begraben, und die Menschen fühlten sich bedrückt davon, die Luft, die sie atmen sollten, also verdichtet zu sehen.

Das war der erste Augustnebel. In wenigen Minuten war es ganz dick und dicht um das Schiff her, und man konnte nichts mehr unterscheiden, als eine bleiche Feuchtigkeit, in der das Licht verschwand und die Formen des Schiffes sich verloren.

»Da haben wir ihn ja auf einmal, den dreckigen Nebel,« sagten die Männer.

Sie kannten ihn, diesen unvermeidlichen Begleiter des zweiten Teiles ihrer Fangzeit ja seit lange, er kündigte aber zugleich an, daß der Aufenthalt im hohen Norden seinem Ende zugehe, und man anfangen müsse an den Heimweg nach der Bretagne zu denken.

In seinen, glänzenden Tröpfchen setzte sich der Nebel an den Bart der Leute, und ihre gebräunte Haut glänzte bald vor Feuchtigkeit. Sah einer sich nach den Kameraden am anderen Ende des Schiffes um, so erschienen sie ihm von unklarem, gespenstischen Aussehen, ganz naheliegende Dinge hingegen erschienen fern unter diesem wesenlosen Nebel. Man mußte sich in acht nehmen, um nicht mit offenem Munde zu atmen, und ein Gefühl feuchter Kälte erfüllte die Brust.

Geredet wurde nicht mehr, dazu gab es zuviel zu thun, und jeden Augenblick hörte man einen großen Fisch wie mit einem Peitschenhieb aufs Deck aufklatschen; in verzweifelter Anstrengung schlugen die Tiere mit dem Schwanz um sich und spritzten das Seewasser umher, das mit ihren seinen Silberschuppen gemischt war.

Der Matrose, welcher ihnen mit seinem großen Messer den Bauch aufzuschlitzen hatte, konnte der Arbeit gar nicht Herr werden, und schnitt sich in der Hast so in die Finger, daß sich das Blut mit der Salzlake mischte.

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